Sonntag, 10. Dezember 2023

Buy local!

Ob zu­fäl­lig oder ge­plant: Sie sind hier auf Sei­ten ei­nes digi­ta­len Ta­ge­buchs aus der Ar­beits­welt ge­lan­det. Ich bin (mit Deutsch als Mut­ter­spra­che) Dol­met­sche­rin für die fran­zö­si­sche Spra­che (und aus dem Eng­li­schen). Heu­te denke ich über di­ver­se Märkte nach.

Der ge­mei­ne Berliner (und die gemeine Berlinerin) ver­fällt die­ser Tage in einen Kauf­rausch. Grund­sätz­lich kann ein Rausch ge­fähr­lich sein, wenn je­mand zum Bei­spiel zu viel trinkt, dann säuft er oder sie, ist blau und im Rausch.

Gese­hen in Berlin-Kreuzberg
In diesem Kon­text mu­tet das Wort "ge­mein" da oben für Deutsch­ler­nen­de (oder die KI) als eine schlech­te Sa­che an. Wer be­rauscht ist, ver­liert die Selbst­kontrolle, das ist nicht so toll. Auch Kauf­rausch und Kauf­sucht sind brand­ge­fähr­lich.

In Wirk­lich­keit ist die­ses Wört­chen "ge­mein" im ers­ten Satz ein Be­griff, der mit "all­ge­mein" ver­wandt ist. Ich hät­te auch "der/die Durch­schnitts­ber­li­ner:in" schrei­ben kön­nen.

Vom Rausch zum Rausche­bart, den ein al­ter Mann im roten Ge­wan­de trägt und von de­nen hier­zulan­de der­zeit vie­le um­satz­fördernd die Straßen, Ein­kaufs­läden, Kauf­häu­ser und Märkte beleben: Ur­sprüng­lich Ni­ko­laus von Myra, später als "Hei­liger Ni­ko­laus" ver­ehrt, liegt der my­thischen Fi­gur ein echter Bi­schof zu­grun­de, der al­les, was er im Na­men sei­ner Kir­che er­bettelt hat, den Ar­men ge­schenkt haben soll. Eine ähn­liche Figur war Abt Ni­ko­laus aus Sion, der sich auch mit Mildätig­keit einen guten Namen gemacht hat. Dort ir­gend­wo, in bei­den Fäl­len auf dem Ter­ri­to­rium der heu­tigen Tür­kei, liegen die Ur­sprün­ge dieses Brauchs, der sich im Heute wie­de­rum in Ge­stalt des Weih­nachts­mannes zu dop­peln scheint. Und von de­nen wim­melt der­zeit ge­fühlt die Stadt.

In den dun­kels­ten Tagen des Jahres ist es in vielen Re­li­gionen Brauch, Kerzen an­zün­den und die Liebs­ten zu be­schen­ken. Da vor allem in den wohl­ha­benderen Län­dern vie­le Men­schen häu­figer in den Kauf­rausch ver­fallen, als es dem Glo­bus gut­tut, bricht in vielen Fa­mi­lien seit ei­ni­gen Jahren eine neue Fru­ga­li­tät oder Ge­nüg­sam­keit aus, une nou­velle sob­rié­té, die sehr ge­sund sein kann. Men­schen schen­ken ein­an­der Zeit, Erleb­nis­se, klei­ne, dafür persön­liche Auf­merk­sam­keiten, oder aber alte Schätze wan­dern in junge Hände.

Ver­wandt ist das mit der Kon­sum­haltung der "5 R" : Die "5-R-Re­gel" be­deu­tet ganz ein­fach refuse, reduce, reuse, recycle, rot, auf Deutsch: ver­wei­ge­re die An­nahme, redu­ziere, ver­wende erneut, recyle, lass ver­rot­ten = kom­pos­tie­re. Das be­zieht sich auf Haus­halts- und Alltags­gebrauch­stände.

Hier wurde aller­dings verschenken und tauschen ver­ges­sen, also pass on, swap oder relay (wenn es ein Wort mit "R" sein soll). Ich war neu­lich auf einem Tausch­basar, was sehr lustig war. Viele Men­schen brach­ten gute Sa­chen mit, die sie nicht mehr ver­wenden, Klei­dung, Spiele, Klein­möbel, den zweiten, zur Hoch­zeit er­hal­te­nen Pü­riers­tab und andere Din­ge, und sie gingen mit deut­lich we­ni­ger wieder nach Hause, dafür mit bester Laune, weil sie ihre Sachen in gu­ten Hän­den wussten. Je­des dritte Ob­jekt sowie die Über­bleib­sel, es wur­den nur gute Sachen zu­ge­las­sen, gingen an soziale Einrichtungen.

Ein ver­wan­dter Ge­dan­ke ist, kleine Ge­schen­ke auf Weih­nachts­märkten zu be­sorgen, wo nicht der Standard­kram "made in China" angeboten wird, sondern Wa­ren aus Be­hin­der­ten­werk­stätten, von Frei­zeit­zentren mit Werk­stätten, aus Up­cyc­ling­ate­liers oder einfach nur dem Second-Hand-Buchladen.

Was in die glei­che Rich­tung geht: in der ei­ge­nen Ge­mein­de kaufen. Hier in mei­nem Kiez gibt es seit ei­ni­ger Zeit auch im­mer mehr Mode­ge­schäfte, die sich aufs Um­ar­bei­ten oder auf die Her­stel­lung klei­ner Men­gen spe­zia­li­siert haben, be­son­dere Sa­chen, die halt­bar und form­schön sind. Hier sind wir beim letz­ten Prin­zip ange­langt: buy local. Und so be­dachter, bewuss­ter Kon­sum ist nichts, was einen ir­gend­wie in ei­nen Rausch ver­fallen lässt. Al­so muss am Ende noch etwas Glüh­wein her­hal­ten.

Disclaimer: Die­ser Text wur­de natür­lich nicht unter Ein­fluss von Al­ko­hol ge­schrie­ben, son­dern so­ber, nüch­tern, kla­ren Kopfes. Ich möch­te noch er­gän­zen, dass es in der Dol­metsch­welt so ähn­lich ist wie im Kon­sum­güter­bereich. Buy local heißt in un­serem Fal­le, dass wir uns freu­en, wenn Kun­den zu uns Ein­zel­unter­neh­mer­:innen im Netz­werk kom­men und nicht zu gro­ßen, viel­leicht nicht nur deutsch­land­weit, sondern in­ter­na­tio­nal tätigen Agen­tu­ren gehen.

Solche Un­ter­neh­men leben von der Marge, die in vielen Fäl­len über die Maßen groß ist, denn das Feld ist nicht regu­liert. Anders als Schau­spiel­agen­tu­ren, deren Pro­vi­sio­nen, die von den Schau­spiel­gagen ab­ge­hen, ge­setz­lich ge­deckelt sind, 18 Pro­zent bei bis zu sie­ben Tagen und 14 Pro­zent bei mehr als zwölf Mo­na­ten Ar­beit, ist das Agen­tur­we­sen unserer Bran­che kom­plett un­ge­re­gelt, und das führt in ei­ni­gen Be­rei­­chen des Markts längst zu zer­stö­re­ri­schen Ten­den­zen, wenn z.B. uns, die wir die Arbeit am En­de ma­chen, von Mit­tels­leu­ten weni­ger als die Hälf­te oder nur ein Drit­tel des Ver­kaufs­prei­ses ihrer Dienst­leis­tung an­ge­boten wer­den.

Zusammenfassung: "6-R rule" simply means: re­fuse, re­duce, re­use, re­lay, re­cycle, rot  or buy local.  Die 6-R-Re­gel be­deu­tet: ver­wei­ge­re die An­nahme, redu­ziere, ver­wende er­neut, gib wei­ter, recyle, lass ver­rot­ten = kom­pos­tie­re —oder kau­fe an deinem Wohn­ort.

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Foto:
C.E.

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