Samstag, 15. Oktober 2011

Wie runterkommen?

Die Wissenschaft klärt uns darüber auf, dass große Müdigkeit die gleiche Auswirkung hat wie starker Alkoholkonsum: Der Kopf ist benebelt, der Mensch nicht ganz Herr (oder Herrin) der eigenen Sinne.

Unkonzentriertes Sehen
nach dem Dolmetscheinsatz
Dolmetschen ist eine sehr ermüdende Tätigkeit. Für eine Studie des internationalen Dolmetscherverbands aiic von 2002 wurden Dolmetscher gebeten, die Hauptsymptome der Erschöpfung während der Arbeit zu nennen: 53 % gaben Müdigkeit an, 35 % Schläfrigkeit und 16 % erwähnten Lethargie als Ursache für Unwohlsein bei der Arbeit in der Kabine (natürlich waren Mehrfachnennungen möglich). Wenn wir dann erstmal draußen sind, folgt ein kleiner Sauerstoffschock und langsam, sehr langsam fällt der Stress von unsereinem ab.

Und genau hier liegt das Problem: In der Langsamkeit. Langsamkeit ist auch das Stichwort für den Antagonisten dieser Müdigkeit, den hohen Adrenalinpegel im Blut, der nicht so schnell abgebaut wird. Ergebnis dieser Mischung: Eine anhaltende, müde, mitunter an totale Erschöpfung grenzende Überreiztheit. Es ist komisch, sich völlig ausgepowert zu fühlen und trotzdem hellwach und einen Tick benebelt zu sein. Das unterscheidet die Müdigkeit nach dem Dolmetscheinsatz von der Müdigkeit nach Alkoholkonsum.

müde und schlaflos
Manche erleben später im Bett Beinezucken, oder aber es kommt ihnen im Moment des Hinübergleitens in den Schlaf vor, als stürzten sie, was sie ins Wachsein zurückreißt. Nicht selten erzählen sich Kolleginnen und Kollegen von stundenlangem Wachliegen oder durchlesenen Nächten.

Hier nun meine Frage an die Dolmetschercommunity zum Wochenende: Wie gehen Sie/wie gehst Du damit um? Gibt es Tricks, Kniffe, Ideen oder Hinweise, die zu teilen sich lohnt?

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1. Foto: Nach dem Einsatz (Archiv, von 2007)
2. Foto: Gesehen im Hüttenpalast
Zahlen/Link: zitiert nach "Qualitätskriterien und
-strukturen des Marktes – eine Diskussion der
Standards von Verdolmetschungen", Diplomarbeit
von Andrea Wilming, Heidelberg, ohne Jahr

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Salut Caro,

das hast Du sehr treffend beschrieben! Mir hilft 'ne heiße Badewanne, leichtes Essen, gute Kinofilme, am besten im Bett ... und gern auch besondere Aufmerksamkeit durch meinen Liebsten! Anschließend eine Fußmassage ... und wenn er dann einschläft, lese ich noch ein wenig.

Manchmal sitze ich aber auch nach dem Job im Flieger oder im TGV, da habe ich Relax-CDs via MP3 im Ohr, Natur: Wald und Bach, Meer usw., das hilft, um dem Gehirn eine Auszeit zu ermöglichen.

Gruß nach Berlin,
Anne

WK hat gesagt…

Überdreht ist meistens nur, wer über die Erschöpfungsgrenze hinausgeht. Offenbar habt Ihr in Berlin mehr Solo-Einsätze mit den Delegationen und möglicherweise nicht überlangen Verdolmetschungen von Gespräch zu Gespräch, aber die Menge macht's am Ende doch ... über die Tage hinweg. Grüßle (obzwar derzeit aus Baden),
Werner K.

Anonym hat gesagt…

Jogging hilft, und dazu Musik auf die Lauscher.
Best, Jörg

Franziska hat gesagt…

Hallo Caro,

wenn ich einen Einsatz außerhalb habe, höre ich meistens anspruchslose Musik (bevorzugt den neuesten Elektronikmix eines befreundeten DJs, ich finde die Monotonie beruhigend) auf der Zugfahrt nach Hause. Autofahren nach dem Dolmetschen vermeide ich. In Leipzig dann idealerweise Essen beim Italiener um die Ecke, Spaziergang im angrenzenden Park, Bett – die Reihenfolge ist mittlerweile schon fast ein Ritual. Ich versuche immer, mir den Tag darauf freizuhalten oder maximal mit Adminkram zu verplanen, der nicht so viel Hirn braucht. Aber ja, das Nichtrunterkommen kenne ich auch, tatsächlich meistens nach Einsätzen im Alleingang.

Viele Grüße
Franziska

Anonym hat gesagt…

:-) Freue mich über das Thema, ist auf den Punkt genau beschrieben. Sonst so schwer, anderen zu erklären, die noch nie gedolmetscht haben.

Ich würde noch hinzufügen, dass das Essen auch eine äußerst wichtige Rolle spielt. Ich bin (fast 100%) Vegetarier, deftige Gerichte entfallen also. Immer frühstücken. In der Mittagspause bei einer Konferenz esse ich meistens nur sehr leichte Sachen, und auch nicht viel. Kein Kaffe, nur Tee, sonst werde ich schläfrig. Hat sich irgendwie so ergeben im Laufe der Jahre, so kann ich mehr leisten. Am Abend dann auf jedem Fall was gutes essen, Wein und vielleicht Freunde und Musik dazu. Beruhigend und aufbauend.

Monotonität finde ich irgendwie auch beruhigend! Interessant. In der Musik oder beim Sport. Ich tanze seit langen Jahren, aber für Koreos ist meine Konzentration nach einem harten Tag nicht mehr gut genug. Vielleicht joggen? Oder schwimmen? Salsa hat sich auch bewährt: ein Glas Rotwein, anschließend ergebe ich mich den Rhythmen. Klasse! (Aber geht ja zwischen Jobs nicht, und Salsa-Parties gibt es auch nicht immer ... also sehr selten.)

Und zum Thema Erschöpfung und Sinnesorgane: Kürzlich habe ich im "Bayerischen Hof" in München gedolmetscht. Die Straßenbahnlinie führt dort direkt durch den kleinen Park vorbei, es gibt auch Warnhinweise. Ich war fast starr vor Erschöpfung am Abend, konnte kaum noch etwas richtig wahrnehmen ... und habe meine Unversehrtheit nur meinen Kollegen zu verdanken. War knapp! Hat mich ziemlich aufgeschreckt.

Greg aus Budapest

T.A. hat gesagt…

Hi Caro,

bin mit Franziska einer Meinung: ich glaube, dass unsereiner umso überdrehter sind, je länger er "auf Sendung war", also dass die berühmten Einsätze im Alleingang die meisten Probleme machen.

Vielleicht einfach etwas mehr darauf achten, die von der Natur gesetzten Grenzen nicht immer einreißen zu wollen? Wir hier sitzen meist zu dritt inner Bütt und die Totalerschöpfung kommt nur noch selten vor. Naja, Europa ...

Das sei nur mal so en passant verlautbart und
bonne nuit und Grüße,

Thomas

Greg hat gesagt…

Bin mit Franziska und Thomas einverstanden, und ja, in Brüssel sind die Bedingungen zum Glück fast ideal. Im Alleingang ist die Belastung viel höher, das geht schon manchmal über die Erschöpfungsgrenze hinaus, und danach runterzukommen ist genauso schwierig, wie unter solchen Umständen professionelle Arbeit zu leisten.
Für mich gibt es aber viele andere Faktoren, auch bei "normalen" Simultanjobs. Tonqualität/Technik ist wichtig (und Kunden wollen ja auch nur sparen). Ein leichtes Summen kann bei mir schon nach einem Tag Kopfschmerzen auslösen und ist langfristig bestimmt nicht gesund. Ist die Tonqualität schlecht, neigt man dazu, die Lautstärke aufzudrehen, was auch ungesund ist.
Ich dolmetsche auch zwischen Englisch und Deutsch (nicht meine Muttersprachen, nicht ideal, aber die Nachfrage ist da), was als Kombination ca. doppelt so viel Kraft (und sehr viel Vorbereitung) braucht als Jobs mit meiner Muttersprache (Ungarisch).
Einige Redner können auch eine echte Herausforderung sein (z.B. Englisch als Fremdsprache).
Kabinenlüftung kann entscheidend sein, wie auch Luftfeuchtigkeit (Austrocknung der Schleimhäute) oder schlechte Beleuchtung (besonders nach einigen Tagen in künstlich beleuchteten fensterlosen Konferenzräumen).

Greg aus Budapest