Mittwoch, 30. November 2011

Messer im Rücken

Willkommen auf den Logbuchseiten einer Französischdolmetscherin und -über­set­zer­in. Hier berichte ich aus Berlin, Paris, Cannes, Marseille, München, Hamburg oder Leipzig unter Wahrung dienstlicher Geheimnisse. Meine gewählte Perspektive: entweder aus dem Inneren der Dolmetschkabine oder direkt vom Schreibtisch. Dieses Blog gibt mir die Möglichkeit, auch über die Probleme nachzudenken, die im Alltag auftreten können.

Vor einigen Monaten erlebte ich meinen absoluten Horroreinsatz als Dolmetscherin. Inhaltlich lief alles gut, ich war vorbereitet, die zu Verdolmetschenden waren freundlich und klug und interessant, alles prima von dieser Seite her.

Die andere Seite war die Unterbringung: Das Hotel eine Baustelle und mein Zimmer in direkter akustischer Verbindung zu einem Ort, wo bis |spät in der Nacht| morgens früh noch was los war. Die Veranstalter waren nicht willens oder dazu in der Lage, mir ein Ersatzquartier zu besorgen. Was die Sache für mich noch schlimmer gemacht hat, ist, dass wir schon mehrfach sehr gut zusammengearbeitet hatten. Ich bin Teil des Teams, auf deutscher Seite für die Inhalte mitverantwortlich (was aus meinen Jahren an der Uni herrührt). Ich fühle mich in diesen Arbeitszusammenhängen und auch in der fernen Stadt zu Hause.

Dem stand eine totale Übermüdung gegenüber, die meine Gesundheit gefährdete. Nachts das Feiervolk, selbst, wenn es nach meinen Beschwerden um ruhigere Stimmung bemüht war; ab morgens um acht Presslufthammer, Bohrmaschinen und was derlei Arges mehr ist. Ruhe während meiner Mittagspause: Unbekannt. Nur am Sonntag war es still genug fürs Ausschlafen.

Dolmetschen bedeutet intensive nervliche Anspannung. Ich spitzte an diesem fernen Ort täglich die Ohren, um meine Schäfchen (über den Baulärm hinweg) verstehen zu können, denn ich war mit einer Flüsteranlage unterwegs, bekam also ihren Ton nicht auf einen Kopfhörer gespielt, arbeitete ohne Techniker und zweite Kollegin. Das anwesende Team unterstützte mich nicht in meinen Versuchen, an meiner Übermüdung grundsätzlich etwas zu ändern. Ich hatte sogar den Eindruck, man fiel mir in den Rücken, wiegelte ab, es sei doch alles nicht so schlimm.

Ich aß kaum noch mit Appetit, merkte, wie ich "auf Reservetank" fuhr, biss die Zähne aufeinander, anstatt das in einer solchen Situation einzig Richtige zu machen: Frist setzen und abreisen, wenn sich nichts ändern sollte. Beim Überqueren jeder Straße war ich übervorsichtig. Ich weiß, dass sich Schlafmangel auf das Gehirn wie Alkoholexzesse auswirkt. Ich weiß, dass der Stressjob Dolmetschen allein schon ausreicht, meinen Erholungsbedarf um die Hälfte des Normalen zu erhöhen. Freizeit gab es nicht mehr, denn meine einzige Sorge galt dem Bedürfnis, noch eine Mütze Schlaf zu bekommen.

Sichtbarer Angriff auf die Gesundheit einer Person
Die Manöverkritik am Ende der Veranstaltung fiel mager aus. Hart von meiner Seite, was ich sagte, ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig; watteweich von der anderen Seite, und das auch noch in einer Weise, dass ich das Gefühl hatte, das Messer würde ein weiteres Mal in der Wunde rumgedreht werden.

Alle taten so, als sei meine von außen provozierte Insomnia das Normalste der Welt gewesen, als würde ich übertreiben. Niemand schien den Zustand wirklich ernst zu nehmen, indem ich mich nach mehreren Tagen (und Nächten) befand.

Das Messer ist das Stichwort. Ich muss jetzt vor Ende des Jahres ein weiteres Schreiben an "mein Team" aufsetzen, denn ihr inadäquates (Nicht-)Reagieren war, wie ich hoffe, schiere Unbedarftheit. Die Bedrohung, die für mich und meine Gesundheit von diesem ungastlich lauten Haus ausging, war für die anderen unsichtbar, weil sie mit ihren eigenen Programmpunkten über die Maßen beschäftigt waren.

Hätte sich aber jemand von hinten an mich herangeschlichen und mich, während ich für alle dolmetsche, mit einem Messer bedroht, wäre der Angriff für alle offensichtlich gewesen. Über eine Woche lang am Schlafen gehindert zu werden ist (nicht nur) für eine Dolmetscherin eine Gefährdung, die einem Messerangriff gleichkommt.

Dieser Text gehört eigentlich nicht hierher. Dieser Text gehört doch hierher. Als Dolmetscherin muss ich mich selbst auch in Extremsituationen zu schützen lernen, wenn ich mit allen Fasern meines Leibes auf die Arbeit konzentriert bin. Und ich muss mich im Konfliktmanagement üben. Ich erlebe jetzt das Nachspiel eines bösen Spiels, das hoffentlich nicht aufgrund stillschweigender Duldung oder Gleichgültigkeit möglich war.

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Illustration: C.E.

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