Dienstag, 21. Juli 2026

Sprechen und hören

Bon­jour, bien­ve­nue, wel­come! Hier bloggt eine Über­set­zer­in und Dol­met­scher­in für Französisch (und aus dem Englischen). Die Spra­chen sind nur die hal­be Mie­te. Das äußer­liche Auf­tre­ten hilft bei der Selbst­über­zeu­gung.

Letz­ter Ein­satz des Jah­res, hoch­ka­rä­tig be­setzt, vor aus­ver­kauf­ten Rän­gen und live ge­streamt: Der Puls steigt. Einen sol­chen Ein­satz hat­te ich lange nicht mehr ... wegen An­ge­hö­ri­gen­pfle­ge I, Co­ro­na­zeit, Long Co­vid, Uk­rai­ne­kri­se, An­ge­hö­ri­gen­pfle­ge II und Um­satz­ein­bruch we­gen der KI (die nicht dol­met­schen kann).

Also stellt sich un­nö­ti­ger­wei­se mal wie­der Lam­pen­fie­ber ein.

Ich weiß, dass mir Ad­re­na­lin hilft, so­lan­ge es im Rah­men bleibt. Als wäre Schlap­pi­tu­de ein An­ta­go­nist, bin ich müde, denn ei­ne abend­li­che Ge­burt­stags­par­ty in der Nach­bar­schaft ist ges­tern Abend aus­ge­u­fert, auch ha­ben wir un­nö­ti­ger­wei­se einen Nacht­club im Nach­bar­haus, also stan­den Men­schen­trau­ben vor dem Haus, bis es lang­sam wie­der hell wur­de.

Und ganz gleich, auf wel­cher Sei­te der Woh­nung ich ver­sucht ha­be, mein La­ger auf­zu­schla­gen, ich fand kaum Schlaf, erst am frü­hen Mor­gen, in Sum­me zu we­nig. Oder ha­be ich Lam­pen­fie­ber, WEIL ich mü­de bin?

Egal. In Sum­me hat es ge­klappt. Ich hö­re mir selbst zu und fin­de mich: ent­spannt, sou­ve­rän, wort­reich, sehr nah an den Aus­gangs­wor­ten, dem Duk­tus, dem Stil.

Ich be­ru­hi­ge mich also schnell wie­der. Ge­las­sen­heit in der Dol­met­scher­ka­bi­ne ha­be ich trai­niert, so wie ein ge­wis­ser Herr Paw­low sei­ne be­rühm­ten Hun­de kon­di­ti­o­niert hat. Das ist nicht un­wich­tig, denn lan­ge ha­be ich un­ter dem Hoch­stap­ler­syn­drom ge­lit­ten.

Es gibt das be­rühm­te Zi­tat fake it until you make it, wo­zu auch ge­hört, sich den äu­ßer­li­chen Er­war­tun­gen an das Auf­tre­ten ei­ner Dol­met­scher­in an­zu­pas­sen. Ich schlüp­fe mal wie­der gründ­lich in die­se Haut. Den Vor­gang ha­be ich ein­mal Da­men­wer­dung ge­nannt. Mei­ne Freun­din Bi­ne nennt es „Auf­rü­schen“, und es ist nicht oh­ne: Fri­sör, Ma­ni­kü­re, Pe­di­kü­re, An­zug, leich­tes Make-up, Per­len­ket­te, Sei­den­schal, the full mon­ty.)

Die­se leicht iro­ni­sche Dis­tan­zie­rung von mir selbst hilft, und sie ver­hilft mir zu ei­nem kla­ren Blick. (Die­ses „fake it until you make it“ klappt in mei­nem Be­ruf nur dann, wenn et­was Ta­lent, aus­rei­chend viel Wis­sen, ei­ne Men­ge Fleiß und jah­re­lan­ges Lern­po­ten­ti­al vor­han­den sind.)

Am En­de der Ver­an­stal­tung folgt ein Emp­fang mit Cham­pa­gner und Pe­tits fours. In den Haupt­stadt­krei­sen fol­gen Mut­ma­ßun­gen und Kom­men­ta­re über die Welt­la­ge und so. Wir ste­cken mit­ten in ver­schie­de­nen Kri­sen. Die Mut­ter al­ler Kri­sen scheint mir ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Glau­b­wür­dig­keits­kri­se zu sein.

Wäh­rend ich al­so beim Emp­fang über Per­so­na­li­en nach­den­ke, drängt sich mir ein Zi­tat auf, mit dem ich schlie­ßen möch­te, es ist von In­ge­borg Bach­mann.

Die Geschichte lehrt andauernd, aber sie findet keine Schüler
Ge­se­hen in Ber­lin-Kreuz­berg



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Fo­to:
C.E.

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