Dienstag, 31. März 2009

Nachwuchssorgen bei Dolmetschern und Übersetzern

Dolmetscher müssen viel hören - und immer gleich sofort übersetzen. Deshalb tragen viele Dolmetscher privat Ohrenstöpsel, beim Einkaufen, im Konzert, im Straßencafé und auch in der Disco. Der Grund ist einfach: wir Dolmetscher müssen unsere Ohren vor der allgegenwärtigen akustischen Umweltverschmutzung schützen.

Wie eine heute veröffentlichte Untersuchung des Dolmetscher- und Uebersetzer-BerufsBund Luxemburgs (DUBBL) ergab, bleiben überproportional viele Dolmetscher und Übersetzer kinderlos. Die Untersuchung fragt nach Parallelen zwischen der privaten Lebenssituation der Sprachmittler und dem weit verbreiteten Gehörschutz. "Ich glaube, ich bekomme es oft gar nicht einmal mit, wenn mich jemand anspricht", wird in diesem Zusammenhang die Luxemburger Dolmetscherin Lorola Montez zitiert, die zwischen Brüssel und Strasbourg pendelt. Da sie sich systematisch vor Lärm schützt, fährt sie ihre Strecken auch meist mit dem Privatwagen, "und damit lerne ich auch unterwegs niemanden zufällig kennen."

Drei Viertel der Dolmetscher sind Frauen, die ja aufgrund ihrer genetischen Disposition besonders gut für Multitasking ausgelegt sind. Unter Männern, die als Übersetzer und Dolmetscher arbeiten, ist die Kinderlosigkeit ebenfalls weit verbreitet.

Fortsetzung hier.

Montag, 30. März 2009

Le salon est ouvert !

Der immergleiche Job, wenn eine Messe anfängt: Rasch Informationsmaterial einsammeln, auswerten, Begriffe auflisten, sich auf die Termine vorbereiten. Vom englischen Verb "to schlepp" schrieb ich bereits. Hier, was mir besonders gefällt: Links einige Messezeitschriften (erster Rundgang), rechts das Pressematerial: Pressemeldungen, Katalog, viele Fachartikel, die von den Redaktionen schon im Vorfeld zur Verfügung gestellt wurden.

Der USB-Stic wiegt maximal zehn Gramm und ist damit keine Belastung für den Rückweg: So wird aus einem Arbeitsgang ein "federleichter" Spaziergang. Merci beaucoup !

Freitag, 27. März 2009

Dolmetschetappen in der Filmherstellung

Weiter geht's in Paris mit der Filmherstellung: Im Winter hatten wir etliche Drehtage, jetzt arbeiten wir am Schnitt der Orginaltöne des Dokumentarfilms, im April folgen die nächsten Aufnahmen. Während ich beim Dreh vor allem konsekutiv dolmetsche, also zeitversetzt, ist der Dolmetsch'modus' im Schneideraum simultan. Wir sehen das gedrehte Material weiter durch, um dann die Zitate festzulegen. Und von Durchgang zu Durchgang wird die Übersetzung genauer - am Ende könnten und werden zum Teil auch Untertitel daraus entstehen.

Donnerstag, 26. März 2009

Sondertermine

Gestern vor einer Woche war ich im Palais de l'Elysée. Nein, nicht direkt, "nur" in einem Büro im Nebengebäude. Es ging um Fragen der deutsch-französischen Zusammenarbeit im Bildungs- und Mediensektor. Als Dolmetscherin und Dozentin gehöre ich zu jenen, die gelegentlich befragt und gehört werden. Das allein tut schon gut. Noch besser wäre es aber, zu Verbesserungen beitragen zu können.

Ich kam zu früh zum Termin. Über den Bürgersteig vor dem Elysée-Palast darf der Normalfußgänger nicht gehen, es sei denn, er hat ein Anliegen, und dort warten ist auch nicht gestattet. Also besah ich mir die Schaufenster gegenüber. Und traf auf einen alten Bekannten: Pierre Cardin, den ich für Medien übersetzte, das war auch so ein Sondertermin. Die Herren sind demnach Nachbarn, soso.

Inhalt und Form des Gesprächs wurden übrigens zensiert, und zwar von mir höchstpersönlich. Ich muss mir ja auch noch was für meine Memoiren aufheben!
;-)

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Foto: C.E.

Mittwoch, 25. März 2009

Französischunterricht

Mit dem potentiellen Kunden im Smalltalk einige Sätze wechseln, bevor die Dolmetscherin die Verhandlungen überträgt, das kommt im Austausch mit französischen Geschäftspartnern besonders gut. Wissen, wo welche neue Ausstellung ist (und sie vielleicht auch gesehen haben), übers Kino ebenso wie über gute Küche parlieren können, das ist für französische CEOs selbstverständlich.

Daher bieten wir gelegentlich für besondere Kunden einen individuell zugeschnittenen Crashkurs in französischer Sprache und Landeskunde an: jeden Tag fünf bis sechs Stunden Unterricht auf einer mehrtägigen bis -wöchentlichen Reise, Stadtspaziergänge, kulturelle Erkundungen nach Wunsch, dabei "Sprachlabor" live - beim Frühstück angefangen bis zum frühen Nachmittag. Nach Pause und individueller Lernphase stehen abends weitere kulturelle Höhepunkte auf dem Programm. Auch als Vorbereitung von Schauspielern für Rollen in einer Fremdsprache möglich.

Preis auf Anfrage, für Deutsch in Berlin und für die französische Sprache in Paris und anderenorts.









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Fotos: C.E.

Sonntag, 22. März 2009

Statusmeldung

Seit dem 18.3. und bis zum 27.3. bin ich in Paris, und der Frühling ist es auch!
Du 18 au 27 mars, je suis à Paris — et le printemps est au rendez-vous !

Montag, 16. März 2009

Sprichwörtlich

Derzeit stecke ich nach langer Auszeit in den üblichen Messevorbereitungen, so dass meine Kolumnen hier zurückstehen müssen. Dafür habe ich am Wegesrand aufgelesene Früchte feilzubieten.

Der Schweizer "Tagesanzeiger" nimmt in seinem aktuellen Dossier allerlei Redensarten "sprichwörtlich". Wenn Sie schon immer mal wissen wollten, warum der Strohwitwe der Bissen im Hals steckenbleibt, wenn ihr ein Schlitzohr mit Milchmädchenrechnungen kommt, der lese hier weiter: Klick!


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Sonntag, 15. März 2009

Jenseits der Rue de l'Odéon

Willkommen, bienvenue, welcome! Sie lesen in einem elektronischen Arbeitstagebuch einer Sprachmittlerin. Ich übersetze und dolmetsche in Berlin, Paris und dort, wo ich gebraucht werde.

Von heute an feiern die Franzosen mit der "semaine de la langue française" mal wieder ihre Sprache. Das Kulturministerium rief unter der Überschrift "Zehn Worte für morgen" dazu auf, Gedanken, Gedichte und derlei zu zehn Begriffen einzureichen und sie damit lebendig zu erhalten.

Eines davon ist "ailleurs" - woanders ... aber, wenn ich von der Phonetik ausgehe, mit "l'ailleurs" auch das "Jenseits". Bei diesem Wort wird das Schluss-S nicht gesprochen, was mich zu folgender Anekdote führt - die zwar in die Vergangenheit verweist, uns aber durch ein erlebtes Präsenz verstorbene Kulturschaffende lebendig erhalten kann. Mein "ailleurs" handelt von Gisèle Freund und James Joyce.

Es war einmal eine Praktikantin in einer eingemauerten Stadt, die machte bei einer Radiostation, die Sender Freies Berlin hieß, ihre ersten Schritte als Journalistin. Es war im Jahre eins vor neuer Zeitrechnung. (Die Stunde Null ist für viele Ost-West-Deutsche meiner Generation das Jahr 1989.)

Da kam eine berühmte Fotografin in die Stadt, die sogar Tochter der Stadt war und die einstmals, zu Beginn des braunen Zeitalters, von ihrem Studienort Frankfurt am Main vertrieben worden war. Daher hatte sie das Glück, in den 1930er Jahren viele Berühmtheiten in der französischen Hauptstadt kennenzulernen, in der sie bis zu ihrem Tode lebte.

Die Praktikantin war gespannt auf die alte Dame, meldete "ein Stück" an (auch "gebauter Beitrag" genannt) - und bekam die Zusage. Flau im Bauch und mit Sorgen wegen der Technik ging sie zum Termin. Abgesehen davon, dass die alte Rundfunktechnik (ein Marantz) prompt immer wieder kurze Aussetzer produzierte (kleine "Löcher" auf dem Tonband, auf dem stellenweise nichts drauf war), lief die Sache gut. Madame suchte immer wieder im Deutschen nach Worten, der Praktikantin ging's genauso, denn sie studierte in Paris und war nur in den Semesterferien in Berlin, was damals nicht die deutsche Hauptstadt war (allenfalls Hauptstadt der DDR). So soufflierte die Junge der Alten, animierte sie dazu, nochmal den ganzen Satz zu sagen, "für den Ton", fragte sie ein bisschen aus ... und brachte am Ende viel mehr mit nach Hause (oder in den Sender), als nötig gewesen wäre. Was schließlich doch gut war, siehe oben. Und nun kommt die Geschichte in der Geschichte. Gisèle Freund erzählte in etwa das:

Straßenschild Rue de l'Odéon
"Eines Tages sollte ich James Joyce fotografieren. Er war schon fast blind. Wir trafen uns in der rue de l'Odéon, im Buchladen "Shakespeare and Co." von Sylvia Beach und Adrienne Monnier. Er ließ sich gern fotografieren, er schien zwischendurch sogar meine Anwesenheit zu vergessen. Dann gingen wir auf die Straße. Dort fotografierte ich weiter, ihn alleine und mit Monnier. Erst beim Entwickeln sah ich, dass ich ein unvollständiges Ladenschild mitfotografiert hatte, dem "TAILLEUR" fehlt das "T", so steht da "AILLEURS". Das ist natürlich wunderbar für den Dichter des 'Ulysses'!"

"Tailleur" - das ist der Schneider. Und ob es ein Damen- oder Herrenschneider war, darüber klärt uns eines eines der Bilder auf: Klick! Wer mehr erfahren will: Gisèle Freund hat über die Fotosession das Büchlein "Drei Tage mit James Joyce" geschrieben (... das auf Deutsch antiquarisch vorliegt.)

Fassade Librairie Eug. RossignolSie war damals auch die offizielle Fotografin des amtierenden Präsidenten und hat der Praktikantin auch erzählt, wie sie ihm - der wegen seines kaum bewegten Gesichts den Spitznamen "Sphynx" trug - dennoch ein Lächeln abgeluchst hatte: "Erzählen Sie mir etwas über ihre Enkel!" Aber entweder hatte da die Marantz-Lochung zugeschlagen oder das Desinteresse für Regierende der Nachwuchsjournalistin, dieser Originalton fand beim Radiostück jedenfalls keine Verwendung, soit! - sei's drum. Und die Berichterstatterin traf Madame viele Jahre später für einen vermurksten Arte-Dreh. Das aber ist eine andere Geschichte.

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P.S.: Der Blogeintrag mit den vielen Schlüssen, hier ist noch einer,
immerhin geht der auf Anschluss mit dem vorigen Eintrag: Ja, als
Journalistin hatte ich eindeutig das spannendere Leben. Und ich
bin noch immer verärgert, dass "bei Mediens" für Recherche und
Programmmachen immer weniger Geld vorhanden ist, wodurch
ich fröhlich hineinkatapultiert wurde ins zweite Berufsleben, das
der Dolmetscherin.

Donnerstag, 12. März 2009

Merci beaucoup V

Un grand merci pour votre précieuse aide.
(Vielen Dank für Ihre wertvolle Hilfe.)

Séveryne Molard (Les Nuits de Fourvière)

Sonntag, 8. März 2009

KVAs

Herzlich Willkommen auf den Seiten des ersten deutschen Weblogs, das im Inneren einer Dolmetscherkabine entsteht. Vor die Arbeit haben die Götter die Preiseinschätzung gesetzt ... und dahinter die Zahlung der Rechnung (wenn nichts dazwischenkommt).

Kostenvoranschlag — das ist so ein richtig langes, deutsches Wort, das massiv klingt, deftig und nach Arbeit. Der "devis" hingegen ist eine Vokabel, die zwar auf Französisch das gleiche bezeichnet, aber als eigenständiges, knappes und nicht zusammengesetztes Wort existiert. Das französische Wort hat im Singular wie im Plural zwei Silben (und bleibt wegen des letzten Buchstabens auch in der Mehrzahl unverändert: les devis) — das deutsche inflationiert ebenso Silben (sechs) wie Wortbestandteile (gefühlte drei bis vier). Interessanterweise gibt es im Deutschen viele Komposita, die sich nicht mehr zurück'deklinieren' lassen — das Gegenteil von "Untiefen" ist "flaches Gewässer", das Gegenteil von "unwirsch" ist nicht "wirsch".

Und damit ich im Büroalltag etwas wirscher sein kann, kürze ich ab: KVA. Die damit zusammenhängenden Telefonate indes tragen zu meiner Wirschheit nicht immer bei. Beispiel für ein Telefonat mit einer sehr guten Kundin.

— Wir suchen in Köln eine Dolmetscherin für das TV-Interview mit einer Autorin. Kennst Du wen?
— Ich komme!
— Ja, nee, keine gute Idee. Wir haben kaum Geld, und wir können keine Profi-Dienstleistung für fast umsonst erwarten. Hast Du vielleicht eine begabte Studentin oder so, die Du uns empfehlen kannst?
— Das letzte Mal, als ich eine begabte Studentin empfahl, hat sie sich den Kunden gleich ganz geschnappt, das fand ich nicht so toll. Tut mir Leid. Außerdem sollte man Erfahrung haben.
— Wieso?
— Erst neulich durfte ich gedrehtes Material im Schnitt retten. Beispiel für eine Antwort: "Naja, wie schon vorhin gesagt, stimmt das so. Es war am 23."
— Kontext?
— Kontext fehlte. Der Take hätte das bereits vorher Gesagte wiederholen sollen. Und weil vom Team außer der Praktikantin keiner Französisch sprach, ging das beim Dreh so durch.
— Und dann?
— Wir haben aus später gegebenen drei Antwortteilen was zusammengefrickelt und dann zwischendurch ganz viel Wohnung gezeigt, zum Glück gab's ausreichend Material für Schnittbilder. Das war ein Gefriemel! Und hat gedauert! Hier wurde beim Dreh an der falschen Stelle gespart: Das ist wie teures Wildgulasch mit einer Tütensauce vom Discounter kredenzen.

Das hier geschilderte Problem verbirgt ein anderes. Auftraggeber des zu Drehenden ist ein öffentlich-rechtlicher Sender, der in Kulturdingen in Europa eine feste Größe geworden ist. Für einen festen Sendeplatz beauftragt er Firmen, die er allerdings nicht ausreichend für das, was sie drehen sollen, mit Geld ausstattet.

Das Programm ist stark formatiert, also nimmt es so auch kein anderer Sender (weitere potentielle Geldquelle). Der Produzent nimmt also bereits mit einem Geldproblem die Arbeit auf. Und das wird dann "durchgereicht". Studis und Praktis, die ihre eigenen Jobs von morgen kaputt machen, werden ausgebeutet und kriegen ohne behutsame Einführung möglicherweise einen Schaden fürs Leben.

Auch die Qualität der Programme wird aufs Spiel gesetzt. Das Verhalten etlicher Sendeanstalten trägt zu Insolvenzen bei. Ich beobachte regelmäßig Pleiten — und die Eigentümer gründen flugs was Neues. Ich warte derzeit auf etliche Summen, und das nervt, weil ja auch ich Verpflichtungen habe. (*)

Auch dieses geschilderte Problem verbirgt ein anderes. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Deutschland verfügen über ca. 8 Milliarden Euro, das ist eine acht mit neun Nullen. Wieso reicht das Geld nicht, um den Programmauftrag zu erfüllen?

Dazu fällt mir keine kalauernde Abschlusspointe ein. Wirklich nicht.


(*) Nachtrag vom Sommer 2012: Auf manche Summen warte
ich noch heute ... oder auch nicht, die Firmen sind pleite. Es
schlossen sich an: Monate mit Doppelschichten. Freiberuflerpech.
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Illustration: Anker-Kasse

Samstag, 7. März 2009

Zufällige Begegnungen

Bonjour, welcome, Hallo und guten Tag! Sie lesen, absichtlich oder zufällig, die Seite eines digitalen Arbeitstagebuches. Hier schreibe ich als Übersetzerin und Dolmetscherin mit den Schwerpunkten Wirtschaft, Politik, Kultur und Soziales über das nach, was ich erlebe. Heute: Einblick in die Werkstatt.

Der Postberlinalerlaub ist vorbei, der Schreibtisch quillt über, da ergeben sich mitunter merkwürdige "Begegnungen".

So war es zumindest letzte Woche. Zunächst galt es, den Entwurf zu einem Filmprojekt zu übersetzen, in dem viele Gangster vorkamen, die in Pokerhöllen ihresgleichen nicht nur über den Tisch ziehen. Dann schaute ich gedrehtes Material durch, es ging um ein Kinderheim in Ruanda nach der Zeit des Bürgerkriegs. Zwischendurch übersetzte ich ein kurzes Portrait von Ulrich Mühe, der Film nimmt am Wettbewerb um den deutsch-französischen Journalistenpreis teil. In den Bürostunden dann erbaten einige Firmen Kostenvoranschläge: Da will etliches betreut sein, ein Ausstellungskatalog, eine Messe und ein neues zu übersetzendes Drehbuch ...

... dazu flatterten mir Einladungen zu diversen Premieren auf den Tisch. Binnen einer Woche könnte ich abends vier Mal weggehen, dazu brachte der Kurier zwei "Streifen" auf Scheibe, die es vorab zu sichten galt. Denn diese Woche war ich nacheinander kurz für Radio Eins, das Berliner Ensemble und für Werner Schröter tätig, der Filmpremiere in der Volksbühne feierte. (Hier verdolmetschte ich die auf Deutsch geführte Diskussion für Pascal Greggory und Bulle Ogier.)

Wie bewältige ich Menge und inhaltliche Wechsel? Ich konditioniere mich für die verschiedenen Aufgaben an verschiedenen Orten — und zwar exakt durch die verschiedenen Orte. An einem Schreibtisch lerne ich, in der Küche schreibe ich Privates oder offline erste Konzepte, am Stehpult lese ich Korrektur, und wenn ich am Schreibtisch an größeren Projekten arbeite, stelle ich den elektronischen Briefkasten ab, auf dass er nicht "klappere". 

Hintergrundmaterial zu den Dolmetscheinsätzen lese ich überall, gerne auch mal im Café mit W-Lan an der Ecke. Dann hab ich wenigstens in der ersten Phase (vor dem Rausschreiben der Vokabeln) das Gefühl, nicht schon wieder zu arbeiten ... und kann kurz vergessen, was mir diese Woche Energie raubt: Manche versandte und empfangene Mails kommen schwer "durch" oder sogar zurück, andere sehen in meiner Postbox aus wie zugestellt, haben ihren Empfänger aber noch nicht erreicht. Das nervt — und ich bastle weiter am neuen Intranet (und fühle mich zurecht überfordert).

Währenddessen sehen auf meinem Bildschirm die Gangster ohne Moral den humanistisch und religiös geprägten Erzieherinnen des Kinderheims für Kriegs- und Aidswaisen einander in die Augen, und vom anderen Konzept schaut sich Uli Mühe aus diese komische Gemengelage an. Und dann fällt mir auf, was meine "Kunden" diese Woche mal wieder besonders verbindet: Kino!

Die Afrikanerinnen haben dort, wo früher Tote Schützengräben lagen, ein Lichtspielhaus errichtet: La Cité des Anges, die Stadt der Engel. Und ich übersetze: "Das Volk braucht einen schönen Ort, wo es vom Frieden träumen kann, denn im Kino können die Menschen sehen, dass andere Völker ebenfalls dieses Stadium durchlaufen haben und gleichzeitig sollen sie unterhalten werden und etwas lernen — ein Fenster, das auf die Welt hinaus geht."

Der Film, aus dem ich hier zitiere, wird bald von der Deutschen Welle gesendet. Es ist ein neues Portrait von Maggie Barankitse und dem von ihr in Burundi begründeten Waisenhaus Maison Shalom mit angrenzendem Krankenhaus, Landbau, Bibliothek, Bank ... und eben einem Kino.
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Dienstag, 17. Februar 2009

Berlinalegeflüster X

Das Saallicht geht aus, der Vorspann läuft, spannende, bunte, schöne Bilder, dazu interessante Akustiken, die mich aber nicht aufhalten können: Die Augen wollen mir zufallen, ich kämpfe! Es wird dunkler um mich herum, ich spüre, wie ich einmal kurz nachgebe. Ich träume rasch und heftig, ein Sekundenschlaf, öffne die Augen wieder, der Vorspann läuft noch immer. Dumm nur, dass jetzt das Saallicht angeht und alle klatschen. Wie in Trance stehe ich auf, blicke auf meine Notizen, gehe nach vorne zum Filmgespräch.

Diese Episode ist viele Jahre her, ich war Berlinale-Kinoleiterin und Moderatorin, dolmetschte daneben auch noch die Franzosen in "unseren" Kinos CineStar 5 und 8. Dank der Vorbereitung gelang es mir, die Publikumsdiskussion in Gang zu bringen. Zum Glück blieb die Episode einzigartig. Normal ist dennoch, dass wir am Ende der Berlinale alle erschöpft sind, auch die Tage danach noch. Nachlese.

"Im Kino schlafen heißt dem Film vertrauen" - mit Jean-Luc Godard gesprochen bezeugte ich am Publikums-Sonntag auf der Berlinale noch einigen Filmen (kurz) mein Vertrauen, aber das ist OK, wenn ich nicht arbeiten muss. Sofern Platz ist, dürfen wir Mitarbeiter auch jenseits unserer Dienste ins Kino, denn nächstes Jahr kann ja diese Regisseurin oder jener Schauspieler mit einem neuen Projekt dabeisein und da ist es gut, frühere Arbeiten zu kennen. So lege ich langsam meinen professionellen Blick ab und werde wieder zu einem Teil des Publikums. Dennoch könnte ich am Ende keine Bären verteilen. Die Filme, zu denen ich tätig werde, sehe ich fast ohne kritische Distanz, wenn ich zum Beispiel Filmschaffende dolmetsche: Wenn er oder sie "moi, je" sagt, übersetze ich ebenfalls in der 1. Person Singular. Also habe "ich" das Drehbuch geschrieben und den Dreh geleitet, und "ich" habe am Ende mit Cutter oder Cutterin geschnitten.

Nach der Berlinale ist für uns Mitarbeiter ... noch immer Berlinale. Ab dem Nachmittag bis in die Nacht hinein werden zwei Wochen lang etliche Filme nur für uns wiederholt, und es gibt noch die eine oder andere Mitarbeiterparty. Das sind die exklusivsten Berlinale-Veranstaltungen überhaupt, hier kommt man nicht durch gute Beziehungen rein, auch nicht mit Scheck- oder Visitenkarte, hier zugelassen zu werden haben wir uns alle hart erarbeitet. Und da wir ja alle wissen, dass viele Filmfestivalmitarbeiter Filmschaffende von morgen sind - Tom Tyckwer, der die diesjährige Berlinale eröffnet hat, war lange Kinoleiter in Kreuzberg - taufe ich hiermit unser "Nachspiel" den "Berlinale-Campus II".

Und verteile noch rasch meine eigenen, ganz privaten Berlinale-Bärchen: Eins in Gold an Claude Chabrol für seinen umwerfenden Humor. Eins in Silber an Rachid Bouchareb für seine Disziplin und seinen Esprit, stehend zu schlafen und dabei kluge Interviewantworten zu geben. Eins in Schwarz für den Menschen, der meinen leider auf der Forums-Party in der Volksbühne verlorenen roten Füller mit dem goldenen Cannes-Palmblättchen als Clip dran gefunden und nicht abgegeben hat. Und eins in Weiß an das Berliner Wetter.
Und wenn ich nicht im Kino bin, sitze ich am Schreibtisch und übersetze ein Drehbuch. The show must go on!

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Foto: C.E.

Freitag, 13. Februar 2009

Berlinalegeflüster IX

Die Augen springen im Text vor und zurück, ich suche das Stichwort, die Nebenniere schüttet eine Extraportion Adrenalin aus, der Puls klopft bis in die Nasenspitze. Irgendeine Replik hab ich falsch erkannt oder nicht gemerkt, dass mehrere Sätze in einem Untertitel zusammengefasst worden sind. Ich bin nicht mehr synchron, ich bin eine Idee zu früh! Wie immer in Schrecksituationen dehnt sich plötzlich die Zeit. Dann weiß ich wieder, wo ich bin, setze richtig ein: es gab eine kurze "Sendepause", die nur ich gehört habe. Einige Repliken später schlägt das Stresshormon erneut zu - das einsetzende Post-Adrenalin-Tief produziert nun echte Fehler. Ich verspreche mich, erkenne einen einfachen Untertitel nicht. Ort der Handlung: Eine Dolmetscherkabine im Festivalpalast. Ich spreche einen Film simultan ein.

Während in den anderen Sektionen Deutsch oder Englisch dominiert, ist der Berlinale-Wettbewerb auch sprachlich international. Nehmen wir zum Beispiel einen deutschen Film, der mit englischen Untertiteln gezeigt wird. Damit auch französisch- und spanischsprachige Menschen mühelos folgen können, werden die Dialoge "eingesprochen" - so nennen wir das Filmdolmetschen vom Blatt. Manchmal geht das dann im Dreieck: Auf dem Tischchen liegen die englischen Untertitel, die auch in die 35mm-Kopie eingelasert sind, ich höre deutsch und spreche französisch. Die englischsprachige Fassung wird bei der Galavorstellung zusätzlich "eingelesen", was besonders visuell starken Filmen zugute kommt: die Zuschauer können dann die Untertitel einfach ignorieren.

Die Dolmetscherkabinen befinden sich ganz oben, fast unter der Decke des Berlinalepalasts. Anders als bei Konferenzen arbeiten wir nicht zu zweit je Sprache und lösen einander auch nicht alle 30 Minuten ab. Hier spricht jeweils ein Dolmetscher eine Sprache und zwar alle Rollen, Männlein, Weiblein, Greis und Kind. Die Vorbereitung ist bei wortlastigen Filmen zeitintensiv, das gesprochene Wort oft mehrdeutig. So schreibe ich mir im Vorfeld manchmal mehrere Übersetzungslösungen an den Rand. Allen Vorurteilen zum Trotz sind zum Beispiel französische Filme nicht grundsätzlich verquatschter als amerikanisches Kino. Nur wird im europäischen Kino Sprache oft abstrakter verwendet, Wort ersetzt mitunter Handlung, während in amerikanischen "talking movies" die Figuren sich im Allgemeinen mehr zur jeweiligen Situation äußern.

Wir dolmetschen die Filme zwei Mal, zunächst für Medienvertreter, und abends dann die Galavorführung. Aber auf die Pressevorführung folgt sofort die Pressekonferenz, abgekürzt "PK". Im Luxushotel neben dem Festivalpalast stehen im rechten Winkel zur Rednertribüne die Kabinen, vorne sitzen Techniker, die dafür sorgen, dass die deutsche Fassung auch online sowie im Regionalsender rbb verfolgt werden kann.

Und wenn ich dann die PK dolmetsche, bin ich jedes Mal überrascht, wenn Schauspieler, die ich eben noch in Kostüm gesehen habe, hier nun in Alltagskleidung ganz reell auf dem Podium sitzen.

Das komischste ist aber, dass sie plötzlich ihren eigenen Text sprechen, dass ich kein Skript mehr habe, aus dem ich ablesen kann, was gleich gesagt werden wird.

Donnerstag, 12. Februar 2009

Berlinalegeflüster VIII

Abends halb elf: Ich sitze neben einem Mann in der Bar und wäre hier lieber gemütlich, vielleicht in Flirtlaune. Der Mann aber hat müde Augen, er bestellt Wasser; nervös nestelt er am Handy rum. Den ganzen Tag hat er Journalisten Rede und Antwort gestanden, gleich soll er live ins Radio. Denn an der Fensterseite der Bar im CineMaxX-Kino an der Alten Potsdamer Straße steht ein gutgelaunter Knut Elstermann am Stehtisch vor Aufstellern mit Radio-Eins-Signet und plaudert munter mit einem hellwachen Wolfgang Becker. Der Mann neben mir ist Regisseur aus Frankreich, stumm blickt er vor sich hin und gähnt, als würde er gleich einschlafen.

Rachid Bouchareb hat den Film "London River" gedreht, der im Wettbewerb läuft. Er erzählt die Geschichte zweier Eltern mit sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, die 2005 in London ihre nach den Terroranschlägen verschollenen erwachsenen Kinder suchen. Der müde Mann neben mir weiß, was gleich auf ihn zukommt, er muss etwa acht Minuten geistige Präsenz liefern und dabei seinen Film "verkaufen".

Wir besprechen die Dolmetschart. Konsekutiv wird es sein, unsere Redeanteile wechseln sich ab wie Metallstückchen in einem Reißverschluss. Das Bild fällt mir spontan ein - wo alle Beteiligten müde sind (außer Knut), sollten wir uns nicht mit langen Wortstrecken quälen. Zweites Argument: In Berlin gibt es mit RFI einen französischen Sender, wir müssen uns akustisch abheben und im raschen Wechsel mit Deutsch senden.

Der Müde neben mir wirkt, als hätte er verstanden. Die Minuten vor dem Interview sind für mich voller Ungewissheit: habe ich mich verständlich mitgeteilt oder wird gleich "unter Adrenalin" der Redefluss mit dem Manne durchgehen wie ein ungebärdiger Gaul?

Jetzt stehen wir vorne, Knut hält uns im Wechsel das Mikro hin.
Die Fragen flüstere ich in Windeseile, und wenn Rachid fertiggesprochen hat, darf ich möglichst keine Pausen entstehen lassen, muss den letzten Gedanken auf dem Papier mit dem einen, treffenden Wort zusammenfassen.

Das ist nicht einfach, denn der Regisseur hat den ganzen Tag nichts gemacht als Fragen zu beantworten, er spricht geschliffen und pointiert.

Rücksprung: Es ist Mittag, ein anderes improvisiertes Studio. Langsamer kommen die Antworten Angela Schanelecs, die erst noch entwickelt, was sie sagt. Auf Wunsch der Redaktion von "Tout arrive" (France Inter) dolmetsche ich simultan. Ich sitze zwischen ihr und Romuald Karmakar, wir haben das Procedere besprochen, und doch hatte ich unterschätzt, dass die Fragen zu "Deutschland 09" für sie noch ungewohnt sind. Filmkritikerin Heike Hurst, die mitdiskutiert, kommentiert am Ende zurecht: "Das wäre ein Fall für konsekutives Dolmetschen gewesen."

Zurück in die Max-Bar. Nach dem nächtlichen Dolmetschen fallen Rachid die Augen zu, er legt sich schlafen. Mich erwarten am Tresen Christophe und Antoine, mit denen zusammen ich vor einigen Jahren einen Dokumentarfilm produziert habe. Ich bin gleichermaßen hundemüde und total überdreht.

Die Berichte aus der Wirklichkeit des Dokumentarfilmschaffens werden mich auf den Boden zurückholen.

Mittwoch, 11. Februar 2009

Berlinalegeflüster VII

Die Sache ist hochnotpeinlich: Im Rampenlicht zu stehen neben berühmten Menschen, von allen gesehen zu werden und als einzige zu sprechen. Und dann sage ich auch noch, was längst gesagt worden ist! Ich plappere nach! Das Wortwiederkäuen in Sprechpausen hinein heißt 'konsekutives Dolmetschen'. Auf der Berlinale gehört dies zur aussterbenden Dolmetschart ...

Nach der Vorführung ein Publikumsgespräch - das ist und bleibt Tradition nach vielen Vorführungen, zum Beispiel im Internationalen Forum des Jungen Films oder im Panorama. Bislang wurde nur im Panorama alles ins Englische gedolmetscht oder direkt auf Englisch diskutiert. Seit diesem Jahr gilt das auch fürs Forum; ich souffliere maximal noch zwei, drei Fragen ins Englische, die von Zuschauern auf Deutsch oder Französisch gestellt werden.

Gestern Abend stehe ich dann doch wieder vor einem Publikum und dolmetsche Deutsch-Französisch, neben mir der Regisseur, als Moderator der Journalist Peter B. Schumann, der viele Jahre die Dolmetscher des Forums koordiniert hat. Gemeinsam mit dem Verband AG DOK bereichert er das Berlinaleangebot durch eine Extravorstellung, und so kritzle ich meine Symbole und Abkürzungen auf den Stenoblock, schwitze, hechte hinterher, versuche, mir fremde Eigen- und Ortsnamen lautschriftlich zu notieren ... um am Ende alles stimmig und möglichst flüssig wiederzugeben.

Nach dem Abend bin ich nur halbwegs zufrieden, denn das kleine "Berlinale-Plus-Special" findet in einem Café in Mitte statt, die Bedingungen der Vorführung waren gut, der Veranstaltungsort wird von Filmleuten betrieben. Aber an der Decke rotieren zwei riesengroße Propeller und machen heiße Luft, die meine Kontaktlinsen reizt. Hinten klappert der Barmann bemüht leise (der zuvor mit Humor hinnahm, dass ich ihn bat, mir statt des Hausgetränks Mojito aus (fast) den gleichen Zutaten eine "heiße Zitrone" zu bauen). Wir stehen an der Bar, das Mikrophon fängt Lautsprecherton ein, Rückkopplungen! Das nette Bargeplauder strengt an, auch, weil mir eine feste Unterlage zum Schreiben fehlt.

Das Publikum scheint von meinen Müdigkeitsanfällen und Wortfindungsstörungen nur wenig mitzubekommen. Auch, wenn mal was untergeht - die Gäste fragen zum Teil mit sehr leiser Stimme - so hilft die Erfahrung weiter. Am Ende hagelt es Komplimente. Aber ich bin mir bewusst, hier unter meinen Möglichkeiten geblieben zu sein. Und ich spüre einmal mehr, wie groß der Anteil der Routine ist, der auf den gewohnt ruhigen, klaren Arbeitsbedingungen beruht.

Mich durch die mäandernden Gedankengänge des Vorredners hindurchzufinden, denen ich situationsbedingt folge, erleichtert mir mein Notizenblock. Ich notiere Symbole und Kürzel, meist in der Zielsprache. Wobei wir Dolmetscher Sie, geneigtes Publikum gelegentlich warten lassen: Wenn der frankophone Gast fertig gesprochen hat, notiert die Dolmetscherin kurz noch den letzten Gedanken. Denn auf eines wollen wir nicht verzichten, die Pointe.

Und hier ist sie: Was ist der Unterschied zwischen Dolmetschen und Übersetzen? Sie werden das nie wieder verwechseln: Übersetzer übertragen Texte, sie schreiben also. Kurz: Übersetzen ist Handwerk, Dolmetschen ist Mundwerk.

Dienstag, 10. Februar 2009

Berlinalegeflüster VI

Die meisten sprechen auf der Berlinale von Filmen. Die anderen reden über Empfänge. Die ganz Harten sehen auf der Berlinale keine Filme, sie "kontakten" nur, finden Geld für neue Ideen und fertige Filme, sind stets auf der Suche nach dem richtigen Gesprächspartner. So ist es nicht nur wichtig zu wissen, wo Empfänge und Parties steigen, sondern auch auf der Gästeliste zu stehen. Hier beginnt mein Problem. Denn die Einsamkeit der Dolmetscherkabine lastet auf meiner Stimmung - und ich brauche ja auch die restlichen 11,5 Monate im Jahr Aufträge.

Die letzten Jahre saß ich für die Berlinale oft in einem Ding mit dem Volumen von zwei Kleiderschränken mit Glasscheibe vorne. Dort wurden mir Bilder zugespielt, und ich redete die ganze Zeit vor mich hin. Was von außen aussieht wie eine Apparatur zur Beschäftigung von (sagen wir mal) geistig nicht ganz rund laufenden Menschen, ist der Arbeitsort von Dolmetschern. Dass ich dort bin, kommt noch immer vor, doch sitze ich wieder öfter an Seiten der Stars oder im Sender.

Wer den ganzen Tag spricht, muss seine Stimme hüten - Dolmetscher besonders. Damit Stimme und ich wegen totaler Heiserkeit infolge Tabakluft nicht gleich auch noch das Bett hüten mussten, habe ich mir in dem Maße, wie die Aufträge mehr wurden, die Teilnahme an Parties versagt. Seit einem Jahr soll die Luft rein sein - so langsam werde ich auch wieder eingeladen; Betonung liegt auf 'langsam'. Dort erkennt man mich wieder, aber mit Worten wie Heinz von Interfilm beim Frühstück des Goethe-Instituts: "Wo hast du denn die ganzen Jahre gesteckt?

Gestern Arte-Empfang in der Akademie der Künste, ich kam mit Jörg von Kickfilm. Zwischendurch musste ich mal. "WC auf Ebene -1 ", stand an der Wand zum Fahrstuhl. Als ich auf dem gleichen Weg in den 3. Stock zurückwollte, tat sich nichts, der Fahrstuhl wurde seinem Namen nicht gerecht. Ich fürchtete nun, wieder ein Mini-Gehäuse für den längeren Verbleib erwischt zu haben, dieses Mal aus Metall und fensterlos, und rechnete: Würde es reichen, bis man mich hier befreite, schaffte ich es noch zum nächsten Einsatz? Das Handtäschchen mit dem Handy hütete Josie von Arte. Da öffnete sich die Tür, eine zweite Frau kam herein. Ehe ich reagieren konnte, war die Tür hinter ihr zu, dann wieder nichts. Wir nutzten die Ruhe zum Kennenlernen, bis jemand oben auf den Knopf drückte. Oben war in diesem Fall das Erdgeschoss, weiter hoch fuhr er nicht. Ohne Einladung gingen wir am Zerberus vor der Location vorbei mit den Worten: "Wir kommen vom Klo!" Und lachten los - was für ein Codewort! Und wir überlegten, wie man sich elegant Zutritt zu Empfängen verschafft, zu denen man nicht eingeladen ist: Aufgetakelt mit dem Taxi ohne Mantel vorfahren (denn der Mantel hängt in der Garderobe hinter der Einlasskontrolle!) Ein arrogantes Gesicht aufsetzen und fremdländisch schwätzend hineinwehen. Sich bei einem Promi unterhaken, ein gemeinsames Foto ernötigen und angetäut bleiben. Die beste Story: Ein ganzer Kerl im Blaumann bringt ein Blumenarrangement, sagt, es sei vergessen worden. Unter dem Blaumann ist der gute Anzug.

Übrigens, das hier sind keine Tipps. Ich gebe nur Gespräche wieder. Berlinalegeflüster halt.

Sonntag, 8. Februar 2009

Berlinalegeflüster V: Chabrol dolmetschen

Claude Chabrol, der heute Abend die goldene Berlinale-Kamera bekam, weil er seit 50 Jahren auf der Berlinale Filme präsentiert, war am Nachmittag mein Dolmetsch-Opfer. Er hat dabei auch viel Mist erzählt. Ich hab versucht, das zu übertragen. Ich darf das so schreiben, was ich hier schreibe. Denn bei allem, was er sagt, bricht Claude Chabrol der Schalk aus den Augen und ich hab manchmal Mühen, nicht loszulachen. Wie wir uns beide das Lachen verbeißen, ist hier gut zu sehen:

Seit etlichen Jahren bin ich seine angestammte Dolmetscherin in Berlin. Es ist immer wieder eine große Ehre und Freude, Teil seiner Inszenierung zu werden. Denn Monsieur Chabrol ist jeden Augenblick Regisseur, auch in der eigentlich recht dummen Übung, die Pressearbeit genannt wird. Dumm ist sie, weil sie dumm macht – normalerweise. Vor einem sitzen im Wechsel von zwanzig Minuten bis zu einer Handvoll neuer Journalisten und stellen die altbekannten Fragen, denn das Spektrum möglicher Fragen nach Inaugenscheinname eines Films ist offenbar begrenzt. Regisseur und Dolmetscherin müssen nun jedes Mal so tun, als seien sie absolut angetan von Originalität und Frische dieser Fragen, ja als sähen sie in dieser Äußerung zum Werk nachgerade die kongeniale Steilvorlage, derer es bedurft hat, um die eigenen Gedanken so zu sortieren, dass sie für die feindlichen Außenwelt mitteilbar werden.

Oder sowas in der Art.

Auf jeden Fall ist das bei Claude Chabrol natürlich ganz anders. Die letzte Runde besteht aus vier muntere Herren, sie waren ebenfalls Wiederholungstäter und stellten die Fragen andersherum. Daher verdrehte Monsieur seine Antworten, und ich musste mir höllisch Mühe geben, die Übersetzung nicht auch noch zu verzwirbeln.

So war das. Drei Essenzen, hier die erste: Wie rechtfertige er seine schlechten Filme?, wurde Chabrol gefragt. Es gebe keine Rechtfertigung, nur eine Erklärung. Man müsse so viel drehen, wie möglich, um in Übung zu kommen/bleiben, sich einen Namen zu machen und die Chance zu haben, dass der Zuschauer einen durch sein Interesse überrasche. Manchmal sei man auch selbst nicht klug genug, die Güte seiner Filme zu erkennen, diese Erkenntnis stelle sich mitunter erst mit zeitlichem Abstand ein. Außerdem drehe er, um zu leben, und während er drehe, vergesse er zu sterben. (Den letzten Satz hab' ich hier reingemogelt, den hat er beim letzten Berlinbesuch gesagt.)

Zweite Essenz: Wann habe er aufgehört, Angst zu haben? Antwort: Vor etwa zehn Jahren. Vorher sei noch Angst vor dem künstlerischen Scheitern dagewesen, jetzt wäre alles nur noch eine große Freude und die Dreharbeiten ein Fest.

Dritte Essenz: Claude Chabrol liebt. Liebe sei das Gegenteil von Leidenschaft, und er sei glücklich. Das Verhältnis des Inspektors zu seiner Frau in seinem neuen Film "Bellamy” (dargestellt von Gerard Depardieu und Marie Bunel) spiegele ziemlich genau das Verhältnis der Eheleute Chabrol wider.

Nachwort der Dolmetscherin: Claude Chabrol ist ein glücklicher Mann. Das ist sein Rezept.

Merci beaucoup IV

... die mich vor Bewunderung erstarren lässt, wenn ich zusehe, wie sie das Unübersetzbare übersetzt und das Unverständliche erklärt.
Mit freundschaftlichen Grüßen,
Claude Chabrol

Monsieur, avec tout le respect que je vous dois : vous êtes trop simple ... à traduire. Il suffit de transférer vos blagues dans la langue d'arrivée et non les comprendre.
Caro

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Samstag, 7. Februar 2009

Standbild: arrêt sur images

Berlin, Pressekonferenz der Berlinale im Grand Hyatt. Vorgestellt wird das Team von "Welcome", Regisseur: Philippe Lioret. (Der Film läuft im Panorama). "Welcome" erzählt eine Liebesgeschichte und schildert das Schicksal illegaler Migranten in Europa dies- und jenseits des Ärmelkanals. Bei der Pressekonferenz diskutieren die Gäste auf Englisch und Französisch, gedolmetscht wird ins Deutsche, Englische und Französische.

Einer spricht und erklärt das Casting. Nach solchen Events wissen Dolmetscher, die sich auf die Sprache konzentrieren, oft nicht mehr genau, wer es war. Der Regisseur? Der Koproduzent? Einer der Schauspieler?

Jedenfalls wird es kompliziert. Dem Hauptdarsteller, ein junger Kurde, der in Frankreich lebt, versagt vor lauter Gefühlen die Stimme. Ein anderer springt ihm bei, erläutert, beschreibt die Arbeit mit dem bei den Dreharbeiten Siebzehnjährigen, dessen Ausstrahlung sich selbst übers Internet mitteilt (ich folge der Übertragung). Die Dreharbeiten zwischen verschiedenen Kulturen haben offenbar die "intercultural awareness" der Beteiligten geschärft, denn nun teilt der Sprechende seine Hintergedanken mit, und die gelten der Dolmetscherin: " La pauvre traductrice, elle est déjà très fatiguée, elle est au bout du rouleau, elle se demande, quand est-ce qu'ils vont repartir ?" Und nicht ohne ein leichtes Glucksen der Ironie dolmetscht die Kollegin etwas wie: "Die arme Dolmetscherin, sie ist sicher sehr müde, am Ende ihrer Kräfte und fragt sich nun, wann das Team endlich fertig ist ..."

In diesem Moment friert das Bild ein und liefert mir ein hübsches Standbild: viele Blicke gehen Richtung Dolmetscherkabinen. Schön, wenn die Dolmetscher nicht vergessen werden, denn sie sind Teil des Ganzen.

Berlinalegeflüster IV

Heute, weil Wochenende ist, kein aktueller Bericht, sondern etwas Vorbereitetes. Eine Antwort auf die oft gestellte Frage, wie ich zur Berlinale-Dolmetscherin wurde.

Als Kind aus Deutschland lernte ich Französisch mit südfranzösischem Akzent. In den Ferien war ich wie ein Schwamm, sog alles auf. Im Grunde war ich kein Kind mehr, I was thirteen years old, das erste Jahr "teenager". Und so wurde ich lange, bevor ich wusste, was ich werden wollte, mit dem Dolmetscherberuf konfrontiert. Die Bäckerin in Avignon wusste mehr. Bei ihr kaufte ich auf dem Weg zur Feriensprachschule ein. Ich ließ sie die Worte so lange aussprechen, bis auch ich sie sprechen konnte, schrieb sie dann beim nächsten Mal auf. " Vous voulez devenir interprète ?", fragte sie bei der ersten Begegnung, danach hieß es nur noch: "Voilà, unsere kleine Dolmetscherin!"

Die französische Sprache ist in meiner Familie seit Generationen präsent, aber erst mit acht fing ich an, sie zu lernen. Dann wollte ich aufholen und begann, allein zu verreisen. Später, bei den Klassenfahrten, durfte ich auf dem Schulhof immer die Kommunikationsrückstände der anderen klären und dolmetschen. Wenig später wechselte ich auf ein Gymnasium mit französischem Zug, studierte dann in Paris.

Als die Mauer fiel, hatte ich gerade erste Medienerfahrungen gemacht. Auslöser war, dass mein Deutsch immer mehr wie eine Fremdsprache klang. Also machte ich 1988 ein Praktikum beim Sender Freies Berlin, entdeckte zugleich auch Ostberlin. Väterlicherseits aus Sachsen stammend, hatte ich dort den anderen Teil der Ferien verbracht, DEFA-Filme gesehen, DDR-Literatur gelesen, das Neue Forum entstehen gesehen.

So studierte ich im Jahr vor dem Mauerfall in einem binationalen Studiengang der Sorbonne vergleichende Landeskunde und Kulturwissenschaft, schrieb über den Theaterdichter Heiner Müller eine Seminararbeit. Einer meiner Profs, der selbst gelegentlich Filme drehte, regte an, daraus ein Filmprojekt zu entwickeln, das dann Herbst 1989 bei Pierre-André Boutang auf dem Tisch lag, einem der wichtigsten französischen Dokumentarfilmredakteure. Den Mauerfall und die Entwicklungen danach habe ich aus Sicht der französischen Medien gesehen und half mit Vorwissen, das zu Fragen wurde - nur war es nicht immer leicht, an den Wissensstand der französischen Kollegen anzuknüpfen.

Ähnlich rutschte ich ins Filmdolmetschen rein. 1994 gab es in der heute geschlossenen "Filmbühne am Steinplatz" eine Truffaut-Retrospektive. Vorne saß Robert Fischer, der heute beim Filmfest München arbeitet, und moderierte und dolmetschte gleichzeitig die Gäste. Der Mann tat mir leid. Ab dem zweiten Abend saß ich mit auf der Bühne. Ebenfalls '94 sah ich im Kino Arsenal einen französischen Stummfilm. Der Verleih hatte die falsche Kopie geschickt, die Texttafeln waren auf Französisch. Als ich des allgemeinen Rätselratens überdrüssig wurde, bot ich, geschützt vom dunklen Raum, meine Hilfe an. Beim Verlassen des Kinos kam Milena Gregor, die Tochter der Gründer dieses Kinos, hinter mir hergerannt und bat mich um meine Adresse, die werde man sicher noch brauchen ...

Ich hab vorhin ein wenig angegeben. Ich wurde 14, als ich ganz allein in Avignon war. Den südfranzösischen Akzent von dort habe ich dann ganz schnell wieder abgelegt. Die dort verstärkte Liebe zum Theater nie, ich habe sie nur aufs Kino erweitert.