Freitag, 1. Dezember 2023

... schillernd ...

Wie Über­setzer:in­nen und Dol­metscher:in­nen ar­bei­ten, er­fah­ren Sie hier. Meine Ar­beits­spra­chen sind Fran­zö­sisch und Deutsch (Mutter­spra­che) so­wie Eng­lisch (als Aus­gangs­spra­che). Ich bin Teil ei­nes in­ter­na­tio­na­len Netz­werks, die Büro­kol­le­gin über­setzt ins Eng­li­sche. Sprach­li­che Nach­fra­gen kom­men auch aus dem Kreis frü­he­rer De­le­ga­tions­rei­sen.

"Was ist eine schil­lern­de Per­sön­lich­keit?", fragt mich eine Be­kann­te aus Afri­ka. Das ist je­mand, der gleich­er­ma­ßen hell wirkt und dunkel. Die­ser In­ves­tor Ben­ko aus Ös­ter­reich, der ge­ra­de die deut­schen Kauf­häu­ser und da­mit vie­le An­ge­stell­te und In­nen­städ­te in den Ru­in reißt, gilt als schil­lern­d.

Die Leu­te ha­ben sich vom Kon­text blen­den las­sen, weil sie sa­hen, was sie se­hen woll­ten. Aber wenn Ihr mich fragt, ich fand den schon im­mer zwie­lich­tig.

Das Wort "zwi­e­lich­tig" ist ähn­lich, zwei­­er­lei Licht, hell und dunkel. Es gibt aber auch Wör­ter, die schil­lern­d wir­ken (und es in Wirk­lich­keit nicht sind). Da­zu eine Ge­schichte.

Wir sit­zen spät in ei­ner kla­ren Nacht zu­sam­men, schau­en ver­träumt aufs Hof­fens­ter­chen der Kü­che mit Alt­bau­char­me. Da­bei spre­chen wir über­s Ko­chen.
Dann fragt Ma­ma: "Wer hat gu­te Rei­se­ideen für den Sonn­tag?"
Hü­gel oder Was­ser, das ist hier im­mer die Frage.
"Ich will schwim­men und an den Al­pen­ost­rand und wie­der Zwerg­els­tern se­hen", sagt Pa­pa.
"Aber bit­te nicht zel­ten. Ich mag kei­ne Cam­ping­klos. Ur­in­stinkt und Na­tur ge­nie­ßen sind zwei­er­lei", wen­det der Sohn ein.
"Rei­sen ist An­sichts- und Glau­bens­sa­che. Aber in den Ge­birgs­hüt­ten letz­tes Jahr war das mit den Ur­in­sek­ten zu viel", so die Toch­ter. "Aber heu­te ge­hen wir raus. Sat­tel bit­te doch ei­ner schon mal die Blu­men­topf­er­de!"

Na, die schil­lern­den Wör­ter so­fort ge­se­hen?

Ein buntes Bild mit Fenster und Bergen im Hintergrund, auf dem Tisch steht ein Blumentopf mit Baum darin, in der Luft fliegen merkwürdige Flugobjekte
Hof­fens­ter­chen, Al­pen­ost­rand, Blu­men­topf­erde, Ur­in­sekten
Rück­sprung zum schil­lern­den "Herr In­ves­tor" von oben: mit sei­nem Schach­te­lim­pe­ri­um aus über 100 Fir­men war er von vor­ne­he­r­ein ei­gent­lich we­ni­ger schil­lern­d. Die Wahr­neh­mung hängt im­mer vom Kon­text ab. Auch der deut­sche Staat hat die­sem "ach so jun­gen Self­ma­de­man", ei­nem "Vor­bild an Un­ter­neh­mer­geist", mit gut 600 Mil­lio­nen Eu­ro über­gangs­hal­ber "aus der Pat­sche ge­hol­fen", Co­ro­na­hil­fen ka­men noch on top (... bei vie­len klei­nen Fir­men ka­m in­des nur we­nig an, sie­he den weit­ver­brei­te­ten Ge­wer­be­leer­stand).

Ver­mö­gens­wer­te wan­dern bei sol­chen Mo­del­len in se­pa­ra­te Fir­men, für den Rest darf zur Ar­beits­platz­ret­tung die All­ge­mein­heit ein­sprin­gen. Auf­grund der ge­stie­ge­nen Zin­sen und Bau­ma­te­ri­al­prei­se geht die Rech­nung jetzt nicht mehr auf, das Schluss­bou­quet wird ge­zün­det. Die Auf­fang­ge­sell­schaf­ten fi­nan­ziert wie­der die All­ge­mein­heit, die Be­schäf­tig­ten zah­len ge­fühlt den höchs­ten Preis.

Kne­te weg, Bürsch­chen weg, Fir­ma pleite. Konnte ja nie­mand ah­nen! Und wir ha­ben ganz wun­der­bar das Brut­to­in­lands­pro­dukt ge­stei­gert!

Un­ter­neh­men aus­schlach­ten und Im­mo­bi­li­en si­chern, as­set strip­ping, das ist doch ein al­ter Hut, wie kön­nen klar den­ken­de Köp­fe nur im­mer wie­der dar­auf rein­fal­len? Film­leu­te ken­nen das lei­der aus Ba­bels­berg, vom Film­stu­dio, wo so­gar ei­ni­ge Münch­ner Film­schaf­fen­de, hopp­la!, der­­ma­l­einst im Vor­bei­ge­hen ziem­lich ver­mö­gend wur­den, z.B. durch Früh­stücks­di­rek­to­ren­pos­ten zur Ab­se­gnung von, räus­per, Ge­schäften.

Die­ses Pos­ting schil­lert auf sei­ne ei­ge­ne Wei­se: Es wech­selt zwi­schen Iro­nie und Wahrheit.

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Illustration:
Dall:e

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