Dienstag, 15. April 2008

Beglückende Leere im Kopf

Nach dem Dolmetscheinsatz bin ich oft ein einem flow (Tätigkeitsrausch oder Funktionslust auf Deutsch). Der geht meist schon während der Arbeit los - die Worte fließen fast von allein, die Barrieren zwischen meinen beiden Hauptsprachen sind herabgesetzt, ich sehe Verbindungen zwischen ihnen und habe Erkenntnisse über Worte, die mir neu sind. Zum Beispiel "Kulissentisch" - das kommt von table coulissante, das wiederum von couler - fließen, rollen, versinken. Die gläsernen Auszugsplatten (les rallonges) gleiten nach außen, oder aber sie werden unter die Hauptplatte versenkt. Ich spüre geradezu physisch die Bewegungen im Raum, auch die der Kulisse auf dem Theater.

Französisch, Deutsch, die Sprache der Dinge, zum Teil auch Englisch, alles das fühlt sich im flow an wie die Dialekte ein- und desselben großen Sprachgebildes.

Alles hängt mit allem zusammen, ist benennbar, diese Benennbarkeit gibt Sicherheit. Aber ich muss es auch nicht benennen, es reicht mir, dass ich weiß, ich könnte den Forsythien-Strauch in drei Sprachen ansprechen (selbst, wenn es genanntem Zierstrauch sicher piepschnurz ist, in welcher Sprache ich ihn und sein strahlendes Gelb begrüßen würde).

Und nach der Arbeit beglückende Leere im Kopf.

Kommentare:

Ju hat gesagt…

Das klingt richtig gut! Freue mich für Dich.

antje hat gesagt…

Ja, das klingt wirklich wunderschön und als ob du exakt den richtigen Beruf hättest! Ich freu mich auch für dich!!

caro_berlin hat gesagt…

Liebe Jule, liebe Antje,

ja, mir macht es wirklich großen Spaß. In der Kabine selbst stellt sich der flow manchmal etwas verzögert ein, weil es immer wieder Schrecksekunden ob irgendwelcher Begriffe gibt, die neu sind (oder neu erscheinen), worauf es eine Adrenalindusche setzt, wenn der Kopf die Lösung vermeintlich von allein findet.

Und noch eins macht Spaß: Nach getaner Arbeit nach Hause gehen und erstmal keine Nacharbeiten leisten zu müssen oder Vorbereitungen wie in der Lehre. Feierabend - ein für Geistesmenschen oft ziemlich merkwürdiges und übrigens ins Französische nicht übersetzbares Wort.

Keine Freude ohne Einschränkung: Ich kenne kaum ältere Dolmetscher, die Chose geht, siehe oben, auf den ganzen Organismus. So dass ich froh bin, wenn ich Bücher bearbeiten, Drehbücher übersetzen oder Studien verfassen darf.

Herzlich,
Eure