Rücksprung in tragische Geschichten: Es gibt die sogenannten Wolfskinder, die aus den verschiedensten Gründen ohne Eltern oder andere Bezugspersonen aufwuchsen. Sie konnten viele Grundlagen des Lebens nicht lernen, weil niemand da war, der sie begleitete. Sie konnten ihre Defizite meistens nicht aufholen.
Lernen ist Mühsal. Ein Kind muss erst kriechen, krabbeln, hinfallen, sich hochziehen, wieder hinfallen, aufstehen, wackeln, stolpern, wieder fallen und wieder aufstehen. Das geht schier endlos so. Irgendwann kann es laufen. Niemand käme auf die Idee, einem einjährigen Kind einen Roboter hinzustellen, der für es läuft, und dann zu sagen: „Siehst du? Jetzt kannst du gehen.“ Beim Lernen machen viele aber genau diesen Denkfehler.
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| Die KI als Selbstbespielungsmaschine |
Es braucht Zeit und Geduld, um z.B. eine Sprache zu lernen.
Die KI mit ihrer Geschwindigkeit macht zusammen mit den immer kürzeren Filmchen auf den Seiten der asozialen Medien die Menschen immer ungeduldiger. Das ist für uns Große schon gefährlich, aber bei den Kleinen wird es brandgefährlich.
Sprechenlernen braucht Hingabe, egal ob Erst- oder Zweitsprache. Wir müssen den Sinn hinter den Wörtern erfassen, vielleicht sogar mehrere Bedeutungsebenen. Wir lernen beim Probieren, beim Basteln mit Silben, beim Sprechen. Wir suchen nach Wörtern, vergreifen und korrigieren uns. Wir erleben, wie ein Laut, ein Wort schmeckt und im Mund liegt, welche Muskeln dabei arbeiten und welche Nuance in welcher Situation passt.
Die ganze Zeit geht es um viel mehr als Vokabeln und Grammatik. Das kann die Maschine schnell auswerfen und analysieren, manchmal bekommt sie sogar die Nuance hin. Aber sie liefert das Wahrscheinlichste, nicht das Erlebte, Erprobte.
Für die sprachliche Entwicklung von Kindern zählt, wie vielfältig, detailreich, synonymreich, emotional authentisch und differenziert die Sprache ist, die sie von Eltern und anderen Bezugspersonen hören. Der frühe Grundlagenkurs in Coding ist dahingegen komplett wumpe, wie es auf Berlinisch heißt, schietegal auf Hamburgisch, a Hennafurz auf gut Schwäbisch.
Ein Kind, das für „traurig“ acht verschiedene Wörter und Wendungen kennenlernt, hat etwas gelernt, das sich nicht so einfach durch einen weiteren digitalen Skill ersetzen lässt. Es lernt, Unterschiede wahrzunehmen, Gefühle zu benennen und Empfindungen zu unterscheiden. Es lernt, sich zu regulieren und, falls nötig, Hilfe zu holen. Und es bekommt ein Werkzeug, mit dem es später selbst weiterdenken kann: Sprache und Struktur, Differenzierungs- und Entscheidungskompetenz.
Das eigentliche Problem an der großen KI-Euphorie der Tech-Bros ist deshalb gar nicht, dass diese Technologie nichts „kann“. Im Gegenteil: Sie „kann“ auf Grundlage der Imitation unserer Kulturprodukte erstaunlich viel (hier gehe ich davon aus, dass „Können“ erworbene Fähigkeiten von Lebewesen bezeichnet).
Das Problem ist die Verwechslung von Zugang zu wissensbasierten Inhalten mit eigenem Wissen; von rechnerischer Leistungsfähigkeit mit Verstehen; von einer fertigen Antwort mit einem selbst erarbeiteten Inhalt, den wir auf Plausibilität prüfen können.
Wie soll die KI uns alle klüger machen? Wir haben dieses Experiment doch längst gemacht. Das Internet hat uns die Bibliothek der Menschheit in die Hand gegeben. Jeder kann Platon lesen, Sprachen lernen, sich mit Geschichte, Physik, Musik oder Ökologie beschäftigen. Es gibt Vorlesungen, Kurse, Dokumentationen und die wunderbare Idee einer Université de tous les savoirs: Wissen ist da.
Und was haben wir daraus gemacht?
Wir haben, plötzlich wissensdurstig, eben nicht millionenfach den Weg an die Hochschulen angetreten. Stattdessen verbringen wir einen erstaunlichen Teil unserer Zeit damit, uns in sozialen Medien gegenseitig beim Verblöden zuzusehen. Das Problem ist also nicht der fehlende Zugang zu Wissen. Das Problem ist, was Menschen mit diesem Zugang anfangen.
Mit der KI bekamen viele Menschen ein grandioses Werkzeug: einen personalisierten Tutor, eine Lektorin, einen Programmierer, eine Rechercheassistentin und Zugang zu mehr Wissen, als ein einzelner Mensch jemals überblicken kann. Und dann machen die meisten Menschen damit im Wesentlichen denselben Murks wie zuvor, dafür schneller und mit noch mehr Einsatz von Energie, Wasser und Land für die Rechenzentren, mitten in einer multiplen Klimakrise.
Das gilt natürlich nicht für alle Bereiche. In Medizin, Technik und Informatik können Maschinen durch die Rekombination bestehenden Wissens neue Erkenntnisse, Funktionsweisen und Softwarelösungen ermöglichen. Aber auch dort bleibt die Frage, wer das Ergebnis versteht, einordnet und prüft.
Ein besseres Werkzeug macht aus Menschen nicht automatisch bessere Lebewesen. Es macht uns vielleicht zu leistungsfähigeren Menschen mit all unseren Neurosen, der Bequemlichkeit, der Unwissenheit, dem schlechten Geschmack und dem Bedürfnis vieler, am liebsten gar nichts mehr selbst machen zu müssen.
Die KI kann erklären, recherchieren, formulieren und verbessern. Sie kann aber auch einfach zwölf Seiten Unsinn produzieren, die irgendwie nach Wissen aussehen. Und wenn dieser Unsinn dann millionenfach ins Netz gekippt wird, haben wir nicht nur ein Bildungsproblem. Wir vergrößern mit dem großen Widerkäuer den weltweiten Datenmüll, während die Maschine, der wir das verdanken, kostbare Ressourcen immer knapper werden lässt.
Das ist die große Paradoxie: Wir haben mehr Zugang zu Wissen als je zuvor und immer bessere Werkzeuge, um etwas damit anzufangen. Aber Lernen lässt sich nicht outsourcen.
Ein Kind muss laufen lernen. Es muss fallen und wieder aufstehen. Im KI-Zeitalter dürfen wir nicht verlernen, selbst zu denken, selbst zu üben, selbst zu irren, selbst zu scheitern und daraus zu lernen.
Aus Kindergärten und Schulen ist zu hören, dass immer mehr Kinder nicht mehr rückwärts gehen oder eine Schere benutzen können, dafür auf jedem Handy sofort Unterhaltungsprogramme finden, auch wenn sie noch gar nicht lesen können. Das ist die Alarmstufe ROT. Wir riskieren, digitale Wolfskinder heranzuziehen — und selbst zu erwachsenen digitalen Wolfskindern zu werden.
Wer weiß, was Bildschirmmedien mit Aufmerksamkeit und Entwicklung machen können, schützt die eigene Brut davor. Die Tech-Bros wissen das sehr genau. Deshalb schicken die Tekkies im Silicon Valley ihre Kinder gerne in den Waldorfkindergarten und später auf Schulen dieser Geisteshaltung. Im Kindergarten spielen sie mit Rinde, Ästchen und Moos, Mobiltelefone und Computer sind verpönt und werden in der Schule nur in homöopathischen Dosen eingesetzt. Ähnlich restriktiv, wie wir echten Konservativen es ja auch halten wollen.
Und ja: Die KI kann auch gute Lernprogramme schreiben. Wer methodisch arbeiten kann, kritisch bleibt, Quellen liest und Inhalte abgleicht, kann sie als Werkzeug nutzen.
______________________________Foto: pixlr.com (Zufallsfund)

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