Dienstag, 29. Mai 2007

Mediendolmetschen

Hello, guten Tag, bonjour ... beim Dolmetscherblog aus Berlin, dem ersten virtuellen Arbeitstagebuch Deutschlands über Dolmetschen und Übersetzen aus dem Inneren der Kabine bzw. vom Übersetzerschreibtisch. Hier denke ich über unseren Arbeitsalltag nach ...

Fürs Fernsehen zu dolmetschen ist oft heikel. Die Zuhörer oder Zuschauer haben gerade eben noch die lange im Voraus getexteten Moderationen der Journalisten gehört, und diese sind in ihrer Prägnanz und Knappheit ein Maßstab. Zumindest für den Hörer, der den Vergleich unwillentlich anstellen wird. Im Funk gilt jedes "äh", und "ähm" als (fast) unverzeihlich, und die Sprechstimme sollte auch so präsent sein wie die der anderen Profisprecher "im On".

Normalerweise hören wir Dolmetscher eine Weile zu, bevor wir einsetzen, um genau zu wissen, worum es geht. Aber bei Simultanaufträgen für die Medien dürfen wir das Verb nicht abwarten, weil sonst der fremdsprachige Ton zu lange "allein steht". Das ist riskant: Ich muss also rätseln, wie der Satz wohl weitergehen wird bzw. mit Hilfsverben arbeiten oder ein Verb einbauen, das an dieser Stelle, wäre der Satz kürzer gewesen, hätte kommen müssen.

Und das Ganze nicht selten unter erschwerten Arbeitsbedingungen, denn Fernsehleute haben meist keine Ahnung von unserer Arbeit. Entsprechend wenig wird darauf geachtet, uns gute Arbeitsbedingungen zu verschaffen. Wir Dolmetscher sitzen in der Lichtregie, beim Ton oder woanders, wo wir nicht stören. Freier Blick auf den Redner über einen großen Bildschirm? Denkste. Gerne wird an dieser Stelle der kleine Monitor mit Griff oben präsentiert, der im Durchmesser kaum mehr Zentimeter aufweist als ein großes Schullineal. Unsere eigenen Tontechniker sollen wir dann gerne auch noch sein, sowohl für uns als auch für den Ohrstecker des Studiogastes.

Besagter Mini-Monitor steht zur Not auch im engen Ü-Wagen oder auf dem Lenkrad des Führerhäuschens, auch wenn kaum Platz für ein Blatt Papier mit Notizen ist, als Licht darf das Standlicht herhalten. Der Ort ist ja im Grunde, so finden die anderen, super prima, weil die Glasscheibe ist ja schon eingebaut. Wenn es in Livesendungen Schaltprobleme gibt, kommen Handzeichen von außen. Wenn nur die Standheizung nicht brummen würde. Also kann es in garstigen Jahreszeiten minütlich kälter werden.

Aufzeichnungen sind oft auch nicht besser. Einmal sollte ich für das Dolmetschen eines Interviews im Nebenzimmer einer extra angemieteten Hotelsuite sitzen. Das Design-Hotel am Gendarmenmarkt hat indes nur Schiebetüren, meine Stimme wäre auf der Tonspur des Interviewten zu hören gewesen, by the way, es war Uli Wickert, der Schnurren aus seiner Pariser Zeit erzählt hat. Nächster Test: Das Badezimmer, da gibt's wenigstens eine Tür. Das Bad aber ist klitzeklein und seine Wände sind von oben mit unten mit Marmor ausgekleidet, kurz: Hall war wie im Lehrbuch.

So finde ich mich dann auf dem Hotelflur wieder, umgeben von um mich herumsaugenden Putzfrauen, Paaren und Passanten auf dem Weg zum Speiseraum. Einmal kommt ein Herr, der offenbar gesehen hatte, wie ich "gesehen" hatte, dass er nebst Gattin zum Frühstücken ging, spricht mich an, als kennten wir uns: "Ist meine Frau hier vorbeigekommen?" Wohlgemerkt: Ich sitze an einem Servierwagen längsgestellt (alle anderen Möbel sind zu breit für den Gang) und spreche in ein Mikrophon. Und habe vom Interview nur den Ton auf den Kopfhörern. Den Monitor, der extra für mich eingepackt worden war, beanspruchte nämlich plötzlich der Regisseur.

Bis heute frage ich mich, was der Herr sich vorgestellt haben mag, was ich da wohl mache. Gebe ich den Federbettschütteltakt für die Zimmermädchen an? Spreche ich Aktienkurse auf für das hoteleigene Radio? Oder aber bin ich gar vom Geheimdienst und höre Hotelgäste ab?

Seine Gedanken werde ich leider nie erfahren.

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Foto: Mediendolmetschen fürs Radio

Montag, 28. Mai 2007

Treue

Schönheit der Sprache reicht nicht aus, damit eine Übersetzung als hervorragend eingeschätzt wird. Es gibt niemanden, der nicht zustimmt, dass die wesentliche Eigenschaft eines guten Übersetzers Treue ist ... "

Claude-Gaspar Bachet de Méziriac (1581-1638)

Samstag, 26. Mai 2007

Das stimmt!

Haben Sie sich schon mal einen Arbeitstag lang in einer zwei Quadratmeter kleinen Box (mit Lüftung) aufgehalten? Wenn nicht, dann haben Sie vermutlich im Beruf nicht intensiv mit Sprachen zu tun ... Wir Dolmetscher arbeiten in solchen Kabinen und ich schreibe dort oft Texte für dieses Blog — oder am (großen) Übersetzerschreibtisch. Hier können Sie Einblick nehmen in unseren Arbeitsalltag und seine Grundlagen.

Sprachkenntnisse vorausgesetzt, ist nichts beim Dolmetschen wichtiger als die Stimme.

Stimmen sind etwas sehr persönliches, sie kommen (besonders durch Konferenztechnik befördert) direkt im Ohr des Empfängers an. Ob die Stimmen wirklich "ankommen" oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab: ob sie Ruhe ausstrahlen oder Gehetztheit, ob sie klar sind, ausgeprägt, mehr oder minder akzentfrei, ihre richtige Tonhöhe gefunden haben.

In der Dolmetscherausbildung wird zum Teil auch Sprechunterricht gegeben, denn wir Dauerredner müssen nicht nur gut artikulieren, wir müssen mit unserem Arbeitsinstrument auch pfleglich umgehen. Mit angestrengter Stimme viel zu sprechen, führt unmittelbar zu Heiserkeit.
Im Studium habe ich zum Beispiel ein halbes Jahr nur richtiges Atmen gelernt und dann noch länger gesprochen, betont, Laute verändert, Akzente verschoben. Und vor allem meine richtige Stimmlage erkannt. (Das waren aber nach einer "Grundbleiche" vor allem selbstorganisierte Stunden im Tausch gegen Deutschunterricht.)

Französische Stimmen liegen meist 'höher' als deutsche. Beim Dolmetschen wähle ich aber bewusst "meine" Tonhöhe. Und die liegt tiefer, das weiß ich seit der Ausbildung. Deutlich tiefer und mit leichtem Vibrato. Ich setze das auch bewusst in Zusammenhang mit tiefer Atmung ein: Mein Zwerchfell wird dadurch leicht 'massiert', und das hat eine beruhigende Wirkung auf das vegetative Nervensystem. Außerdem scheinen tiefe Stimmen glaubhafter zu wirken. So ist zum Beispiel überliefert, dass Margaret Thatchers Stimme mit ihrem Amtsantritt als Premier Minister tiefer wurde.

Dass meine Stimme tiefer angenehm klingt, bekomme ich regelmäßig bestätigt. Einmal, es war nach einem Kongress in einer Filmhochschule, kam einer der Koreferenten auf mich zu. Ich hatte gerade einen Kollegen gedolmetscht, den Rednertext noch in der Hand. Diesen erbat sich nun mein Gegenüber, ein älterer Mann, leicht untersetzt, der mit Kollegin Ehefrau angereist war. Er schaute sich kurz um, lief rot an und sagte: "Sie müssen mich entschuldigen, ich hab gar nicht auf den Inhalt hören können, ich habe nur Ihrer Stimme gelauscht!"

Authentische Stimmen sind einfach gut. Kein Wunder, dass wir sagen, wenn wir Übereinstimmung ausdrücken: Ja, das stimmt!
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Freitag, 25. Mai 2007

Synchrondolmetscher

"Ach, Sie sind Synchrondolmetscher, das ist aber interessant!"

Diesen Satz kennen alle Dolmetscher ... und müssen ihn gleich richtig stellen. Synchron ist, wenn zwei Tonspuren absolut gleichzeitig "angelegt" werden, so dass zum Beispiel ein englischer Film am Ende deutsch klingt; das Wörtchen "lippensynchron" ist hier der Verständnisanker.

Die Dolmetsch-Art nennt sich aber "simultan" und ist, anders als das Wort es glauben macht, nicht völlig gleichzeitig. Gerade die deutsche Sprache hilft bei der Erklärung, dass wir Dolmetscher dem Redner immer etwas "Vorsprung" lassen müssen, bis wir verstanden haben, worum es geht: Das Verb ist am Ende des Satzes.

Witzigerweise ist das Wort vom "Synchrondolmetscher" dennoch nicht weit von Alltag mancher Dolmetscher entfernt. Auch ich sitze oft in der Kabine und dolmetsche Filme, spreche sie also fast 'synchron' ein. Dabei habe ich einen Text, mit dem ich mich vorbereiten konnte (und versuche, in der Kabine mit dem Papier so wenig wie möglich zu rascheln). Ich halte entweder das Transkript aller Dialoge in der Hand — da stehen aber auch beiläufige Sachen drin, die nicht übersetzt werden müssen — oder die Liste der Untertitel, weil hier die Zeiten, zu denen die Titel eingeblendet werden, in den Zeilen darüber stehen. So weiß ich im Voraus, wo viel Text kommt und wo wenig, wo ich also kürzen und wo mit dem Atem haushalten muss.

Das mit dem Atmen ist wichtig, denn ich spreche alle Rollen, den jugendlichen Helden und den Gangster, die Oma und das Kind. Dabei darf ich nicht schauspielern, denn das ist das Fach derer, die da vorn auf der Leinwand agieren. Ich darf aber auch nicht meine Worte so tonlos runtersprechen, dass alle zu Gähnen anfangen. Irgendwo dazwischen ist der goldene Mittelweg.

Der Rest ist wie ein Marathonlauf: Kondition, gute Laune und Wasser. Manche Filme "kosten" zwei Flaschen, manche sogar drei. Mineralwassser ohne Sprudel bitte, die Flaschen geöffnet. Denn mit einer Hand halte ich beim Einschenken und Trinken immer die Räuspertaste.

Dienstag, 22. Mai 2007

Menschen- und Ortskunde

Berlin, gestern Abend: Im Zeughauskino unter den Linden findet eine Arte-Pressekonferenz statt. Im Saal sind um die 50 Gäste, erst wird der Film gezeigt, dann folgt ein etwa einstündiges Gespräch. Und hier dolmetsche ich alles, was auf Deutsch im Raum gesagt wird, für Gast Sergio, einen Regisseur aus Brüssel, simultan per "Flüsterdolmetschen", seine Worte übertrage ich konsekutiv, das Publikum hört jetzt also zwei Sprachen.

Es ist nicht meine erste Pressekonferenz für Arte und auch nicht die erste mit diesem Regisseur. Mit den Jahren kenne ich sogar etliche der Publikumsgäste. Ich könnte ihnen Rollennamen geben: Da ist der Nachwuchsredakteur vom Regionalsender, dort der Korrespondent einer süddeutschen Tageszeitung, hier und hier die Kollegen aus den Redaktionen der Hauptstadt. Dann noch die Nachwuchsregisseurin sowie ein Autor, der auf der Suche nach neuen Kontakten ist. Last but not least der längst in den Ruhestand getretene "Kollege aus dem Osten", dessen Perspektive noch heute mitschwingt und der noch gelegentlich Kritiken unterbringt.

Mancher redet ohne Punkt und Komma, andere provozieren gern mal. Sergio, mein "Dolmetscherkunde", fällt aus der Rolle. "Ach, der da, der war doch schon letztes Mal dabei, oder? Der stellt immer so lange Fragen. Hör' erstmal zu - und erzähl' mir dann das Wichtigste." Zwei Fragen später: "Meinst Du, diesunddas reicht ihr als Antwort?" Sergios Sätze kommen, während ich die Publikumsfragen dolmetsche wohlgemerkt. Lustig, was Dolmetschern so zugetraut wird, wir sind halt Multitasker ...

Danach lenke ich unsere Schritte in die nettere Gegend der Fressecke um den Hackeschen Markt. Koautor Joachim und die Redakteurin kommen mit. Die Nacht ist hochsommerlich lau, wir diskutieren über französische Politik. An solchen Abenden liebe ich meinen Job besonders.

Montag, 21. Mai 2007

Landeskunde

Ganz gleich, ob Dolmetscher oder Übersetzer: wir müssen uns so viel Landeskunde wie möglich aneignen - und das Lernen hört auch nicht auf.

Einmal habe ich einen Festivalkatalog Korrektur gelesen. Das war, bevor die neuen deutschen Filme in Frankreich auf gute Pressekritiken sowie Achtungserfolge beim Publikum stießen. Und lange, bevor wie in diesem Jahr wieder deutschsprachige Filme im Wettbewerb von Cannes laufen.

Jetzt das Zitat:
"Depuis Tourneur et Tonnelier, les français ne se sont plus intéressés au cinéma allemand."

Tourner: drehen, wenden, le tonnelier: der Küfer oder auch Fassbinder. Womit auch der Dreher, Wender erklärt wäre: Wenders. Seit Wenders und Fassbinder haben sich die Franzosen nicht mehr für das deutsche Kino interessiert, hieß es im Original. Die französische Fassung schrieb ein Nachwuchsübersetzer. QED.

Hier hatte sich ein Student der Germanistik auch nicht für das deutsche Kino interessiert, das seine Eltern begeisterte.

Sonntag, 20. Mai 2007

Cannes-Splitter

Jedes Filmfestival hat für mich als Dolmetscherin seinen ganz eigenen Rhtythmus. Auf der Berlinale sitze ich in der Kabine des Wettbewerbs und dolmetsche Filme simultan, außerdem konsekutiv Filmgespräche, Gruppen- und Einzelinterviews. In Cannes beschäftigen mich neben Interviews diverse Koproduktions- oder Verkaufsgespräche, in beiden Städten kommen noch filmpolitische Termine hinzu für Verbände oder die Politik.

Da ich natürlich über die Inhalte der Gespräche nichts berichte, veröffentliche ich dieses Jahr über das südfranzösische Event meine subjektiven Cannes-Splitter.

Erster und zweiter Tag
S
tatt der Dolmetscherkabine das Kino: Sieben Filme, bevor die Meetings einsetzen, das bedeutet, dass wir vom blauen südfranzösischen Himmel, aus dem kommend wir uns Nizza Mittwochnachmittag im Sinkflug genähert hatten, an Land wenig sehen. Dar
an haben auch schwere graue Wolken Schuld - und Regen. Als der einsetzt, wird offensichtlich, wie merkwürdig manche Gepflogenheiten hier sind, denn in der Umgebung des Festivalpalais' liegt an vielen Stellen Teppichboden auf dem Asphalt. Der berühmte rote Teppich, der hier jedes Jahr im Mai für die Filmwelt ausgerollt wird, zickzackt sich am Ende die Treppe zum Festsaal hoch. Auf den Wegen zwischen den Zelten in Richtung Strand, in denen sich tagsüber die Fachleute treffen, liegt dunkelblauer Teppichboden unter freiem Himmel. Selbst, wenn es jetzt nur nieselt, ist der nach einem halben Tag vollgesogen. Nun schippen sich die Damen bei jedem Schritt Wasser in die zarten Schühchen, und dann wickeln sie sich ihre farbenfrohen Pashminas fester um die unbedeckten Schultern ...
Dritter Tag
Am späteren Abend fahre ich zu einem Empfang in einer Villa am Ortsrand. Es gibt keinen Shuttle-Bus, also nutze ich den öffentlichen Nahverkehr. Zunächst fährt aber gar nichts. Die Bahn streikt seit gestern Abend 17.00 Uhr. Am Busbahnhof wartet eine schwarze Menge. Weil ich lesen will, setze ich mich auf eine der Bänke, über der ein Kegel aus Licht steht. Neben mir blättert Helen in den Branchennews, eine in Kanada geborene Produzentin, die von aus Tschechen geflohenen Intellektuellen abstammt und in Paris lebt. Das erfahre ich aber erst viel später im Bus. Jetzt heißt es erstmal warten.

"La vielle dame de l'abribus" könnte diese Episode heißen, geht mir durch den Kopf und Patricia Kaas fällt mir ein und ein paar Takte Musik. Neben uns sitzt eine kleine, ältere Dame, die keinen Festival- oder Marktbadge um den Hals trägt. Und doch ist sie im Kontaktaufbau mit Fremden besser als Helen und ich, wir sprechen einander erst im Bus an. Nach wenigen Minuten sind wir beide trotz Lesestoffs im Bilde: Die alte Dame ist 73 Jahre alt, sie ist zwei Mal verwitwet, den ersten Mann verlor sie nach langem Leiden an Krebs (nach zehn Jahren Ehe), der zweite Mann, Vater ihrer Kinder, starb an Herzinfarkt (nach fast 20 gemeinsamen Jahren). Er hatte sie nach Cannes geholt und hier lebt sie nun ganz allein - die Kinder in den Norden verzogen.

Sie wirkt sehr zerbrechlich hier im kalten Licht der Straßenlaterne, die Augen unter der frischen weißblonden Dauerwelle sind müde. Sie trägt einen Rock im Schottenkaro mit Knebelknöpfen, schwarze Schuhe mit Ankern drauf und eine gelbe Windjacke, auf der ein Segelclub Werbung macht. Die alte Frau spricht mit leiser Stimme und in einfachen Worten: "Ich halte es nachts in meiner Wohnung nicht aus. Da ist es wie tot. Aber dort, wo Menschen sind, da ist das Leben. Ich komme regelmäßig her und ich liebe das Kino. Aber nicht das französische Kino, die können es irgendwie nicht, die Filme haben keine Spannung. Bei ausländischen Filmen stimmt jeder Moment, jede Zeile. Die überzeugen mich, die sind spannend. Ich gehe viel ins Kino, so etwa ein Mal im Monat. Naja, so oft ist das nicht, ich bin öfter hier am Busbahnhof. Vorhin war ich bei einer alten Schulfreundin, die hat ihren Mann noch, und jetzt verbringe ich noch einen kleinen "moment amical" mit Ihnen hier." (Oh là, là, denkt die Dolmetscherin in mir da, einmal wieder stellt sich das Problem der adäquaten Übertragung, der 'moment amical' ist ein 'netter Augenblick' - aber auch die 'kurze Pause mit Freunden').

Und die alte Dame resümiert in einem Stoßseufzer: "Allein zu Hause fühle ich mich wie tot." Helen, die heute Nacht mit dem Bus nach Nizza muss, weil in Cannes die Hotelpreise exorbitant sind, fragt: "Haben Sie schon mal daran gedacht, in der Zeit des Festivals zu vermieten, Zimmer werden in Cannes ja immer gesucht?" - "Nein, ich brauche das Geld nicht. Meine Männer haben mir eine gute Rente vermacht. Und würde ich vermieten, dann müsste ich ja zu Hause warten, und wie gesagt, zu Hause bin ich nicht gern. Aber jetzt muss ich wohl, ihr Bus kommt!", sagt sie und zeigt auf den Bus, der um die Ecke biegt, verabschiedet sich und geht fort, überraschend behende verglichen mit der Mattigkeit ihrer Stimme.

Und ich hab immer noch Patricia Kaas im Ohr: Il y a des Vénus sous les abribus | Qui pleurent des amours terminus ...
Vierter Tag
Die Weckmelodie des Mobiltelefons reißt mich aus dem Schlaf. Eben noch bin ich die roten Stufen zum Festivalpalast hochgestiegen. Ich bin gerade noch Teil einer miteinander scherzenden, einander herzenden Meute gewesen. Eingehängt in meinen Arm: eine französische Berühmtheit, Schriftsteller oder Philosoph, den ich vor langer Zeit mal dolmetschte und der mich freudig wieder erkannt hatte. Das ist eher ungewöhnlich, denn bei ein- oder zweimaliger intensiver Teamarbeit entsteht zwar die 'Freundschaft des Augenblicks', aber mehr nicht. (Wobei Könner wie Claude Chabrol durchaus den Eindruck erwecken können, das Gegenüber wirklich zu meinen, denn er spielt, wenn wir uns etwa im drei-Jahres-Rhythmus aus beruflichen Gründen sehen, immer elegant auf frühere Gespräche oder Mitbekommenes an.)

Jetzt gehe ich den roten Teppich entlang, "je monte les Marches rouges", wörtlich: "ich steige die rote Treppe hinauf", und zu meinem französischen 'Freund' sage ich: "Soundso ..." (im Traum weiß ich natürlich den Namen), also: "'Untel', wenn du das nächste Mal öffentlich deutsche Worte verwendest, ruf' mich bitte vorher an. Ich pauk' dich ein in Sachen Herkunft und Aussprache des Wortes, wir üben, du wirst es perfekt können. So, wie das Wort "Fuchsbau" neulich" (- das von Franzosen ohne Vorkenntnisse nicht für Deutsche verständlich ausgesprochen werden kann). "Denn dein Interesse für deutsche Kultur, dein Wissen und die Verwendung gefallen mir gut. Aber du stehst im Rampenlicht, und du bist Vorbild. Also solltest du der deutschen Kultur auch noch den Dienst erweisen, sie korrekt ausgesprochen für die Franzosen und vor allem für den Nachwuchs attraktiv zu machen. Wir brauchen dich, cher ami."

Was mein teurer Freund geantwortet hat beim Betreten des Festivalpalais' werde ich leider nie erfahren, ein Schubertmotiv (Geigenquartett!) reißt mich aus dem Schlaf.

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Was machen Franzosen aus "Fuchsbau"? Ich denke an "Fuchsia" und komme auf etwas wie [Füsch-s-bahü]. Andere Vorschläge?
Fünfter Tag
Hungervisionen, die Bilder fließen ineinander. Heute scheint wieder die Sonne über Cannes, gestern Nacht waren die Wolken gebrochen. Kurz drauf wurden wir im Grand Hotel mit unseren Badetüchern aus dem Saunabereich zu DEM Hingucker des deutschen Kurzfilmempfangs. Da musste ich an meine Erfahrung vor x Jahren denken. Es war 2001 oder 2005, als nach einer Woche Dauerregen alle fünf Schuhpaare durch und durch nass waren. Da ließ selbst das gestrenge Protokoll des 'Palais des Festivals' seine Regeln fahren und erlaubte mir den Zutritt ins Filmpalais ... mit Badelatschen! Trockne Füße, das war die Höhe! Kalte Füße der Begleiteffekt des Strumpfloszwangs (Zwischenzehschuhhalteknubbel!)

Hungervisionen, wir sitzen die ganze Zeit auf diversen Terrassen hinter den großen Ständen und Zelten des Filmmarktes, die in Sandstrand übergehen. Irgendwie hat sich heut die Mittagspause verspielt. Dazu habe ich Fachzeitschriftenartikellieferpflichten, lese und notiere in Pausen. Und mein Blick verliert sich im Horizont: Das, was ich rechts von mir sehe, ist eine riesige, mit Halogenlicht von hinten erleuchtete Fototapete, die an einigen Stellen animiert ist: Wellen, Boote, ein Zeppelin. Dazu wird ein Soundtrack eingespielt: Wellen, Stimmen, eine Schiffssirene.

Die Leitartiklerin von "Le film français" beschreibt heute Cannes als Edelgefängnis. Hier sitzen wir tags nicht bei Wasser und Brot, sondern bei Kaffee und Keksen. Per W-Lan halte ich immerhin Kontakt zur Außenwelt. Tina schreibt, sie hätte immer gedacht, dass einem in Cannes die Hühnerbrustsalätchen quasi in den Mund flögen. Nun, liebe Tina, immer noch keine fliegenden Hühnerbeinchen oder Sushi-Rollen gesichtet. Cannesmüdigkeitsluxusgefängnishungervisionen.

Und seit 1,5 Tagen keinen Film gesehen, wir zehren vom Auftakt (neun Filme seit Mittwochabend). Am Tisch neben uns sprechen die Leute gerade über die superlangen deutschen zusammengesetzten Substantive ... Alles fließt (ineinander).
Sechster Tag
An den Eingangstüren zu Cannoiser Palast und Markt wird kontrolliert, derlei folgt dem "plan vigipirate": Gesicht, Badge, Tasche. Auch eine Handsonde kommt zum Einsatz. Dieses Auf und Ab des Gerätes an und über dem Körper einer Person könnte auch ein Adelsschlag sein, nur knien die "Kunden" hier nicht vorm König. An der Taschenkontrolle zählt Norbert den Inhalt seiner Tasche auf: Computer, Zeitschriften, Handy, Kalender. Auf Französisch, mit süßem Akzent. Darauf die Königin der Kontrolle lächelnd: "Hier sind alle gleich - bis auf die Akzente!"
Siebenter Tag
Das Festival besteht aus Filmen, Begegnungen - und Wiederbegegnungen. Ich freu' mich, als ich Férid Boughedir wiedertreffe, wir rennen mittags beim Schichtwechsel im Kino ineinander, er war mein erster Dolmetschkunde auf der Berlinale mit seinem Film "Un été à la Goulette" (Ein Sommer in La Goulette), das war 1996. Er steht vor mir und strahlt, bedankt sich für meine Arbeit und sagt augenzwinkernd: "Au revoir au prochain festival !" (Auf ein Wiedersehen beim nächsten Festival!)

Dann stehe ich nachts in einem Festzelt, der obligatorische Regen klopft auf das Dach, um uns herum der weitläufige Garten einer luxuriösen Villa. Mir gegenüber steht ein namhafter deutscher Journalist - und entschuldigt sich, als er realisiert, wer ich bin: "Es tut mir Leid, dass ich Sie als Dolmetscherin vor X Jahren abgewürgt hab beim Interview mit Chabrol, aber ich wollte Zeit gewinnen, die Festivalinterviews sind ja immer so kurz. Meine Entscheidung war nicht gegen Sie gerichtet. Ich habe später gemerkt, dass ich meine Sprachkenntnisse überschätzt habe und musste alles einer Übersetzerin geben. Naja, und der Kommentar der Übersetzerin zu Ihrer Dolmetscharbeit war ein großes Kompliment. Das wollte ich Sie nach den Jahren noch wissen lassen."

Die Episode hatte ich schon fast vergessen, ich erinnere mich daran, dass ich damals vor allem froh über die kurze Pause war. Dennoch tut es gut, die oft raschen Arbeitstage "bei Films" ein wenig entschleunigt zu erleben. Denn bei allem, was mit Film zu tun hat, entscheidet nich selten ein ganzer Apparat, so dass der Eindruck der Fremdbestimmtheit überwiegt, wobei der Seele kaum Zeit zum Verarbeiten bleibt.

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Die Fortsetzung des Films "Un été à la Goulette" von Férid Boughedir ist am 29. Mai um 21.00 Uhr im Berliner Kino Arsenal im Rahmen des Jewish Filmfestival zu sehen, er heißt "Villa Jasmin" und dauert 90 Minuten. Dem Vernehmen nach wird Férid anwesend sein ...
Neunter Tag
Es hat aufgehört zu regnen, die Menschen gehen wieder langsamer, während sich das Tempo der vorbeifahrenden Autos erhöht hat. Menschliche Langsamkeit beobachte ich auch bei manchen Meetings, alle sind müde, entschuldigen sich dafür, ich sehe Augenringe, erste Rücksendepakete und mitunter sogar nur noch Restbestände von Marketingmaterial.

Am Mittag sitzen wir auf der Terrasse im fünften Stock eines Hauses fast neben dem Festivalpalais und warten auf einen Termin. Wir sitzen in der prallen Sonne. Der Termin geht sehr schnell (obwohl inzwischen ein Sonnenschirm aufgespannt wurde). Jetzt heißt es lesen, Angebote schreiben, und in den nächsten Wochen die Screener sichten, die wir im Gepäck haben.

Die Koffer werden schwer sein. Doch vor dem Rückflug rushen wir in die letzten Vorführungen, kaufen Mitbringsel und lassen uns im Lieblingsrestaurant verwöhnen.

Donnerstag, 17. Mai 2007

Seltsames Wort

Über manche Begriffe habe ich nie groß nachgedacht, über andere dafür umso mehr. Dolmetschen ist solch ein vernachlässigtes Wort. Bis ein Praktikant mal schrieb: "dolmatchen" - als käme es von to match - zusammenpassen, zusammenfügen ...

dol|met|schen [mhd. tolmetzen]: einen gesprochenen oder geschriebenen Text für jemanden mündlich übersetzen, ein politisches Gespräch, ein Schriftstück oder ähnliches.

Das Wort kommt aus Kleinasien; dort, in der Mitannisprache, gab es das Wort talami. Im osmanisch-türkischen Reich wurde es zu
tilmaç in Ungarn zu tolmács. Die Formen änderten sich, die Bedeutung blieb, das Wort bezeichnete einen Mittler zwischen zwei Parteien.

Das Mittelhochdeutsche machte dann tolmetsche oder tolmetzer daraus. Im 16. Jahrhundert wurde die Bedeutung des Worts, die Vermittlung, dann auf den Sinn einer sprachlichen Übertragung eingegrenzt.

Mittwoch, 16. Mai 2007

Spitzen zum Land, die interviewen

Übersetzen und Dolmetschen sollte von Maschinen erledigt werden können - das zumindest ist ein großer Traum der Menschheit. Doch bis dahin wird noch viel Zeit verstreichen. Hier ein Beispiel:

"Zusammenfassungen sind nicht mehr einfach eine Wäschereiliste der Joberfahrungen und persönliche Attribute. Heutige Zusammenfassung muß einem zukünftigen Arbeitgeber zeigen, daß der Jobsucher in der Lage ist, die Arbeit von Tag einer zu erledigen. Es ist ein professionelles Marketing-Werkzeug, das benutzt wird, um beachtet zu erhalten, stellt die übertragbaren Fähigkeiten eines Bewerbers zur Schau und zeigt, welche einzigartige Talente und Fähigkeiten sie holen können der Firma.

Was wieder aufnimmt, sollten nie enthalten:
- Hinweise vorhanden auf Anfrage an der Unterseite. Eine unterschiedliche Liste von Hinweisen einschließen, um ihren Job einfacher zu bilden, und den interviewenden Prozeß beschleunigen.
- Gründe für das Lassen du sind hinter Job.
- Fromme oder politische Verbindung.

Sobald du mußt-haves notiert hast und Absolutes kein-kein weg gekreuzt, ist es Zeit, nach Sachen zu suchen, die dich abgesehen von dem Rest der Bewerber einstellen. Zielsetzungen sind am besten, wenn sie fokussiert werden. Wie möglich so spezifisch sein. Vage Sprache vermeiden.

Einfach zu lesen, einfach zu dechiffrieren und einfach, Stärken hervorzuheben, bietet das Kombination Format die meisten Informationen in der schmeichelnden Art an."

Text stark gekürzt. Langfassung hier: http://writing-german.blogspot.com (14.05.2007)

Montag, 14. Mai 2007

Tarnkappe

Das größte Lob, das ich für meine Arbeit kenne, lautet meistens gleich, oft höre ich sogar ein- und dieselben Worte: "Wir haben irgendwann nicht mehr gemerkt, dass wir keine gemeinsame Sprache sprechen!"

Als Dolmetscherin verschwinde ich hinter den Worten, dennoch bin ich mittendrin. Ein Vertrauensverhältnis entsteht, manche "Kunden" schreiben mir zum neuen Jahr, verlangen beim nächsten Termin wieder nach mir. Nicht die Auftraggeber, sondern jene, mit denen ich direkt zu tun habe.

Wir Dolmetscher und Übersetzer sind dem Schweigen verpflichtet, weshalb ich hier im Weblog in der Regel Personen, Zeiten und Orte verfremde. Hier geht es ohnehin nicht um Inhalt, sondern um den Rahmen bzw. den Alltag von UNS Dolmetschern.

Ansonsten sind wir fast unsichtbar, stehen im Dienste der Kommunikation anderer. Es strengt an, sich so sehr zurücknehmen zu müssen, macht aber auch Spaß. Es ist eben pure Dienstleistung.

Und am Ende ist es (fast) so, als wären wir nicht dagewesen.

Sonntag, 13. Mai 2007

Männerquote

Frauen verwenden angeblich 20.000 Worte am Tag, Männer indes nur 7.000, so zumindest die nordamerikanische Neurobiologin Louann Brizendine.

Wundern Sie sich, dass (gefühlte) 90 Prozent der Dolmetscher Frauen sind? (Den richtigen Prozentsatz suchen wir noch.)

Da wird auch eine Männerquote nicht helfen.

Samstag, 12. Mai 2007

Spot an: Cannes

Bald beginnt in Cannes das 60. Filmfestival. Mit von der Partie sind auch Dolmetscher, die Publikumsgespräche und Interviews übertragen. Dabei gibt es auch Pannen ...

Es passiert auf jedem Festival mindestens ein Mal. Der Gast hat gesprochen, ich habe Notizen gemacht. Dann entsteht eine kurze Pause, ich sammle mich und lege los. Und merke es erst nach ein, zwei Sätzen: ich hab gar nicht übersetzt, sondern die Gedanken in der Ausgangssprache wiederholt, nur anders ausgedrückt! Zum Glück nimmt's das Publikum mit Humor, es ist eben live!

Mich hat in solchen Fällen eine oftmals winzige Kleinigkeit abgelenkt. Das kann eine anspringende Lüftung sein, oder jemand, den ich kenne, verlässt das Kino. Oder aber ich habe eine Äußerung von Cinéast oder einem Publikumsgast unterschwellig als Kritik aufgefasst. Ich bin verdammt verletzlich da vorne, auch noch nach Jahren.

Im Grunde gibt es nichts Peinlicheres, als auf der Bühne zu stehen und etwas zu sagen, das bereits gesagt worden ist. Daneben gilt es die sprachliche Hemmschwelle zu überwinden. Wie etliche Zweisprachige habe ich die Sprachen als ein jeweils eigenständiges System gelernt, in dem sich Erklärungen und Vergleiche immer nur auf Begriffe aus der jeweiligen Sprache bezogen. Beim Dolmetschen geht es aber nicht um Synonym oder Gegensatz, sondern um die möglichst exakte Entsprechung in der anderen Sprache. Als ich 1989 zu dolmetschen begonnen habe, war mir, als müsste ich die Vokabeln beider Sprachen noch einmal lernen. Nein, nicht beide Sprachen: Die Verbindungen zwischen ihnen.

Diese Verbindungen waren in meinem Bewusstsein untergründig schon da, aber eben nicht aktiviert, nicht bewusst. Den zweiten Sprachstrom als etwas Alltägliches zu erfahren und wie auf einem Videoband zwischen "Spur 1" und "Spur 2" hin- und herzuspringen, das ist im Grunde der ganze Aufwand. Bis heute notiere ich Worte. Manches wird in der einen Sprache nicht substantivisch, sondern als komplizierte verbale Konstruktion ausgedrückt. Oder aber es gibt diesen oder jenen Begriff in der anderen Sprache nicht - also muss ich übertragen, den Kontext anreißen. Aber nur kurz, sonst bremst diese Geste den Informationsfluss und das Publikum hätte zu Recht den Eindruck, Sachen zu hören, die gar nicht gesagt worden sind.

Dolmetschen bedeutet immer abzuwägen. Wie gehe ich damit um, wenn ein Sprecher sich x-fach wiederholt? Was mache ich mit den fünf Adjektiven, die er oder sie so schnell runterrattert, dass ich davon nur vier behalten habe? Ich kürze ein wenig, fasse zusammen. Und wenn mir unbekannte Namen fallen, darf ich nachfragen.

Auch das Jonglieren mit Mikro, Stift und Stenoblock kostet Aufmerksamkeit. Ich schreibe übrigens keine Steno, sondern zeichne in eigenen Kürzeln die wichtigsten Begriffe auf. Wobei ich Sie, geneigtes Publikum, manchmal auch kurz warten lasse: Wenn der ausländische Gast fertig gesprochen hat, notiere ich oft noch den letzten Gedanken. Denn auf die Pointe sollen Sie nicht verzichten.

Freitag, 11. Mai 2007

Verwechslung

Das Telefon klingelt. Jemand sucht einen Übersetzer. Nach einigen Minuten ist klar, dass er was andres sucht: Eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher.

Die Liste derer, die diese Berufe verwechseln, ist lang. Vor etwa zwei Jahren ist das selbst dem "Spiegel" unterlaufen. Und die Verwechselung liegt nahe.

Beide können hervorragend Sprachen. Beide sorgen dafür, dass am Ende mehr Leute verstanden haben, worum es in der anderen Sprache geht. Übersetzer sitzen dabei am Schreibtisch, bestenfalls umgeben von Wörterbüchern, surfen wie die Weltmeister auf der Jagd nach neuen Worten, feilen, schicken sich unter Kollegen Fassungen hin und her, gehen auf Messen und sammeln dort eichhörnchenfleißig, wenn sie Texte über Filmvorführgeräte übersetzen müssen, alles, was sie darüber finden.

Das machen die Dolmetscher genauso. Nur: Was er oder sie am Ende "liefert", ist eben gesprochene Sprache. Und noch eine Übereinstimmung gibt es. Dolmetscher und Übersetzer sind wie Wein; es dauert eine Zeit, bis sie gut werden. Und die billigen unter ihnen verursachen am Ende Kopfschmerzen.

Donnerstag, 10. Mai 2007

Blüten aus der Übersetzerwerkstatt

Mancher Text wandert durch die Sprachen, wird von Übersetzer zu Übersetzer und von Sprache zu Sprache weitergereicht wie ein Stafettenstab. Und er verändert sich dadurch zur Unkenntlichkeit: hier kommt das Parfum der einen, dort die Sichtweise der anderen Sprache hinzu.

Wanderers Nachtlied

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

Über allen Gipfeln Ist Ruh',
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

... wurde 1902 ins Japanische übertragen. Keine zehn Jahre später wanderten die Verse vom Japanischen ins Französische, kurz darauf ins Deutsche. Der Übersetzer war davon ausgegangen, es mit einem japanischen Gedicht zu tun zu haben.

'Japanisches Nachtlied'

Stille ist im Pavillon aus Jade
Krähen fliegen stumm
Zu beschneiten Kirschbäumen im Mondlicht.
Ich sitze
Und weine.

Mittwoch, 9. Mai 2007

Pressemeldung: Hirn-Fitness

Der ganze Alltagsstress der Dolmetscher hat aber auch eine gute Seite: Unsere Gehirne altern besser als die von einsprachigen Menschen.

Nach im April veröffentlichten Forschungsergebnissen der York-Universität in Toronto (Kanada) hält häufiges Hin- und Herschalten zwischen mehreren Sprachen das Gehirn fit. Ein Team um Psychologie-Professorin Ellen Bialystok hat 184 Patienten genauer untersucht. Unter ihnen waren 93 Zweisprachige - und ihr natürlicher Gedächtnisverlust im Alter machte sich durchschnittlich vier Jahre später bemerkbar.

Die Forscher erklären das mit höherer Plastizität der Hirnregionen, in der Sprache verarbeitet wird. Und hier sitzt auch das Arbeitsgedächtnis des Gehirns, denn Sprachverarbeitung ist eine hochgradig komplexe Angelegenheit, die sehr individuell ist, wobei auch der eigenen Lernstrategien und das (Kindes-)Alter, in dem die zweite Sprache gelernt worden ist, wichtig sind.

Dienstag, 8. Mai 2007

Kopfeinsichten

Es ist länglich, metallisch-weiß und groß: Eine Röhre, die die ganze Zeit laut tickt, mit reinschiebbarer Trage. Ein Knallen wie gedämpfte Pistolenschüsse; es wirkt auf mich ziemlich unheimlich.

Ich schaue mir ein High Tech-Gerät aus der Forschung an. Hirnforscher der Universität zeigen mir, wie im Kopf dank ungefährlichen Verfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) den "Zellchen" beim Arbeiten zugesehen werden kann. Diese bildgebende Methode misst Hirnaktivitäten, während in der Röhre die Probanden rechnen, Buchstaben sehen, etwas erzählen oder schweigen. Sowohl die graue Substanz mit den Neuronen, als auch die weiße Substanz mit den Faserverbindungen zwischen den Gehirnarealen kann parallel dazu untersucht werden. In einem dieser Gehirnareale, so etwa an der dritten Windung (bei Rechtshändern) vom linken Schläfenlappen der Großhirnrinde oder so, liegt das Sprachzentrum, das Broca- Areal.

Wenn ich mit meinen beiden Sprachen im Kopf da drin liege, leuchtet dann immer die gleiche Region auf, wenn ich in beiden Sprachen an das gleiche denke? Vermutlich nicht, denn es ist ja nicht ein- und dasselbe, schon im Alltag nicht, denn ein "Brot" ist überhaupt nicht identisch mit "la baguette" oder "le pain". Die Begriffe, Sprachen, Erfahrungen sind in jeder Sprache einzeln und getrennt voneinander verdrahtet - jedenfalls bei Menschen, die die Sprachen nacheinander gelernt haben. Stark vereinfacht, ist das bei Zweisprachigen von Kindesbeinen an unterschiedlich, hier haben die Verschaltungen mehr oder weniger parallel stattgefunden und die Sprachen sind meistens überwiegend im originären Sprachenzentrum des Gehirns angesiedelt. Das ist auch der Grund, weshalb solche 'echten' Zweisprachige eine höhere Chance haben, beide Sprachen akzentfrei und korrekt zu sprechen, vorausgesetzt, sie tun was dafür.

Den Einblick ins eigene Gehirn hab ich noch vor mir. Ich gebe mit meiner Sprache der Wissenschaft ein Rätsel auf, da ich nicht als Kleinkind, aber als Kind mit der zweiten Sprache angefangen habe und beide (außer, wenn ich übermüdet bin) akzentfrei spreche. Außerdem bin ich eine umerzogene Linkshänderin. Und pränatal habe ich mich mit meiner Mutter in Schweden aufgehalten, der Klang dieser Sprache macht mich noch heute glücklich.
Vor Jahren war ich an einem Filmkonzept über das Thema beteiligt, aus dem dann leider kein Film wurde - und denke bis heute, dass ich nicht ohne Kameramann im Schlepptau in die Röhre gehen sollte. Bericht folgt.

Sonntag, 6. Mai 2007

Dolmetschen

Hallo, bon­jour, wel­come auf den Sei­ten mei­nes Blogs. Ich bin Über­set­zer­in und Dol­met­scher­in, lebe zwischen Paris und Berlin.

Wie funktioniert das eigentlich, wenn Sie dolmetschen?", lau­tet ei­ne oft ge­hör­te Fra­ge. "Sie hören und sprechen gleichzeitig, wie geht das?" ... ge­folgt von ei­nem: "Also ich könnte das nicht!"

Dolmetschen bedarf in der Tat etwas Übung, bis beides gleichzeitig klappt, wobei es sich hier um deutlich mehr als nur zwei Vor­gän­ge handelt — die Übertragung von einer in die andere Sprache findet ja "zwischendurch" auch noch statt.

Zunächst müssen wir beide Sprachen sehr gut sprechen. Oft arbeite ich mit Kerstin zusammen. Wir beide sind in Deutschland geboren und haben unabhängig von­ein­an­der lange in Frankreich gelebt. So lange, dass, wenn man uns nachts aufweckt, wir mal in der einen, mal in der anderen Sprache antworten, je nachdem, in wel­cher Sprache wir gerade geträumt haben.

Und dann haben wir einige Jahre lang diese Technik gelernt die darin besteht, je­man­dem zuzuhören, ihr oder ihm einen Vorsprung zu lassen und dann alles Gesagte noch einmal zu wiederholen.

Das kostet Energie, daher wechseln wir uns meistens regelmäßig ab. Wie es genau funktioniert zwischen den Ohren, wissen wohl nur die Neurologen.

Ich weiß nur eins: Geschriebene Texte werden (geschrieben) übersetzt, Ge­spro­che­nes wird gedolmetscht. Viele Men­schen, die mit Sprach­arbeit nichts zu tun ha­ben, ver­wech­seln das oft. Da­bei ist der Merk­satz denk­bar ein­fach: Wenn Übersetzen Hand­werk ist, ist Dolmetschen Mund­werk.

Freitag, 4. Mai 2007

Lieber das nominalisierte Verb aktivieren

Kongresszentrum Berlin, eine politische Tagung. Zehn Herren feilen am Abschlussdokument. Sie sprechen drei Sprachen miteinander, in der Dolmetscherkabine sitzen vier Kollegen, genauer: Zwei Kabinen à zwei Leute, einmal Englisch, einmal Französisch.

Die Herren waren schon öfter miteinander im Gespräch. Das Dokument wurde auf der letzten Arbeitstagung bearbeitet und vor zwei Tagungen entworfen. Die Herren wissen genau, wovon sie sprechen.

"Also bei der Frage nach dem "UMMPF" würde ich lieber das nominalisierte Verb aktiv setzen. Also die Nominalisierung auflösen. Und das Adjektiv "SCHWAMPSIG" gefällt mir persönlich nicht so sehr."

Hallo?! Liebes Podium, hier Teile einer ungehaltenen Rede. Hätten Sie bitte die Freundlichkeit, uns die Dokumente in die Kabine reinzureichen? - - - Die Englisch-Dolmetscherin stürzt raus, ihr Kollege war grad dran, sie sitzt praktischerweise gleich an der Tür - - - "weil die Präposition vor der Beschreibung der Handelnden, also im Grunde ist das zu unspezifisch, weil ... HAST DU DIE SEITE MIT DEN NOTIZEN NOCH?" - - - Und auf welcher Seite sind wir jetzt, fragt sich die Kabine, doch, das hier sieht nach Ummpf aus, aber ... - - - Die Kollegin zeigt auf eine Vokabelliste, die wir zur Vorbereitung des Termins erstellt haben und die der Bildschirm des Laptops anzeigt - - - "weil sich die Prioritäten offiziell ändern, würde ich den vierten Punkt vorziehen und den dritten streichen" - - - meine Kollegin versteht besser, was die Kollegen sagen, denn sie hat die Tür geöffnet. Der Sprecher, der jetzt dran ist, vergaß, das Mikro einzuschalten, ein anderer spricht gleichzeitig in seins, aber irgendwie überträgt das nun wieder mehr, als es soll, wir hören Rückkopplungen - - - PPPPIIIIIEEEEPPPPPP - - - wir rufen oft "Mikrofon!", das ist ein wunderbar internationales Wort, und wir sprechen es im Wechsel englisch, französisch oder deutsch aus ... - -- - RRINNGRRING (OLDPHONE), "JA, WERNER, ICH BIN NOCH IN DER SITZUNG UND" - - -

Unsere Wünsche:
- Wenn Sie vorher wissen, worum es geht: lassen Sie es uns auch wissen.
- Gibt es Dokumente zur Vorbereitung, so hätten wir diese gern, am besten länger im Voraus.
- Sagen Sie bitte ins Mikro, was Sie die anderen wissen lassen möchten.
- Das Mikro ist auf eine Entfernung von maximal 20 cm ausgelegt, direkt reingesprochen. Das Mikro des Nachbarn überträgt den Nachbarn, sofern es angeschaltet ist.
- Denken Sie an uns, schauen Sie uns auch mal an. Ja, wir sind's. Uns gibt es wirklich.