Donnerstag, 18. August 2011

Anleger

Weiter mit der kleinen Wirtschaftsreihe auf dem Dolmetscherweblog. Als Französischdolmetscherin erlebe ich in Berlin die unterschiedlichsten Kunden. Über diesen kaum bekannten Beruf, die typischen Probleme und die Grundlagen unseres Arbeitsalltags berichte ich hier, wobei ich die Identität meiner Kunden selbstredend schütze.

Geldzählmaschine in Aktion
Es war wieder mal so ein Freitagmorgen, den ich mit nichts als langweiliger Ablage zubringen sollte, da klingelte um elf das Telefon: Ein Notar war am Apparat, er hätte einen belgischen Kunden, der in Berlin eine Wohnung kaufen und dazu noch am selben Tag einen Vertrag unterschreiben wollte.

Ich wehrte ab, denn ich bin nicht sonderlich firm in diesem Vokabular, dass ich schon auf Deutsch nicht richtig verstehe. Kein Problem, meinte da der Notar, es sei alles von fachkundiger Hand bereits übersetzt, die Kunden seien über die Details des Vertrags auf dem Laufenden. Indes, das Gesetz erfordere die Anwesenheit eines Dolmetschers, und den Satz "bitte hier unterschreiben" würde ich ja wohl noch übertragen können.

Mich erinnerte die Begebenheit stark an einen ähnlichen Moment, wo sich die Betreffenden aber eine "Übersetzung" durch eine kostenlose "Übersetzungs"software aus dem Internet beschafft hatten und so rein gar nichts verstanden. Ich zögerte. Dem Bitten und Betteln des Notars, der ein entfernter Bekannter von Bekannten ist, habe ich schließlich nachgegeben.

Zu meiner Erleichterung erwies sich die Situation als richtig beschrieben. Nach einer Vorstellungsrunde in der Kanzlei und vor Vertragsunterzeichnung ging's noch rasch zur Bank, Geld für eine Anzahlung abheben. In der Wartezeit schaute ich mir den Vertrag genauer an. Mir stockte der Atem. Die Wohnung, um die es ging, lag nicht nur fünf Straßen von meiner Wohnung entfernt, einer Gegend mit (noch) moderaten Mieten und Kaufpreisen, die aufgerufene Summe las sich aber wie Kurfürstendamm oder Dahlem. Ich war schockiert.

Wie sollte ich mich verhalten? Den Kunden sagen, dass man gerade im Begriff war, sie übers Ohr zu hauen? Oder dem Notar mal eben kurz und sachlich den Kopf zurechtrücken und den Termin platzen lassen?

Vor Ort konnte ich nichts sagen, denn der Immobilienverkäufer war mit bei der Bank, und sein Französisch war dank vieler Urlaube, wie er munter erzählte, durchaus besseres Schulfranzösisch. Die Wohnungskäufer, die mir für meinen Job ein gutes Honorar zahlen sollten, schienen beglückt, ein solches "Schnäppchen" gemacht zu haben. Sie verglichen stets die Immobilienpreise von Brüssel und Paris mit denen von Berlin. Das Elternpaar nebst Sohn waren mir als Menschen auf den ersten Blick sympathisch ... und nachdenklich sah ich sie mir genauer an.

Sie trugen edle Markenkleidung und ostentativ zur Schau getragene, teure Uhren und Schmuck; dann kam das Gespräch auf eine der mehreren Wohnungen, die man in Paris verkauft habe, um dem Sohn hier in Berlin eine eigene Wohnmöglichkeit offerieren zu können: Dort seien, so der Vater der Familie, in letzter Zeit so viele Schwarze hingezogen, dass man sich ja im eigenen Land fremd fühle (Madame war Französin). Und wie viele Kinder die hätten! Und wie das immer rieche! Und dann diese komische Sprache! Nein, das sei keine gute Rasse, Neger halt, und ...

Hier breche ich lieber ab. Meine Entscheidung war gefällt. Ich habe nichts gesagt und wie die anderen munter mein Geschäft gemacht.

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Foto: C.E.

Kommentare:

Thea hat gesagt…

Jetzt hast Du die Leute aber als Nachbarn!!

caro_berlin hat gesagt…

Der Sohn schien die Worte seines Vaters nicht zu goutieren, und für ihn wurde die Immobilie ja gekauft ...