Donnerstag, 28. Februar 2013

Adrenalin

Willkommen auf den Seiten einer bloggenden Konferenzdolmetscherin. Hier schreibe ich, was diesen Sprachberuf ausmacht ... und was er mit uns anstellt.

Ein Sendemikro liegt auf dem Esstisch eines Restaurants, zwei Stenoblöcke danebenGestern Abend war ich verschwiegen. Sehr. Das bin ich oft nach langen Einsätzen. Dann schlafe ich gerne, bin dann auch sofort weg, eine halbe Stunde klappt immer, allein schon aus Erschöpfung. Wenn ich früh nach Hause komme, wenn der Schlaf fast noch als "Siesta" durchgehen kann, können es auch anderthalb Stunden sein.

Aber auch nur, wenn der Adrenalinspiegel das zulässt. Adrenalin kennt jedes Schulkind, ist diese körpereigene Substanz, die sofort wach macht, wenn etwas an der Tafel vorzurechnen ist. Im besten Fall hilft dieses Hormon, das im Ne­ben­nie­ren­mark gebildet wird, anregend. Dieser Neuro­trans­mit­ter lässt das Herz schneller schlagen, den Blutdruck steigen, den Sauerstoffanteil im Blut zunehmen, kurz: Der Körper setzt mehr Energie um, wird wacher. Oft lösen angstbesetzte Momente diese Adrenalinausschüttung aus, aber auch hochkonzentriertes Arbeiten ist u.a. von einem höheren Adrenalinpegel begleitet.

Durch lockeres Jogging (das die Franzosen übrigens le footing nennen, igitt, ein Anglizismus!) lässt sich gut Adrenalin abbauen. Dabei brauche ich aber ein gutes Halstuch ... und Kondition, um nicht in den kühleren Jahreszeiten durch den Mund zu atmen. Die Stimmbänder leiden natürlich unter der Beanspruchung. In den echten Winterwochen fällt das natürlich aus. Ins Schwimmbad mag ich auch nicht so oft gehen (Chlor!), Muckibude mittelmäßig, bleiben Spaziergänge und Tango. Aber das ist ein anderes Thema, denn da ich im Job die ganze Zeit diversen Sprach- und Gedankenspuren der anderen folge, neige ich abends zum Führen. Damit bin ich keine beliebte Tanzpartnerin, beim Tango schon gar nicht, der ja zu 75 % aus Hingabe besteht.

Naja, wer seinen größten Fehler zum Beruf macht, das Verplaudertsein, muss eben mit den Konsequenzen leben.


Sprachnotiz: Der Tänzer führt, nur: Wie haben die DDR-Tanzlehrer dazu gesagt, also in einem Land, in dem es wegen dem GröFaZ keinen Führerschein, dafür eine Fahrerlaubnis, und statt eines Stadtführers die beliebten Stadtbilderklärer gab? ______________________________
Foto: C.E.

Mittwoch, 27. Februar 2013

Ein Tag in zwei Bildern

Hallo! Ich freue mich, dass Sie mein Weblog entdeckt haben oder treu ver­fol­gen. Hier schreibe ich über den Dolmetscher- und Übersetzeralltag. Manchmal müssen al­ler­dings Bilder sprechen, wenn das Tagewerk mal wieder zu anstrengend war.

International Kuaför
Ein Dolmetschertag in zwei Bildern. Erst geht's zum Frisör, der auf Französisch le coiffeur heißt. Auf Türkisch offenbar auch. Mein Salon ist aber nicht derjenige, den ich hier in Teilen abbilde ...
Beim Blick in den Himmel lässt sich Frühjahr zumindest er­ah­nen. Dann schnell aufrüschen, feines Zwirn überwerfen, an­pin­seln und so.

Deutscher Bundestag - POLIZEI - ... aufgebrochenes Siegel an einer modernen Tür
Später kann ich in gewissen der Allgemeinheit gehörenden Räumlichkeiten meine Über­rasch­ung kaum verbergen. Was ist denn hier passiert?

Ach, so genau will ich das gar nicht wissen.
Und wenn ich's wüsste, es fiele sicher auch unter mein Schwei­­ge­­ge­­bot als Dol­met­scher­in.

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Fotos: C.E.

Dienstag, 26. Februar 2013

Motivation

Willkommen auf den Blogseiten einer Spracharbeiterin. Ich dolmetsche und über­setze, meine Arbeitssprachen sind Französisch und Englisch (passiv). Gerade denke ich über die schulische Sprachenwahl des Ziehsohns nach und wie das so ist mit Zweit- und Drittsprachen. 

Weißwein "Coppola" und KürbisSunny side up — "die Sonnenseite nach oben" wird auf Englisch ein Spiegelei genannt, die Franzosen bemühen ein völlig anderes Bild, les œufs sur le plat, "ein flaches Ei". Mein erster langer Aufenthalt in den USA fiel zusammen mit dem Besitz der allerersten Kreditkarte. Und nun stand ich in Kalifornien an der Kasse des Bio­su­per­markts und wollte meine cereals, apples, smoothies and brownies bezahlen ... und mir fehlten die Worte. Wie schiebe ich so eine Karte in das Bezahlgerät? Gold­glän­zender Chip nach oben oder nach unten? Und so fragte ich die Kassiererin: "Sunny side up?"
Die lachte nur und nickte dabei.

Nach vielen Jahren in Frankreich waren meine Englischkenntnisse in die letzten Windungen meiner grauen Masse abgewandert, so fühlte es sich auf jeden Fall an. Als ich dann Mitte der 1990-er Jahre regelmäßig aus familiären Gründen in die USA fuhr, stotterte ich rum wie ein Kind. Das war eine neue Erfahrung. Da ich in mei­nem Leben nur selten als Touristin unterwegs war, wusste ich eigentlich immer, wie ich mich verständigen konnte.

Und plötzlich stolperte ich über meine eigene Zunge. Meiner Sprachkreativität hat das gut getan. Ich beobachte heute regelmäßig, wie der weltbeste Patensohn beim Französischlernen das schmale Vokabular, das er schon beherrscht, kreativ ein­setzt: genauso habe ich es damals gemacht. Ein unbefangener, spielerischer, ja kindlicher Umgang mit dem Sprachmaterial ist die allerbeste Lernmethode. Eine, in der der Selbstzensor, die Angst vor Fehlern, wenig zu vermelden hat.

Nach den ersten Wochen in den USA fiel es mir schon leichter, die im Hirn ver­wirr­ten Sprachstränge zu entknoten. Das Englische verließ die hinterletzte Windung und mischte sich fröhlich in das restliche Stimmengeflecht. März oder April waren wir an der Ostküste, zu Gast bei entfernter Familie, zu den Feiertagen kamen die erwachsenen Kinder nebst Nachwuchs.

Draufsicht: Kind streut Parmesankäse auf seine SpaghettiIch wurde wie eine Tochter angenommen und machte mich auch im Haushalt nützlich. Der Herr des Hauses erzählte Schman­kerl aus seinem Arbeitsleben, die der Rest der Familie schon kannte, ich durfte regelmäßig kurz ant­wor­ten und zeigen, dass ich noch mitkam. Nebenbei lernte ich viel in den Bereichen Mar­ket­ing und Kommunikation.

Bernie war Manager gewesen. In den 1950-er Jahren leitete er eine Fabrik, in der vor allem junge, unverheiratete Frauen aus Puerto Rico beschäftigt waren. Ihre Mütter holten am Monatsende bei der Buchhaltung den Lohn ab. Die Fabrikanlagen liefen weit unterhalb ihrer Möglichkeiten, die Ge­schäftsleitung lobte Prämien aus. Nichts geschah. Sie erhöhte die Prämien. Wieder nichts. — Bernie schaute mich fragend an, grinste. Ich lächelte zurück, raffte mein Grundvokabular zusammen, brachte als Minimum wohl das heraus, was er sich erhofft hatte als Kommentar: Pay the difference cash! 

Mit jedem Schritt, den ich heute noch in meinen nicht mehr fremden weiteren Spra­chen mache, merke ich, wie meine muttersprachliche Kompetenz weiter wächst. Und auch die "Fremdsprachen" verstärken einander. So soll es sein, auch das motiviert mich.

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Fotos: C.E.

Montag, 25. Februar 2013

Kleines Loblied auf den Bleistift

Bonjour! Sie lesen hier Artikel eines digitalen Bordbuchs. Die Texte entstehen in Dolmetscherkabinen und am Übersetzerschreibtisch. Derzeit erhole ich mich in Berlin vom Filmfestival, bald arbeite ich wieder in Paris.

Stifte im Köcher mit Bunt- und Bleistiften
Ein Unbekannter hat mal gesagt, ein Ta­ge­buch zu schreiben sei wie mit einem Blei­stift zu fotografieren. Der Satz gefällt mir. Der Bleistift ist ohnehin ein unterschätztes Arbeitsgerät. Beim Arbeiten mit Materialien eines Kunden lese ich immer mit dem Blei­stift in der Hand. Derzeit brüte ich über Zahlen und Sta­tistiken in den Bereichen Volks­ver­mö­gen, Mietpreisenwicklung und Ren­ten­ni­veau.
Es ist nicht immer ein­fach, die Details aus­ein­an­der­zu­klam­ü­sern, um's auf Berlinisch zu sagen. Dabei finde ich schöne De­fi­ni­tio­nen dessen, was ein Durchschnitt ist. Hier eine: Steht einer mit den Füßen im Eis­was­ser und die Sonne brennt ihm aufs Haupt.

Aber natürlich muss es ihm hervorragend gehen, denn das ihn umgebende Klima liegt doch bei 21 Grad Celsius. Oder diese Definition da: Jemand schießt bei einer Jagd erst einen Meter links vom Hasen vorbei, dann einen Meter rechts vom Hasen vorbei. Dem Durchschnitt zufolge gibt's am Abend Hasenragout.

Die muss ich mir merken. Wer wie ich von Beruf Quasselstrippe ist, braucht auch ein Zitateschätzlein für das eventuell notwendige Transponieren von Witzen und komischen Momenten in der Kabine. Ich schreibe mir schnell dazu Stichworte mit dem Bleistift auf. Oder Termine. Genauso, wie ich mir bei der Arbeit kurz Ideen für diesen Blog notiere. Nein, die Auskunftsverweigerung mancher Kollegen ist nicht mein Ding, nur in Ausübung des Berufs erfahrene Geheimnisse werden natürlich sorgsam bewahrt. (Auch wir Dolmetscher haben unsere Art von Äskulapeid.)

Und zur nomadischen Lebensweise, die uns mitunter auferlegt wird, passt der Bleistift doch gut (neben dem Kalenderchen, dem Notizbuch und dem leichten elektronischen Rechenknecht). Fünf Gegenstände, die im Durchschnitt jeweils 67,5 Gramm leicht sind. Es lebe der Bleistift, der den Durchschnitt senkt! Auch der Stift, mit dem das digitale Tagebuch genannt Blog entsteht!

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Foto: C.E.

Sonntag, 24. Februar 2013

Warm anziehen

Hallo! Sie lesen im ersten deutschen Weblog aus dem Inneren einer Dol­met­scher­kabine. Hier denke ich über die Arbeit von uns Sprachmittlern nach. Sonntags werde ich immer privat: Sonntagsbilder!

Die Berlinale hat mich dieses Jahr zwei Mützen gekostet, die eine ist ans Fundbüro weitergeleitet worden, da darf ich also bald zum Flughafen Tempelhof gehen, aufs zentrale Fundamt. Als Kind war ich die chronische Turnbeutelvergesserin, heute las­se ich in der auf der Berlinale chronifizierten Müdigkeit leider immer wieder kleine Wollsachen liegen.

Fahrrad und Laternenmast mit bunter Wolle bestrickt

Nach etwa 20 Berlinalen schätze ich meinen Verlust auf ein knappes Dutzend Mützen, fünf Handschuhe (von drei Paaren) und drei Schals. So gesehen war ich dieses Jahr besonders "erfolgreich".

Fundhandschuhe auf Stöcken aufgespießt ...

... auf einer Berliner Verkehrsinsel.Jetzt warten in der deutschen Hauptstadt alle aufs Frühjahr, das ja angeblich in einem Monat ... Geschenkt!, nicht mal das Wetterthema taugt heute noch recht als opener für Gespräche. Letztens im Café hat das hier funktioniert, der Blick auf eine Form von Anthro­po­mor­phi­sie­rung, die derzeit in Berlin-Friedenau zu beobachten ist.

Und Handschuhverlierer gibt's in dem Bezirk auch viele. Schön, dann bin ich nicht mehr so alleine in dieser großen Stadt.

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Fotos: C.E.

Samstag, 23. Februar 2013

Vintage

Liebe Leserin, lieber Leser, herzlich willkommen auf den Seiten meines digitalen Arbeitstagebuchs. Hier schreibe ich stets unter Wahrung der Berufsgeheimnisse über Episoden meines Alltags als Dolmetscherin und Übersetzerin. Neben meinen Arbeitssprachen Französisch und Englisch beobachte ich natürlich meine Muttersprache.

Was gestern "Retro" war ist heute "Vintage" und damit wieder aktuell, das gilt für Kleidung ebenso wie für Möbel. Beispiele gefällig? Das Jersey-Wickelkleid mit flower power-Druck, die Großraumbrille der 80-er Jahre — ein großes Sichtfeld für ein (gefühlt) nahezu ereignisloses Jahrzehnt, bei dem kaum einer Durchblick hat­te —, die skan­di­na­vischen Teakmöbel der 1950-er/60-er Jahre, die jetzt in Kreuzberg und Neukölln hip ... und eben nicht mehr "Trödel" oder "Plunder" sind.

Auch ich mag manche alten Sachen. Ich höre gerade "Paul Temple und der Fall Lawrence" von Francis Durbridge, echtes Vintageradio, für mich zudem praktisch: Ich übe das Merken von Namen, die kommen hier gar zahlreich vor. Ach, und ich lerne Deutsch.

"Es ist nichts Ernstliches" heißt es da über einen Verletzten; "die kleine Strand­haubitze" ist ein Mann, der aus dem Hinterhalt rumballert, in den 1990-er Jahren wäre das wohl ein "Sniper" gewesen; oder aber jemand sagt: "Sachte, sachte, Bob!", wenn etwas zu "hurtig" geschieht.

Der Mann ist im Wege, wenn das "Frauchen" die Tasche packt, das ein "Genie in Kofferpacken ist", er ist nur mit Mühen von der Arbeit abzulenken, er "klappert" die ganze Zeit auf der Schreib­ma­schi­ne. Das Hörspiel bringt Botschaften wie "Fasse dich kurz, nimm' Rücksicht auf Wartende!", die heute nicht mehr alle verstehen.

Natürlich gibt es in diesem Durbridge weder Handys noch Anrufbeantworter; die geneigte Dienerschaft richtet den Betroffenen Informationen aus, die übers Telefon rein­kommen, wenn sie nicht gleich ein Telegramm erhalten.

Besonders fällt mir der altertümliche Umgang zwischen Männlein und Weiblein auf, der mich schon, als ich die Reihe als Teenager entdeckt habe, merkwürdig anwehte und zum Grinsen brachte, vor allem dann, wenn sich Madame immer wieder zwischendurch als heller als Monsieur erweist. Aber das Gefälle ist offen­sicht­lich. Nicht gefällt mir, dass Teile unserer Politik "Retro" wohl auch toll finden, Stichworte "Herdprämie", und dass aus dem Ehegattensplitting noch immer kein "Familiensplitting" wurde, wie es in Frankreich üblich ist.

Ebensowenig gefällt mir der "Retroaspekt" beim Verhalten einiger Richter, von dem ich in einem Hörfunkfeature erfuhr, das der BR brachte. Was da berichtet wird, ist weder "retro" oder "vintage", sondern einfach nur kalt, rückwärtsgewandt und ... schlicht eine Katastrophe: "Der Richter und die Opfer — das mühsame Ringen um die Ghettorenten", Feature von Julia Smilga.

Graue Tage.

Der Januar soll in Berlin der lichtärmste Monat seit 1951 gewesen sein, ich er­in­ne­re mich an zwei halbe Sonnentage. Der Februar war kaum besser. Was gibt es da schöneres als warmen Tee, Assistentenfutter, gute Bücher und das gute, alte Dampfradio.

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Foto: C.E. (Archiv)

Freitag, 22. Februar 2013

Mülltrennung

Hallo! Schön, dass Sie hergefunden haben, auf die Seiten meines Blogs aus der Welt der Sprachen. Ich verdiene meine |Brötchen| Croissants mit Spracharbeit, vor­zugs­weise in den Bereichen Medien, Politik und Wirtschaft.

Was gleich kommt, ist ein hübscher Witz: alt, aber immer wieder gut. Am Freitag ist die Büroluft zum Schneiden dick. Außerdem bereiten wir uns auf die nächste Woche vor. Montag soll's hier hübsch und sauber sein.

Daher in die Runde gefragt: "Könnte mal bitte jemand den Span­nungs­abfall run­ter­tra­gen?"

Diese Frage passt sowohl in das Umfeld von Technikern als auch von Fern­seh­film­dra­ma­tur­gen, bei denen sich die "Einschaltquote" immer mehr zu einer "Aus­schalt­quote" enwickelt hat. Aber das ist für eine andere Tonne, wir trennen den Müll ja.

Wie, schon wieder zu direkt? Also freitags sind wir hier ganz unter uns, da kann ich mir solche Läster­lich­keiten leisten.

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Foto: C.E. (Nizza, ohne Mülltrennung)

Donnerstag, 21. Februar 2013

Brutalismus

Willkommen beim 1. Weblog aus dem Inneren der Dolmetscherkabine. Hier berichte ich regelmäßig über meine Arbeit. Heute eine Vokabelnotiz in Sachen Architektur.

Dieser Titel musste mal sein! Der Begriff Brutalismus be­zeich­net eine Baupe­ri­ode, und zwar jene, in der Sicht­beton en vogue war, also le béton brut, wie der un­be­ar­beitete Beton auf Fran­zö­sisch genannt wird. Ein elegantes Beispiel für die oft martialisch wirkende Rich­tung ist sicher die Kirche Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp von Le Corbusier.

Nach den Wochen, die ich mit Film zugebracht habe, Stichwort "Berlinale", machen wir einen Ausflug in den Bereich Architektur. Wir sind in der Hoch­haus­sied­lung Märkisches Viertel am Berliner Stadtrand, dort liegt der architektonisch sehr in­te­res­san­te Grundschulbau des Scharoun-Schülers Stephan Heise, ein völlig anderer Stil. Die an­tro­po­so­phi­schen Einflüsse des Gebäudes sind nicht zu übersehen. Und doch gibt es hier viele rechte Winkel, sichtbares Mauerwerk und andere industriell gefertigte Elemente, die ganz bewusst eingesetzt sind. Die umgebenden Miets­ge­bäu­de, zumeist sehr eckige, anonyme Hochhäuser, werden auf dieser Tour als später Ökonomismus bezeichnet.

Der Grundschulbau wird seit 1985 als Jugendkunstschule genutzt, die nicht zufällig den Namen "Atrium" trägt. Hier eine kleine akustische Impression vom Ende eines langen Arbeitstags. (Ich merk's an der Artikulation). Es führt Lutz Lienke.

 

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Bild und Ton: C.E.

Mittwoch, 20. Februar 2013

Vom Leben gezeichnet

Hallo! Schön, dass Sie mein Blog angesteuert (oder die Seiten abonniert) haben! Hier schreibe ich über den wechselvollen Alltag von uns Sprachmittlern. Als Über­setzerin und Dolmetscherin für die französische Sprache arbeite ich zum Beispiel in Berlin ... für die Bereiche Medien, Wirtschaft und Politik.

Métro, boulot, dodo, so bezeichnen seit der Mitte des letzten Jahrhunderts viele Franzosen ihren Alltagsablauf. Ins Berlinische übertragen wäre das: BVG, Maloche, Pennen. Als Dolmetscherin habe ich weniger schematische Arbeitsabläufe. Nach bulimischem Pauken vor Konferenzen zum Beispiel folgt stunden- und tagelanges Sprechen (und Fahrten im Taxi, damit ich länger schlafen kann) ... und dann das große Ausschlafen.

Das erlebe ich gerade auch: Postberlinalezeit! Alle Jahre wieder findet im Februar in Berlin das Filmfestival statt, alle Jahre wieder ist anschließend so etwas wie Winterschlaf unvermeidlich, dieses Jahr ergänzt durch einige Virchen oder Bakter­chen. Hier kommt ein kleiner Rückblick, denn letztes Jahr habe ich das sogar gezeichnet — siehe unten bzw. klick für die ganze Story!

 
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Illustration: C.E.

Dienstag, 19. Februar 2013

Mengenrabatt?

Hallo! Sie lesen im ersten deutschen Weblog aus der Dolmetscherkabine. Mit­unter gewähre ich hier aber auch einen Blick auf den Schreibtisch bzw. auf die Gedankenwolke, die sich über ihm zusammenballt.

Sekretär, Monitor, Klapprechner, Notizbücher, Vokabelkartei, Lampe, Uhr, Metall-Eiffeltum, Fülleretui, Briefmarken ...Ein Verlag bittet mich um den Kosten­voranschlag für die Übersetzung zweier Kataloge. Inhalte und Epochen passen mir, sehr sogar, ich rechne also. Die Antwort kommt mailwendendend: Man sei sehr interessiert, aber ob ich nicht vielleicht einen kleinen Preisnachlass ...

Wir verhandeln eine Weile. Dann kommt noch eine kleine Monografie hinzu, alles zusammen könnte mich einige Monate halbtags beschäftigen, fast ein Schul­halb­jahr lang.
Ich gehe etwas runter mit dem Preis, mehr Nachlass wird gewünscht, es sei ja ein so großer Auftrag.

Ich erkläre, dass mich die Arbeit trotzdem die gleiche Zeit kosten wird wie drei oder vier kleinere Aufträge. Unter dem Strich bringen Großaufträge nur einen kleinen Vorteil: Verschnaufpause in der Akquise.

Da ich weiß, dass der Auftraggeber sein Töchterlein auf eine Privatschule schickt, fällt mir mal wieder ein Argument ein. Nein, eigentlich will ich nicht mehr ar­gu­mentieren müssen, das fühlt sich immer an, als würde ich Rechtfertigungen suchen. Dabei will doch ich nur meine Arbeit machen! Die blöde Industrielogik, nach der große Mengen billiger sind, gilt für unsereinen nicht. "Übersetzen ist Handwerk", Manufaktur, nicht Industrie.

Gut, ich übe mal. Das Argument wäre das hier: "Im 2. Halbjahr zahlen Sie das Schulgeld für das gnädige Fräulein Tochter auch in voller Höhe. Der Lehrer kann Ihnen schließlich keinen Mengenrabatt einräumen, nur weil er schon im 1. Halbjahr das Glück hatte, GnäFräu unterweisen zu dürfen." C'est absurde, non ?

Hm, aber ob ich mich das zu sagen traue?! Eher nicht. Aber gut, mir den Gedanken zurechtgelegt zu haben. Mit dem im Rücken kann ich schon ruhiger verhandeln.

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Foto: C.E. (Archiv)

Montag, 18. Februar 2013

Strategie

Bienvenue ! Sie haben eine Seite meines digitalen Arbeitstagebuchs auf­ge­blät­tert! Als Übersetzerin und Dolmetscherin für die französische Sprache arbeite ich in Berlin, Paris und dort, wo ich gebraucht werde.

Rascher Einwurf vom Rand des Spielfelds, dann darf ich wieder raus: Wenn ich mich an einer Sache festgedacht habe und nicht mehr weiterkomme, wechsele ich einfach das Idiom. So kommen die Gedanken wieder in Bewegung.

Jede Sprache hat ihre ganz eigene Logik, es gibt stehende Redewendung, kulturell bedingte Assoziationen, die Hinterländer der Wörter sind in Deutsch und Franzö­sisch oft ziemlich unterschiedlich. Und wie das Eine zum Nächsten führt, nach und nach also, die Franzosen sagen de fil en aiguille, "vom Faden zur Nadel", stehen die zentralen Begriffe der Entscheidung in einem anderen Kontext, bringen mich auf neue Ideen. Das gilt wohl für alle Zwei- und Mehrsprachigen.

Außerdem, so las ich irgendwo letztes Jahr, sollen Gefühle weniger stark in Ent­scheidungen hereinfunken, wenn wir Menschen etwas in einer Fremdsprache, die wir gut beherrschen, durchdenken, denn die neue Sprache spiegelt viel stärker als die Erstsprache den geistigen Horizont desjenigen, der sie einst lernte, will sagen: Auf dieser Ebene ist der denkende Mensch von den ureigensten Verlustängsten weiter entfernt als in der Muttersprache. Der analytische Teil bekomme so einen größeren Einfluss, sagen die Forscher. Das klingt logisch. (Hier mehr dazu bei www.scinexx.de)
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Berlinalegeflüster: Rückschau

Willkommen auf den Seiten des ersten deutschen Blogs aus dem Inneren der Dolmetscherkabine. In der letzten Woche war ich am Potsdamer Platz und habe Stars verdolmetscht. Daneben habe ich auch ein offenes Ohr für die Kolleginnen und Kollegen gehabt.

 "Die Rückseite des Dekors": Berlinalebär auf der Fassade, gesehen von innen durch die Glaswand hindurch.
Wie direkt darf ich sein? Ab wann ist etwas frech? Hört mein Gegenüber im Stress mein Lächeln am Telefon? Wie kann ich Ironie Menschen vermitteln, die ich noch nicht kenne?
Noch bin ich nicht alt (oder renommiert) genug, um frei heraus meine Meinung äußern zu dürfen, aber ich mache kräftig Gebrauch davon. Der Satz, um den es mir hier geht, wäre etwas in der Preislage von "Ihr kaputtes Auto bringen Sie doch auch nicht in eine Fahrradwerkstatt, oder?"

Film ist kein leichtes Feld und wird von vielen unterschätzt ... wie manches andere Kulturthema auch.

Beim Buchen von Dolmetschern wird in diesem Sektor oft nicht auf die Spe­ziali­sie­rung ge­ach­tet. Dabei gibt es gerade in diesem Bereich im Schnittpunkt zwischen Kunst, Kreati­vi­tät, Wirtschaft, Marketing, internationale Beziehungen, klassischer und hoch­mo­derner Technik viele Fachtermini, die im Vorfeld gepaukt werden müssen (viele nehmen das ernst und dolmetschen hervorragend, leider nicht alle). Zur Untermauerung hier noch ein paar Berlinalenachträge zum Thema "Film­sprache".

Nicht gefallen hat mir die Übertragung "wir bekommen einen Vorschuss von der Filmförderung" für le CNC nous accorde l'avance sur recette, die "selektive Pro­duk­tions­förderung des CNC" war also gemeint. Auch nicht schlecht: "Ich drehe immer an natürlichen Orten" für je tourne toujours en décor naturel, da dreht also jemand 'nicht im Studio' oder immer 'am Originalschauplatz' (je nach Kontext).

Die Klassiker unter den Irrtümern sind wohl der régisseur de plateau, der nicht mit Regisseur oder 'Setregisseur' zu übersetzen ist, denn ein régisseur auf Französisch wird auf Deutsch "Aufnahmeleiter" genannt. Auch ist eine doublure hier nicht das "Fut­ter" eines Mantels oder Filmstoffs, sondern schlicht das "Double". Nicht er­funden werden kann außerdem der französische Begiff für "Filmabtastung", also Finger weg von palper un film, es handelt sich nicht um verknotetes Gewebe, balayage ist das Wort, das hier fallen muss. Alles echte Vokabeln, zum Beispiel auch, dass die deutsche "Handkamera" auf Französisch caméra à l'épaule (rück­über­setzt: Schulterkamera) heißt.

Für "Motivsuche" hatte ich erst letzte Woche etwas gehört, das rückübersetzt so viel wie "wir suchen unsere Ziele" lautet, 2011 vernahm ich "Bilder suchen", chercher des images, das ging zumindest schon in Richtung repérage.

Neben den Fachtermini fallen in manchem Filmgespräch auch Eigennamen und Filmtitel. Schon sehr be­dau­er­lich, wenn stets von drei Namen nur einer in der anderssprachigen "Ver­sion" genannt wird ... und dann oft auch noch falsch. Einer guten, tiefergehenden Verständigung dient das jedenfalls nicht.

Ob das jetzt Zitate vom Gang hinter den Dolmetscherkabinen seien oder in Natura Vernommenes, will die Mitarbeiterin wissen. Über Interna schweigen wir Dolmet­scherinnen und Dolmetscher. Außerdem bin ich noch nicht alt (oder renom­miert) genug, um frei heraus meine Meinung äußern zu dürfen, aber ich mache (falls mich Kollegen fragen) kräftig Gebrauch davon. Nur meine Lexik, die verschenke ich nicht einfach so, denn sie ist das Ergebnis von mehr als einem Jahrzehnt Be­schäf­ti­gung mit dem Thema.

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Foto: C.E.

Sonntag, 17. Februar 2013

Berlinalegeflüster: Abschied

Hallo! Willkommen auf meinen Blogseiten. Hier schreibe ich als Übersetzerin und Dolmetscherin für die französische Sprache. Sonntags bringe ich hier immer ein Foto oder eine kleine Fotostrecke. 

Heute: Aus den Kulissen der Berlinale. Schlussklappe! (... oder fast.)

Pressekonferenz. Im Anschnitt eine Filmkamera als schwarze Silhouette
Pressekonferenz mit Nicolas Philibert, Interviewerin: Jenni Zylka
Der Trend geht zum Dritthandy (PR-Agentin in der Pause)


Interview zu "La religieuse", Knut Elstermann, Pauline Etienne, Guillaume Nicloux, Caroline Elias

Arte-Team kurz vor dem Interview

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Fotos: C.E.

Freitag, 15. Februar 2013

Berlinalegeflüster: [lɑ̃smɔ̃]

Willkommen et bienvenue beim Arbeitstagebuch einer Französischdolmetscherin und -übersetzerin. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch und Englisch (passiv). Dieser Tage arbeite ich in den Kulissen des größten deutschen Film­festivals. Hier lesen Sie meine ureigensten, persönlichen Eindrücke. Sie stellen keine offizielle Meinung des Festivals dar.

Gestern am frühen Abend in meiner Küche: "Lancemon" [lɑ̃smɔ̃] sagt die öffentlich-rechtliche Nach­richten­sprecherin, als würde ein zusammengesetztes Wort aus la lance (die Lanze) und mon (mein) existieren.
Beim zweiten Mal ist der Vorname mit dabei, erst jetzt verstehe ich: Die Radiofrau meint Claude Lanz­mann.

Mir fällt vor Schreck der Kochlöffel aus der Hand. Da die Familie des Dokumentar­film­regisseur aus Osteuropa stammt, muss sein Name nicht nasa­liert werden.

Ja, gibt es denn bei ARD und ZDF keine Aus­sprache­daten­bank mehr? Diese legt nor­maler­weise fest, wie fremde Wörter eingedeutscht werden.

Oder wie Namen "originalgetreu" aus­ge­sprochen werden ... Für die Datenbank werden Quellen hinzugezogen wie "Selbstauskünfte durch direk­ten Kontakt mit Politikern, Künstlern und anderen Per­so­nen, Ansprech­partner bei Botschaften, (...) wis­sen­schaft­lichen Ein­rich­tungen und anderen Rund­funk­anstalten, (... den) ARD­Korres­­pon­denten und nicht zuletzt Nachschlagewerke wie Lexika und Enzyklo­pä­dien" (1). In meinem früheren Leben habe ich als Mitar­bei­ter­in von SFB und ORB (heute rbb) zur Datenbank beigetragen. Beispiel, sogar ohne Pho­netik­schrift­kennt­­nis­­se gut verständlich: "Kuh-wenn", so sprach sich der Name des Direktors aus, den Veolia (damals Vivendi bzw. Compagnie Générale des Eaux) im Zuge der Privatisierung beim Film­studio Babelsberg eingesetzt hatte, er schrieb sich Couveinhes.

Claude Lanzmann erhielt gestern am späteren Abend den Goldenen Bären, die Medien sind derzeit voll davon, die Berlinale zeigt etliche seiner Filme. Ich freue mich sehr für ihn.

Ein wenig Bauchgrummeln macht mir der Kontext seines Berlinbesuchs. Der Pots­damer Platz liegt im Februar nicht in der deutschen Hauptstadt, denn dann gehört er der internationalen Welt der Filmschaffenden. Die ja alle Sprachen spricht ... oder sprechen sollte. At the Potsdam Place ist simplified english zur common language geworden. Alle Filme außerhalb des Wettbewerbs sind englisch unter­titelt, auch Filme, deren Untertitelung extra für Berlin hergestellt wurde. Die Moderationen und Filmgespräche finden inzwischen ausnahmslos auf Englisch statt. Klare Folge: Die PR-Agenten, die die Filme in der Pressearbeit betreuen, geben sich immer seltener die Mühe, Interviewzeiten nach Sprachen zu differenzieren und unter­schied­liche Dolmetscher zu buchen.

Manche Journalisten bleiben weg. Mir fehlten dieses Jahr etliche Gesichter von Korrespondenten aus Osteuropa, die zu Ostblockzeiten in der DDR studiert haben. Sie kamen sonst nach Berlin, gerade weil sie Deutsch und nicht Englisch sprechen. Auch mancher deutscher Oldie (ab Mitte 40), der zu Zeit des Mauerfalls schon nicht mehr in der Schule war, hat seine Englischkenntnisse seither nicht groß verbessert. Etliche aus dem Osten Deutschlands oder aus dem auch recht isolierten Westberlin erlebten das, was Auswanderer erfahren: Sie mussten sich in einem neuen System zurechtfinden, sie oder ihre Kinder durchlebten Studium und Ar­beits­welt in einem ihnen (und ihren Eltern) fremden Kontext, Ehen zerbrachen, klare Bezüge waren unvermittelt weg. Sprich: Oftmals fehlte ihnen die Energie, sich parallel dazu um gute Fremdsprachenkenntnisse zu kümmern. Aber diese Gene­ration hat über die letzten Jahre viel Filmwissen akkumuliert.

Dem steht heute der junge, hungrige Jour­nalisten­nachwuchs gegenüber, der viel­leicht Dank Erasmus im Ausland war, dem aber viel Seherfahrung fehlt.
Wie sich das auswirkt? Beispiel eines In­ter­views mit deutschen Medienvertretern in der französischen Botschaft, letzten Dienstagabend. Sprachlich eine Dreiecks­situation: Ein junger Journalist stellt seine auf Englisch vorbereiteten Fragen dem­ent­sprechend auf Englisch, Lanzmann antwor­tet auf Französisch, ich darf dol­metschen (bzw. muss, das Leidens­potential ist groß).

Der Einfach­heit halber gebe ich das Inter­view hier in Gänze auf Deutsch wieder.

Frage: Herr Lanzmann, freuen Sie sich, dass Sie diesen Preis gewonnen haben?
Lanzmann: Ich habe keinen "Preis gewonnen", ich erhalte den Goldenen Bären der Berlinale für mein Lebenswerk.
Frage: Wie ist es für Sie, dass Sie nach so vielen Jahren endlich in Deutschland anerkannt werden?
Lanzmann: Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen, ich war in Deutschland immer anerkannt.

Dann ist Monsieur Lanzmann wortlos gegangen.

Zwei Tage später hat er sein Werkstattgespräch mit dem studierten Romanisten Ulrich Gregor — er hat das Internationale Forum des Jungen Films mitgegründet — im Filmhaus at the Potsdam Place direkt auf Englisch führen dürfen.

Der Schreck über die im Radio gehörte Namensverstümmelung ist rasch ver­gangen. Der Rest wird mich noch länger beschäftigen als nur gestern am frühen Abend in der Küche, an einem von zwei Abenden, an denen ich während der Berlinale ge­nuss­voll selbst gekocht habe, statt ins Kino zu rennen. Mir macht es Bauch­schmer­zen, dass eine kulturelle Institution mit einer solchen Außenwirkung das ureigenste Moment der Kultur aufgibt, die eigene Sprache. In Frankreich wäre das undenkbar.

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Fotos: Gerd Blanke
(1) "Die ARD-Aussprachedatenbank — Sprechen und
Verstehen von Fremdwörtern in Radio- und Fernseh-
programmen", Clara Finke, Hausarbeit (Rhetorik), 2010

Donnerstag, 14. Februar 2013

Berlinalegeflüster: Brummen und Schnurren

Hallo! Sie lesen im ersten deutschen Weblog aus dem Inneren einer Dol­met­scher­kabine. Dieser Tage bin ich allerdings viel außerhalb derselben anzutreffen, und zwar in den Kulissen der Berlinale.

Morgens um acht, das Telefon reißt mich aus den Träumen, in die ich erst vor wenigen Stunden gefunden habe. Ich arbeite auf der Berlinale, mancher Einsatz ist erst am späten Abend, das Ende des Festivals dafür inzwischen absehbar. Damit auch das Ende der Zeitverschiebung, mit der ich mich fühle wie eine Schichtar­beiterin. Beim Aufstehen bin ich oft noch müde, und auch meine Stimme ist leicht angegriffen.

Ich gehe ans Telefon, melde mich knapp. Ob denn meine Frau da sei, werde ich gefragt. Ich bin noch nicht wach, sage wahrheits(un)gemäß, dass ich es selbst sei (denn ich bin ja nicht meine eigene Frau). Schweigen am anderen Ende der Lei­tung. Der Anrufende fragt nochmal nach, sagt diesmal meinen Namen. Ich insistiere ebenso.

Am Morgen nach solchen Tagen habe ich eine Stimme mit dem Vibrato "eines V8-Motors", sagt Gerd, der Mitbewohner der Berlinale-WG. Er erklärt den Zylinder in V-Form, der besonders häufig bei amerikanischen Autos der 1960-er Jahre vorkam. So ein eleganter Schlitten aus der "guten alten Zeit" zu sein, da habe ich nichts dagegen.

Überhaupt klinge ich auch für mich interessant. Fremd, exotisch, die Stimme vi­briert, als würde ich schnurren. Mein Mitbewohner auf Zeit, er hat zuhause selbst Katzen, erzählt, dass Schnurren nicht nur ein Wohlfühlsignal der Stubentiger sei, sondern auch bei Unsicherheit und Nervosität auftrete, ja sogar Krankheits­heilung befördere.

In der Berlinale-Lounge: Interviews mit Dolmetscher parallel zum Einlass
Das mit der Unsicherheit ken­ne ich auch. Wenn ich in Stress gerate und es recht­zei­tig mer­ke, schalte ich stimmlich "eine bis zwei" Stufen tiefer. Das Vibrato der Stimme mas­siert leicht das Zwerchfell, was sich wiederum beruhigend auf das vegetative Nervensystem auswirkt, ich atme ent­spann­ter, tiefer, habe mehr Sauer­stoff in Blut und Hirn.

Und der Sauerstoff macht, dass mir das Dolmetschen leichter fällt ... So löse ich einen Kreislauf aus, der mich weiter entspannt. Ach, und hier ein Geständnis: Leider wirkt irgendwie auch die männliche Stimme überzeugender auf mich als meine eigene (weibliche) Stimme; ich muss an Untersuchungen denken, die am Beispiel von Nachrichtensprechern das gleiche Ergebnis hatten (was sicher Ergebnis jahrzehntelanger Prägungen ist, um die Huhn-Ei-Frage schnell zu beantworten).

Kurz: So überzeugend, wie ich dann auf mich wirke, so wirke ich auch auf andere.

Gestern muss ich nachmittags um drei in den Festivalpalast, um Interviews zu dol­metschen; noch bevor ich irgendein gültiges Beweisstück aus der Tasche genestelt habe, bin ich drin, die ruhige, feste, bestimmte Stimme, mit der ich mein An­sin­nen vortrug, war einfach und klar.

Nur zu viel Schlaf darf nicht fehlen, der Berlinale-Jetlag zur Außenwelt sollte nicht zu groß sein, sonst fahre ich zu sehr "auf Reserve" und habe dann die Fähigkeit nicht mehr, mir meines eigenen Stress­levels überhaupt bewusst zu sein.

Also nochmal umdrehen, noch eine Mütze Schlaf kriegen.

Morgens um zehn, die Ghetto-Birds kreisen über Kreuzberg und Neukölln, jegliches Weiterschlafen unmöglich. Und jetzt?

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Fotos: C.E.

Mittwoch, 13. Februar 2013

Agnès Varda online

Da ich meinen Eintrag vom letzten Samstag nachtragen musste, bringe ich ihn hier gleich nochmal, damit er sichtbar bleibt, denn meine treuen Leser "blättern" eher nicht zurück.

Passend zur Berlinale hier ein Link zu einem virtuellen Filmfestival: Die Werke von Agnès Varda können auf der Seite von Doc Alliance bis einschließlich 17.2.2013 ganz legal und kostenlos gesehen werden. Hier entlang: Klick!
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Dienstag, 12. Februar 2013

Berlinalegeflüster: Fachdolmetscher

Hallo beim Blog einer Dolmetscherin und Übersetzerin! Hier können Sie mehr über unsere Arbeit erfahren. Derzeit arbeite ich in den Kulissen der Berlinale.

Stellen Sie sich vor, Sie brauchen eine neue Brille. Gehen Sie dann zum Hals-/Nasen-/Ohrenarzt? Natürlich nicht, sondern zum richtigen Facharzt. Und wie es spezialisierte Doktoren der Medizin gibt, ist der Markt voller spezialisierter Dolmetscher.

Berlinale 2013, hier geben sich die Stars und auch die Sprachmittler die Klinke in die Hand. Und leider ist nicht jede(r) offenbar einschlägig vorgebildet. Auf zu verdolmet­schende Einzelinterviews bereite ich mich vor, indem ich manchmal auch andere frei zugängliche Interviews verfolge, Publikumsgespräche (ins Englische übertragen) oder die entsprechende Berlinale-Pressekonferenz. Vor einigen Tagen musste ich leider hören, wie ein Dolmetscher aus "Und dann haben wir die Motivsuche für das Projekt gemacht" den Satz Puis, on s'est mis à chercher les objectifs pour ce projet de film gemacht hat. (Zurückübersetzt: "Dann haben wir angefangen,die Ziele für das Filmprojekt zu suchen.") Hier steckt dahinter, dass l'objectif synonymal zu le but verwendet werden kann, also "das Ziel".

Quel objectif ? Das "Objektiv" könnte ich, wenn ich nach der Methode "stille Post" verfahre, und so arbeiten wir ja auf internationalen Konferenzen, wenn es eine, zwei Haupt- und mehrere Nebensprachen gibt, frei als "Optik" weiterübersetzen. Also eine 35 mm-Optik oder wie? Nein, es ging um das, was die Franzosen als repérage bezeichnen, also das Sich-umschauen-vor-Drehbeginn ... und eben "Motive" finden.
Hier hilft leider nur Sarkasmus ...

Gestern als Verdolmetschung gehört:
le plan — das Bild (statt die Einstellung)
la séquence — die Bilder (OK, aber die "Sequenz" wäre besser gewesen)
série de plans — Bilderablauf (nein, eine Abfolge von Einstellungen)
trop de rushes — zu viele Bilder (nein, zu viel gedrehtes Material)
faire agir la phantaisie — zu inneren Bildern anregen (geht klar ...*)

Das Innere einer Dolmetscherkabine mit Pult, Computern und Blick nach draußen.
Mich ärgert, dass es offenbar Kolleginnen und Kollegen gibt, die das Thema "Film" auf die leichte Schulter nehmen. Die denken: Ist ja Kultur, ins Kino gehe ich ohnehin, das hab' ich längst drauf. Donnerstag erwartet mich die nächste Veran­stal­tung mit solchen Nicht-Fach­dolmetschern.
Ich gehe aus inhaltlichem Interesse hin.

Vor sechs Jahren waren wir da stellenweise schon mal weiter. Hier ein Bericht aus der Kabine, meine liebe "anamorphotische Vorsatzlinse". Und noch was zum Schmunzeln, denn es kann auch sehr hübsch "danebengehen": Hier mein Lieb­lings­schman­kerl, der höchst kreative Einsatz von Dolmetscherkollegen bei einem Panel zum Thema "Filmfinanzierung", Stichwort: "Ein Happy End kann nicht garantiert werden".

Bei alldem hilft nur eins: nicht ärgern, nur wundern.

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Foto: C.E. (Archiv)

(*) normalerweise schon, aber hier in
dieser Häufung nur absurd

Montag, 11. Februar 2013

Berlinalegeflüster: Virales

Willkommen et bienvenue beim Arbeitstagebuch einer Französischdolmetscherin und -übersetzerin. Derzeit bin ich auf der Berlinale. (Einige Termine habe ich noch frei.)

Am Potsdamer Platz verbreiten sich Nachrichten sehr schnell. Sonntagvormittag kommen Journalisten aus der Pressevorführung, haben den Wettbewerbsbeitrag "Gloria" (Spanien/Chile) gesehen ... kurz darauf weiß ich, wie ein früherer Student und ich den Film bei der Welturaufführung auf hervorragenden Plätzen und ohne uns wirtschaftlich zu ruinieren zu sehen kriegen werden. Der Film wird sicher was gewinnen, wetten? (Nochmal herzlichen Dank, Axel!)

Manche "Informationen" brauchen etwas länger. Als 2000 der neue Berlinale­di­rek­tor berufen wurde, kannte die ganze Branche seinen Namen schon gut. Mehr noch, und es war die Zeit vor Facebook, durch die "Freunde" ja inflationär vermehrt wurden, jeder Anflug von Ironie war also deplaziert: Sehr oft hörte man von ihm als "mein Freund Dieter" sprechen.

So sehr, dass mir auf seiner zweiten Berlinale ein Bonmot rausrutschte. Herr K., sagte ich, sei der "einzige Mann Deutschlands, der mit Vornamen 'mein Freund' und mit Nachnamen 'Dieter' heißt".

Drei Monate nach der Berlinale trifft sich die Branche in Cannes. Dort waren etliche Film­schaf­fen­de, Filmpolitiker und sonstige verantwortlich Mitarbeitende zu einem Mittag­es­sen mit dem französischen Kulturminister geladen. Neben mir stand Rolf Bähr, der damalige Leiter der Filmförderungsanstalt (FFA). Und als Herr K. um die Ecke bog, sagte er zu mir: "Hier kommt der einzige Mann Deutschlands, der mit Vornamen 'mein Freund' und mit Nachnamen 'Dieter' heißt."


Heute nennt man die Art der Übertragung "viral".

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Foto: C.E.

Sonntag, 10. Februar 2013

Berlinalegeflüster: Haiti

Bonjour, hello und "salu" ... auf den Seiten dieses Blogs. Hier |plaudert| schreibt eine Dolmetscherin und Übersetzerin |aus dem Nähkästchen| über den Be­rufs­all­tag. Derzeit dreht sich alles um Kino.

Berlinalepremiere des Films Assistance mortelle von Raoul Peck: Der Film er­zählt, was ich von aus Haiti stammenden Freunden auch schon gehört habe — die "Hilfs­industrien", die nach dem Erdbeben in Haiti dort auf den Plan treten, bauten nicht selten parallele Hilfsstrukturen auf, wodurch nicht immer nachvollziehbare Ent­schei­dungen gefällt werden und sich manche(r) nicht selten auch über die Struk­turen vor Ort hinwegsetzt ... aus Angst davor, dass durch Korruption Hilfsgelder verschwinden könnten. Dabei wird letzten Endes auch offensichtlich Unsinniges gefördert, werden Notlösungen zementiert, anstatt den Betroffenen Hilfe zur Selbsthilfe zu bringen. Eine ausführliche Kritik des Films von Thekla Dannenberg befindet sich hier bei Perlentaucher.

Der Film wurde großenteils auf Englisch (Interviews, Kommentar) gezeigt, stellen­weise auf Fran­zösisch oder Kreolisch und dann englisch untertitelt. Die an­schlie­ßen­de Diskussion fand ebenfalls auf Englisch statt.

Zum Thema Hilfsindustrien nach Katastrophen habe ich noch nicht aus dem Eng­lischen gedolmetscht, so dass mir etliche Begriffe nicht gleich klar waren. Englisch ist meine C-Sprache, also die Ausgangssprache für manchen Dolmetscheinsatz. Ich muss leider feststellen, dass ich den Eindruck hatte, einen stellenweise sehr redundanten Film zu sehen; wo und wann die Gedanken vorangetrieben wurden, hat sich mir nicht erschlossen.

Wenn es mir als Dolmetscherin schon so ging, wie erlebten es dann den anderen im Saal, deren Muttersprache auch nicht Englisch ist? Der Film läuft bald auf Arte, der Sender hat ihn koproduziert. Dann wissen wir mehr.

Podiumsgespräch mit Raoul Peck auf der Berlinale zum Film "Assistance mortelle"
Eine mir unbekannte Dolmetscherin, ein Protagonist des Films, R. Peck und Journalistin.
Hier geht's zum Video des Publikumsgesprächs.
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Foto: C.E. (Bild anklicken, dann wird es größer. Sorry
für die mageren Personenangaben in der Legende.)

Samstag, 9. Februar 2013

Berlinalegeflüster: Virtuelles Festival

Der erste Dolmetscherblog aus dem Inneren der Kabine bringt am Samstag immer den "Link der Woche".

Passend zur Berlinale hier ein Link zu einem virtuellen Filmfestival: Die Werke von Agnès Varda können auf der Seite von Doc Alliance bis einschließlich 17.2.2013 ganz legal und kostenlos gesehen werden. Hier entlang: Klick!
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