Guten Tag, bonjour & hello! Sie sind mitten in ein Arbeitstagebuch hineingeraten, in dem sich alles um Sprache, Dolmetschen, Übersetzen und Kulturen dreht. Heute: KI-Mittwoch.
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| Zwei Sprachen, ein Klang (*): air/er |
Einen Absatz weiter unten wird er moderater und schreibt etwas von „KI-unterstütztem Humandolmetschen“.
Abgesehen davon, dass das maximal schräg formuliert ist, sehe ich keine Perspektive für Dolmetschen rein durch irgendwelche Technik.
Ok, vielleicht doch, und zwar in diesen Fällen:
— Das Ergebnis ist nicht so wichtig.
— Die Zuhörerschaft stellt keine Rückfragen.
— Der Kontext ist standardisiert und inhaltlich redundant (z. B. einfache Informationsdurchsagen ohne Konsequenzen bei Missverständnissen).
— Es gibt keine fachlichen, rechtlichen oder kulturellen Implikationen.
— Niemand trägt Verantwortung für mögliche Fehlübertragungen.
— Es geht um reine Informationswiedergabe ohne Entscheidungsrelevanz.
— Es existiert keine Mehrdeutigkeit im Gesagten (was bei Sprache praktisch nie der Fall ist).
— Es spielt keine Rolle, ob Tonfall, Ironie oder implizite Bedeutung korrekt erfasst werden.
— Die Kommunikation bleibt linear, ohne Stopps, Überlappungen oder spontane Richtungswechsel.
— Niemand erwartet, dass zwischen den Zeilen gelesen oder situativ entschieden wird.
Ganz ehrlich? Ein solches Setting hatte ich in 20 Berufsjahren noch nie. Das klingt nach irgendwelchen Ansagen, die vielleicht auf einem Kreuzfahrtschiff die Nutzung der Kabine erläutern und die Sicherheitsregeln. Sowas wird mehrsprachig entwickelt, verfeinert, erprobt und am Ende in mehreren Sprachen aufgezeichnet. Das ist keine Dolmetschaufgabe.
Zurück zum Dolmetschen. Die KI als Dolmetscher? Ehrlich? Wir alle wissen inzwischen, dass KI-Systeme dazu neigen, Unklares oder Widersprüchliches zu glätten. Sie liefern eben von allem den Durchschnitt. Ich könnte jetzt auch „Mittelmaß“ schreiben.
In der Spracharbeit liefert die KI bei unklaren Momenten dort, wo wir Menschen nachfragen würden, plausibel klingende Antworten, und zwar auch dort, wo sie keine Quellen hat, sondern frei erfindet.
Das ist risikoreich: Eine Übertragung kann zu großen Teilen korrekt wirken, während einzelne Fehler dennoch gravierende rechtliche, finanzielle oder sicherheitsrelevante Folgen haben. Auch kultursensible Zwischentöne verschwinden im Orkus, wesentliche Verben, Substantive oder die neue, kaufentscheidende Technikfunktion auf der Landwirtschaftsmesse. Das kann das Detail sein, das dazu führt, dass die Kunden woanders kaufen. Exakt das ist einem meiner Kunden passiert, den ich an die KI verloren hatte. Er schätzt, dass der Verlust in diesem Jahr bis zu 30 Prozent seines Umsatzes liegen wird. Es könnte ihn die Existenz kosten.
Eine häufig in Werbetexten auftauchende Idee besteht darin, die KI könne im Dolmetschprozess helfen, indem sie simultan transkribiert. In der Praxis stoßen wir schon jetzt bei der Arbeit an unsere Grenzen, weshalb wir uns in der Dolmetschkabine alle zehn bis 20 Minuten abwechseln.
Dolmetschen besteht aus vielen Aufgaben, die gleichzeitig ablaufen, als da wären: Hören, Verstehen, Analysieren, Übertragen, Sprechen und gleichzeitiges Weiterverfolgen des Ausgangstons (ein Beispiel für diese Aufgabenvielfalt hier: klick). Kurz: Für einen zusätzlichen geschriebenen Textstrom bleibt uns meist keine kognitive Kapazität, erst recht nicht, um ihn parallel kritisch zu lesen oder zu korrigieren. (Solche Transkriptionen können vielleicht in der Nachbereitung hilfreich sein.)
Vor diesem Hintergrund sehen viele Fachleute die Zukunft nicht in der Ersetzung, sondern in einer Arbeitsteilung: Die KI kann uns in der Vorbereitung unterstützen, indem sie Texte findet und Vokabellisten erstellt oder aufräumt. Die meisten Vokabellisten erstellen wir selbst, denn sie sind Teil des Lernvorgangs: Wir müssen die Fachtermini im Kontext sehen.
Résumé: Beim Dolmetschen sind Urteilsvermögen, kulturelles Verständnis, ethische Verantwortung und situative Entscheidungskraft zentrale Aufgaben von Menschen. Genau deshalb ist Skalierung hier ein Missverständnis: Dolmetschen ist keine Konfektion, sondern Maßarbeit.
Zum Bild: Noch ein Problem haben wir oft in der Kabine. Manche Redner:innen springen von einer Sprache in die andere, wenn sie sich in den Pausen z.B. auf Englisch mit Kolleginnen und Kollegen unterhalten haben und diese beim Vortrag direkt ansprechen. Da ist die KI erst recht raus.
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Foto: C.E. (Archiv)

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