Sonntag, 19. April 2026

Mademoiselle Baye

Was Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen, Über­set­zer und Dol­met­scher so um­treibt, kön­nen Sie hier aus der Per­spek­ti­ve ei­ni­ger Pro­fis mit­le­sen. Vor al­lem bloggt hier Ca­ro­li­ne Eli­as, Se­nior con­fe­rence in­ter­pre­ter, Ber­lin, für die fran­zö­si­sche Spra­che. Im Eng­li­schen meint se­nior schlicht: sehr er­fah­ren, kurz: „Dol­met­sche­rin mit viel Be­rufs­er­fah­rung“. Mei­ne Dritt­spra­che ist Eng­lisch, was auch die Ziel­spra­che mei­ner Bü­ro­kol­le­gin ist.

Vie­le Be­rufs­jah­re brin­gen vie­le Er­in­ne­run­gen mit sich. Heu­te bin ich sehr trau­rig. Be­vor der Re­gen kommt, ma­chen wir ei­nen Sonn­tag­mor­gen­spa­zier­gang in Ge­dan­ken an Na­tha­lie Baye, die let­zte Wo­che mit nur 77 Jah­ren ge­stor­ben ist.

Tisch, Stüh­le, Buf­fet, Por­trait im Rah­men, Lüs­ter, Ka­min, Sitz­ecke am Fens­ter, Pflan­zen
Sa­lon vor 100 Jah­ren
Sie war ei­ne mei­ner Lieb­lings­schau­spie­le­rin­nen auf der Lein­wand und auch im wirk­li­chen Le­ben, weil Ma­de­moi­sel­le Baye bei der Dol­met­sch­ar­beit in un­end­li­chen In­ter­view­rei­hen, den so­ge­nann­ten Press Jun­kets, am lus­tigs­ten und mun­ters­ten von al­len war, um die ich mich je­mals küm­mern durf­te (... und nur knapp da­hin­ter: Clau­de Cha­brol).

Ihre Warm­her­zig­keit und Schlag­fer­tig­keit ha­ben mir im­po­niert. Sie wuss­te, dass die­ses stun­den­lan­ge Fra­ge-Ant­wort-Spiel für uns bei­de ähn­lich an­stren­gend war, aber ihre Bo­den­stän­dig­keit und dass sie kein Auf­he­bens um sich mach­te, lie­ßen die Stun­den kür­zer und die Ar­beit leich­ter er­schei­nen, als sie wa­ren. An­gli­ka Schou­ler aus Pa­ris hat sie gut in die­sem Zi­tat zu­sam­men­ge­fasst: Les vrais ta­lents n’ont pas be­soin de se la jouer. (Auf Deutsch etwa: "Wah­re Ta­len­te mü­ssen sich nicht wich­tig ma­chen.")

Ich er­in­ne­re mich an ei­ne frü­he Be­geg­nung in ei­ner Lu­xus­suite ei­nes frisch er­öff­ne­ten Ho­tels am Pots­da­mer Platz. Das Haus ist ei­nes der­je­ni­gen, die al­le mög­li­chen For­men aus den Stil­kun­de­bü­chern wild zu­sam­men­mi­xen (... die Ul­tra­post­mo­derne, auch „Rost­mo­der­ne“ ge­nannt, der Scherz am Ran­de sei mir bei ei­nem Winz­nach­ruf er­laubt), und die zu­gleich so tun, als hät­ten sie schon vor hun­dert Jah­ren dort ge­stan­den.

Was jetzt folgt, ist ein Vier­tel­jahr­hun­dert her. Das Haus war das letz­te gro­ße Haus, das am aus dem Bo­den ge­stampf­ten Pots­da­mer Platz auf­ge­macht hat. Die Kli­ma­an­la­ge war noch nicht fein­jus­tiert wor­den. Wir sa­ßen buch­stäb­lich im Wind.

Sie ließ je­man­den kom­men und sag­te: Pour­riez-vous, s'il vous plaît, ré­duire cet af­freux cou­rant d’air ? Nous ne par­ti­ci­p­ons pas ici à un test en tun­nel aé­ro­dy­na­mique … mê­me si nos car­ros­se­ries af­fi­chent une aé­ro­dy­na­mique tout à fait com­pé­ti­ti­ve!

Ich ha­be das, glau­be ich, et­was schlich­ter über­tra­gen, in der Art wie: „Dürf­ten wir Sie bit­ten, die Kli­ma­an­la­ge et­was run­ter­zu­fah­ren? Wir mö­gen ele­gan­te For­men ha­ben, hat Frau Baye ge­ra­de ge­sagt, sind aber kei­ne Erl­k­ö­ni­ge im Wind­ka­nal.“ [Da­mals wur­de nur we­nig ge­gen­dert.]

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Gra­fik: C.E.

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