Mittwoch, 1. Juli 2026

Die große Illusion (1)

Hal­lo! Sie sind in mei­nem vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buch ge­lan­det. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin für Fran­zö­si­sch auf Kon­fe­ren­zen und bei Ver­hand­lun­gen, Mes­sen, De­le­ga­ti­ons­rei­sen und anderen öf­fent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen. Mit der Mut­ter­spra­che Deutsch dol­met­sche ich auch mit Eng­lisch als Aus­gangs­spra­che.

Mein Be­rufs­stand wird ge­ra­de von der KI in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen, die nicht wirk­lich in ech­ten Si­tu­a­ti­o­nen live dol­met­schen kann. Jetzt hel­fen uns Ju­ris­ten.

Eine Stadt, an der jeder vereinzelt am Eine Stadt, an der jeder vereinzelt am Handy hängt; auf großen Monitoren und in Vitrinen blaue Homunkuli
Sie se­hen al­les, sie le­sen al­les
Es ist Diens­tag­mor­gen, das Te­le­fon klingt, am an­de­ren En­de ein Stamm­kun­de, ein Pro­fi in der Event­or­ga­ni­sa­ti­on, aber die Stim­me klingt ein we­nig ver­le­gen: „Frau Elias, wir pla­nen da die­se Auf­sichts­rats­sit­zung. Und, tja, der Ein­kauf zwingt uns, ver­gleichend auch An­ge­bo­te für KI-Dol­met­schen ein­zu­ho­len. Die Ver­trieb­ler der Groß­agen­tu­ren ver­spre­chen uns un­fass­bar leis­tungs­star­ke Sys­te­me. Was mei­nen Sie?“
Ich at­me kurz durch, be­wah­re die di­plo­ma­ti­sche Form. Das habe ich in Jahr­zehnten der Ar­beit ge­lernt.

In­ner­lich aber schüt­te­le ich mit dem Kopf über die­se wun­der­li­che Blau­äu­gig­keit, mit der Un­ter­neh­men ge­ra­de se­hen­den Au­ges in ein recht­li­ches Mi­nen­feld steu­ern.

Klar­text

Lie­be Ver­an­stal­ter:in­nen, dürf­te ich bit­te mal oh­ne mei­ne sonst üb­li­che höf­li­che Zu­rück­hal­tung spre­chen? Auf der ei­nen Sei­te ha­ben Sie ein glat­tes Mar­ke­ting­ver­spre­chen ge­hört. Ich kann Ih­nen sa­gen: Die Ma­schi­ne lie­fert nur im La­bor halb­wegs zu­frie­den­stel­len­de Leis­tun­gen, aber nicht bei al­lem, was Neu, Be­son­ders, Über­ra­schend ist und wor­auf es Rück­fra­gen ge­ben kön­nen — das al­les ist im Grun­de ex­akt die De­fi­ni­ti­on des­sen, was Kon­fe­ren­zen, Vor­trä­ge und Ver­hand­lun­gen aus­ma­chen.

Auf der an­de­ren Sei­te geht es bei der Fra­ge nicht nur um Qua­li­täts­un­ter­schie­de. Es geht um knall­har­te Haft­ung und Da­ten­schutz. Auch dar­über spricht nie­mand von den Ver­käu­fer:in­nen, die üb­ri­gens kei­ne Lin­guist:in­nen sind.

Fir­men­ge­heim­nis­se auf Welt­rei­se

Vie­le die­ser cloud­ba­sier­ten KI-Dol­metsch-APIs, die von ver­meint­li­chen Tech-Agen­tu­ren ver­kauft wer­den, ha­ben ein klei­nes, schmut­zi­ges Ge­heim­nis: Sie schi­cken die Live-Ton­spur oh­ne recht­li­che Ab­si­che­rung über US-ame­ri­ka­ni­sche Ser­ver. Über­le­gen Sie mal kurz, was das be­deu­tet: Hoch­sen­si­ble Stra­te­gie­plä­ne, un­ver­öf­fent­lich­te Dreh­bü­cher oder Ver­trau­ens­fra­gen aus der Po­li­tik lan­den als Trai­nings­da­ten im Si­li­con Val­ley.

Das ist ein mas­si­ver Bruch der di­gi­ta­len Grund­ver­ord­nung (DSG­VO) und steht auch im Wi­der­spruch zu den meis­ten in­ter­nen Com­pli­an­ce-Re­geln. Ein Com­pli­an­ce-De­ba­kel droht, das am En­de sehr teu­er wer­den kann, po­li­tisch, di­plo­ma­tisch und öko­no­misch.

AI-Act der Eu­ro­pä­i­schen Uni­on

Als wür­de das nicht rei­chen, greift ab Au­gust 2026 der EU AI-Act voll­stän­dig mit sei­nen schar­fen Trans­pa­renz­pflich­ten. Wer jetzt in­trans­pa­ren­te, un­si­che­re KI-Sys­te­me auf B2B-Events ein­setzt, haf­tet als Un­ter­neh­men emp­find­lich.

Mei­ne Ant­wort am Te­le­fon hat viel­leicht ganz kess ge­klun­gen, aber sie ist un­an­fecht­bar: Wir mensch­li­chen Dol­met­scher:in­nen un­ter­lie­gen dem Be­rufs­ge­heim­nis. Das ist ähn­lich wie der Schwur, den Me­di­zi­ner:in­nen leis­ten. Wir Dol­met­scher:in­nen ar­bei­ten lo­kal, vor Ort und off­line. In Mi­nis­te­ri­en ge­ben wir oft un­se­re Mo­bil­te­le­fo­ne am Ein­gang ab. Wir wer­den ab­so­lut ver­trau­lich tä­tig. Un­se­re Ge­hir­ne spei­chern kei­ne Da­ten für das Trai­ning aus­län­di­scher Ser­ver.

Wer haf­tet bei Hal­lu­zi­na­ti­o­nen?

Bei uns Men­schen droht auch kein Da­ten­leck, aus de­nen noch ganz an­de­re De­tails zu Pa­ten­ten oder über Fir­men­zah­len ab­flie­ßen kön­nen. Es wird kein Ma­te­ri­al ge­ne­riert, das im Dark­net zur Wa­re oder ge­gen Sie als Kom­pro­mat ver­wen­det wer­den könn­te.

Sen­sib­le In­for­ma­ti­o­nen und Ana­ly­sen blei­ben im ge­schlos­se­nen Raum. Be­son­ders re­le­vant ist es dann, wenn die Ge­sprä­che mit Part­nern aus dem Aus­land ge­führt wer­den, in de­nen kei­ne lu­pen­rei­nen De­mo­kra­ti­en herr­schen. Die­se Grup­pe ist oft vor dem Hin­ter­grund per­sön­li­cher Be­dro­hun­gen zu­recht sehr zu­rück­hal­tend. Sie ah­nen viel­leicht jetzt aus die­sen Zei­len, dass ich weiß, wo­von ich spre­che. Mehr als ei­ne An­deu­tung be­kom­men Sie nicht.

Haf­tung für KI-Murks

Vor ei­ni­gen Wo­chen dann der Knall aus Mün­chen: ein Ge­richt hat ein­deu­tig die Ver­ant­wort­lich­keit be­nannt. Das Land­ge­richt Mün­chen I in sei­nem weg­wei­sen­den Ur­teil: Google haf­tet un­mit­tel­bar für Falsch­aus­sa­gen und Per­sön­lich­keits­rechts­ver­let­zun­gen in sei­nen KI-ge­ne­rier­ten Such­über­sich­ten.

Wer jetzt noch glaubt, sie oder er kön­ne sich als Ver­an­stal­ter ja dar­auf be­ru­fen, dass die „Tech­nik ja nur ge­miet­et“ sei und nie­mand so recht für die Feh­ler der Ma­schi­ne et­was kön­ne, soll­te sich schleu­nigst mit der ak­tu­el­len Recht­spre­chung be­fas­sen.

Das Ge­richt stell­te klar: Die KI reicht ein­fach nicht nur frem­de Links durch, die Tech­nik ver­knüpft und ver­dich­tet In­for­ma­ti­o­nen zu ei­nem neu­en, ei­gen­stän­di­gen In­halt. Google gilt hier als Stö­rer und trägt die volle Ver­ant­wor­tung (Link)

Auch bei Events

Über­tra­gen wir die­sen Ent­scheid auf un­se­re Bran­che, wird es für Event­or­ga­ni­sa­to­ren un­ge­müt­lich: Wenn ein KI-Sys­tem im Live-Be­trieb „hal­lu­zi­niert“, weil der Red­ner viel­leicht ge­nu­schelt oder den Kopf vom Mi­kro weg­ge­dreht hat, und dar­aus ei­ne ge­schäfts­schä­di­gen­de Falsch­aus­sa­ge oder ei­ne fal­sche Pro­dukt­haf­tung zu­sam­men­klöp­pelt, ist das kein „dum­mer Com­pu­ter­feh­ler“ mehr. Es ist ein recht­li­cher Haf­tungs­fall.

Und der Ein­kauf, der das bil­li­ge KI-To­ken-Pa­ket durch­ge­drückt hat, steht plötz­lich oh­ne Aus­re­de da.

Die KI-Il­lu­si­on im Ein­satz

Noch­mal, weil es of­fen­sicht­lich noch nicht zu al­len durch­ge­drun­gen ist: Die Ma­schi­nen be­rech­nen sta­tis­ti­sche Wahr­schein­lich­kei­ten und ori­en­tie­ren so ih­re Aus­wür­fe im­mer an dem aus, was be­reits pu­bli­ziert wor­den ist. Bei Dol­metsch­an­läs­sen geht es aber im­mer um das Neu­e. Hier­an schei­tert die KI zu­ver­läs­sig. Bei zu gro­ßen „Lü­cken“ im Vor­la­ge­ma­te­ri­al über­springt die KI We­sent­li­ches oder er­fin­det die KI neu­e In­hal­te, in­halt­li­cher Ver­lust oder Fehl­in­for­ma­ti­o­nen dro­hen.

Mein Fa­zit

Ja, je­de(r) kann sich für ein güns­ti­ges KI-Ex­pe­ri­ment ent­schei­den, wenn es dar­um geht, sich ei­ne gro­be Über­sicht zu ver­schaf­fen. In der Ar­beits­si­tu­a­ti­on darf das so­gar je­der oder je­de ma­chen, die oder der das Ri­si­ko liebt. Wer aber Ver­ant­wor­tung für Gäs­te, In­hal­te und die recht­li­che Com­pli­an­ce über­neh­men will und muss, soll­te ein ein­ge­spiel­tes Team aus Sprach­pro­fis bu­chen, al­so Men­schen.

Konkrete Lö­sung

Ich ha­be dem Kun­den ge­ra­ten, dem Ein­kauf schlicht die Ak­ten­zei­chen des Münch­ner Ur­teils und den EU AI Act auf den Tisch zu le­gen. Beim spä­ter er­folg­ten Rück­ruf war das In­te­res­se an der ma­schi­nel­len Bil­lig-Bil­lig-Lö­sung wie weg­ge­bla­sen.

Falls Sie auch ge­ra­de vor der Fra­ge ste­hen, ob Sie Ih­re kom­ple­xe Live-Kom­mu­ni­ka­ti­on ei­nem Al­go­rith­mus an­ver­trau­en wol­len: Ru­fen Sie mich an. Ich be­ra­te Sie ger­ne. Und das di­plo­ma­tisch und mit kla­rer Kan­te.

______________________________
Gra­fik: KI (Zu­falls­fund)

Keine Kommentare: