Mittwoch, 8. April 2026

KI kann Skalierung?

Gu­ten Tag, bon­jour & hello! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hin­ein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­set­zen und Kult­uren dreht. Heute: KI-Mit­twoch.

"On Air" als Schild bei einem Tonstudio, "er" von einem Ladenschild
Zwei Spra­chen, ein Klang (*): air/er
Heu­te wid­me ich mich dem Wer­be­text ei­nes KI-Nerds, der sehr ag­gres­siv die KI als Stand-alo­ne-Lö­sung für Dol­met­schen ver­kauft: „Mit KI-Echt­zeit-Tech­nik kön­nen wir kos­ten­güns­tig na­he­zu ver­zö­ge­rungs­freie und ska­lier­ba­re Sprach­über­set­zung an­bie­ten.“

Ei­nen Ab­satz wei­ter un­ten wird er mo­de­ra­ter und schreibt et­was von „KI-un­ter­stütz­tem Hu­man­dol­met­schen“.

Ab­ge­se­hen da­von, dass das ma­xi­mal schräg for­mu­liert ist, se­he ich kei­ne Per­spek­ti­ve für Dol­met­schen rein durch ir­gend­wel­che Tech­nik.

Ok, viel­leicht doch, und zwar in die­sen Fäl­len:
— Das Er­geb­nis ist nicht so wich­tig.
— Die Zu­hörer­schaft stellt kei­ne Rück­fra­gen.
— Der Kon­text ist stan­dar­di­siert und in­halt­lich re­du­ndant (z. B. ein­fa­che In­for­ma­ti­ons­durch­sa­gen oh­ne Kon­se­quen­zen bei Miss­ver­ständ­nis­sen).
— Es gibt kei­ne fach­li­chen, recht­li­chen oder kul­tu­rel­len Im­pli­ka­tio­nen.
— Nie­mand trägt Ver­ant­wor­tung für mög­li­che Fehl­über­­tra­gun­gen.
— Es geht um rei­ne In­for­ma­ti­ons­wie­der­ga­be oh­ne Ent­schei­dungs­re­le­vanz.
— Es exis­tiert kei­ne Mehr­deu­tig­keit im Ge­sag­ten (was bei Spra­che prak­tisch nie der Fall ist).
— Es spielt kei­ne Rol­le, ob Ton­fall, Iro­nie oder im­pli­zi­te Be­deu­tung kor­rekt er­fasst wer­den.
— Die Kom­mu­ni­ka­ti­on bleibt li­near, oh­ne Stopps, Über­lap­pun­gen oder spon­ta­ne Rich­tungs­wech­sel.
— Nie­mand er­war­tet, dass zwi­schen den Zei­len ge­le­sen oder si­tua­tiv ent­schie­den wird.

Ganz ehr­lich? Ein sol­ches Set­ting hat­te ich in 20 Be­rufs­jah­ren noch nie. Das klingt nach ir­gend­wel­chen An­sa­gen, die viel­leicht auf ei­nem Kreuz­fahrt­schiff die Nut­zung der Ka­bi­ne er­läu­tern und die Si­cher­heits­re­geln. So­was wird mehr­spra­chig ent­wi­ckelt, ver­fei­nert, er­probt und am En­de in meh­re­ren Spra­chen auf­ge­zeich­net. Das ist kei­ne Dol­metsch­auf­ga­be.

Zu­rück zum Dol­met­schen. Die KI als Dol­met­scher? Ehr­lich? Wir al­le wis­sen in­zwi­schen, dass KI-Sys­te­me da­zu nei­gen, Un­kla­res oder Wi­der­sprüch­li­ches zu glät­ten. Sie lie­fern eben von al­lem den Durch­schnitt. Ich könn­te jetzt auch „Mit­tel­maß“ schrei­ben.

In der Spra­char­beit lie­fert die KI bei un­kla­ren Mo­men­ten dort, wo wir Men­schen nach­fra­gen wür­den, plau­si­bel klin­gen­de Ant­wor­ten, und zwar auch dort, wo sie kei­ne Quellen hat, son­dern frei er­fin­det.

Das ist ri­si­ko­reich: Ei­ne Über­tra­gung kann zu gro­ßen Tei­len kor­rekt wir­ken, wäh­rend ein­zel­ne Feh­ler den­noch gra­vie­ren­de recht­li­che, fi­nan­zi­el­le oder si­cher­heits­re­le­van­te Fol­gen ha­ben. Auch kul­tur­sen­si­ble Zwi­schen­tö­ne ver­schwin­den im Or­kus, we­sent­li­che Ver­ben, Sub­stan­ti­ve oder die neue, kauf­ent­schei­den­de Technikfunk­ti­on auf der Land­wirt­schafts­mes­se. Das kann das Detail sein, das da­zu führt, dass die Kun­den woan­ders kau­fen. Exakt das ist ei­nem mei­ner Kun­den pas­siert, den ich an die KI ver­lo­ren hat­te. Er schätzt, dass der Ver­lust in die­sem Jahr bis zu 30 Pro­zent sei­nes Um­sat­zes lie­gen wird. Es könn­te ihn die Exis­tenz kos­ten.

Ei­ne häu­fig in Wer­be­tex­ten auf­tau­chen­de Idee be­steht dar­in, die KI kön­ne im Dol­metsch­pro­zess hel­fen, in­dem sie si­mul­tan trans­kri­biert. In der Pra­xis sto­ßen wir schon jetzt bei der Arbeit an un­se­re Gren­zen, wes­halb wir uns in der Dol­metsch­ka­bi­ne al­le zehn bis 20 Mi­nu­ten ab­wech­seln. 

Dol­met­schen be­steht aus vie­len Auf­ga­ben, die gleich­zei­tig ab­lau­fen, als da wä­ren: Hö­ren, Ver­ste­hen, Ana­ly­sie­ren, Über­tra­gen, Spre­chen und gleich­zei­ti­ges Wei­ter­ver­fol­gen des Aus­gangs­tons (ein Bei­spie­l für die­se Auf­ga­ben­viel­falt hier: klick). Kurz: Für ei­nen zu­sätz­li­chen ge­schrie­be­nen Text­strom bleibt uns meist kei­ne kog­ni­ti­ve Ka­pa­zi­tät, erst recht nicht, um ihn pa­ral­lel kri­tisch zu le­sen oder zu kor­ri­gie­ren. (Sol­che Tran­skrip­tio­nen kön­nen viel­leicht in der Nach­be­rei­tung hilf­reich sein.)

Vor die­sem Hin­ter­grund se­hen vie­le Fach­leu­te die Zu­kunft nicht in der Er­set­zung, son­dern in ei­ner Ar­beits­tei­lung: Die KI kann uns in der Vor­be­rei­tung un­ter­stüt­zen, in­dem sie Tex­te fin­det und Vo­ka­bel­lis­ten er­stellt oder auf­räumt. Die meis­ten Vo­ka­bel­lis­ten er­stel­len wir selbst, denn sie sind Teil des Lern­vor­gangs: Wir müs­sen die Fach­ter­mi­ni im Kon­text se­hen.

Résumé: Beim Dol­metsch­en sind Ur­teils­ver­mö­gen, kul­tu­rel­les Ver­ständ­nis, ethi­sche Ver­ant­wor­tung und si­tua­ti­ve Ent­schei­dungs­kraft zentrale Auf­ga­ben von Men­schen. Ge­nau des­halb ist Ska­lie­rung hier ein Miss­ver­ständ­nis: Dol­met­schen ist kei­ne Kon­fek­ti­on, son­dern Maß­ar­beit.

Zum Bild: Noch ein Prob­lem ha­ben wir oft in der Ka­bine. Man­che Red­ne­r:in­nen sprin­gen von einer Spra­che in die an­de­re, wenn sie sich in den Pau­sen z.B. auf Eng­lisch mit Kol­leg­in­nen und Kol­le­gen unter­hal­ten ha­ben und die­se beim Vor­trag di­rekt an­spre­chen. Da ist die KI erst recht raus.

______________________________
Fo­to: C.E. (Ar­chiv)

Keine Kommentare: