Dienstag, 9. August 2011

Süßes Leben

Abwarten und Tee trinken, blau machen, alles auf einmal!
Freiberufler führen ein süßes Leben. Sie arbeiten zu hohen Honoraren genau immer dann, wenn sie möchten. Sie haben keinen Chef und können auch von zu Hause aus tätig sein. Und wenn die Sonne scheint, machen sie einfach blau.

So sehen uns viele Menschen. Indes, Film ist ein unsicheres Gewerbe. Als Übersetzerin für Drehbücher sein Haupteinkommen zu generieren, ist ebenso unsicher. Das mal so als Warnung an alle jene, die diesen Bereich anstreben: Ein zweites Standbein und/oder ein festangestellter, gut verdienender Partner sind dann zwingend notwendig!

Mein zweites Standbein könnte die freie Lehre sein, doch sie ist in Deutschland traditionell unterbezahlt, die Dozenten finanzieren mit Einkommenseinbußen oder Nebenverdiensten die deutschen Hochschulen mit. Deshalb dolmetsche ich ja auch. Letztes ist einträglich, aber ebenfalls unsicher. Qualität allein reicht nicht aus, unlauterer Wettbewerb droht mitunter sogar von fachfremder Seite, ich schrieb hier bereits über den (inzwischen) Totalverlust eines guten Teils meiner Umsätze.
Der Vorteil dieser Situation, denn Freiberufler müssen stets auch die Vorteile von veränderten Gegebenheiten sehen: Ich kann wieder Mitglied der KSK werden, der Künstlersozialkasse, die künftig die Hälfte meiner Versicherungsbeiträge übernimmt. Das könnte ich inzwischen vielleicht auch als Bloggerin, wenn ich diese Tätigkeit durch Werbung finanziere, so jedenfalls ein aktueller Richerspruch, über den gruendungszuschuss.de berichtet. Aber ich schweife ab.

Wenn vier Wochen vor Drehbeginn die Herstellung eines Films um ein Jahr verschoben werden muss und die fest terminierte Übersetzung eines stark überarbeiteten shooting scripts gleich mit, finde ich dank meiner Kontakte meist andere Beschäftigungen. Das gilt für die nachfragestarken Arbeitsmonate. Aber mitten im Sommer? Ich beschreibe, was mir derzeit widerfährt und erlebe damit ein kleines Experiment. Zum Glück war ich im 1. Halbjahr schön fleißig ...

Wie gewinne ich meine Kunden? Mundpropaganda! Akquise betreibe ich nur höchst selten, weil ich mich damit dem Risiko aussetze, dass mich anschließend etliche zeitgleich beschäftigen wollen. Dann muss ich absagen, das produziert frustrierte potentielle Kunden und ich käme in moralische Grundsatznöte, die ich lieber vermeide. ("Bearbeite ich das hervorragend bezahlte, aber kreuzschlechte Buch von Firma A oder widme ich mich doch eher der gering honorierten Übersetzung des phantastisch poetischen und gut konstruierten Scripts von Firma B?")

Trotzdem muss ich immer wieder mal meine früheren Auftraggeber anschreiben, damit diese mich nicht aus den Augen oder sie selbst sich nicht in Projektionen verlieren. Die "Projektionsfalle" ist rasch erklärt: In der Filmwirtschaft können nur ganz wenige bei Filmfinanzierungen an frühere Erfolge anknüpfen oder sich auf einen Konzern im Rücken verlassen. Zugleich wissen die Menschen, die in Produktionsfirmen arbeiten, dass andere Branchen anders funktionieren. Kurz: Wiederholt mutmaßten meine früheren Kunden, dass ich doch karrieremäßig längst an ihnen vorbeigezogen sei — und inzwischen für sie unbezahlbar. Was zum Teil ja stimmt, aber ich erlaube mir regelmäßig, Drehbücher wie von "Firma B" zu übersetzen oder für manche öffentlich-rechtlichen Sender zu arbeiten, die inzwischen beim Gros der Aufträge zu den armen Kunden zählen.

Was mache ich nun an diesem Augustanfang, urlaubsgebräunt und bester Laune? Marketingstrategien aus Lehrbüchern helfen da nicht weiter, beruhen doch die meisten kaufmännischen Unternehmenskonzepte auf dem Ankauf und Weiterverkauf von etwas, das andere herstellen. Meine Drehbuchübersetzungen aus dem Französischen oder Englischen fertige ich allein und ich werde oft gebucht, weil ich selbst schreibe und die Übersetzungen am Ende wie auf Deutsch geschriebene Bücher klingen.

Mit dem gleichen Ansatz arbeiten Kolleginnen und Kollegen für andere Sprachen, mit denen ich eng verbunden bin. Erklärtermaßen gehöre ich aber keiner Agentur an, sondern einem Netzwerk; wir leben also nicht von der Vermittlung anderer Talente. (Jetzt hätte ich beinahe "von der Ausbeutung anderer Talente" geschrieben, denn ja, es gibt Agenturen, die nicht nur 30, sondern sogar 50 oder 70 % des vom Kunden gezahlten Honorars für ein paar Telefonate einbehalten!)

So, nun denke ich nach, wie ich intelligent werben kann, denn abwarten und Tee trinken ist nicht so mein Ding. Anschließend widme ich mich dem, was im heimischen Büro ansteht: Ablagen, Buchhaltung, Steuererklärung. Soviel zum süßen Leben der Freiberufler. Und blau machen gilt allenfalls für den Himmel in diesem nassen Sommer, zum Glück gibt's ja Bildbearbeitungsprogramme!

______________________________
Foto: C.E.

Kommentare:

vega hat gesagt…

Cooler Umgang mit Krise. Wo lernt man sowas? Gruß, Bine

caro_berlin hat gesagt…

Hi Bine, nur im wirklichen Leben und garantiert an keinem der überall aus den Boden sprießenden Masterstudiengängen für Mediendolmetschen/-übersetzen, die versprechen, in einem Jahr etwas zu vermitteln, wofür Normalmenschen ein viertel Leben brauchen ...
Wann kommt ihr wieder nach Bürlün? Bises, C.

Biha hat gesagt…

Schicke Schuhe!!!

Und den Balkon kenne ich auch :-)

Denkst Du noch an "unsere Filmidee"?

Gruß aus der Schreibklausur auf der Werderinsel

Birgid

caro_berlin hat gesagt…

Hallo Werderschreibfrau, liebe Birgid! Ich hoffe, es geht schön voran bei Dir! Tja, der Balkon macht Fortschritte, wie alles hier :-)

Na klar denke ich da ab und zu an Deinen wunderbaren Stoff ... zugleich muss ich Dir sagen, dass ich immer mehr abgeschreckt werde von der Produktionslandschaft. Dieser Tage ist z.B. mit der Kölner Zeitsprung eine sehr gute Firma in die Insolvenz gegangen, weil ihre (größeren) Projekte auf die nächsten Jahre verschoben worden sind. Will sagen: Film ist teuer, die Vorkosten sind's auch und die Leute arbeiten zumeist ohne großes Eigenkapital. Vor allem aber: Der Wettbewerb der Ideen um Knete zu ihrer Umsetzung läuft selten wirklich fair ab. Ob ich diese Schlangengrube auch noch will, weiß ich nicht. Mir reicht doch schon der mafiöse Dolmetschmarkt ;-)

Und dann ärgere ich mich immer wieder, wenn ich den größten Sch... im TV-Programm sehe, dem die Eupeken geradezu nachgeschmissen worden sind. Das stachelt (meinen schlechten, auf Widerspruch gebürsteten Charakter) wiederum an.

Ich verbringe den August nach dem Urlaub mit so schönen Dingen wie Projektplanung, Schadensbegrenzung bei Schiefgelaufenem und Büroumgestaltung. Alles wichtig ... und unkreativ.
Dir wünsche ich gutes Werken!
Hoffentlich auf bald mal wieder, herzlich, Caroline