Letzter Einsatz des Jahres, hochkarätig besetzt, vor ausverkauften Rängen und live gestreamt: Der Puls steigt. Einen solchen Einsatz hatte ich lange nicht mehr ... wegen Angehörigenpflege I, Coronazeit, Long Covid, Ukrainekrise, Angehörigenpflege II und Umsatzeinbruch wegen der KI (die nicht dolmetschen kann).
Also stellt sich unnötigerweise mal wieder Lampenfieber ein.
Ich weiß, dass mir Adrenalin hilft, solange es im Rahmen bleibt. Als wäre Schlappitude ein Antagonist, bin ich müde, denn eine abendliche Geburtstagsparty in der Nachbarschaft ist gestern Abend ausgeufert, auch haben wir unnötigerweise einen Nachtclub im Nachbarhaus, also standen Menschentrauben vor dem Haus, bis es langsam wieder hell wurde.
Und ganz gleich, auf welcher Seite der Wohnung ich versucht habe, mein Lager aufzuschlagen, ich fand kaum Schlaf, erst am frühen Morgen, in Summe zu wenig. Oder habe ich Lampenfieber, WEIL ich müde bin?
Egal. In Summe hat es geklappt. Ich höre mir selbst zu und finde mich: entspannt, souverän, wortreich, sehr nah an den Ausgangsworten, dem Duktus, dem Stil.
Ich beruhige mich also schnell wieder. Gelassenheit in der Dolmetscherkabine habe ich trainiert, so wie ein gewisser Herr Pawlow seine berühmten Hunde konditioniert hat. Das ist nicht unwichtig, denn lange habe ich unter dem Hochstaplersyndrom gelitten.
Es gibt das berühmte Zitat „fake it until you make it“, wozu auch gehört, sich den äußerlichen Erwartungen an das Auftreten einer Dolmetscherin anzupassen. Ich schlüpfe mal wieder gründlich in diese Haut. Den Vorgang habe ich einmal Damenwerdung genannt. Meine Freundin Bine nennt es „Aufrüschen“, und es ist nicht ohne: Frisör, Maniküre, Pediküre, Anzug, leichtes Make-up, Perlenkette, Seidenschal, the full monty.)
Diese leicht ironische Distanzierung von mir selbst hilft, und sie verhilft mir zu einem klaren Blick. (Dieses „fake it until you make it“ klappt in meinem Beruf nur dann, wenn etwas Talent, ausreichend viel Wissen, eine Menge Fleiß und jahrelanges Lernpotential vorhanden sind.)
Am Ende der Veranstaltung folgt ein Empfang mit Champagner und Petits fours. In den Hauptstadtkreisen folgen Mutmaßungen und Kommentare über die Weltlage und so. Wir stecken mitten in verschiedenen Krisen. Die Mutter aller Krisen scheint mir eine Kommunikations- und Glaubwürdigkeitskrise zu sein.
Während ich also beim Empfang über Personalien nachdenke, drängt sich mir ein Zitat auf, mit dem ich schließen möchte, es ist von Ingeborg Bachmann.
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| Gesehen in Berlin-Kreuzberg |
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Foto: C.E.

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