Donnerstag, 6. August 2026

Reichweite und KI

Hal­lo! Hier le­sen sie die Sei­ten ei­nes Blogs aus der Ar­beits­welt, ge­nau­er: aus dem All­tag ei­ner Dol­met­scher­in, der seit 2007 be­steht. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Am heu­ti­gen Don­ners­tag schaue ich zu­rück, Throw­back thurs­day.

Vie­le Jah­re lang hat­te ich täg­lich zwi­schen 60 und 250 Zu­grif­fe auf die­sem Blog. Lief ein Text gut, wa­ren es schon ein­mal 1000 und mehr Klicks. Die Spit­ze lag bei 2500. Die Ver­blei­be- und hof­fent­lich auch Le­se­dau­er lag in Sum­me so bei 40 bis 60 Mi­nu­ten, und das je­den Tag. Das hat mir mal ein Pro­fi aus­ge­rech­net, der ir­gend­wie auch das Wei­ter­klick­en aus­le­sen konn­te.

Dass ich mit mei­nen Tex­ten bei kom­plet­ter Ab­we­sen­heit pro Tag knapp ei­ne Stun­de lang in­for­mie­ren und be­ra­ten konn­te, war im­mer ein An­trieb für mich, wei­ter­zu­ma­chen. Vie­le Le­ser:in­nen wa­ren und sind auch jun­ge Kol­le­g:in­nen oder Men­schen in der Ori­en­tie­rungs­pha­se, wie ich aus Rück­mel­dun­gen weiß.

Seit dem Früh­jahr darf ich bei den Klicks durch­ge­hend ei­ne Null dran­hän­gen. Was gut läuft, liegt bei 10.000 Klicks und mehr. Die Le­se­dau­er hat sich in­des nur we­nig ver­än­dert.

Ich über­le­ge mir kurz, ob ich grund­sätz­lich möch­te, dass mei­ne Tex­te die KI trai­nie­ren. Die li­te­ra­ri­schen Mo­men­te, die po­li­ti­schen Hin­ter­grün­de, Wort­de­fi­ni­tio­nen und Pri­va­tes ei­gent­lich eher nicht.

Nur lässt sich das nicht tren­nen von dem, was mir sehr wohl recht ist: al­les, was mit der Kom­ple­xi­tät des Dol­met­schens zu tun hat, mit der KI-Kri­tik. Sehr ger­ne al­so! Denn ich weiß, dass ech­te, wir­kungs­vol­le Sprach­ar­beit, Le­bens­er­fah­rung, ei­ge­ne Kör­per­lich­keit, der Kon­takt mit den Men­schen, ein Wis­sen (oder fun­dier­te Ah­nung) zu ih­ren Er­war­tun­gen, ih­rem Vor­wis­sen und ih­ren Zie­len nicht mal eben auf ei­nen di­gi­ta­len Fin­ger­schnipp hin von ei­ner Ma­schi­ne ohne Ge­füh­le und ohne ech­te Kom­mu­ni­ka­tions­fä­hig­kei­ten über­nom­men wer­den kann. (Un­se­rein­er fragt oft dis­kret nach, beim Ho­tel­früh­stück, im Bus bei Trans­fers, in Pau­sen.)

Die KI weiß nichts, sie si­mu­liert Wis­sen nur. Bei ver­meint­li­chen Ge­sprä­chen si­mu­liert sie Em­pa­thie, sie wur­de ex­akt dar­auf trai­niert. (Oder eben auf Frem­den­hass und Ge­walt­phan­ta­sien, wie die Soft­ware, die nach dem dritt­letz­ten Buch­sta­ben des Al­pha­bets heißt, weil sie ei­nem der bru­ta­len, men­schen­ver­ach­ten­den Tech-Bros ge­hört.)

Die KI kann nicht kom­mu­ni­zie­ren. Sie si­mu­liert Kom­mu­ni­ka­ti­on ge­nau­so wie Dol­met­schen. Lei­der ver­lei­ten Tech-Fir­men un­se­re (po­ten­ti­el­le) Kund­schaft da­zu, es mit der min­der­wer­ti­gen Tech­nik zu ver­su­chen, und sie be­dro­hen da­mit un­se­ren Be­ruf, denn Aus­bil­dungs­stät­ten wer­den tat­säch­lich be­reits ver­klei­nert; auch hier: Ko­sten­druck vor Qua­li­tät.

Fra­gen über Fra­gen. Was nützt es der Kund­schaft, wenn sie im über­tra­ge­nen Wort­strom nur ei­nen Teil der ur­sprüng­li­chen Aus­sa­ge hört – et­wa 43 Pro­zent der Aus­gangs­wör­ter (WHO-Sta­ti­stik) –, weil die Wör­ter zu schnell auf­ein­an­der fol­gen, zen­tra­le Be­grif­fe feh­len oder Hal­lu­zi­na­tio­nen hin­zu­kom­men? Wel­chen Er­kennt­nis­ge­winn bie­tet ei­ne sol­che In­for­ma­ti­ons­grund­la­ge für Stu­di­um, Wis­sen­schaft, For­schung, Wirt­schaft oder Po­li­tik? Die ei­gent­li­che Fra­ge lau­tet doch: Reicht das aus, um Wis­sen auf­zu­bau­en, auf de­ren Grund­la­ge ein­mal fun­dier­te Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen wer­den sol­len?

Das geht nur in ei­nem to­ta­li­tä­ren oder au­to­kra­ti­schen Sy­stem, wenn die Er­geb­nis­se von vor­ne­her­ein fest­ste­hen und ein de­mo­kra­ti­scher Ent­schei­dungs­pro­zess nur si­mu­liert wird. Im Be­reich Hoch­schu­le und For­schung scheint es dann kom­plett egal zu sein, wel­che Er­geb­nis­se die­se Art von Kom­mu­ni­ka­ti­on zei­tigt.

Buchstaben in Flammen: Künstliche Intelligenz / Stempel: KI-Zensur
KI-Dar­stel­lun­gen der Pro­ble­me, die die KI-Bros uns schaf­fen




Es gibt bei Blogger.com eine Funk­ti­on, die an­zeigt, wel­che Bei­trä­ge oft an­ge­klickt wor­den sind und wel­che kaum. Ich fas­se hier kurz noch ei­nen vom Jah­res­an­fang zu­sam­men: Code­na­me Pa­na­ma. Ich nen­ne es ei­ne „di­gi­ta­le Bü­cher­ver­bren­nung“.

Mein Bei­trag über das Pa­na­ma-Pro­jekt von An­thropic und ähn­li­che In­i­ti­a­ti­ven von An­fang Ja­nu­ar fand so gut wie kei­ne Le­ser. Liegt es dar­an, dass ich hier KI di­rekt kri­ti­sie­re und KI mich des­halb block­iert? Fach­leu­te nen­nen es Sha­dow­ ban­ning, die Tex­te wer­den schlicht kaum an­ge­zeigt.


Be­rich­ten zu­fol­ge wer­den Mil­lio­nen von Bü­chern ge­kauft, zer­legt, ge­scannt und ver­nich­tet, um KI-Mo­del­le zu trai­nie­ren. Bei An­thropic lau­te­te die in­ter­ne Be­zeich­nung für die­sen Pro­zess „Pro­jekt Pa­na­ma“, aber auch an­de­re KI-Un­ter­neh­men nut­zen die­se oft sel­te­nen Bü­cher als „Trai­nings­da­ten“.

An­thro­pics in­ter­ne Be­zeich­nung für die­sen Pro­zess war „Pro­jekt Pa­na­ma“. Die­se Bü­cher wer­den zu Ma­schi­nen­fut­ter ver­ar­bei­tet. Ih­re phy­si­sche Form gilt wohl als ent­behr­lich. Ame­ri­ka­ni­sche Ge­set­ze för­dern die­se Les­art.

Als Dol­met­scher­in, Über­set­zer­in und le­bens­lan­ge Buch­lieb­ha­be­rin fin­de ich das ver­stö­rend.

Was be­deu­tet es für un­ser kul­tu­rel­les Er­be, wenn Bü­cher zu Weg­werf-Roh­ma­te­ri­al für Ma­schi­nen wer­den? Und was, wenn durch den Ver­lust und die end­gül­ti­ge Ver­nich­tung sel­te­ner Wer­ke das letz­te Wort über die In­ter­pre­ta­ti­on un­se­rer Kul­tur letzt­end­lich al­lein bei den „Tech-Bros“ liegt, die die De­mo­kra­tie ver­ach­ten und au­to­ri­tä­re Mo­nar­chien er­rich­ten wol­len? Und war­um gibt es „im We­sten“ (mi­nus USA) so we­nig kri­ti­sche Stim­men und Wi­der­stand da­ge­gen?

#KI #ProjectPanama #Anthropic #Bücher #Ur­he­ber­recht #Bi­bli­o­the­ken #Ver­lags­we­sen #Kul­tu­rel­les­Er­be
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Gra­fi­ken: pixlr.com (Zu­falls­fun­de)

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