Freitag, 4. November 2011

Fräu-lein!

Freitag und schulfrei! Bevor am späten Vormittag der "Babysitter" kommt, sitzen wir in Mantel und Schal der Sonne, Wolldecken auf den Knien, und genießen das zweite Frühstück. (Da sind wir Berliner den Moskauern ähnlich: Jeder Sonnenstrahl wird ausgenutzt.) Am Nachbartisch benimmt sich ein Töchterchen daneben, der Vater knurrt bedrohlich: "Fräu-lein!"

Ein Klassiker, dieses Wort, und doch ein Kandidat fürs Sprachmuseum. Auch wenn das Wort aktuell erscheint, ich erst neulich einen Vertrag zugeschickt bekam mit ... Mademoiselle. Zur Vertiefung dieses klassischen Wortes sei mir heute Mittag ein wenig Recycling erlaubt: Nachstehend ein Text von 2006.

Ein früher Morgen in Paris. Wir drehen hier für Arte in der Stadt, in der ich vor 15 Jahren studiert habe. Mit Schwung betrete ich die Bäckerei, mit Elan bestelle ich die Croissants fürs Team — und mit einem "Voilà, Mademoiselle !" reicht sie mir die Bäckerin.

gerade frisch im Kiosk
Dieses "Fräulein" habe ich lange nicht mehr gehört. In Frankreich ist es noch an der Tagesordnung, aber warum bin jetzt ich, eigentlich unausgeschlafen, "une mademoiselle"? "Sie haben so viel Energie, sind so jugendlich, da kommt das Mademoiselle ganz automatisch!", erklärt sich die Dame hinterm Tresen.

Mademoiselle — das war ich bis zum Ende meines Studiums in Frankreich. Als ich nach Deutschland gegangen bin, war ich von einem Schlag auf den anderen "Frau". Das passte gut zum Alter, in dem man sich Respekt wünscht. Damals sagte in Deutschland kaum einer mehr "Fräulein". Einmal, noch im Studium, war ich zu Besuch in Berlin. Die Bibliothekarin sagte in meine Richtung: "Frau Elias" — und ich drehte mich um. Ich dachte, jetzt steht meine Mutter hinter mir.

Hier entlang zur Fortsetzung. . .
[EDIT: Text N° 806 der "Gazette de Berlin" war mein Text damals. Leider ist der Link bei der letzten Prüfung, am 3.2.17, erloschen.]

Kommentare:

Uta hat gesagt…

"Fräu-lein!" mit einer betonten Verlangsamung des betonten Umlauts, das ist eine Drohung -- da wird noch mehr betont, Hauptton auf äu, aber der Nebenton auf -lein ist ähnlich deutlich. Die erste Betonung ist hoch, die zweite jault von unten bis auf fast die gleiche Tonhöhe hinauf - erst in der doppelten Betonung liegt die Drohung. Fr´äu - l`ein, wenn du mir die missbräuchliche Verwendung der beiden Akzente verzeihst.

caro_berlin hat gesagt…

Danke, liebe Uta. Hab keinen Zugriff mehr auf den Gazetten-Text, aber ist eine gute Anmerkung für eine echte Zweitveröffentlichung! Bon week-end, bises, C.

caro_berlin hat gesagt…

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Wissen/Deutschlandradio