Dienstag, 18. August 2026

Wüstendesign

Bon­jour und gu­ten Tag! Sie sind auf mei­nen di­gi­ta­len Ta­ge­buch­seiten ge­lan­det. Ich bin Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin mit mehr als 20 Jah­ren Be­rufs­er­fah­rung, als Teil ei­nes Netz­werks eu­ro­pa­weit tä­tig zu Wirt­schafts- und Kul­tur­the­men, Kli­ma und Land­wirt­schaft, um nur vier Bei­spie­le zu nen­nen. Vor der Kon­fe­renz­sai­son hel­fe ich der­zeit Pri­vat­kund­schaft. Heu­te ist der ers­te Strick­jacken­tag die­ses Ul­tra­som­mers. Zeit für ei­nen Rück­blick, der lei­der sehr ak­tu­ell ist. 

Neu­lich war ich als Dol­met­scherin bei ei­ner Haus­be­sich­ti­gung auf dem plat­ten Land. „Das plat­te Land“ fühlt sich in Ber­lin erst ein­mal wie ei­ne Redens­art an. Ber­lin ist ja topf­eben. Die Hü­gel, die wir ha­ben, sind groß­teils Kriegs­schutt­ber­ge, „Mont Kla­mott“ ge­nannt.

Es ging um den Nach­zug einer Fa­mi­lie in ei­ne Lan­des­haupt­stadt eines öst­li­chen Bun­des­lan­des. Die Ehe­frau war ei­nem Ruf an eine ört­li­che Hoch­schu­le ge­folgt, die Fa­mi­lie hat­te die Nase voll vom Pen­deln. Der Re­gio­nal­zug brachte uns, den fran­zö­sisch­spra­chi­gen Familien­vater und mich, in die Stadt, wo eine jun­ge Da­me uns am Bahn­hof er­war­tete. In ei­ner schi­cken Limou­si­ne ging es an den Ziel­ort: eine rela­tiv junge Sied­lung in einer Ge­gend, die jahr­zehn­te­lang kei­nen Zu­bau ge­kannt hatte.

In den Nach­bar­gär­ten sah die Wie­se aus, als wä­re sie mit dem Li­neal mani­kürt, über­all wa­ren die Rasen­spreng­er im Ein­satz. Die an­gren­zen­den Äcker: Wüs­ten­sand­gelb stand das zu kurze Ge­trei­de, da­ne­ben ver­dorr­te Son­nen­blu­men, die wie Vo­gel­scheu­chen aus­sa­hen. Und an vie­len Grund­stü­cken mit den teu­ren Immo­bi­li­en — ein­deu­tig der Mil­lio­närs­hü­gel der Ge­mein­de — stan­den die­se grü­nen, eng­ma­schi­gen Metall­zäu­ne, die frü­her vor allem in Indus­trie­ge­bie­ten als bil­ligs­te Ein­he­gung zu se­hen wa­ren und in de­nen sich Tie­re, zum Bei­spiel Igel, zu Tode quä­len kön­nen, wenn sie sich dar­in ver­fan­gen. Da sind dann die Plas­tik­bän­der, die als Sicht­schutz ein­ge­floch­ten wer­den, viel­leicht sogar gut. Aber nur viel­leicht.

Gabionen, Steine, Steine ... und ein zartes Baumstämmchen
Gesehen anderswo
Die Alter­na­tive da­zu wa­ren Stein­gär­ten. Auf dem Fuß­weg zum Res­tau­rant, eini­ge Stun­den spä­ter, konn­ten wir den Hitze­stau durch die­se An­häu­fun­gen schon Meter im Vor­aus spü­ren. Wüs­ten­de­sign, nur dass es in Eu­ro­pa nachts eben nicht so kalt wird wie in der Sa­ha­ra. 
Am schlimms­ten fand ich ei­nen Me­tall­zaun mit ei­nem Tarn­netz aus ver­wit­tern­dem Plas­tik­e­feu oben­drauf. 

Das Gan­ze sah mehr nach Mili­tär­ba­sis aus als nach dem hilf­lo­sen Ver­such, Na­tur zu imi­tie­ren.

Ich hat­te an die­sem Tag eini­ges zu dol­met­schen. Die Ver­käu­fe­rin pries die Vor­zü­ge des Hau­ses und der Sied­lung an, sie wies auf das groß­zü­gi­ge Umfeld hin, und ich über­trug das alles brav und voll­stän­dig ins Fran­zö­sische. Ge­nau dafür bin ich schließ­lich da. Ich rei­ße mich zu­sam­men: kei­ne Iro­nie, kei­ne hoch­ge­zo­ge­ne Au­gen­braue, kei­ne klei­ne sprach­li­che Kurs­kor­rek­tur in Rich­tung Wirk­lich­keit. Eine Dol­met­scherin ist nicht dafür da, ei­ge­ne Kom­men­tare zu lie­fern.

Bei dem Ein­satz fiel es mir aller­dings nicht ganz leicht, die An­prei­sun­gen eins zu eins zu über­tra­gen, wäh­rend ich auf die­se Land­schaft schaute. Das Dol­met­schen war al­so noch an­stren­ge­nder, als sonst schon.

Die Ver­käu­fe­rin zeig­te uns dann noch ei­ni­ge Lie­gen­schaf­ten. Es wur­de nicht besser. Auf dem Weg zum Res­tau­rant gin­gen die Ver­käu­fe­rin und die Familien­mut­ter ein Stück vor uns durch eine ähn­liche, klei­ne­re, nicht ganz so vor­neh­me Sied­lung. Mon­sieur und ich folg­ten mit et­was Ab­stand. So war­en wir für einen Mo­ment unter uns. Nun durf­te ich er­fah­ren, was er von der Ge­gend hielt. Sehr viel diplo­ma­ti­scher als ich hät­te sein kön­nen, war er da­bei aller­dings nicht.

Schließ­lich wur­de es ein Dorf in der Nach­bar­schaft, ge­fun­den über Klein­an­zei­gen. Dort zieht die Fa­mi­lie bald in ei­nen res­tau­rier­ten Rest­hof, umge­ben von ech­ter Na­tur. 

#Deutschland #Hitze #Steingarten #Wassermangel #August2026 

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Fo­to: C.E. (Archiv)

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