Montag, 15. Februar 2010

Berlinalegeflüster: 13 Arten, ein Festival zu dolmetschen

Hallo! Sie sind auf den Seiten einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache gelandet. Hier schreibe ich in loser Folge über die Arbeit, beschreibe komplexe, aber auch komische Momente ... und antworte auf Fragen.  

Wieviele unterschiedliche Möglichkeiten, als Dolmetscher auf der Berlinale zu arbeiten, gibt es eigentlich?", fragt mich Manuel Feifel von der kanadischen Botschaft, als ich Montag am frühen Nachmittag für ein knappes Stündchen am Stand der AG DOK stehe und gerade einen polnischen Produzenten verabschiedet habe, der einen Koproduktionspartner in Berlin sucht. Da ich acht Jahre lang für den mitgliederstärksten deutschen Filmverband Marketing auf Messen und Märkten gemacht habe, komme ich ab und zu her, vor allem heute, in einer Pause zwischen zwei Dolmetscheinsätzen, denn die Verbandskollegen sitzen gerade bei der all­jähr­li­chen Mitgliederversammlung zusammen, da unterstütze ich unsere Stand­be­treu­er gerne als "Aushilfe".

Zurück zur Frage: Wieviele Arten des Dolmetschens gibt es beim Festival?

Normalerweise unterscheiden wir mit dem Begriff Dolmetscharten die Methoden der Übertragung, also konsekutiv, simultan, Begleit- und Verhandlungs­dol­­met­schen. Auch Bühnendolmetschen ist eine Unterart.

Selten wird bislang nach den Einsatzarten unterschieden, wie sie hier an ein- und demselben Ort gefragt sein können. Die Arbeit von Dolmetschern auf der Berlinale ist enorm vielfältig, wie eben gerade mit dem polnischen Kollegen, das geht auf basic market english, bei der Koproduzentensuche sind vor allem Fach- und Bran­chenkenntnisse gefragt, erster Dolmetschanlass also. Jemand, der nur als Dol­met­scher arbeitet, wird hier sein Glück nicht finden.
Zuvor habe ich für den Deutschland-Korrespondenten des mexikanischen Fern­sehens ein Einzelinterview mit Dokumentarfilmregisseur Nicolas Philibert ge­dol­metscht, für den ich das erste Mal Mitte der 1990-er Jahre tätig wurde, als sein Film "Le Pays des sourds" in Deutschland herauskam (der Film ist von 1992, aber ich glaube, dass es eher 1995 war, als wir "Im Land der Stille" in Berlin vorstellten ...) Das ist die zweite Dolmetschsituation.
Die dritte sind Publikumsgespräche wie sie in der Sektion "Internationales Forum des Jungen Films" üblich sind. Den alten Hasen Nicolas, der später mit "Etre et avoir" (Haben und sein) berühmt wurde, werde ich dort morgen wiedertreffen.
Der zweite Nachmittagstermin war eine Veranstaltung zwischen Kontaktanbahnung und Casting  — Regisseur sucht jungen Schauspieler, zwischendurch wurde fast ein wenig inszeniert, der Filmnachwuchs durfte auf meine Stichworte reagieren, mich anspielen. Das ist die vierte Art des Dolmetschens "bei Films", die im kreativen Prozess.  
Fünftens erwartet mich noch Ende dieser Woche, es sind die Gruppeninterviews (press junkets), eine Art kleiner Pressekonferenz, wo immer eine Handvoll Jour­nalisten einem Filmschaffenden Fragen stellen.
Die sechste Variante, wie Dolmetscher auf der Berlinale eingesetzt werden, ist auf den großen Pressekonferenzen des Wettbewerbs zu beobachten, hier sitzen wir in den Kabinen, jemand vom Auswahlkomitee oder ein Dramaturg moderiert, die internationale Presse stellt die Fragen.
Dem geht die siebente Art des Dolmetschens auf der Berlinale voraus, das simul­tane Einsprechen von Filmen, die im Festivalpalast nicht nur untertitelt gezeigt, sondern in einigen anderen Weltsprachen auch noch per Konferenztechnik verfolgt werden können.
Gefolgt von achtens, Mediendolmetschen, das werde ich diese Woche vermutlich wieder fürs französische und deutsche Radio erleben: Live-Verdolmetschung von Hörfunkinterviews. 
Die neunte Möglichkeit, als Dolmetscher das Festival zu unterstützen, wäre Flüsterdolmetschen für ein Jurymitglied, und zwar sowohl beim Filmesichten als auch in der Diskussion darüber, wer ausgezeichnet wird, das durfte ich mal vor Jahren für Catherine Breillat.
Gefolgt von zehntens: Kurze Reden und Danksagungen bei Preisverleihungen und sonstigen Ehrungen, hatte ich auch schon, von (Rabah) Ameur-Zaïmeche über (Jeanne) Moreau bis hin zu (Bob) Wilson.
Und unter elf möchte ich die klassische Arbeit als Konferenzdolmetscherin auf­füh­ren, es gibt Veranstaltungen zur Geschichte der Kinoarchitektur und zur me­di­a­len und technischen Zukunft des Kinos, Gespräche zwischen Film­pro­du­zen­ten und Filmfinanziers.
Für Punkt zwölf fällt mir noch das Dolmetschen für die Technik ein, für den Rück­ka­nal, zum Beispiel bei der Arte-Nachrichtensendung. Dazu kam neulich recht kurzfristig eine Anfrage rein, ich konnte aber leider nicht so schnell reagieren ...
Dreizehn gibt's jetzt auch noch: Das Abendessen im festlichen Rahmen und die Aufrechterhaltung munterer Plaudereien bei Tisch.

Hab' ich was vergessen? Dann bitte melden! Die Reihenfolge ist übrigens weder hierarchisch noch logisch motiviert, ich habe einfach eins nach dem andren aufgezählt, so, wie mir die Situationen einfielen.

Lustig, dass ausgerechnet das simultane Einsprechen von Filmen Platz sieben ab­be­kom­men hat.

Zusammen mit Dolmetschen am Set ist das die Königsdiziplin dessen, was unsereiner fürs Kino tun kann, das in Frankreich nicht zufällig "die siebente Kunst" heißt.

Danke, Manuel, für die Frage. Mir war selbst nicht bewusst, dass wir so viele un­ter­schiedliche Einsätze im Rahmen ein- und desselben Festivals haben können!

___________________________________________________
Foto: Die siebente Art, für den Film zu dolmetschen, ist das simultane Einsprechen. Hier die Tür der Französischkabine im Berlinale-Palast.

Sonntag, 14. Februar 2010

Berlinalegeflüster: Julien Boisselier im Interview

Der Ort: ein Haus, das manche Journalisten "Luxusherberge" nennen würden. Wir befinden uns in einem Hotelzimmer, für das der Verleih für einen Tag soviel gezahlt hat, wie in Berlin eine Vierzimmerwohnung im Monat kostet. Das Bett wurde rausgeräumt, die Wände teilweise mit Stoff verhängt, die notwendigen Stangen und Stoffe hat das Kamerateam mitgebracht. Dann sitzen Schauspieler, Kameramann, Tonassistent und ich einen halben Nachmittag auf diesen wenigen Quadratmetern zusammen und ein Journalist nach dem anderen betritt den Raum, hat seine zehn Minuten oder auch mal 15 für ein Interview.

Der Rest ist Übung: Die Fragen ähneln sich, die Antworten manchmal auch, es gibt Versatzstücke, die immer wieder auftauchen, die für mich als Dolmetscherin aber auch gefährlich sind: Da ich das Gefühl habe, zu wissen, was jetzt kommt, muss ich doppelt so gut aufpassen, beim Hören ebenso wie beim Wiedergeben. Julien Boisselier, der den französischen König Henri IV im Film "Henri 4" von Jo Baier verkörpert, macht seine Sache super. Er erzählt spannend, komplex, lächelt, versucht, auch über die Sprachbarriere hinweg einen persönlichen Kontakt zum Interviewer aufzubauen, was ihm oft gelingt. Der Zeitverzug in der Kommunikation ist in der Vorabsprache und wenn die Fragen gestellt werden minimal, da dolmetsche ich simultan. Dann kommen die Antworten, die natürlich akustisch 'sauber', also ohne jede Parallelstimme, aufgezeichnet werden müssen. Hier mache ich mir Notizen und spreche anschließend allein ins Mikro.

Mit der Zeit wird im Raum die Luft knapp. In den kurzen Umbaupausen schütten wir Tee und Wasser nach, stellen Kataloge in die Tür, damit Luft über den Flur reinkommt, aber der Türheber ist zu stark. Die Pausen sind so kurz, dass wir es einmal für ein paar Minuten schaffen, die Vorhänge aufzuziehen und das Fenster zu öffnen, bevor sich der nächste Interviewer ankündigt. "Kurze Pause" ist übrigens eine der wenigen Dinge, die Julien auf Deutsch versteht ...

Zeitsprung: Weil jetzt Jo Beier vor der Kamera interviewt wird, tauschen wir die Räume. Julien und ich ziehen in ein etwas größeres Zimmer um, dort finden die Interviews für Printmedien statt. (Zuerst lüften aber wir den Raum mit Blick auf Scharouns Philharmonie, verbrauchte Luft auch hier.)

Spannend finde ich, wie Julien den Dreh mit deutschem Team in Deutschland, der tschechischen Republik und Frankreich beschreibt. Er hätte bei der Arbeit zum Film, der das Leben des Königs, der in Frankreich für eine frühe Phase der Aufklärung steht, in epischer Breite erzählt, wundervolle Schauspielerkollegen kennengelernt, berichtet er, die ihre Arbeit mit großer Ernsthaftigkeit betrieben hätten, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen. "Le star système" sei hier nicht so ausgeprägt wie in Frankreich mit der schönen Folge, dass man am Set ruhiger und konzentrierter arbeite. Die deutschen Kollegen würden sich oft mehr als Handwerker verstehen denn als Künstler.

Auch vom Essen könne er nur Gutes berichten. Am ersten Drehtag zu "Henri 4" habe es ein phantastisches Buffet gegeben, wie er es bei französischen Drehs noch nicht erlebt habe. Überhaupt sei man in Essensdingen ihm als Franzosen gegenüber zunächst reserviert gewesen, habe seine Erwartungen überschätzt - und dann ganz wunderbare Mahlzeiten aufgetischt. Nur eines habe ihm in Deutschland beim Dreh gefehlt, sagt Julien: Das Glas Wein beim Mittagessen. In Frankreich dürften alle, Technik, Produktion und künstlerische Mitarbeiter, mittags ein Gläschen trinken, in Deutschland verbiete dies ein Gesetz. (Er habe sich aber mit ein, zwei Fläschchen in der Loge beholfen ...)

Die Liste mit Interviewwünschen des Presseagenten haben wir irgendwann abgearbeitet. Mir dröhnt der Schädel. Es war wieder ein kleiner Marathon, nur durch die kurzen Wechselphasen unterbrochen und erleichtert dadurch, dass ich für zwei Journalisten nur die Fragen ins Französische dolmetschen musste bzw. am Ende vielleicht noch einen Satz oder Begriff klären.

Mit der Zeit wird mir klar: Julien hat das Zeug zum Superstar. Ich sag' das mal so ungeschützt, aber als Dolmetscherin beobachte ich, dass es grob sortiert zwei Arten von Filmschaffenden gibt. Da sind auf der einen Seite jene, die sich enorm wichtig nehmen, ihre Selbstinszenierung die ganze Zeit kontrollieren und es unsereinem, ganz vorsichtig ausgedrückt, nicht immer leicht machen. Und dann sind auf der anderen Seite jene, die direkt, menschlich und achtsam sind, die ihr Gegenüber und seine Arbeit wahrnehmen, die auch den Tonmann begrüßen, sich anschließend bedanken und auf die Zwischentöne hören. Die historische Großproduktion der Ziegler Film, der um die 19 Millionen Euro gekostet haben soll, ist Julien Boisselier offenbar nicht zu Kopf gestiegen.

Vielleicht hat auch der Dreh in Deutschland dazu beigetragen, dass Julien sich der anderen so bewusst ist. Wie es denn gewesen sei am Set, wo doch jeder in seiner Muttersprache gespielt habe, wird er gefragt. Am Anfang sicher irritierend, war die Antwort, vor allem dann, wenn vierzig Leute um einen herum um einen Witz lachten und man selbst nichts verstünde. Da könne man schon paranoid werden! Ab und zu habe eine Assistentin für ihn gedolmetscht, aber nicht so Schlag auf Schlag wie hier. Und dann wisse man natürlich, was der Schauspielerkollege zu sagen habe, das stünde ja schließlich im Drehbuch ... alles weitere sei nach einer Zeit des Kennenlernens nonverbal verlaufen: Blicke, die körperliche Präsenz, das Erleben der professionellen Arbeitsweise der anderen und vor allem Gefühle, die man teile - das sei doch der Kern jeder Kommunikation.

Letzte Minuten: Bevor wir auseinandergehen, haben wir noch einen kurzen gemeinsamen Moment des Durchatmens. Julien bedankt sich und entschuldigt sich für drei lange Passagen, wo er einfach vergessen habe, dass er gedolmetscht wird. Und er fügt hinzu, er spüre, dass ich manches schöner ausgedrückt hätte als er und hier und da ein wenig gerafft. Offengestanden überrascht mich diese Bemerkung nicht. Julien hat mit seinem siebten Sinn mitbekommen, dass ich — nicht bei den TV-Interviews, da sind Ablauf und jeder Take wichtig — am Ende einige Redundanzen ausgelassen habe, die sich nach stundenlangen Interviews in ein- und derselben Gesprächssituation schon mal einstellen können.

Fazit: Ich bin sicher, wir werden uns wiedersehen - Au revoir, Julien, et merde pour vos prochains films !

____________________________
Foto vom Dreh: René Karich - Danke nach Leipzig!

Filminfo: Henri IV (2009), D/F 2009, Regie/Buch: Jo Baier, Drehbuch-Koautorin: Cooky Ziesche. Ein Film (bzw. TV-Zweiteiler) nach den Romanen "Die Jugend des Königs Henri Quatre" und "Die Vollendung des Königs Henri Quatre" von Heinrich Mann, deutscher Kinostart im März

Freitag, 12. Februar 2010

Berlinalegeflüster: Inextremitis

Die Welt der großen Festivals mit ihren Stars und glitzernden Roben auf roten Teppichen sieht hinter den Kulissen weniger glamourös aus. Hier beschreibe ich in loser Folge meinen Arbeitsalltag als Dolmetscherin der Berlinale. Zusammen mit hunderten anderer Mitarbeiter trage auch ich in diesen Tagen meinen kleinen Teil dazu bei, dass das Festival im 60. Jubiläumsjahr besonders strahlt.

Am Potsdamer Platz ist eine neue Seuche ausgebrochen, die wir aus der Wirtschaft leider schon kennen - es ist die Inextremitis.

Seit die Berlinale im Winter stattfindet, werden im Januar etliche Filme bereits den Fachkollegen von der Presse gezeigt, und auch Dolmetscher und Moderatoren von Publikumsgesprächen finden sich traditionell zu den Terminen ein. In diesem Zeitraum ging es auch mit den ersten festen Terminabsprachen für die Berlinale los. Dann rutschte dieses Suchen-und-Buchen in die Woche vor der Berlinale hinein, die einst ein ruhigeres Moment ohne viele Pressevorführungen war: Die Kataloge waren im Druck, die Termine standen grosso modo, unsereiner atmete vor der Eröffnung des Festivals nochmal tief durch. Mit dieser Ruhe ist es jetzt vorbei, inzwischen schnurren die Planungen auf die letzten Tage vor Festivalbeginn zusammen. Müde vom Jonglieren mit Terminen sitze ich also heute Morgen in der französischen Botschaft beim ersten Einsatz, einem Produzentengespräch, da läutet das Mobiltelefon gleich drei Mal während eines Panels. In der Pause versuche ich zu erfahren, wer mich da anrief - und telefoniere selbst ins Leere. Nach der Veranstaltung rufe ich erneut zurück, gewissermaßen im Davonrennen. Anruf eins und zwei wäre ein Einsatz für heute Abend gewesen, Anruf drei einer für morgen. Heute Abend hätte ich gekonnt, aber inzwischen hat man das anders gelöst, und morgen bin ich schon gebucht.

Warum muss alles immer in extremis sein, in letzter Minute? Warum haben viele keine Sekretariate mehr, die erreichbar sind, während Chefin oder Chefin selbst im Termin ist? Hier muss ich mich an die eigene Nase fassen, meine engste Kollegin hatte mal eine Assistentin - aber außerhalb der Festivals bleibt uns selbst genügend Zeit für Kostenvoranschläge, die ohnehin Chefinnensache sind, weil die Anfragen immer komplizierter und aufwendiger wurden. Jemanden anzuheuern, der ausschließlich Termine aufnimmt, auf die Idee bin ich noch nicht gekommen. Und die anderen offenbar auch nicht.

So rödeln wir alle in den knappen Zwischenzeiten des Sputens von Termin A nach Termin B, was einst Wegezeit und Pause war, ist nicht selten optimiert und wurde der Arbeitszeit zugeschlagen. Unschöner Nebeneffekt: kaum einer kann noch delegieren und manches, das dann mal eben so schnell wegorganisiert wird, geht, ohne viele Gedanken darauf zu verschwenden, rasch an irgendwen, weil die Nummer der Person, über die wir neulich sprachen, eben nicht greifbar ist ... Hier gebe ich wieder, wie uns dieser Tage ein Auftrag verlorenging: Veranstalter und Moderatorin einer Diskussionsrunde wollten mich engagieren, die oberste Chefin hat zwischen zwei anderen Terminen mal rasch jemanden angerufen, um den Punkt abhaken zu können. Das ist ein Nebeneffekt der Tatsache, dass wir alles selbst machen und es in der Hektik zunehmend schwerfällt, wichtig von dringend zu unterscheiden ...
Und mal kurz innehalten und nachdenken, wie wäre das? Scheint irgendwie nicht nötig, ist ja noch immer gut gegangen.

Der Dauerzeitdruck und die Überforderung die daraus resultiert, dass wir selbst unsere eigenen Assistenten ersetzen müssen, liegen sicher zu einem Großteil an der komplexer werdenden Welt. Der andere Teil geht aufs Konto der digitalen Büros: Wir ersetzen Mitarbeiter durch Maschinen, die natürlich nicht das gleiche können wie ein mitdenkender, kluger, lernender Mensch, wir geraten in Zeitnot, weil auch Fehlentscheidungen zu reparieren sind, wir erliegen der Illusion, dass alles und alle greifbar sind, dass wir sie auch noch in letzter Minute engagieren können, weil wir ja über ihre MobilnummermailadresseMSNkürzel und was weiß ich noch verfügen.

Inextremitis halt. Ich bin mal gespannt, was nächste Woche noch reinkommt. Bei meiner Telefonrunde Dienstag - telefonisches Nachhaken, nachdem zwei Mails hin- und hergegangen waren - bekam ich einmal die Antwort: "Du rufst viel zu früh an, wir buchen gerade fürs erste Berlinalewochenende, der andere Termin ist ja erst Ende nächster Woche, wir melden uns!" Hoffentlich nicht gerade wieder, wenn ich in der Kabine bin, und falls doch: Bitte übt Euch in Geduld, bis ich wieder telefonieren oder Textnachrichten schreiben kann, das klappt dann schon noch. Ist ja noch immer gut gegangen! Lächeln und weiterrennen, das ist das Motto, the show must go on.

Donnerstag, 11. Februar 2010

Preisgestaltung

Was kostet die Verdolmetschung eines Premierenabends mit gleichzeitiger Moderation? Nennen Sie doch 'mal 'ne Hausnummer!", so lautete in etwa eine Anfrage der letzten Woche. Es geht um einen französischsprachigen Film, und so einfach ist die Antwort nicht.

Auf solche Fragen antworte ich üblicherweise mit einer Gegenfrage. Ich möchte in derlei Situation stets wissen, wie groß der Filmstart ist, erst dann nenne ich meine Preise.

Gehen wir mal davon aus, dass eine Filmkopie um die 800 Euro in der Herstellung kostet. Klitzekleine Verleiher, die nur ein bis zwei Kopien auf den Markt bringen, können mich an einem Abend schon für 100 Euro buchen (in Worten: einhundert). Wer fünf Kopien in Umlauf bringt und damit für diesen Posten 4000 Euro ausgibt, kann mich für ein Fünfundzwanzigstel dieser Summe für den Premierenabend buchen, das sind 160 Euro. Der kleine Filmstart mit nur einer Kopie ist also relativ teurer, ich berechne eben eine Summe für 'Mindestaufwand'. Zehn Kopien kosten den Verleiher 8000 Euro, die Premiere zu dem Film begleite ich gerne für 320 Euro, bei 20 Kopien kommen 640 Euro fürs Dolmetschen und die Moderation hinzu, wir sind noch immer bei 1/25 als Rechentipp für meine Näherungswerte.

Dann flacht die Kurve ab, ca. 750 Euro würde Dolmetschen/Moderieren bei einem Filmstart mit um die 30 Kopien kosten ... bei richtig großen Filmstarts orientiere ich mich am Gesamtbudget des Abends. Anfahrt und Spesen berechne ich separat; der Preis ohne Moderation ist übrigens der Gleiche, denn es kostet mich ja die gleiche Zeit. Nur durch die Verringerung der Vorbereitung kann so ein Abend günstiger werden, wenn ich am Tag für press junkets und den darauffolgenden Abend gebucht werde beispielsweise.

Warum diese Staffelung? 1999 habe ich die Berliner Premiere von "Ressources humaines" (deutscher Verleihtitel: human ressources), den ersten Films von Laurent Cantet, für 300 DM verdolmetscht, den der Verleih "Neue Visionen" im zweiten Jahr seines Bestehens herausgebracht hat, dazu kamen noch drei Interviews. 2008 war mein Arbeitstag plus Abend anlässlich von Cantets Teilnahme am Filmfest München mit "Entre les murs" (Die Klasse) dann das Achtfache wert ...

Ich mag lange, von Vertrauen und gemeinsamem Wachstum geprägte Arbeitsbeziehungen ebenso sehr wie Treue. Und da es natürlich auch heute noch Leute gibt, die ihren ersten Film (oder den ersten internationalen Erfolg) vorlegen, dolmetsche ich auch weiter für Nachwuchspreise, wenn der Filmstart von entsprechender Größe ist.

So bitte ich meine Kunden zunächst um Ehrlichkeit in Selbsteinschätzung und Honorarverhandlung - und anschließend um kritische Evaluierung meiner Arbeit. In den allermeisten Fällen werden schöne, dauerhafte Kontakte daraus. Nur manchmal gibt es Ärger - meistens sind es gar nicht meine Endkunden, die dazu Anlass bieten, sondern die höchst vielfältige Vermittlerebene. Ein Beispiel: Wenn ich wie neulich erst wieder geschehen nicht nur extrem kurzfristig gebucht werde, man mir ohne zu fragen oder sich zu entschuldigen ein Honorar als "das-ist-alles-was-wir-haben!" vor die Nase knallt und dann die Überweisung auch noch Wochen bis Monate braucht, dann ist das nicht gerade comme il faut. Alles schon erlebt, in genau der Abfolge, leider. Und wenn wir im Team arbeiten, trifft es mehrere und wir müssen uns zu mehreren gedulden, was nicht immer einfach ist.

Und es gibt noch einen Grund für meine Preisstaffelung. Goldene Palmen gewinnen "meine" Regisseure nicht jedes Jahr (wie Laurent Cantet vor anderthalb Jahren). Und im Durchschnitt müssen eben Summen herauskommen, die "sich rechnen", ich kann nicht davon leben, nur VIPs zu dolmetschen. Außerdem muss ich als auf Film spezialisierte Dolmetscherin viel sehen. Das Schöne an der Mischkalkulation ist: so werden kleine, zarte Filmpflänzchen indirekt von den Großen gefördert - und ich habe stets den Logenplatz und darf alles aus nächster Nähe über Jahre hindurch beobachten. Auch damit fühle ich mich immer wieder reich entlohnt, aber bitte: Psst, nicht weitersagen!

_________________________________
Foto: Laurent Cantet im Interview mit Rainer Gansera, Dolmetscherin: die Autorin (die nicht verstimmt dreinschaut, sondern nur konzentriert ;-)

Mittwoch, 10. Februar 2010

Notizentechnik

Hallo beim Blog einer Dolmetscherin und Übersetzerin! Hier können Sie mehr über unsere Arbeit erfahren. Heute geht es um die Frage: "Wenn Sie im Kino ein Pu­bli­kums­ge­spräch dolmetschen, schreiben Sie dann Steno oder wie sehen Ihre Notizen aus?"

Zwischen den Jahren und einigen Einsätzen habe ich mich mal wieder mit meiner eigenen Kurzschrift beschäftigt. Dolmetscher notieren beim zeitversetzten (kon­se­kutiven) Dolmetschen die wesentlichen Punkte - und zwar nicht in Steno, wie Sie, lieber anonymer Leser meines Blogs, vermuten (damit sind Sie übrigens in bester Gesellschaft, die Frage höre ich oft!)

An den Hochschulen wird Notizentechnik unterrichtet, es gibt Standardwerke da­zu, am Ende entwickelt jede/jeder von uns sein eigenes System. Da ich in Frank­reich studiert habe, bin ich sehr von der französischen Art des Aufschreibens beeinflusst, dazu kommen deutsche, englische und ein paar spanische Kürzel. Vieles stammt aus der Mathematik, die berühmten +, -, =, <, >, ->, =>, das dürfte bei allen von uns gleich sein. Aus dem Griechischen kommen Buchstaben wie Φ für Philosophie, θ für Theologie oder Theater, ψ für Psychologie usw.

Das einfachste Zeichen, das ich verwende, ist das I, das kürzeste Wort einer Welt­spra­che. Und dann lässt sich mit den An­fangs­buch­staben meiner Sprachen viel anstellen. Logisch, dass D und F meine beiden Arbeitsländer sind, dazu gehören die Adjektive dt und fz und nicht etwa d und f, weil das kleine da­hin­ge­schlän­gel­te Schreib­schrift-F ohne Unterstrich bei mir Film bedeutet ... (Wobei, auf Französisch notiert, heißt f-a durchaus deutsch-französisch, franco-allemand, das ist also kontextabhängig.)

Nehmen wir das E, das scheint einfacher gelagert. Hier habe ich viele Varianten, nur ein "richtiges" E hab ich nicht in Verwendung, weil England GB ist. Auch der Sinn eine auf dem Bauch liegenden Es entschließt sich mir noch nicht. Wer eine gute Idee hat - mit Begründung - bitte her damit! Es geht los mit dem kleinen e von e-Mail oder e-gouvernment: Das macht also sieben Mal "E", denn oben ab­ge­bildete das Zeichen für "europäisch" ist ja nur ein dekliniertes Kürzel.

Smileys "schreiben" viele Kolleginnen und Kollegen sehr detailliert auf, ich nutze sie in ihrer allereinfachsten Art, ohne Augen, das Smiley-Köpfchen grinst oder mault, und wenn etwas ungefähres über seinem Kopf schwebt, eine Tilde, dann denkt das Smiley nach. In der Praxis entstehen viele in­di­vi­du­elle Formen. Das, was notiert wird, ist am Ende oft sprach­un­ge­bun­den, aber nicht nur. Wenn es um wörtliche Wiedergabe geht, notiere ich mit " eingeführte Zitate. Dabei schreibe ich je nach Ent­spannt­heits­grad mehr in dieser oder in jener Sprache auf ...

Im Alltag beobachte ich, dass ich aus­führ­li­cher mitschreibe, je müder ich bin und/oder je länger das Festival dauert. Daher war es eine gute Idee, in den ruhigeren Momenten des Jahres mal wieder in die Bücher reinzugucken.

__________________________
Foto: Hier berichtet eine junge Regisseurin aus Paris über ihre berufliche Integration, aber es ist geschmiert, das q° von question/Frage (1. Zeichen viertletzte Zeile) sieht fast aus wie das Zeichen für Mensch, das ist ein I mit kleinem Kreisköpfchen oben drauf!

Dienstag, 9. Februar 2010

Bitten einer Dolmetscherin an ihren Redner

Lieber Redner (und natürlich auch: liebe Rednerin), also ..., was ich Ihnen schon lange mal in Ruhe sagen wollte: Ihr direkter Draht zum Ohr der Dolmetscherin beginnt beim Mikrofon. Behandeln Sie es bitte sorgsam, ganz so, als säßen wir vor Ihnen und Sie hätten wirklich und leibhaftig ein echtes menschliches Ohr vor sich. Pusten Sie also bitte nicht rein, klopfen Sie nicht dagegen, das würden Sie mit unserem Ohr ja auch nicht tun. Vertrauen Sie darauf, dass wir die Technik vorher überprüft haben, und wenn Sie sie dennoch testen müssen (manchmal gibt es in der Tat Gründe dafür, technische Umbauten zum Beispiel), dann sprechen Sie uns ganz leise einige freundliche Worte zu und prüfen Sie dabei, ob Sie sich selbst über die Lautsprecher hören - dann hören wir Dolmetscherinnen Sie in der Regel auch. (Die männliche Form, der Dolmetscher, sei hier immer mitgedacht; indes, unser Beruf wird so stark von Frauen dominiert, dass ich mir ausnahmsweise mal die weibliche Form als Überbegriff erlaube.)

Wie aktiv sind Sie bei Ihren Vorträgen? Ich will nicht wissen, ob Sie viel mit den Händen rudern (solange Sie uns keinen Schlag aufs Ohr, pardon!, das Mikrofon versetzen), sondern ob Sie zum Beispiel aufstehen, um am Flip Chart oder an der Leinwand, auf die Bilder der PowerPointPräsentation projiziert werden, etwas zu erklären. Dann müssten wir nämlich mit Ihnen mitkommen bzw. "das Ohr" - und das geht zum Beispiel mit einem Ansteck- oder einem mobilen Mikrofon. Sprechen Sie über Ihre Erfordernisse vorher bitte mit dem Veranstalter, denn manches bedarf der Vorbereitung. Und wenn Sie sich dann mitten in Ihrer Rede auf Ihre Dokumente beziehen und z.B. ein mobiles Mikrofon in der Hand halten, denken Sie bitte daran, auch hineinzusprechen. Viele Redner wenden den Kopf in Richtung Präsentationsmaterial und 'nehmen' dabei die Hand, die das Mikrofon hält, nicht mit ...

Sollten Sie noch nicht über viel Rednererfahrung verfügen, können wir Ihnen nur den Tipp geben: üben Sie! Fragen Sie Freunde, Verwandte und Kollegen, ob Sie bei ihnen 'vorsingen' dürfen. Bitten Sie sie, neben dem Inhalt auch auf die Form zu achten, zum Beispiel auf Vortraglänge und auf Ihr Sprechtempo. Wer ein Manuskript abliest oder aufgeregt ist, spricht in der Regel schneller als der- oder diejenige, der/die frei formuliert. Das bringt einen klaren Nachteil für das Publikum mit sich, das Ihnen in Ihrer Sprache zuhört: Das 'Mitdenken' erfordert größere Anstrengungen. Das bringt auch einen Nachteil für Ihr fremdsprachiges Publikum mit sich, denn auch wir Dolmetscher müssen uns eilen, haben aber nicht wie Sie stundenlang über Ihren Absätzen geschwitzt, an Ihren Gedanken gefeilt und Ihre Pirouetten geübt, kurz: Wir müssen zugleich verstehen, was Sie Neues zu sagen haben UND dieses auch noch übertragen. Das ist bei Normalsprechgeschwindigkeit schon eine anstrengende Arbeit, je schneller Sie sprechen, desto mehr Mühen haben wir, Ihnen zu folgen.

Ich hatte eben das Wort "ablesen" verwendet ... Darf ich Sie kurz einmal bitten, sich die schönste Erinnerung an einen Vortrag wachzurufen, die Sie als Zuhörer erlebt haben? Wodurch glänzte Rednerin oder Redner? Durch aktuelle Bezüge - zum Beispiel auch durch Anspielungen auf Dinge, die von anderen Rednern zuvor gesagt worden waren -, durch direkte Ansprache des Publikums, durch Geschliffenheit, Humor, Klarheit der Gedankenführung, oft auch dadurch, dass sie oder er zunächst den Weg vorstellte, den man nunmehr gemeinsam gehen würde und dass dann sie oder er in der Rede in kurzen Momenten des Innehaltens den jeweils letzten Gedanken auf diesem Weg immer wieder 'verortet' hat. Und last but not least, sicher auch durch prägnante Arbeit an Begriffen, Definitionen, Abgrenzungen und konkreten Beispielen ... und wie war das jetzt mit der freien Rede? Wie viel hat - über die Zitate hinaus, der oder die Musterrednerin vom Papier abgelesen?

Die besten Redner sind jene, die frei sprechen, souverän sind, eine Beziehung zu ihrem Publikum aufbauen und sich auf dessen Wissenstand einstellen können. Am wenigsten eingängig haben doch die meisten unter uns jene erlebt, die sich angestrengt an ihrem Manuskript festgehalten haben und dabei so chaotisch durch ihre Gedanken gestolpert sind, dass der Weg im Nachhinein für die geneigte Zuhörerschaft nur noch mit Mühen nachzuvollziehen war.

Nun ist es nicht jedem gegeben, ohne viel Lampenfieber souverän öffentlich zu reden, aber auch hier gilt: Übung macht den Meister. Und jetzt habe ich, Ihre Stimme aus dem Kopfhörer, noch eine kleine Bitte: Die Struktur Ihrer Rede, Ihre Stichworte, Zitate und Ihre digitalen Präsentationen oder Kurzfilme (bzw. dessen Skript) interessieren mich nicht erst dann, wenn Sie anfangen zu sprechen - ich denke mich gerne ein in das, was Sie mitzuteilen haben, und ich nehme mir auch gerne im Vorfeld Zeit dafür. Deshalb würde ich mich sehr freuen, von Ihnen beizeiten (z.B. eine Woche zuvor, spätestens am Vorabend) Informationen über den Inhalt Ihres Vortrags zu erhalten, damit ich mich einarbeiten kann. Dazu müssen Sie mich nicht direkt anmailen, oftmals kennen Sie mich ja gar nicht. Der Veranstalter wird Ihre Mail indes gern an mich weiterleiten.

Dann bis die Tage bei der Konferenz. Wir sind ganz Ohr!__________________
Foto: Wikipedia.fr / common license

Donnerstag, 4. Februar 2010

Der Dolmetscher, der doch einer war

Dolmetscher sind wie Produktionsleiter - ihre Arbeit fällt nur dann auf, wenn sie nicht gut gemacht ist. Was als Einwurf für Filmleute gedacht war, die unsereinen nicht so recht einschätzen können und auf den Gedanken verfallen, die PR-Mitarbeiterin, die vor dem Studium ein Jahr in Paris zugebracht hat, könne für den Chef des Festival du Film de Cannes mal eben so simultan Filme einsprechen (Gruß nach München!), hat erschreckend Aktualität gewonnen.

Seit dem 15. Januar lachen viele YouTube-Nutzer, etliche Blogger kommentierten bereits das Sprachvermögen eines Unbekannten, als die Kabinenkatastrophe einen halben Monat später auch die Süddeutsche Zeitung erreichte: sehr wohl fiel die Leistung eines völlig überforderten Dolmetschers aus Südostdeutschland auf, der die Worte von Michaels Schwester La Toya Jackson bei einer kurzen Rede anlässlich des Semperoperballs verhunzte, statt zu dolmetschen. Zugegeben, Frau Jackson gehört zu den berüchtigten Hochgeschwindigkeitssprechern, aber als ich den Ausschnitt der Sendung sah, die der MDR live übertragen hatte, war ich trotzdem entsetzt, und fragte mich betreten zusammen mit Arbeitskollegen auf internen Foren: "who done it?" Vermutlich eher der Hausmeister, als der Gärtner, denn ob die Semperoper über Gärten verfügt?

So muss echtes Angelsächsisch klingen - so klingt vor allem jemand, der wirklich kein Dolmetscher sein kann. Mein ganzer Ärger galt dem Sender bzw. jenen Einzelverantwortlichen, die wieder einmal den Dolmetscher zuletzt gebucht und möglicherweise im Honorar gedrückt hatten - oder denen entgangen war, dass ihr Dolmetscher eine Grippe ausbrütet, der dann höchst dramatisch im letzten Moment aus den Schuhen kippt, weshalb besagter Hausmeister in die Bütt' musste oder ein anderer älterer Herr von dem man weiß, dass der mal in England gewesen ist.

Kalauer beiseite, was nach elder Statesman klingt, ist zumindest kein junger Mensch mehr, und er arbeitet tatsächlich als Dolmetscher, erfuhr ich heute aus der Leipziger Volkszeitung. Die sächsische Stimme von Frau Jackson, Arndt Spindler aus Freiberg, gibt dort Folgendes als Ursache des Problems an: "Während der Danksagung von La Toya Jackson war neben ihrer Stimme meine eigene zugeschaltet. Ich habe also mich gehört und konnte die Dame nicht mehr richtig verstehen."

Die Antwort befriedigt mich nicht ganz. Wieso sitzt der Mann für Englisch in der Kabine, wo er im Berufsverband doch für Russisch und Polnisch auf der Liste steht? Wieso gab es keinen Technik-Check, da hätte die Fehlschaltung auffallen müssen? Was war zu Beginn der Verdolmetschung los, das klingt wie ein Fehlstart, als hätte man eine andere Kabine gehört (eine Frau) ... wo saß der Techniker - nicht in Sichtweite? Er hätte reinhören und reagieren müssen! Wieviel Medienerfahrung hatte der Mann? Und zu welchem Honorar wurde er mit welchem Vorlauf engagiert?

Es bleiben Fragen angesichts so vieler Ungereimtheiten!

Dienstag, 2. Februar 2010

Dolmetschmarkt für Russisch?

Heute fragt eine junge Frau aus Russland nach Berufsaussichten als Dolmetscher/Übersetzer:
Sehr geehrte Frau Elias,

als ich Informationen über den Beruf des Dolmetschers/Übersetzers gesucht habe, fand ich Ihren Blog. Ihre Art zu schreiben und Ihre Erfahrung, die Sie weitergeben, haben mir Mut gemacht Ihnen zu schreiben, um nach einem Rat zu fragen.
Ich komme aus St. Petersburg und bin bald mit meinem Studium (Slawistik und Deutsch) in Greifswald fertig. Ich habe einige Praktika als Übersetzer/Dolmetscher in Deutschland gemacht und hatte vor, nach meinem Studium, in St. Petersburg als Übersetzerin/Dolmetscherin zu arbeiten. In St. Petersburg habe ich, bevor ich nach Deutschland gekommen bin, auch ein Studium (Dipl. Englisch und Chemie) absolviert, um auch wissenschaftliche Texte übersetzen zu können.

Vor einem Jahr habe ich geheiratet und muss mich jetzt entscheiden, in welche Richtung ich mich weiterbilde, um in Deutschland erfolgreich arbeiten zu können. Mein Wunsch ist es, als Übersetzerin und Dolmetscherin zu arbeiten. Jedoch finde ich nicht die aktuellen Informationen, ob ich mit meiner Sprach/Fach-Kombination und Russisch als Muttersprache tatsächlich den Bedürfnissen des Marktes entspreche.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie Zeit finden würden, um zu antworten!
Vielen Dank,
Katja

Liebe Katja,

den Russisch-Markt kann ich leider nicht einschätzen. Ich kann nach der Berlinale gern mal ein paar Kolleginnen für Sie dazu befragen (die nicht auf der Berlinale arbeiten, sonst wäre es ein leichtes gewesen, dies' nebenbei zu tun.)

Schon heute möchte ich Ihnen dafür aber auch den Berliner Stammtisch des Bundes der Übersetzer und Dolmetscher (www.BDÜ.de) empfehlen, wo regelmäßig Kolleginnen und Kollegen zusammenkommen und auch sehr freundlich miteinander umgehen. Dort wird es sicher die eine oder andere Kollegin (wahlweise auch Kollegen) geben, der (die) Ihnen da mehr sagen kann. Von Greifswald aus ist Berlin ja gut zu erreichen. Vielleicht können Sie dann auch an der Humboldt-Uni vorbeischauen, der dortige Lehrstuhl für Translationswissenschaft/Dolmetschen für Slawistik scheint auf den ersten Blick nicht so sehr in Mitleidenschaft gezogen wie der für romanische Sprachen (zu meinem großen Unverständnis geht die Berliner Bildungspolitik in den letzten Jahren davon aus, dass wir in Berlin keine vollständige Dolmetscherausbildung mehr brauchen).

Ihre Voraussetzungen lesen sich für mich auf den ersten Blick schon einmal sehr gut - gerade auch, dass Sie neben Sprachen eine naturwissenschaftliche Fachrichtung studiert haben. Es hängt sicher auch von der wirtschaftlichen Entwicklung der kommenden Jahre ab, wie die Nachfrage nach Russisch wächst; Dank Internet können Sie später leicht bei potentiellen Auftraggebern in Russland auf sich aufmerksam machen, die ja oft ihre Endkunden sein dürften, hier denke ich vor allem ans Übersetzen, das sich ja von überall her anbieten lässt. Um ausreichend Dolmetschaufträge zu erhalten, ist in der Regel ein bestimmtes Einzugsgebiet nötig ...

In der Hoffnung, ein klein' wenig zur Antwort beigetragen zu haben, sende ich einen herzlichen Pausengruß nach Greifswald!

Caroline

__________________________
Foto: Mein Wasserball für den Französischunterricht. Rumwerfen, blind mit dem Finger auf ein Land zeigen und einen Satz bilden, dann weiterwerfen ...

Montag, 1. Februar 2010

Frage: Wie werde ich Filmübersetzer?

Bon­jour auf den Sei­ten mei­nes Blogs aus der Spra­chen­welt. Wie schon letztes Jahr antworte ich vor und zum Teil auch während der Berlinale auf Leserfragen. Den Anfang macht eine junge Frau, die in Wien studiert.

Sehr geehrte Fr. Elias!



Ich werde dieses Jahr mein Spanisch und Linguistik Studium in Wien beenden und habe schon seit längerer Zeit versucht Informationen über den Beruf des Film Übersetzers und den Möglichkeiten diesen auszuüben herauszufinden. Dabei bin ich jetzt auf Ihren Artikel in Germanopolis gestoßen und wollte Sie fragen, ob Sie mir einen Rat geben könnten, was ich tun muss oder kann, um dieses Ziel zu erreichen. Danke im voraus!



MFG Romana

Liebe Romana,



der Artikel bei Germanopolis ist nur insoweit von mir, als dass es sich um eine Zusammenfassung eines Vortrags handelt, den ich vor Jahren in der Humboldt- Universität zu Berlin gehalten habe. 



Dass Sie sich für unseren Beruf interessieren, finde ich schön. Indes, "Filmübersetzer und -dolmetscher" ist kein Beruf, sondern eine Spezialisierung, die sehr mühsam zu erlangen ist — wie alle Spezialisierungen, denke ich. Der dazugehörige Grundberuf lautet "Übersetzer und Dolmetscher" und wird heute im Studium oft zusätzlich belegt — oder eben in der neuen Form als Master, nach einem Bachelor in Sprachen, wobei eine grundständige akademische Ausbildung (oder das, was die Franzosen cycle long nennen) meiner Meinung nach mit dem neuen BA- und MA-System nicht zu vergleichen ist. (Ich selbst habe zwar nicht sehr lange Dolmetschen studiert, aber lange studiert und dann einen Beruf gelernt und ausgeübt, und das im Land meiner zweiten Sprache.)



Viel Fachliteratur ...Dann ist es wichtig, gut und gerne zu übersetzen und zu dolmetschen und sich auch in der Muttersprache ständig mit viel Liebe zum Wort weiterzubilden.
Paradoxerweise funktioniert das auch über das Selberschreiben. Dazu kann ich Ihnen nur raten, ohne gleich anderweitige Ambitionen zu entwickeln ...


.
Sie ahnen es wohl schon: das alles braucht Jahre, die arbeitsam, anstrengend und entbehrungsreich sein können.



Welche Sprache ist Ihre Muttersprache? Sie sollten sich ernsthaft die Frage stellen, wie viele Drehbücher in ihre Muttersprache übersetzt werden, ob es im Land ein großes Festival gibt usw., um die wirtschaftliche Tragfähigkeit einer solchen Entscheidung zu prüfen. Und dann ist es natürlich Grundvoraussetzung, ein Filmfreak zu sein, viele Festivals zu besuchen, zu sehen, zu lesen und zu lernen ... sich als Praktikant auf dem Set herumzutreiben und zu schauen, bei welchen Kursen an der Filmhochschule auch Gasthörer zugelassen sind.



Soviel zum Filmschwerpunkt — indes, kaum jemand in unserem Bereich hat nur einen Schwerpunkt, es sei denn, er oder sie ist festangestellt. Auch ich habe weitere Fachgebiete, in denen ich arbeite, aber die Medien bilden schon meinen Schwerpunkt.



Bei den meisten Kolleginnen und Kollegen stellt sich übrigens irgendwann auch in der Arbeit ein Schwerpunkt heraus, am Ende übersetzen die einen mehr, die anderen sie verbringen mehr Zeit in der Kabine. Mein Weg aus der Medienpraxis in die Vermittlung — ich unterrichte auch — ist sehr selten. Ebenso ist es selten, dass jemand wie ich gleichermaßen dolmetscht, übersetzt und selbst schreibt. Ich kenne sonst niemanden, der so arbeitet ... 



Entgegen der landläufigen Vorstellung hat der Schwerpunkt Film und Medien übrigens wenig Glamouröses zu bieten. Klar, ich treffe auf Stars, aber in der Arbeit sind es "Menschen wie du und ich", und da werden nur die Ärmel hochgekrempelt.



Auch Filmparties waren gestern. Seit ich Festivals vor allem als Dolmetscherin besuche, bekomme ich keine Einladungen mehr zu Empfängen, oder nur noch ganz selten. Ich sage es mal mit dem bösen Wort, das angeblich auf einen früheren Botschafters aus dem Bouquet der Frankophonie zurückgeht: "On ne demande pas les laquais à sa table" — man bittet seine Lakaien nicht zu Tisch oder frei übersetzt: man lädt Lakaien nicht zu sich zum Essen ein.

Dieser Satz sagt sehr viel darüber aus, wie viel Verachtung uns Dolmetschern auch entgegenschlagen kann, wenn wir für andere "nur" Sprachrohr sind, das ist das Anti-Glamour-Programm. Ich stehe drüber ... nun, meistens, so ehrlich muss ich sein, und kompensiere durch journalistische Arbeit und den einen oder anderen Film, den ich alle zwei Jahre koproduziere. Als ich "nur" Filmmitarbeiterin war, tanzte ich übrigens auf (fast) allen Berlinale-Parties. 



Falls Sie weitere Fragen haben, erreichen Sie mich unter caroline(at)adazylla.de



Gruß,

Caroline

__________________________________
Foto: C.E. (Nur ein halbes Brett eines
ganzen Filmbücherschranks ...)
Mehr zum Thema hier und hier.

Dienstag, 26. Januar 2010

Räuspertaste

Bonjour, hello und guten Tag! Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin.

Am Dolmetschpult gibt es einen Knopf mit dem schönen Namen "Räuspertaste". Wenn die Anlage eingeschaltet ist können wir damit für die Dauer eines Räusperns oder Hustens akustisch auf Distanz gehen. Das ist sehr sinnvoll, denn laute Geräusche, die einem beim konzentrierten Zuhören plötzlich ins Ohr |ploppen| knallen, sind störend und können schmerzen. Ich erlebe das selbst regelmäßig, wenn ich auf internationalen Festivals der Live-Verdolmetschung zum Beispiel asiatischer Filme oder Theaterstücke lausche. Jeder und jede, die diese auch "Einsprechen" genannte Arbeit gelegentlich leistet, sollte sich regelmäßig anhören, wie es klingt. Das kann sogar lustig werden. Unvergesslich ist die Begleitakustik, die ich einmal bei einem sehr meditativen und entsprechend wortkargen Film aus einer Dolmetschkabine vernommen habe, die im Kabuff des Filmvorführers gleich neben dem Projektor stand: Dolmetscherin und Vorführer parlierten bei offener Kabinentür munter miteinander und flirteten, was das Zeug hielt. Das gab dem Film eine ganz andere, unerwartete Ebene. (Die Kollegin kannte offenbar den Film und hatte hoffentlich nur vergessen, in den stummen Phasen die Anlage auszuschalten.) Seitdem vermeide ich Geräusche, über die ich mir zuvor in der Kabine nie 'nen Kopp' gemacht hatte, auch auf normalen Konferenzen: Gluckern, wenn Wasser nachgeschenkt wird, Trink- und Schluckgeräusche, Naseputzen und derlei. Für all'das gibt es wie gesagt die Räuspertaste.

Den gestrigen Tag werde ich allerdings auch nicht vergessen. Wir dolmetschten eine Sitzung von Menschen, die auf höchster Ebene in einem meiner kulturwirtschaftlichen Fachgebiete tätig sind. Drei ausländische Kollegen waren zur Tagung eingeladen worden, je ein Gast aus zwei französischsprachigen Ländern und ein Vertreter der Verwaltung aus Brüssel. Die Arbeitssprachen waren somit Deutsch und Französisch, obwohl die Muttersprache des Beamten der EU nicht Französisch ist.

Der Vormittag war kein Problem, wir übertrugen alles, was auf Deutsch gesagt wurde, in die Sprache der Gäste. Vor dem Mittagessen kamen unsere zwei Französisch-Muttersprachlerinnen dran, ebenfalls kein Problem. Beim Essen lernten wir kurz unseren letzten "Dolmetschkunden" kennen, was sehr gut war, um sich schon mal auf den Akzent des Euro-Herren einzuhören.

Was dann folgte, war sehr anstrengend. Monsieur hielt seinen Vortrag, mit einer PowerPointPräsentation (PPT) unterstützt, die im Vorfeld von jemandem übersetzt worden war, der kein Fachmann des Themas ist. Meine Kabinenkollegin hörte also die Ausführungen des Redners, wobei sie immer wegblenden musste, was da auf Deutsch parallel zu lesen stand, wunderte sich über fehlende Satzenden, schlecht ausgesprochene, kaum verständliche Vokabeln und über Widersprüche, die sich zu den doch nicht ganz von ihr ausgeblendeten '"Dias" der PPT ergaben. Zum inhaltlichen Kuddelmuddel gesellte sich noch große Hektik und Nervosität des Vortragenden, die zu einer Sprechgeschwindigkeit führten, die mindestens das 1,5-fache des normalen Sprechtempos war.

Dann war die Rede vorbei. Ich übernahm das Mikro für die Diskussion in der Hoffnung, dass die freie Rede des werten Herrn etwas weniger hastig ausfallen möge. Aber weit gefehlt, er holte aus, gestikulierte, knallte mit der Hand ans Mikrophon, dass mir fast das Trommelfell platzte ... und setzte seine chaotische Art des Sprechens fort.

Bei der Übergabe des Mikros nutzten meine Kollegin und ich die kurze Pause, die durch den — zum Teil der Höflichkeit geschuldeten — Applaus entstand, gossen Mineralwasser nach und lästerten ... natürlich unter Betätigung der bereits erwähnten Räuspertaste. Ich lästere höchst ungern, weil ich mich als jemand, die sich die Worte einer oder eines Fremden buchstäblich einverleiben muss, damit selbst gegen ihn oder sie aufbringe. Indes, ab einem gewissen Level ist der kurze, bissige Kommentar zwingend notwendig: Einmal Dampf ablassen und der Kollegin Anteilnahme zeigen, das hilft! Zack und weiter! Jetzt war ich dran, jetzt litt ich, kämpfte und nach getaner Arbeit griff ich wieder nach der Räuspertaste.Was später geschah, fing merkwürdig an. Nach der Konferenz stand ein Empfang mit hohen Kommunalpolitikern auf dem Programm, aber erst saßen wir gemeinsam im Reisebus und besahen uns im Warmen einige touristische Höhepunkte der tiefgefrorenen Stadt. Beim Warten auf die Abfahrt, unterwegs und in der Schlange der Garderobe erhielten wir so viele Bemerkungen wie selten zuvor zu unserer Arbeit, und zwar des Tenors, dass der Beamte aus Brüssel ja wohl fürchterlich gewesen sein müsse und dass wir uns aber wacker geschlagen hätten. Wir waren über so viel Verständnis des Publikums begeistert und haben es leise schmunzelnd zur Kenntnis genommen. Nach den Reden wurde noch getrunken und gegessen. War es der Wein, der noch mehr Vertrauen entstehen ließ? Oder lag es an der Dauer des gemeinsam verbrachten Abends (dadurch befördert, dass jeder Gedanke an die strenge Kälte draußen Aufbruchgedanken lange unkonkret werden ließ) ... kurz, die Bemerkungen zu unserem bürokratischen PowerPoint-Durchstolperer rissen nicht ab, Monsieur sei ja wohl besonders ... wir bejahten dies stets und hielten dann die Klappe. Bis einer unserer Zuhörer anfügte, dass er sich derlei schon gedacht habe, das wäre ja aus dem Gespräch von uns Dolmetscherinnen im Anschluss an den Vortrag messerscharf zu schließen gewesen - eine von uns hätte den Begriff "Höchststrafe" verwendet.

Sie können sich vorstellen, dass wir am liebsten im Boden versunken wären, so peinlich war das. Unser Gegenüber versicherte uns aber, man habe es ganz amüsant gefunden und meinte nur trocken: "Wir Kulturleute haben vollstes Verständnis!"

Soviel zum Thema Räuspertaste, die offenbar auch mal kaputt sein kann. Künftig werden wir schriftlich husten und ausschließlich mimisch kommentieren. Augenrollen, erschrecktes Aufreißen derselben, Vogel zeigen — die Geste überträgt sich unserer geneigten und geschätzten Hörerschaft maximal als das Rascheln eines Jacketts.

_________________________________________________
2. Foto: Ein anderes Technikproblem: Beim Umschalten sprang
mir bei einem anderen Einsatz der Knopf für Französisch entgegen.
Solche Pannen müssten eigentlich nicht sein, aber offenbar wird
auch hier "gespart" ...

Montag, 25. Januar 2010

Wochenendarbeit

Undankbar, diese Wochenendarbeit. Nein, keine Klagen über vorhandene Arbeit in Zeiten, wo viele Menschen gar nichts oder wenig zu tun haben. Aber es ist schon ungerecht, am Wochenende arbeiten zu mussdürfen. Ich fühle mit Ärztinnen mit und Kellnern, Taxifahrern und Opernsängerinnen, die tätig sind, während andere ausspannen.

Letzten Freitagvormittag absolvierte ich etwas vom routinemäßigen Programm aller Freitage, um dann weiterzumachen mit dem, was mich seit einer Woche täglich mindestens eine Stunde beschäftigt: Lesen und lernen für die nächste Konferenz. Dann zur Reinigung gehen, der Anzug ist noch nicht fertig, Vokabellisten ausdrucken, der Drucker geht kaputt, weiterlernen mit Karteikarten und eigenhändig annotierten Zeitungclippings. Am späten Nachmittag fürs Wochenende einkaufen, dann früh einen Kinofilm auf DVD sehen, anschließend eine Badewanne mit entspannenden Essenzen, und so lege ich mich schlafen, als mein Nachbar sich gerade anschickt, in eine Bar zu gehen.

Samstagmorgen klingelt der Wecker um 6.45 Uhr. Halb neun möchte ich am Tagungsort sein, acht Stunden später verlasse ich den Ort des Geschehens, die Augen fallen mir fast zu. Berlin ist rekordkalt, das erhöht die Müdigkeit. Auf dass sich mein Tag-/Nachtrhythmus nicht verschiebe, nötige ich mich zum Wachbleiben. Im Halbschlaf kaufe ich den vergessenen Bio-Ingwer für meine derzeitigen Lieblingsteeaufgüsse (Ingwer mit Lemongras, dazu einen Spritzer Zitrone) und esse ein Süppchen im Lieblingsrestaurant, denn zuhause sind alle ausgeflogen. Im Restaurant treffen sich Menschen zum gemeinsamen Abendessen, ich habe heute Abend einen Theaterbesuch abgesagt. Dann, endlich, gehe ich ins Bett.

Über den Sonntag gibt's nichts zu berichten außer einem Ausflug bei großer Kälte und Sonnenschein und dass vor meinem Arbeitzimmerfenster die Menschen auf dem Landwehrkanal schlittschuhliefen. Am Vormittag hätte ich gerne Freunde gesehen, aber die mussten alle ausschlafen: Wochenende!

Und jetzt ist Montagfrüh. Huch, das Wochenende ist ja schon wieder vorbei!

Mal sehen, ob ich kommenden Dienstag meinen Samstag nachhole. Aber dann!

______________________________
Foto: C.E.

Samstag, 23. Januar 2010

Labyrinth

Es gibt Sätze, die sind so dicht und verwinkelt, dass es sich anfühlt wie im Labyrinth auf der Suche nach dem Ausgang. Und dann gibt es bauliche Situationen, deren Ziel es nicht ist, für Irritationen zu sorgen, die sich aber als unsichere Labyrinthe erweisen. Und wo sonst Labyrinthe nur für den schönen Schauder und das Gefühl sorgen sollen, es könne sein, dass man sich verlaufen habe, sind sie her real: Sie bedrohen unsere Arbeit.

Neulich dolmetschte Stefanie in einem modernen Hotel. Sie hatte gerade die Verdolmetschung übernommen, als der Kollege kurz mal auf die Toilette ging. Das Hotel war groß, mit vielen Gängen, dicht gewebten Teppichböden, die den Schrittschall auffangen, schnieken Aufzügen, verspiegelten und blumengeschmückten Wartebereichen vor den Aufzügen und einigem Andrang. Dafür gab es in der Nähe der Dolmetscherkabinen keine Toilette. Auf dem Hinweg ging der Dolmetschkollege einen langen Gang hinunter, wartete auf den Aufzug, fuhr ein Stockwerk hoch oder runter und ging wieder in die gleiche Richtung, aus der er gekommen war, in Richtung Örtchen seiner momentanen Sehnsüchte.

Als das erledigt war, wollte er schnell zurück in die Kabine und entdeckte gegenüber der Toilette an der Tür ein kleines Zeichen, das ihm unmissverständlich klarmachte, dass dahinter eine Treppe liegen müsse. Da er ja wusste, sich in großer Nähe zu den Kabinen zu befinden, eben nur ein Stockwerk entfernt, öffnete er diese Tür, sah die reichlich schmucklose Treppe aus Sichtbeton, und wusste: Der Weg stimmt. Der Weg hat auch gestimmt, nur war er nicht geplant, dass ein Hotelgast ihn nehmen würde. Als er im richtigen Stockwerk angelangt war und die Verbindungstür zum Gang öffnen wollte, der direkt zur Dolmetscherkabine führte, merkte er erst: Die Tür ließ sich vom Treppenhaus aus nicht öffnen. Nach einer kurzen Schrecksekunde besann sich unser guter Mann seiner sportlichen Beine und der Tatsache, dass er ja in einem anderen Stockwerk ins Treppenhaus hereingekommen war. Er ging also seinen Weg zurück, doch dort: Enttäuschung! Auch diese Tür ließ sich nur vom Gang aus öffnen, wie übrigens alle anderen Türen auch, die er nacheinander abklapperte im modernen, mehrgeschossigen Hotelneubau.

Dann probierte er es mit Rufen. Aber die Türen waren offenbar nicht nur Türen eines Fluchtwegs, sie waren auch Feuersperren und deshalb sehr, sehr dick. Selbst der Hall, den die nackten Wände und Stufen des Sichtbetontreppenhauses beisteuerten, half nichts.

Darüber verging eine Stunde. Am Ende verfiel ein anderer Kongressteilnehmer auf die Idee mit der Abkürzung und befreite unseren Dolmetscher aus der Falle. Seine Kollegin Stefanie in ihrer Kabine war indes auf hundertachtzig. Dolmetschen ist Schwerstarbeit, und regelmäßiger Wechsel der Sprecher ist eine Grundvoraussetzung, diese merkwürdige Gehirnakrobatik überhaupt leisten zu können ... sie wähnte unseren armen Mann bereits sonstwo und fing an, seine Zuverlässigkeit infrage zu stellen.

Derlei Schnacks erzählen wir uns in der Mittagspause. Wir stehen in einem Foyer am Rande der Internationalen Grünen Woche. Ein langjähriger Kunde einer befreundeten Agentur, der einst nur mehrere Dutzend Teilnehmer zusammenbrachte, bewegt nun mehrere tausend Menschen, daher mietete er den größten Raum an, den das Berliner Kongresszentrum zu bieten hat. Und wir haben unseren ersten Berufskontakt mit diesem unfreundlichen Koloss, der aussieht, als habe ein außerirdischer Riese am Rand der AVUS seinen Bauklotz fallen lassen.

Dieser Betonklotz ist allein schon baulich für uns Dolmetscher eine Herausforderung. Die Kabinen hängen oben unter der Zimmerdecke und wurden zu einer Zeit geplant, als noch niemand an Energieprobleme oder die Möglichkeit der Erfindung von PowerPointPräsentationen dachte, denn die Decke ziert ein Buckelwalhuckel, der sich in der Sichtachse ins Innere wölbt, so dass dort, wo auf dem Bühnenhintergrund die Bilder auftreffen, stets das obere Drittel abgeschnitten ist. So wissen wir in der Dolmetscherkabine stets mit großer Sicherheit, wie groß die Redner sind, deren Konterfei abgefilmt und an die Wand projiziert wird: So, wie das Rednerpult jetzt steht, sehen wir alle bis 1,75 cm inklusive Scheitel, beim 1,85-cm-Mann sehen wir gerade noch das Mundbild, was beim Dolmetschen ja ganz hilfreich ist.

Das Schlimmste am ICC aber sind die labyrinthischen Gänge. Morgens müssen wir eine halbe Stunde vor der üblichen Zeit kommen, damit wir uns nach einem Verantwortlichen durchfragen können, der uns nach oben geleitet. Und der Weg geht ungefähr so: Von der Hauptebene rechts mit der Rolltreppe hoch, dort in den Fahrstuhl an der rechten Seitenwand, dort in den vierten (?) Stock, dann die Tür nehmen, die neben der zum Bühneneingang liegt, durch einen Flur Richtung Fenstergang, dort von vier möglichen Türen jene nehmen, die am langgestreckten Fenster neben dem Mauervorsprung liegt, wieder durch ein Mini-Treppenhaus, da die Tür nehmen, auf der Zettel mit dem Wort "Dolmetscher" hängt, dann eine halbe Umdrehung auf der schmalen Treppe, dann durch eine Feuertür in eine Art Treppenhaus, die um einen Metallkäfig herumführt, dahinter liegen sämtliche Sicherungen des ICC in riesigen Metallschränken (oder was nur so aussieht), dann durch eine Tür am Ende des Ganges, die in einen Flur mündet, an dessen Ende eine kleine Treppe liegt und eine weitere Tür, die dann zum Gang führt, an dem die Dolmetscherkabinen liegen. Und der Weg zu den Toiletten geht so: Aus der Kabine in die andere Richtung bis zum Ende des Ganges, wieder eine Feuertür, dann teilt sich der Weg, links und rechts gehen jeweils zehn Treppenstufen ...

Ach, ich spar' mir den Rest. Der Dolmetscher im Hotelneubau, der auf dem Fluchtweg ausharren musste, musste nur den Gang rauf oder runter. Unser Weg zum Klo ist so, dass wir Scherze machen über Ariadnefäden, die abzurollen wären um sicherzustellen, dass wir wieder zurückfinden. Oder Brosamen ausstreuen. Im ICC gibt es doch keine Vögel, oder?

Ich halte es für höchstwahrscheinlich, dass sich irgendwo in einer Nische eine kleine Vogelpopulation angesiedelt hat, die nur von den Krümeln lebt, die von den Dolmetschern verstreut werden ... Grausiger Gedanke. Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir erst durch den langjährigen Kunden unserer Partneragentur zum ersten Mal hier herkamen, um zu dolmetschen ..._________________________________________
P.S.: Ganz im Ernst: Die Stadt Berlin erwägt, das ICC abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen. Ich plädiere dafür. Ich nehme an, die Energiebilanz ist niederschmetternd, sicher ist aber, dass im Katastrophenfall aus den Kabinen kein Dolmetscher lebend rauskommt. Und bitte, liebe Architektinnen und Architekten, fragt uns beim nächsten Neubau mit Dolmetscherkabinen, wir wissen, welche Pannen noch zu vermeiden sind.

Dienstag, 19. Januar 2010

"Ich bleistifte dich rein!"

Bonjour, hello und hallo! Hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin.

In den Wochen vor der Berlinale herrscht bei uns Hektik: An Pressevorführungen teilnehmen, Pressemappen schreiben oder redigieren, Finanzierungspläne, Pitches und Drehbücher bearbeiten, Hintergründe recherchieren ... und Termine für Dol­metsch­ein­sätze machen.

Vor dem Vertrag liegt die Option. Oft kommen Anfragen mit: "Wir haben da mög­li­cher­wei­se was am Soundsovielten, hättest Du grundsätzlich Zeit? Und es fallen Sätze wie: "Kannst Du den Termin 'mit Bleistift' freihalten? Ich rufe Dich an, sobald ich mehr weiß."
  
Gerne bleistiften wir den Termin rein ...

Termine jonglieren, bei Einladungen zusagen
Als Sprachmittler erlauben wir uns augenzwinkernd so man­chen Jargon, der wörtlich übersetzt aus einer anderen Sprache kommt. "I'll pencil you in" für eine vage Ver­ab­re­dung, eine Ter­min­op­tion, die noch bestätigt wer­den muss, das ist ein schönes Bild, wäh­rend die Tinte, die am Ende die Bleistiftnotiz über­schreibt, aus der Anfrage eine feste Zusage macht ...

Weitere Bedeutungen von I'll pencil you in im Wörterbuch für urbanes Englisch, das täglich einen englischen Alltagsbegriff oder eine alltägliche Redewendung vorstellt und erläutert.

__________________________________________
Foto: C.E. ... bevor's rund geht, gibt's noch etliche
private Termine oder mit früheren Studenten ...

Montag, 18. Januar 2010

Happy End

Will­kom­men auf den Sei­ten ei­nes vir­­tu­­el­­len Ar­beits­­ta­­ge­buchs aus der Welt der Sprachen. Ich bin Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache, außerdem arbeite ich aus dem Englischen. 

historische Wörterbücher
Jeder Beruf hat seinen Jargon, und es gibt Begriffe, die stehen in keinem Wör­ter­buch. Zum Beispiel Vokabular, das mit der Finanzierung von Filmen zu­sam­men­hängt. HUs sind so ein Terminus tech­ni­cus — Handlungsunkosten. Wer noch nie eine Kalkulation gesehen hat, kommt hier schnell im Französischen auf "les frais opérationnels" — die Kosten, die es einem ermöglichen, operativ zu werden.

Fachleute können im Kontext verstehen, was gemeint ist. Aber das Wort, das in jeder Kalkulation ganz unten steht, lautet anders: les frais généraux. So ist es jedenfalls "bei Films", wie ich die Branche gern nenne.

Vor jedem Dolmetscheinsatz wiederholen wir Fachdolmetscher unsere Vo­ka­bel­listen. Wiederholt wurde ich gefragt, ob ich diese Listen nicht im Internet ver­öf­fentlichen kann ... Leider will ich das nicht, denn ich musste mir die Begriffe einzeln und sehr mühsam beschaffen. Machen wir uns nichts vor, die meisten Men­schen lassen sich ungern in die Karten sehen und senden nichts mit Zahlen drauf an Dolmetscher, die für sie mal einen Tag in der Kabine sitzen. In den Besitz von Zahlen und vor allem der damit verbundenen Fachworte komme ich nur, wenn ich den Rest des Jahres viele filmspezifische Texte und Dokumente übersetze. Meine Stammkunden fragen mich immer wieder an, denn sie wissen, welches Hin­ter­grund­wis­sen ich mir darüber hinaus angeeignet habe, auch durch praktische Er­fah­run­gen in der Filmproduktion, vertieft und ergänzt durch die Lehre an der Uni.

Hier kommt das Wort "Fachdolmetscher" ins Spiel. So, wie es Fachärzte oder Fach­anwälte gibt, gibt es auch unter uns Dolmetschern Kolleginnen und Kollegen mit "Interessensschwerpunkten". Meine Empfehlung an potentielle Kunden lautet da­her: Fragen Sie immer, was der/die Dolmetscherin bereits an einschlägigen Vor­er­fahrungen hat. Denn selbst wenn die Fachbegriffe eines Tages vielleicht irgendwo veröffentlicht werden sollten, so nützen sie nur demjenigen, der darüber hinaus über das Hintergrundwissen verfügt.

Ein anderes Beispiel mag dies verdeutlichen. Ein Dolmetscher, der auch schon mal bei Fernsehsendungen im On zu hören war, dolmetscht einen Kongress von Sach­ver­ständigen in Sachen Filmfinanzierung. Hier sitzen nicht nur Leute aus der Bank, sondern auch Filmförderer, Berater, spezialisierte Steuerberater und Produzenten. Jemand erzählt vom komplizierten Schließen einer Filmfinanzierung, von schwie­ri­gen Verträgen, einem kranken Hauptdarsteller usw. und fasst zusammen: "et là, c'est évident, il n'y a pas de clause de bonne fin!"

Die "clause de bonne fin" ist ein Terminus aus der Versicherung von Verträgen. Da Dreharbeiten sehr teuer sind und weil dabei ordentlich was daneben gehen kann — der Dokumentarfilm "Lost in La Mancha" ist das hübscheste Beiprodukt des Scheiterns von Terry Gilliam, der versucht hatte, Don Quijote neu zu ver­fil­men — springen im Notfall Versicherungen ein, damit der Produzent die Fertigstellung des Films garantieren kann. Also: der alte deutsche Begriff war hier "Fertig­stel­lungs­ga­ran­tie", der neudeutsche lautet "completion bond" und stammt direkt aus dem Versicherungsbereich. Zwei Begriffe, mit denen die "clause de bonne fin" zu über­setzen wäre ... der arme Dolmetscherkollege in der Kabine hat indes die Fallhöhe nicht verstehen können; dass es die ganze Zeit um Versicherungen ging, war den Zuhörern zwingend klar, ihm aber nicht, weil niemand das Wort "Versicherung" ausgesprochen hat, denn es verstand sich ja von selbst ...

Und dann haben wir Dolmetscher immer viel Hektik in der Kabine und keine Zeit zum Nachfragen, kurz, die Aufzählung der Schwierigkeiten und der Begriff "bonne fin", das gute Ende, wandelte der in Sachen Filmfinanzen nicht unbedingt ein­schlä­gig vorbelastete Kollege sehr folgerichtig und höchst kreativ um in den Satz: "Bei allen Schwierigkeiten wissen wir alle: Ein Happy End kann nicht garantiert wer­den!"

______________________________  
Foto: C.E. (Archiv)

Freitag, 15. Januar 2010

Automatische Übersetzung oder "Machine Translation"

Was Dol­­­met­­­scher und Über­­­setzer ma­­­chen, ist der brei­­­ten Öf­­­fent­­­lich­­­keit oft nicht ge­­nau be­­kannt. Hier denke ich darüber nach, auch über die Zukunft des Berufsfelds.

Letzte Woche fragte mich die halbwüchsige Tochter von Bekannten, die wohl ge­ra­de überlegt, was sie beruflich mal machen könnte, ob nicht eines nicht allzu fer­nen Tages alle Übersetzer und Dolmetscher durch Computer ersetzt werden wür­den. Ich habe dem heftig widersprochen. Ich weiß, dass Computer die Arbeit vor allem der Übersetzer schon heute erleichtern, aber ebenso ist es klar, dass dies nie ohne den intelligenten, studierten Nutzer funktionieren wird.

Als ich heute Morgen in den Wirtschaftsnachrichten rumstöbere, lese ich in der FAZ folgendes:
Fundamental laufen die Geschäfte für Apple derzeit gar nicht so schlecht. Die weltweiten Computerverkäufe sind zwar zum Jahresende erstmals seit fünf Jahren um 0,4 Prozent gefallen, berichtete das amerikanische Marktforschungsinstitut IDC am Mittwoch. Immerhin konnte Apple jedoch 1,2 Millionen Computer verschiffen und den Marktanteil auf 7,2 Prozent steigern.
Offensichtlich handelt es sich um einen Text, der bereits automatisch übersetzt wurde, und bei dem die Redaktion oder das Lektorat nicht ausreichend tätig waren. "Fundamental" ist hier durch "grundsätzlich" zu ersetzen, und das Wort "verschiffen" hat sich über das Englische "to ship" hier eingeschlichen, das glei­cher­ma­ßen verschiffen wie versenden/ausliefern bedeutet.

Der Mensch ist also als Korrektiv vonnöten, wo verschiedene Begriffe für den Com­puter nur Synonyme oder tolerierbare Ausdrücke sind, oder anders: Woher soll der Rechner denn wissen, dass es zwar die Fundamentalkritik am Fundament so mancher Theorie gibt, wir uns aber in Zusammenfassungen fundamental anders äußern. Es geht um die Nuancen, die auch in noch so vielen Pro­gram­mier­stun­den den Rechnern nicht beizubiegen sind. Denn oftmals lenkt unser Schön­heits­em­pfin­den die Wortwahl, selbst bei kleinen, dummen Zei­tungs­mel­dun­gen. Effekte der Lautähnlichkeit bis hin zu Alliterationen oder im Gegenzug die Vermeidung von als unangenehm empfundenem Aufeinanderprall von Ähnlichem, das erfordert Ebenen der Programmierung, die mir in "Mannjahren" gerechnet die Programmiererleben mehrerer Generationen zu fordern scheinen. Währenddessen ändert sich ja unser Sprachempfinden, unsere Kultur täglich ...

Vor einigen Jahren habe ich mich mit Babelfish Translations von Altavista rum­ge­spielt und erlebte beim wiederholten Hin- und Herschieben ein hübsches Wunder der Verschlimmbaselung von idiomatischen Redewendungen, also von For­mu­lie­run­gen, die für die jeweiligen Sprache typisch sind.

Versuch aus dem Sommer 2005 (später hier veröffentlicht)

Du kommst wie gerufen, ich muss ein Regal aufbauen.
Tu viens comme appelé, moi dois une étagère développer.
... zehn Durchgänge später:
Du mich mußt dort ein Regal auf mehr Stadt der Konzepte auspacken.

In die andere Richtung (2005)

Tu tombes à pic, je dois monter une étagère.
Du Steilgräber muß ich ein Regal aufrichten.
... und fünf Durchgänge später:
Du mußt starr von den Gräbern mich ein Regal verbessern.

Und heute? Versuch vom 15.01.2010, also fast fünf Jahre später

Du kommst wie gerufen, ich muss ein Regal aufbauen.
Tu viens comme appelé, moi dois une étagère développer.
Du kommst als gerufen, mich muss ein Regal entwickeln.

Nach dem dritten Durchgang bleiben die Ergebnisse gleich.


In die andere Richtung (ebenfalls heute)

Tu tombes à pic, je dois monter une étagère.
Du Steilgräber muss ich ein Regal aufrichten.
Tu tombes raides dois redresser moi une étagère.
Du müssen steife Gräber mich korrigieren ein Regal.
Tu dois corriger des tombes rigides moi une étagère.
Du musst starre Gräber verbessern mich ein Regal.
Tu dois améliorer rigide des tombes moi une étagère.
Du musst starr von den Gräbern mich ein Regal verbessern.

Ergebnis: Die Übersetzung des Satzes aus dem Französischen entwickelt sich exakt genauso wie vor fünf Jahren. Beim ersten Beispielsatz sind die Veränderungen mi­ni­mal, der Unsinn bleibt bereits nach wenigen Durchläufen gleich. Entweder ha­ben Altavista und Co. ihr Wissen noch nicht auf das Gratisangebot "run­ter­ge­brochen" oder man ist tatsächlich dabei, Abermillionen von stehenden Redewendungen von Hand einzugeben. Eindeutige Verbesserung: Die Recht­schreib­re­form ist bei Ba­bel­fish angekommen, das ist große Klasse. Weiter so!

Unten ein ebenfalls aktuelles Beispiel, bei dem ich Wert auf eine etwas komplexe Satzstruktur gelegt habe.

Hinübersetzung (zum Vergrößern bitte Text anklicken)Und das Ergebnis des ersten Durchlaufs ist Ausgangstext für den zweiten:


P.S. (09/2013): Ich weiß, dass mein Blogeintrag auf Fachkonferenzen zitiert wurde. Daher bin ich nicht verwundert, als beim Test dieses Mal herauskommt, Tusch, Trommelwirbel und ...
Fast richtig! (In jeder Übertragung wird das Duzen zum Siezen.) Umso irritierter bin ich, dass die Beispielsätze nicht vollständig erfasst wurden: 

Freitag, 8. Januar 2010

Termine!

Neulich, wir erkraxelten gerade im Urlaub einen Berg, klingelte das Handy, es wurde schon langsam dunkel. Ob ich morgen früh bei einem Notartermin in Berlin dolmetschen könnte? Konnte ich nicht, aber die Kollegin. Wenig später läutete es wieder: Ob ich 36 Stunden später in Berlin bei einer Autorenlesung dolmetschen könnte? Ich wollte, wir reisten früher aus dem Urlaub zurück als geplant.

Es wurde ein schöner Abend. Geärgert hat mich die Kurzfristigkeit der Buchung: Der Termin stand, wie ich nachher erfuhr, seit mindestens zwei Monaten fest. Dabei hatte mich der Autor den Veranstaltern im Vorfeld sogar persönlich empfohlen.

Das mit den Buchungen von jetzt auf gleich nimmt durch das Internet zu. In vielen Fällen sind wir Kolleginnen und Kollegen ähnlich gut in unserer Leistung, demnach - Achtung, böses Wort -: ersetzbar! Aber wenn es auf Fachthemen ankommt, raten wir unseren Kunden stets, rechtzeitig zu buchen. Denn nicht alle können Medizinthemen (Sebastian) gleich gut wie Autotechnik (Thierry), Filmproduktion (Helen, Caro) oder experimentelle Literatur (Kerstin, Caro) à la OULIPO. Ein Sommerbild für die Terminplanung ... heute habe ich allein zwei Stunden mit Terminen zugebracht, und das ist richtig so. Wir planen gerne, dann haben wir auch ausreichend Zeit für eingehende Vorbereitung.

Meine nächsten Einsätze: Grüne Woche im Januar, Berlinale im Februar, im März dann die Transportmesse in Paris, dazwischen zwei Drehbuchabgaben, eine zu dolmetschende Eheschließung, zwei Termine als Gerichtsdolmetscherin. Kurz: es ist manche Höhe zu erkraxeln, aber wie im Gebirge, so auch in den Ebenen des Alltags - mit festem Schuhwerk und guter Planung geht vieles.
__________________________________________________
P.S.: Nein, dieser Blog ist kein Ergebnis einer Wette, ob ich es schaffe, einen Dolmetschweblogeintrag unter wiederholter Verwendung des Verbs "erkraxeln" zu schreiben.

Donnerstag, 7. Januar 2010

Kein Blitzschach, sondern Blitzlernen

Will­kom­men beim ersten Web­log Deutsch­­lands aus dem In­­ne­ren der Dol­­met­sch­er­­ka­­bine. Hier kön­nen Sie (mehrmals wöchentlich) in meist kur­zer Form Epi­so­den aus dem Alltag einer Fran­zö­sisch­dol­metscherin verfolgen. Außerdem übersetze ich, zum Teil auch aus dem Englischen.
 
Dolmetscher brauchen mehr als Allgemeinbildung. Was eine Binse ist, stellt uns im Beruf mitunter vor Blitzlernnotwendigkeiten.

Gestern im Cinéma Paris am Kurfürstendamm: Ich sehe einen Spielfilm, in dem Schach vorkommt, und versuche mir, Bewegungen und Namen der Figuren zu merken. Leider kann ich das Brettspiel noch nicht, also möchte ich alles auf einmal lernen. Ich sehe den Film "Joueuse" von Caroline Bottaro, der diese Woche unter dem Namen "Die Schachspielerin" in die deutschen Kinos kommt. Dabei hatte ich im Vorfeld viel Zeit gehabt, das alles zu lernen, ist der Film doch die Adaption eines Romans, den eine Freundin aus Studententagen vor etlichen Jahren geschrieben hat: Bertina Henrichs erzählt in "La joueuse d'échecs", wie ein nicht mehr ganz junges Zimmermädchen über die Freude am neuentdeckten Schachspiel ihren in eingefahrene Bahnen geratenen Alltag langsam verändert, wie sie aufblüht und sich aus den alten Strukturen emanzipiert — und dennoch nicht, wie in so vielen Fällen weiblicher Emanzipation (im Kino wie im Leben), am Ende ohne Mann dasteht.

Nach der Filmvorführung soll ich das Gespräch zweier Damen mit dem Publikum dolmetschen, denn zusammen mit der Regisseurin ist auch die Hauptdarstellerin Sandrine Bonnaire nach Berlin gekommen. Solche Gespräche gehen zu 90 Prozent über Filmisches, aber wenn derlei dann doch fachlich wird, dann richtig! Also übe ich das Minimum an Schachterminologie und versuche, die Figuren und ihre Sprünge zusammenzubekommen — rein abstrakt. Wie also bekomme ich meine vorher angefertigte Vokabelliste "lebendig"? Bei zu viel Abstraktion und keiner praktischen Erfahrung helfen manchmal nur starke Bilder. Einige Figurenbezeichnungen brauche ich nur zu übersetzen, le roi/König, la dame/Dame, la tour/Turm. Und ich finde in Windeseile starke Bilder für die anderen Figuren. Für den Läufer, der auf Französisch "le fou" heißt, was 'der Narr' oder 'der Verrückte' bedeutet, stelle ich mir einen alemannischen Narren vor, der mit Joggingschuhen das Ufer des Landwehrkanals entlangjoggt. In meiner Kindheit hat mich die alemannische Fasnet stark beeindruckt, und einen solchen Narren hier im hohen Norden als Läufer zu sehen, ist sehr unwahrscheinlich. Also: "Le fou läuft" ist der Satz dazu, oder, umgekehrt, "der Läufer ist ein Narr". (Der Narr trägt eine Kappe mit Schweizerkreuz drauf, dabei ist die Darstellung, historisch bedingt, wohl eher eine Bischofsmütze, aber das scheint auch ein Missverständnis zu sein.)

"Pion" wird in Frankreich der Aufseher in der Schule genannt. Es sind oft Lehramtsstudenten, immer unterbezahlt, gelegentlich von den Lehrern wegen der geringeren sozialen Stellung schlecht behandelt und selten dann selbst böse den Schülern gegenüber, wenn der pion nicht von den Youngsters dauergeärgert wird: Aggressionen werden weitergereicht. "Pion" heißt auch auf Französisch die Schachfigur, die "Bauer" auf Deutsch heißt. Und ich sehe vor meinem inneren Auge einen richtigen Bauern mit Rest vom Kuhfladen an den Stiefeln, schlammgrüner Cordhose, Stroh in der groben Strickjacke überm karierten Holzfällerhemd, kurz: ein Gemüt von einem Kerl, der leider von den Schülern geärgert wird, während er auf dem Hof Aufsicht führt. Also: "Der Bauer steht als pion auf dem Schulhof".

Und dann ist da noch der Springer, die Figur mit den Pferdeohren, auf Französisch "le cavalier" (Reiter). Das ergibt bei mir das Bild: Der "cavalier sieht durch die Pferdeohren hindurch und springt (über ein Hindernis). Das Bild ist das Schwächste, weil am wenigsten abstrakt, dafür ist das Pferdchen bei den meisten Schachspielen nicht zu übersehen.

Dass es so detailliert wird im Publikumsgespräch ist zwar höchst unwahrscheinlich, aber jeder Auftrag ist mir willkommener Anlass zum Erlernen und/oder Wiederholen von Begriffen und Redewendungen. Und so "blitze" ich immer wieder kurz meine Assoziationen in ruhigere Passagen des Films "hinein" (und denke mir dazu auch die Worte). Ich verknüpfe und lerne und gewinne an Sicherheit für das anschließende Gespräch: eine offene Flanke weniger. (Und ich beschließe, dass ich die Sprünge später lernen kann, wenn ich mir von meinem Patensöhnchen das Schachspiel beibringen lasse ...)


Das Publikumsgespräch ist dann auch entspannt, filmisch, die Gäste sehr sympathisch (und Mme Bonnaire schaut mich so aufmerksam an, als würde sie gerade für eine nächste Rolle die Wirkung einer Dolmetscherin studieren). Dann wird das Gespräch doch noch "schachlich" — ganz am Ende. Nathalie von Bernstorff, die Medienbeauftragte der Botschaft, hat die Veranstaltung schon abzumoderieren versucht, da stellt ein Mann von der Empore noch eine ellenlange Frage, lobt hier ein gefilmtes Spiel, vergleicht dort einen Blick mit einem Gesichtsausdruck des russischen Gegners von Bobby Fischer bei den Schachweltmeisterschaften 1972 in Reykjavík und was der Details mehr sind. Meine Finger hetzen übers Papier, Namen, Orte, Daten, um am Ende einigermaßen hinterherzukommen, denn der Redner, der nach langen Kommentaren zwei kurze Fragen stellt, es ist der Toussaint-Übersetzer John Lambert, mag seine Frage dann leider doch nicht auch noch auf Deutsch stellen. So bekommt das Ganze so kurz vor dem Abpfiff den Anstrich einer anstrengenden Veranstaltung, und dank der üblichen Dolmetschernotizentricks, Routine und Gelassenheit bekomme ich am Ende sogar noch Szenenapplaus. Die ganze Aufregung im Vorfeld war indes nicht nötig; das Mundwerk, das ein besonderes Handwerk ist, war wieder einmal 'verlässlich', ich habe mit einer visuellen Blitzlernmethode einige starke Vokabelbilder zum Thema Schach gewonnen und einen sehr schönen Gesprächsabend erlebt.


Merci beaucoup, Bertina Henrichs, Caroline Bottaro et Sandrine Bonnaire !

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Schöne Feiertage!

Ruhige und entspannte Tage wünsche ich - und einen guten Start in ein friedliches, gutes neues Jahr!