Mittwoch, 19. August 2026

Wolfskinder

Hal­lo, lie­be Le­se­rin, lie­ber Le­ser! Wer schreibt hier? Ich bin Kon­fe­ren­dol­met­sche­rin für die fran­zö­si­sche Spra­che mit Deutsch als Mut­ter­spra­che und blog­ge an die­ser Stel­le im 20. Jahr. Ich über­set­ze auch aus dem Eng­li­schen, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Heu­te mal wie­der: KI-Mitt­woch.

Rück­sprung in tra­gi­sche Ge­schich­ten: Es gibt die so­ge­nann­ten Wolfs­kin­der, die aus den ver­schie­dens­ten Grün­den oh­ne El­tern oder an­de­re Be­zugs­per­so­nen auf­wuch­sen. Sie konn­ten vie­le Grund­la­gen des Le­bens nicht ler­nen, weil nie­mand da war, der sie be­glei­te­te. Sie konn­ten ihre De­fi­zi­te meis­tens nicht auf­ho­len.

Ler­nen ist Müh­sal. Ein Kind muss erst krie­chen, krab­beln, hin­fal­len, sich hoch­zie­hen, wie­der hin­fal­len, auf­ste­hen, wa­ckeln, stol­pern, wie­der fal­len und wie­der auf­ste­hen. Das geht schier end­los so. Ir­gend­wann kann es lau­fen. Nie­mand kä­me auf die Idee, ei­nem ein­jäh­ri­gen Kind ei­nen Ro­bo­ter hin­zu­stel­len, der für es läuft, und dann zu sa­gen: „Siehst du? Jetzt kannst du ge­hen.“ Beim Ler­nen ma­chen vie­le aber ge­nau die­sen Denk­feh­ler.

Mädchen mit süßlichem Lächeln auf dem "Bärenfell" mit Selfie-Handy in der Hand
Die KI als Selbstbespielungsmaschine 
Ler­nen braucht Übung und Pra­xis. Vor al­lem braucht es den Mo­ment, in dem et­was nicht funk­tio­niert: in dem wir nach­fra­gen, uns ver­has­peln, Feh­ler ma­chen und es wei­ter ver­su­chen. Er­kennt­nis ent­steht nicht da­durch, dass die rich­ti­ge Ant­wort je­der­zeit ver­füg­bar ist. Ler­nen braucht auch ein Ge­gen­über aus Fleisch und Blut. Wer das Ler­nen ge­lernt hat, kann spä­ter na­tür­lich selbst­stän­dig mit al­ler­lei Quel­len ar­bei­ten. Das In­ter­net kann ei­ne da­von sein.

Es braucht Zeit und Ge­duld, um z.B. ei­ne Spra­che zu ler­nen.

Die KI mit ih­rer Ge­schwin­dig­keit macht zu­sam­men mit den im­mer kür­ze­ren Film­chen auf den Sei­ten der aso­zia­len Me­di­en die Men­schen im­mer un­ge­dul­di­ger. Das ist für uns Gro­ße schon ge­fähr­lich, aber bei den Klei­nen wird es brand­ge­fähr­lich.

Spre­chen­ler­nen braucht Hin­ga­be, egal ob Erst- oder Zweit­spra­che. Wir müs­sen den Sinn hin­ter den Wör­tern er­fas­sen, viel­leicht so­gar meh­re­re Be­deu­tungs­ebe­nen. Wir ler­nen beim Pro­bie­ren, beim Bas­teln mit Sil­ben, beim Spre­chen. Wir su­chen nach Wör­tern, ver­grei­fen und kor­ri­gie­ren uns. Wir er­le­ben, wie ein Laut, ein Wort schmeckt und im Mund liegt, wel­che Mus­keln da­bei ar­bei­ten und wel­che Nu­an­ce in wel­cher Si­tua­ti­on passt.

Die gan­ze Zeit geht es um viel mehr als Vo­ka­beln und Gram­ma­tik. Das kann die Ma­schi­ne schnell aus­wer­fen und ana­ly­sie­ren, manch­mal be­kommt sie so­gar die Nu­an­ce hin. Aber sie lie­fert das Wahr­schein­lichs­te, nicht das Er­leb­te, Erprobte.

Für die sprach­li­che Ent­wick­lung von Kin­dern zählt, wie viel­fäl­tig, de­tail­reich, sy­no­nym­reich, emo­tio­nal au­then­tisch und dif­fe­ren­ziert die Spra­che ist, die sie von El­tern und an­de­ren Be­zugs­per­so­nen hö­ren. Der frü­he Grund­la­gen­kurs in Co­ding ist da­hin­ge­gen kom­plett wum­pe, wie es auf Ber­li­nisch heißt, schie­te­gal auf Ham­bur­gisch, a Hen­na­furz auf gut Schwä­bisch.

Ein Kind, das für „trau­rig“ acht ver­schie­de­ne Wör­ter und Wen­dun­gen ken­nen­lernt, hat et­was ge­lernt, das sich nicht so ein­fach durch ei­nen wei­te­ren di­gi­ta­len Skill er­set­zen lässt. Es lernt, Un­ter­schie­de wahr­zu­neh­men, Ge­füh­le zu be­nen­nen und Emp­fin­dun­gen zu un­ter­schei­den. Es lernt, sich zu re­gu­lie­ren und, falls nö­tig, Hil­fe zu ho­len. Und es be­kommt ein Werk­zeug, mit dem es spä­ter selbst wei­ter­den­ken kann: Spra­che und Struk­tur, Dif­fe­ren­zie­rungs- und Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz.

Das ei­gent­li­che Pro­blem an der gro­ßen KI-Eu­pho­rie der Tech-Bros ist des­halb gar nicht, dass die­se Tech­no­lo­gie nichts „kann“. Im Ge­gen­teil: Sie „kann“ auf Grund­la­ge der Imi­ta­ti­on un­se­rer Kul­tur­pro­duk­te er­staun­lich viel (hier ge­he ich da­von aus­, dass „Kön­nen“ er­wor­be­ne Fä­hig­kei­ten von Le­be­we­sen be­zeich­net).

Das Pro­blem ist die Ver­wechs­lung von Zu­gang zu wis­sens­ba­sier­ten In­hal­ten mit ei­ge­nem Wis­sen; von rech­ne­ri­scher Leis­tungs­fä­hig­keit mit Ver­ste­hen; von ei­ner fer­ti­gen Ant­wort mit ei­nem selbst er­ar­bei­te­ten In­halt, den wir auf Plau­si­bi­li­tät prü­fen kön­nen.

Wie soll die KI uns al­le klü­ger ma­chen? Wir ha­ben die­ses Ex­pe­ri­ment doch längst ge­macht. Das In­ter­net hat uns die Bi­blio­thek der Mensch­heit in die Hand ge­ge­ben. Je­der kann Pla­ton le­sen, Spra­chen ler­nen, sich mit Ge­schich­te, Phy­sik, Mu­sik oder Öko­lo­gie be­schäf­ti­gen. Es gibt Vor­le­sun­gen, Kur­se, Do­ku­men­ta­tio­nen und die wun­der­ba­re Idee ei­ner Uni­ver­si­té de tous les sa­voirs: Wis­sen ist da.

Und was ha­ben wir dar­aus ge­macht?

Wir ha­ben, plötz­lich wis­sens­durs­tig, eben nicht mil­lio­nen­fach den Weg an die Hoch­schu­len an­ge­tre­ten. Statt­des­sen ver­brin­gen wir ei­nen er­staun­li­chen Teil un­se­rer Zeit da­mit, uns in so­zia­len Me­di­en ge­gen­sei­tig beim Ver­blö­den zu­zu­se­hen. Das Pro­blem ist al­so nicht der feh­len­de Zu­gang zu Wis­sen. Das Pro­blem ist, was Men­schen mit die­sem Zu­gang an­fan­gen.

Mit der KI bekamen vie­le Men­schen ein gran­dio­ses Werk­zeug: ei­nen per­so­na­li­sier­ten Tu­tor, ei­ne Lek­to­rin, ei­nen Pro­gram­mie­rer, ei­ne Re­cher­che­as­sis­ten­tin und Zu­gang zu mehr Wis­sen, als ein ein­zel­ner Mensch je­mals über­bli­cken kann. Und dann ma­chen die meis­ten Men­schen da­mit im We­sent­li­chen den­sel­ben Murks wie zu­vor, dafür schnel­ler und mit noch mehr Ein­satz von Ener­gie, Was­ser und Land für die Re­chen­zen­tren, mit­ten in ei­ner mul­ti­plen Kli­ma­kri­se.

Das gilt na­tür­lich nicht für al­le Be­rei­che. In Me­di­zin, Tech­nik und In­for­ma­tik kön­nen Ma­schi­nen durch die Re­kom­bi­na­ti­on be­ste­hen­den Wis­sens neue Er­kennt­nis­se, Funk­ti­ons­wei­sen und Soft­ware­lö­sun­gen er­mög­li­chen. Aber auch dort bleibt die Fra­ge, wer das Er­geb­nis ver­steht, ein­ord­net und prüft.

Ein bes­se­res Werk­zeug macht aus Men­schen nicht au­to­ma­tisch bes­se­re Le­be­we­sen. Es macht uns viel­leicht zu leis­tungs­fä­hi­ge­ren Men­schen mit all unseren Neu­ro­sen, der Be­quem­lich­keit, der Un­wis­sen­heit, dem schlech­ten Ge­schmack und dem Be­dürf­nis vieler, am liebs­ten gar nichts mehr selbst ma­chen zu müs­sen.

Die KI kann er­klä­ren, re­cher­chie­ren, for­mu­lie­ren und ver­bes­sern. Sie kann aber auch ein­fach zwölf Sei­ten Un­sinn pro­du­zie­ren, die ir­gend­wie nach Wis­sen aus­se­hen. Und wenn die­ser Un­sinn dann mil­lio­nen­fach ins Netz ge­kippt wird, ha­ben wir nicht nur ein Bil­dungs­pro­blem. Wir ver­grö­ßern mit dem gro­ßen Wider­käu­er den welt­wei­ten Da­ten­müll, wäh­rend die Ma­schi­ne, der wir das ver­dan­ken, kost­ba­re Res­sour­cen im­mer knap­per wer­den lässt.

Das ist die gro­ße Pa­ra­do­xie: Wir ha­ben mehr Zu­gang zu Wis­sen als je zu­vor und im­mer bes­se­re Werk­zeu­ge, um et­was da­mit an­zu­fan­gen. Aber Ler­nen lässt sich nicht out­sour­cen.

Ein Kind muss lau­fen ler­nen. Es muss fal­len und wie­der auf­ste­hen. Im KI-Zeit­al­ter dür­fen wir nicht ver­ler­nen, selbst zu den­ken, selbst zu üben, selbst zu ir­ren, selbst zu schei­tern und dar­aus zu ler­nen.

Aus Kin­der­gär­ten und Schu­len ist zu hö­ren, dass im­mer mehr Kin­der nicht mehr rück­wärts ge­hen oder ei­ne Sche­re be­nut­zen kön­nen, da­für auf je­dem Han­dy so­fort Un­ter­hal­tungs­pro­gram­me fin­den, auch wenn sie noch gar nicht le­sen kön­nen. Das ist die Alarm­stu­fe ROT. Wir ris­kie­ren, di­gi­ta­le Wolfs­kin­der her­an­zu­zie­hen — und selbst zu er­wach­se­nen di­gi­ta­len Wolfs­kin­dern zu wer­den.

Wer weiß, was Bild­schirm­me­dien mit Auf­merk­sam­keit und Ent­wick­lung ma­chen kön­nen, schützt die ei­ge­ne Brut davor. Die Tech-Bros wis­sen das sehr ge­nau. Des­halb schi­cken die Tek­kies im Si­li­con Val­ley ih­re Kin­der ger­ne in den Wal­dorf­kin­der­gar­ten und spä­ter auf Schu­len die­ser Geis­tes­hal­tung. Im Kin­der­gar­ten spie­len sie mit Rin­de, Äst­chen und Moos, Mo­bil­te­le­fo­ne und Com­pu­ter sind ver­pönt und wer­den in der Schu­le nur in ho­mö­o­pa­thi­schen Do­sen ein­ge­setzt. Ähn­lich re­strik­tiv, wie wir ech­ten Kon­ser­va­ti­ven es ja auch hal­ten wol­len.

Und ja: Die KI kann auch gu­te Lern­pro­gram­me schrei­ben. Wer me­tho­disch ar­bei­ten kann, kri­tisch bleibt, Quel­len liest und In­hal­te ab­gleicht, kann sie als Werk­zeug nut­zen.

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Fo­to:
pixlr.com (Zu­falls­fund)

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