Freitag, 12. Dezember 2008

Von Wollmäusen und Windwürsten

Es gibt Vokabeln, die lernt man nur im wirklichen Leben - oder man erfindet sie selbst. Zum Beispiel Sätze wie: "Die Wollmaus, das Haustier des alleinstehenden Mannes", das Wort ist hübsch, der Satz ist passé, weil diese possierlichen Staubtiere auch bei vielen Single-Frauen Einzug gehalten haben (und vermutlich immer hatten).

Andere Worte wiederum sind vom Aussterben bedroht. Der "möblierte Herr" beispielsweise, das ist eben schon erwähnter alleinstehende Mann, der ohne Ameublemang bei einer älteren, alleinstehenden Dame mit zu viel Wohnraum eingezogen ist und dem vermutlich am Ende des Tags dann ein typisch deutsches kaltes Abendbrot gereicht wird. Zu den achtzimmrigen Wohnungen Wilmersdorfer Offizierswitwen gehört auch das Wort "kalte Mamsell". Als ich das Wort das erste Mal hörte, dachte ich an "kalter Hund", was ein Kinderkuchen aus Keksen und Schokoglasur ist, denn das Wort fiel aus Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, beim Bäcker. Das Wort passt indes zur Offizierswohnung: eine solche Mamsell kommt ins Haus, delegiert vom Feinkostgeschäft, und richtet das kalte Buffet für den erwarteten Besuch. Danke an Heiner, der Bestätigung ausgerechnet in dem DDR-Nachschlagewerk "Wörter und Wendungen" fand, Untertitel: Wörterbuch zum täglichen Sprachgebrauch, Hg. Erhard Agricola u.a., VEB Bibliographisches Institut Leipzig. 14. Auflage 1990: die kalte Mamsell (umg.; Köchin für die kalte Küche).

Wie ich auf derlei Wortmöbel aus vergangenen Zeiten komme? Nein, ich habe keine weitläufige Offizierswitwenwohnung geerbt, die ich nun untervermieten müsste, leider. Der "short cut" (auf nicht ganz so modern: die 'Assoziation') war "Wohnung" in Verbindung mit "kalt".

Was bei mir im Flur an der Tür liegt, um die Zugluft von der Treppe einzudämmen sowie das Ballett der Wollmäuse, ist ein "Dings". So hieß es bis vor kurzem. In einen Postsack hüllte ich alte Frotteetücher, die von Fahrradgepäckschlaufen akkurat zusammengehalten werden. Dieses Dings nun heißt, so befand zumindest ein französischer Gast unlängst, auf Französisch ein "boudin", Blutwurst also. Und ich kenne etliche Franzosen, die bei der Blutwurst recht schnell "Deutschland" assoziieren, wenn man sie lässt. Weil diese samt dem Sauerkraut angeblich von den "krauts" käme (wie die Engländer sagen), was aber mangelnde interkulturelle Kenntnis der französischen Regionalsprachen und -kulturen verrät. Das Elsass nämlich schreibt sich das Sauerkraut auf ihre Fahnen ... äh, nein, so nun doch nicht. (Und ich hielt die Blutwurst immer für englisch.)

Kurz: Mein Türdings ist eindeutig französisch, was das Bild beweist. Und heißt ab jetzt nicht mehr "Dings" oder gar "Windwurst", sondern "Postwurst".


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