Mittwoch, 26. August 2026

Die nette Apo­ka­lypse

Bon­jour & he­llo! Her­zlich will­kom­men beim ers­ten deut­schen Dol­met­scher­web­log aus dem In­ne­ren der Dol­metsch­ka­bi­ne. Ich bin Dol­met­scher­in für die fran­zö­si­sche Spra­che, und ich über­set­ze auch (auch aus dem Eng­li­schen und meis­tens ins Deut­sche). Auf die­sen Sei­ten be­rich­te ich über die­se Ar­beit im Be­reich Kom­mu­ni­ka­ti­on, Kul­tur und in­ter­na­tio­na­ler Aus­tausch. Heu­te: KI-Mitt­woch.

Die KI-Gran­den spre­chen mit er­staun­li­cher Ge­las­sen­heit da­von, mit wel­cher Wahr­schein­lich­keit ihre Er­fin­dung die Mensch­heit aus­lö­schen oder sie dauer­haft ent­mach­ten wird. Sie schät­zen die Ge­fahr auf et­was zwi­schen 25 und 50 Pro­zent ein.

Nie­mand wür­de in ein Flug­zeug ein­stei­gen, das mit der Wahr­schein­lich­keit von 25 bis 50 Pro­zent ab­stür­zen wird. Hier aber lau­tet der Re­frain: „Kein Grund zur Pa­nik! Fas­ten seat­belt! Auf zur nächs­ten Run­de!“

... und (fast) al­le se­hen das Prob­lem!
Die Ge­men­ge­la­ge er­weist sich als fast nied­lich, wenn wir be­denk­en, WER hier am Werk ist: Die mehr als 3.000 Mil­li­ar­dä­re der Welt besit­zen inzwi­schen 18,3 Bil­lio­nen Dol­lar, wäh­rend die ärmere Hälf­te der Mensch­heit weni­ger besitzt als die zwölf reichs­ten Män­ner zusam­men. In der Spit­zen­grup­pe der Überreichen fin­den sich Tech-Män­ner — und nicht eine Frau.

Diese Her­ren ser­vie­ren uns ein Ar­gu­ment, das ich eine Beru­hi­gungs­pil­le nen­ne: Sie be­haup­ten, dass Ar­beit künf­tig optio­nal wer­den kön­ne, da Maschi­nen für uns ar­bei­ten wür­den. Und da­mit nie­mand in Pa­nik ver­fällt, wird hin­ter­her­ge­scho­ben, dass jed­er Mensch ein üppi­ges Grund­ein­kom­men be­kom­men wer­de.

Ach, wie über­aus beru­hi­gend!

Nur: Wenn die­se Her­ren wirk­lich so sehr am Wohl­er­ge­hen der Mensch­heit inter­es­siert wä­ren, wa­rum ma­chen sie nicht heu­te schon et­was? Sie könn­ten längst einen be­trächt­li­chen Teil ih­res Ver­mö­gens und ih­res poli­ti­schen Ein­flus­ses ge­zielt da­für ein­set­zen, Hun­ger, ver­meid­ba­re Krank­hei­ten und extre­me Armut zu bekämp­fen und die Struk­tu­ren dau­er­haft zu ver­än­dern, die die­se Un­gleich­hei­ten seit Jahr­hun­der­ten pro­du­zie­ren. Das Geld da­für ha­ben sie, den Ein­fluss auch, die Tech­nik erst recht.

Statt­des­sen bau­en sie Rechen­zen­tren, die ex­trem viel Strom, Was­ser, Land und Infra­struk­tur bean­spru­chen, für de­ren Be­trieb neue Gas­kraft­wer­ke ent­ste­hen sol­len. Kurz: Die KI ist ein ast­rei­ner CO₂-Trei­ber. Ers­ter Wi­der­stand regt sich vie­ler­orts; man­che Gemein­den ver­hin­dern oder brem­sen die Pla­nung aus. (Wohl dem Land, des­sen de­mo­kra­ti­sche Struk­tu­ren funk­tio­nie­ren!) Die In­ter­na­tio­na­le Energie­agen­tur (IEA) erwar­tet, dass sich der welt­wei­te Strom­ver­brauch von Rechen­zen­tren bis 2030 etwa ver­dop­pelt.

Und auch die öko­lo­gi­schen Neben­wir­kun­gen wer­den unter­sucht: Lärm, Licht, elek­tro­ma­gne­ti­sche Fel­der, Was­ser­ver­brauch sowie die Fra­ge, was sol­che Anla­gen mit den Öko­sys­te­men ma­chen, in die sie ge­stellt wer­den. Bei Bie­nen gibt es bereits Hin­wei­se auf Beein­träch­ti­gun­gen der wert­vol­len Ar­beit der Be­stäu­ber durch Re­chen­zen­tren; der direk­te Nach­weis steht aller­dings noch aus.

Die ei­gent­li­che Zu­kunfts­vi­sion muss eine an­de­re sein: nicht Ma­schi­nen­herr­schaft mit Grund­ein­kom­men, son­dern Men­schen­herr­schaft über die Ma­schi­nen. Denn wir sind die Mehr­heit, wir ha­ben Stimm­recht, wir kön­nen NEIN sa­gen, wenn unse­re Land­schaf­ten, unser Was­ser, unser Strom und un­se­re Le­bens­zeit für die nächs­te Bil­lio­närs­phan­ta­sie drauf­ge­hen sol­len.

Wir müs­sen nicht bei den dys­to­pi­schen Bil­dern und den lee­ren Ver­spre­chen der Tech-Bros ste­hen blei­ben. Es gibt vie­le po­si­ti­ve Bil­der ei­ner le­bens­wer­ten Zu­kunft, die wir ent­wic­keln und ver­brei­ten dür­fen. Das mit der Ver­brei­tung ist ei­ne Fra­ge der Kom­mu­ni­ka­tion. Die mensch­li­che Psy­che zieht lei­der Ne­ga­tiv­mel­dun­gen vor. Wir sind eine Spe­zies, de­ren Psy­che noch auf dem Stand der Höh­len­be­woh­ner funk­tio­niert. Da­mals war es über­le­bens­wich­tig, Ge­fah­ren schnell zu er­ken­nen.

Chan­cen ha­ben es schwe­rer. Da­bei gibt es star­ke Bil­der ei­ner an­de­ren Zu­kunft: Schwamm­städ­te, Agro­forst­wirt­schaft, re­gio­nal an­ge­pass­tes Saat­gut, Markt­gärt­ne­rei­en, Hu­mus­auf­bau, na­tür­li­che Wäl­der, Was­ser­land­schaf­ten, ge­sun­de Bö­den und Le­bens­mit­tel. Ge­nos­sen­schaft­li­ches Bau­en, Holz, Lehm und ge­sun­de Bau­stof­fe, Mit­be­stim­mung, De­mo­kra­tie und Bil­dung mit Kopf, Hän­den und dem Bo­den un­ter den Fü­ßen.

High­tech wird da­zu­ge­hö­ren, wenn sie uns hilft, Zu­sam­men­hän­ge zu ver­ste­hen, statt sie zu zer­stö­ren, wenn sie beim Mes­sen und Ana­ly­sie­ren und In­for­mie­ren hilft.

Die Na­tur ist kom­ple­xer, als wir den­ken; sie ist so kom­plex, dass wir sie noch nicht ver­ste­hen. Auf dem Mars ist der Bo­den tot. Hier ist al­les mit al­lem ver­bun­den und wir sind ihre Schü­ler. Wir wis­sen viel, aber längst nicht ge­nug. Wir sind al­le Lehr­lin­ge. Nur eins ist klar: Wir Men­schen sind Teil der Na­tur. Au­ßer­halb ei­ner ge­sun­den Na­tur kön­nen wir nicht über­le­ben.

Die Welt ge­hört uns nicht, wir ge­hö­ren zu ihr. Uto­pie statt Apo­ka­lyp­se, lau­tet die Pa­ro­le. In­ner­halb der nächs­ten Ta­ge folgt da­zu mehr.


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Gra­fik: C.E. (mit al­ten Mit­teln plus Pho­to­shop)

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