Wer diesen Blog regelmäßig liest, weiß: Ich sehe Sprache nicht als bloße Aneinanderreihung von Wörtern, sondern als Handwerk, als komplexes Beziehungsgeflecht und — vor allem — als Verantwortung. Maschinen können das nicht. Wenn in der Diplomatie oder bei einer Aufsichtsratssitzung Wörter falsch gewählt werden, wird es brenzlig.
Bislang hieß es von den Tech-Evangelisten zu solchen Situationen, die von der KI ausgelöst wurden, nur gelangweilt bis übercool: „Na und? Dann halluziniert die KI eben ein bisschen. Ist doch nur Technik, versendet sich, ist egal.“ Dieses „Egal“ war eine Chiffre für ‚Haftet ja keiner dafür‘. Falsch gedacht.
Die Schonfrist für Algopfusch ist endgültig vorbei.
Die Gerichte haben eine glasklare Linie gezogen. Und das hat massive Auswirkungen darauf, wie Unternehmen, Messen, Medien und diplomatischer Dienst künftig mit dem Thema Dolmetschen umgehen müssen. Das Landgericht München I hat geurteilt (Az. 26 O 869/26), dass Google direkt für fehlerhafte Antworten seiner KI-Zusammenfassungen haftet. Die Richter argumentierten: Wer KI-Texte generiert und als fertiges Ergebnis präsentiert, macht sich diese Inhalte zu eigen. Dieses Prinzip lässt sich eins zu eins auf das KI-Dolmetschen übertragen.
Ein Live-„Übersetzungs“tool spuckt nicht bloß Wörter aus einem Wörterbuch aus, es generiert eigenständig Sätze. Wenn dieses Tool in einer Verhandlung grobe Fehler macht oder, wie es so schön euphemistisch heißt, „halluziniert“, steht der Betreiber oder das einsetzende Unternehmen voll in der Verantwortung. Dazu kommt die EU-Produkthaftungsrichtlinie. KI-Systeme gelten rechtlich als „Produkte“. Bedeutet: Der Hersteller haftet bei Fehlern verschuldensunabhängig und unbegrenzt.
Beim unkontrollierten Einsatz von KI-Systemen im Profi-Bereich reden wir nicht über kleine Tippfehler. Wir reden über handfeste Risiken. In der Wirtschaft kann eine falsch gedolmetschte Klausel bei einer Übernahme oder ein missverstandenes Detail in einer Patentverhandlung den Deal komplett zum Einsturz bringen. Das mündet in Schadensersatzforderungen, die in die Millionen gehen. In der Diplomatie kann ein Nuancen-Fehler bei einem Hintergrundgespräch internationale Verstimmungen auslösen.
Ein Staat kann sich bei diplomatischen Krisen nicht darauf berufen, dass „der Bot einen schlechten Tag hatte“.
Besser wissen müssten es eigentlich diejenigen, die solche Tools verkaufen.
Moderne Tech-Anbieter und Vertriebsleute versprechen das Blaue vom Himmel, um ihre Software als vollwertigen Ersatz für menschliche Dolmetscher zu positionieren. Sie ignorieren dabei bewusst, dass die Technologie einer qualifizierten Fachkraft frappierend unterlegen ist.
Zehn knallharte Gründe, warum KI-Systeme das richtige Dolmetschen schlichtweg gar nicht beherrschen können:
🛑 Lückenfantasie: KI erfindet bei Unklarheiten plötzlich komplett eigene Inhalte dazu, die Halluzinationen.
🛑 Kontextblindheit: Gesellschaftliche Anspielungen oder Kultur-Kontexte werden nicht erfasst.
🛑 Lärmkollaps: Hintergrundgeräusche oder Nebengespräche bringen das System zum Absturz.
🛑 Dialektschwäche: Starkes Nuscheln oder lokale Akzente verzerren das Resultat vollständig.
🛑 Wortchaos: Wenn Menschen durcheinanderreden, verliert der Algorithmus den Faden.
🛑 Körperignoranz: Gestik und Mimik werden nicht ‚gesehen‘, obwohl sie die Bedeutung steuern.
🛑 Fehlerketten: Verspricht sich der Redner, übersetzt die KI den Abbruch unkorrigiert mit.
🛑 Wortspielabsence: Komplexe Metaphern ergeben nach der KI-Übertragung oft keinen Sinn.
🛑 Ironietaubheit: Zwischentöne wie Sarkasmus versteht die Maschine meistens wortwörtlich.
🛑 Empathieferne: KI kann unhöfliche Spitzen in Verhandlungen nicht deeskalierend glätten.
Ein Tool hat kein Unrechtsbewusstsein. Eine Software spürt kein Schamgefühl, wenn sie ein Unternehmen in den Ruin treibt, und man kann sie nicht vor Gericht zerren. Wir menschlichen Dolmetscherinnen und Dolmetscher bieten etwas, das keine KI der Welt replizieren kann: Berufsethos und Haftung. Wir stehen mit unserem Namen, unserem Verstand und, ganz pragmatisch, mit unserer Berufshaftpflichtversicherung für die absolute Präzision unserer Arbeit gerade.
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| Arbeitsplatz Dolmetschkabine |
Wie sehen Sie das? Haben Sie in Ihrem geschäftlichen Alltag schon erlebt, dass KI-Übersetzungen zu echten Missverständnissen geführt haben? Schreiben Sie's mir gern in den Kommentaren!
Herzliche Grüße aus der Kabine (Sommeruniversität),
Ihre
Caroline Elias
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Foto: C.E. (Archiv)

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