Montag, 13. April 2020

COVIDiary (34)

Bon­jour und herz­lich will­kom­men auf den Sei­ten des di­gi­­ta­len Ta­ge­­buchs ei­ner Fran­zö­­sisch­­dol­­met­scherin und -übersetzerin. Ich habe als Über­setzerin Ka­pa­zi­tä­ten frei, die Konfe­renz­sai­son ist abgesagt. Die Umstände machen aus meinem Blog aus dem Be­rufsall­tag das eher private COVIDiary.

Netzfund: Schrödingers Frei­be­rufler.
Vor dem Corona­ausbruch: "Ach, Du bist so ein Voll­profi, das kannst Du mir doch eben mal kurz machen, das wird doch nicht so viel kosten!"
Nach dem Corona­ausbruch: "Wie, Du hast keine Rück­lagen für acht Monate? Sogar acht Wochen sind kritisch? Hast wohl den Beruf verfehlt, wie?"

Hinter dem Begriff "Schrödingers Katze“ verbirgt sich ein quanten­physisches Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ment. Da mein physikalisches Grundwissen nicht sehr groß ist, hier nur die grobe Versuchs­anordnung: Eine Katze wird in eine nicht einsehbare Kiste gesperrt und dort bestimmten physika­lischen Prozessen unterworfen, die sie mit 50-prozentiger Wahrschein­lichkeit töten. Solange niemand in die Kiste schauen kann und die Katze still ist, ist auch nicht bekannt, ob sie lebt oder tot ist.

Vier Katzen, die gestaffelt hintereinanderstehen. Die Figuren überschneiden sich, aus manchem Hinterpfotenpaar wird ein Vorderpfotenpaar.
Küchenleinen als Wandschmuck, hier habe ich zählen gelernt
Die Frage nach dem Zustand des Haustigers — lebt er oder lebt er nicht — gilt als Analogie zur Frage nach dem quan­ten­me­cha­nischen Zustand eines Systems, so­lan­ge niemand nach­ge­messen hat. Logische Antwort auf die paradoxe Situation: Die Katze ist sowohl lebendig als auch tot.

So, weg von der Bequem­lich­keits­zone, raus an die Luft. Nach einem fast som­mer­lichen Sonntag ist es heute frisch, ein kalter Wind weht. Am Ufer sind wir Ge­wohn­­heits­läufer wieder unter uns, den Mucki­bu­den­ge­le­gen­heits­­jog­gern, die aus der Pis­te in letzter Zeit eine Mas­sen­sla­lom­strecke gemacht haben, ist es zu kalt. Der Him­mel ist hell, das Kon­zert der gefiederten Mitbe­wohner der Stadt unfassbar laut.

Zweibeinige Katze, Kreidezeichnung auf Asphalt
Asphaltkatze
Die Stadt schlum­mert ihren Shut­down-Schlaf. Ich renne an einigen Gotteshäusern vorbei. Ostern und Pessach über­schnei­den sich wieder einmal. Heute ist Feier­tag und es ist kein Feier­tag, die Kir­che und Synagoge sind geschlos­sen. Kein Chor­ge­sang hinter dicken Steinmauern, keine Me­lo­die­läufe, die beim Öffnen dicker Türen unvermittelt nach drau­ßen dringen. Was in den Gebäu­den statt­findet, wird maxi­mal ge­streamt. Schrö­dingers Gottes­dienste. Und die den Kanal ent­lang­flie­genden Schwä­ne klingen wie 'ne rostige Gieß­kanne.

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Illustrationen: eigener Hausrat; Lou

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