Mittwoch, 5. November 2008

Au revoir, Pierre !

Hier bloggt eine Sprach­ar­bei­ter­in. Ob in der Ka­bi­ne oder am Schreib­tisch, ich ler­ne, über­setze und spre­che re­gel­mä­ßig di­ver­se Idio­me. Die un­ter­schied­lichs­ten Be­geg­nun­gen machen un­se­ren Be­ruf so besonders.

Pietro Cardin ist in der Stadt? Wer? Na, der da:
Am Pariser Platz
Die Auftragsvergabe zu die­sem Einsatz war skurril.

"Wir brauchen einen Drachen, wir haben einen sehr schwie­ri­gen Kunden! Das sagt er von sich selbst!"
Ob ich diese Be­rufs­be­zeich­nung aus­fül­len kann, ist mir zwar im Vorfeld nicht klar, aber dass es nicht leicht ist, gedolmetscht zu werden, dafür habe ich Ver­ständ­nis.

Pierre Cardin erweist sich als ein herzlicher, älterer Herr. Er ist ein Vul­kan, spru­delt, kommt von Stöckchen auf Hölzchen (übergangslos von einem zum nächsten Thema), hat auch stilistische Brüche (da merkt man, was die PR-Agenten ihm in den Mund gelegt haben). In den Press Junkets arbeite ich daher fast simultan, er­kämp­fe mir kleinste Pausen fürs Dolmetschen, auf meiner Tischseite liegen die Auf­nah­me­ge­rä­te. Später, beim TV-Interview für die rbb-Abendschau, merke ich, dass dieser sprudelnde Stil sehr schwer zu übertragen ist. Offenbar merken wir Dol­met­scher uns nicht nur Fachbegriffe, Stichworte und Beziehungen, sondern bil­den in den Notizen auf dem Stenoblock auch die Struktur des Gesagten ab. Wenn da aber kaum Struktur war, stehen am Ende Begriffe auf dem Zettel, deren Zusammenhänge sich nicht auf den ersten Blick erschließen.

Noch etwas war schwierig für einen Dolmetscher, der nicht zu 100 % seiner sicher ist: Im Raum waren immer noch mindestens fünf seiner acht mitreisenden Mit­ar­bei­ter und deutschen Geschäftspartner zugegen. Men and woman in black saßen im Hintergrund oder (anfangs) mir im Rücken, stets bereit, einzugreifen.

Ohne meine jahrelange Filmarbeit hätte ich das Ganze nicht so gelassen gewuppt. Vielleicht hat auch geholfen, dass Götz, den ich vor 10 Jahren noch als Re­gie­as­sis­tent kennengelernt hatte, inzwischen für die Bekleidungsindustrie arbeitet und als Geschäftsmann verkleidet stets um die Wege war. Vermutlich war der Einsatz für mich unbewusst eine Art Spielfilmdreh (ich musste ja schließlich den Drachen ge­ben), so habe ich die ganze Inszenierung nicht ernst genommen, weil und damit die ganze Energie in eins fließen konnte: In gutes Dolmetschen.

Am Ende hörte ich sehr schöne Worte von Pierre Cardin, der mit mir kurz auf dem roten Teppich verweilte, den Pulk warten ließ, um ein paar persönliche Worte zu sagen, gefolgt von: "Au revoir, Caroline!"

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Foto: C.E. | click to enlarge

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