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Dienstag, 20. Mai 2025

Nazisprache

Was Dol­met­scher­in­nen und Über­set­zer­in­nen (und die Her­ren im Be­ruf) tag­ein, tag­aus be­schäf­tigt, wie wir ar­bei­ten, be­schrei­be ich hier in mei­nem di­gi­ta­len Ar­beits­ta­gebuch, und ich den­ke auch über die Spra­che nach, z.B. heu­te.

Eine ge­wis­se Par­tei vom sehr, sehr rech­ten Rand wirbt der­zeit für sich mit ei­nem Slo­gan, der "in Deutsch­land auf­räu­men" lau­tet. Das ist al­les an­de­re als neu­tral, son­dern ge­schichts­ver­ges­sen und per­fi­de. Schon die NSDAP ver­mein­te vor über 100 Jah­ren in Deutsch­land ei­nen "Sau­stall" zu er­ken­nen, der end­lich "aus­ge­mis­tet" ge­höre.

Die Ge­mein­schaft müs­se, so das ver­quas­te Ge­dan­ken­gut, von "frem­den Ele­men­ten" "ge­säu­bert" wer­den, zu­nächst der Staats­ap­pa­rat, das Be­am­ten­tum, die Leh­rer- und Rich­ter­schaft, dann die Be­völ­ke­rung. Die "Ent­fer­nung frem­der Schä­dlin­ge", im­mer al­les in ei­nem Atem­zug, sei die "Lö­sung".

Wer ein his­to­ri­sches Be­wusst­sein hat oder viel­leicht so­gar selbst be­trof­fen ist, weiß zu ge­nau, was die­se Kampf­be­grif­fe an­kün­di­gen sol­len. "Har­tes Durch­grei­fen", "kein Par­don ken­nen", "Ord­nung schaf­fen" sind schlecht kaschier­te Droh­un­gen. Das "Auf­räu­men" führ­te, wie wir wis­sen, zu Über­fäl­len, Ge­wal­tex­zes­sen bis hin zum in­du­stria­li­sier­ten Mas­sen­mord. "Auf­räu­men" ist ein Kampf­be­griff.

Victor Klemperer - LTI
Spra­che des "Drit­ten Reichs"
Wir Sprach­ar­bei­te­r:in­nen kön­nen das Wör­ter­buch der heu­ti­gen Un­men­schen er­stel­len und stän­dig al­les über­set­zen, ja, wir müs­sen es so­gar. "Re­mi­gra­tion" be­deu­tet De­por­ta­tion. Wer heu­te von "Um­vol­kung" schwa­felt, hät­te frü­her "Be­dro­hung des deut­schen Volks­kör­pers durch frem­des Blut" ge­sagt.

Ver­steckt wird die Ge­walt hier nur kaum. Et­li­che Funk­ti­onä­re der unaussprechlichen Partei tre­ten auf die Brem­se und be­fin­den: "Man­ches kann man in der Öf­fent­lich­keit (noch) nicht sa­gen."

Aber je häu­fi­ger sie ih­re Spra­che der Men­schen­fein­de ver­wen­den, des­to mehr ge­wöhnt sich das Pu­bli­kum dran und über­nimmt viel­leicht hier oder da Be­stand­tei­le. Oder der po­li­ti­sche Ge­gner.

Und auch ver­meint­lich bür­ger­li­che Par­tei­en ver­än­dern un­ter dem Druck der man­tra­ar­tig vor­getra­ge­nen Lü­gen von den Bar­ba­ren, die uns heim­su­chen wol­len, nicht nur die ei­ge­ne Rhe­to­rik, son­dern auch For­de­rung­en und Pläne.

Als Tee­nager ha­be ich mir bei den Som­mer­ur­lau­ben in der DDR das Buch "LTI" ge­kauft, die Buch­sta­ben ste­hen für Lin­gua Ter­tii Im­pe­rii. Es war 1947 im Os­ten er­schie­nen und stammt vom Phi­lo­lo­gen Vic­tor Klem­pe­rer. Ich ha­be dann je­des Jahr ein wei­te­res Ex­em­plar ge­kauft und an Schul­freun­din­nen und -freun­de wei­ter­ver­schenkt. 

Klem­pe­rer an­aly­siert mes­ser­scharf die Sprach­ver­hun­zung und die An­kün­di­gung der Ge­walt­ak­te durch die Spra­che. Gleichzeitig ist das Buch das Do­ku­ment sei­nes ei­ge­nen Über­le­bens in Dres­den. Ich le­se nach und stel­le fest, dass dies hier der drit­ter Ein­trag ist, in dem ich innerhalb von fast 20 Jahren das Buch "LTI" er­wäh­ne (hier die älte­ren Blog­posts).

"Was je­mand wil­lent­lich ver­ber­gen will, sei es nur vor an­dern, sei es vor sich sel­ber, auch was er un­be­wußt in sich trägt: die Spra­che bringt es an den Tag."
Vic­tor Klem­pe­rer (1881–1960)

Aus­schrei­bung: Ich ha­be im Haus mei­ner El­tern noch zwei DDR-Aus­ga­ben aus den 1980-ern ge­fun­den und ver­lo­se sie. Für das "Los" er­bit­te ich um die Zu­sen­dung ei­nes kur­zen Texts oder ei­ni­ger Sät­ze da­rü­ber, wie Sie, lie­be Le­se­rin, lie­ber Le­ser, Dol­met­scher­in­nen oder Dol­met­scher (oder nur ei­ne Per­son von uns) wahr­ge­nom­men ha­ben, ger­ne mit der Er­laub­nis, die Zei­len ver­öf­fent­li­chen zu dür­fen.

Fal­ten Sie bit­te das Blatt, schrei­ben Sie ei­nen Co­de­na­men auf das zwei­fach ge­fal­te­te Pa­pier, zum Bei­spiel Mi­ckey Mou­se, und dann den Co­de­na­men, den rich­ti­gen samt Ad­res­se und Er­reich­bar­keit auf ei­nen an­de­ren Zet­tel und fal­ten Sie es, oh­ne den Co­de­na­men zu wie­der­ho­len. Am letz­ten Au­gust­tag ent­schei­det das Los.

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Fo­to: Re­clam

Montag, 23. Januar 2017

Alternativfaktuell

Im 10. Jahr bloggt hier eine Spracharbeiterin (Französisch, aktiv und passiv und Eng­lisch, nur als Ausgangssprache). Nor­ma­ler­wei­se beschreibe ich typische All­tags­mo­men­te (anonymisiert) oder denke über Wörter nach. Wirtschaft, Politik und Kultur sind die Hintergrundmusik.

Ein englischsprachiges Kinderwörterbuch mit durcheinandergebrachtem Wortschatz
Art: Tim O'Brien #alternatefacts
Diese Peter Bichsel-Kurzgeschichte hatte ich hier vor einiger Zeit schon mal erwähnt: In "Ein Tisch ist ein Tisch" fängt ein alter Mann plötzlich an, die Dinge seines Alltags anders zu benennen, als sie bislang geheißen haben. Er tauscht die Wörter wild durcheinander und hat an­fangs Spaß an seiner "Ge­heim­spra­che". Allerdings isoliert ihn diese "eigene" Sprache immer mehr und er zieht sich von der Welt zurück.

Interessant ist zu beobachten, wie Künstler von auf politische Fak­ten­ver­dre­hun­gen eingegangen sind und heu­te eingehen.

Denn ein Neugewählter versucht gerade, die Welt für sich passend zu machen, in­dem er sie anders benennt. Noch schauen alle sehr gut hin. Unsere Awareness ver­dan­ken wir Europäer sicher der Geschichte und auch der Kultur.

Schauen wir zurück und nach England, Lewis Carroll, Humpty Dumpty: "[…] Da hast du Ruhm!" "Ich weiß nicht, was du mit 'Ruhm' meinst", sagte Alice. Humpty Dumpty lächelte verächtlich. "Natürlich nicht – bis ich es dir sage. Ich meinte: Da hast du ein schönes zwin­gen­des Argument!" "Aber 'Ruhm' heißt doch nicht 'schönes zwin­gen­des Argument'", entgegnete Alice. "Wenn ich ein Wort verwende", er­wi­der­te Hump­ty Dumpty ziemlich geringschätzig, "dann bedeutet es genau, was ich es be­deu­ten lasse, und nichts anderes." "Die Frage ist doch", sagte Alice, "ob du den Wor­ten einfach so viele verschiedene Bedeutungen geben kannst". "Die Frage ist", sagte Humpty Dumpty, "wer die Macht hat – und das ist alles. […]" (Im Original: The question is," said Humpty Dumpty, "which is to be master—that's all.")

Ich denke auch an die Beobachtungen Victor Klemperers aus der Nazizeit, die er unter dem Titel "LTI" veröffentlicht hat. Klemperer, ein Philologe und Romanist aus Dresden, beschrieb und analysierte die Sprache des Dritten Reichs, Lingua Tertii Imperii, daher der geheimnisvolle Titel, aufs Genaueste. Das Buch habe ich als Teenager und junge Erwachsene regelmäßig aus dem DDR-Urlaub in mehreren Ex­em­pla­ren in den Westen mitgebracht und verschenkt. Dort war es so gut wie un­be­kannt; im Osten wurde es eifrig gelesen, von vielen auch mit dem Subtext, die DDR-Sprache zu hinterfragen. In meiner Pariser Zeit, ab 1985, war LTI dort üb­ri­gens völlig unbekannt, was mich sehr irritiert hat. (Die Übersetzung von Eli­sa­beth Guillot erschien erst 1996.)

In der DDR gab es für viele Dinge zwei Begriffe, den offiziellen und den in­of­fi­ziel­len. Viele Menschen haben dabei gelernt, zwischen den Wörtern zu hören und zwischen den Zeilen zu lesen. Der Kultur hat das durchaus auch geholfen, und das ist jetzt nicht zynisch gemeint. Solange solche Verhaltensweisen nicht auf eine tum­be, ungebildete Masse treffen, können sie die Intelligenz steigern helfen. Hof­fen wir also das Beste für die USA, wo das Buch "1984" von George Orwell gerade wieder die Bestsellerliste erreicht. Demnächst werden wissenschaftliche For­schungs­er­geb­nis­se unserer Freunde aus den USA in Märchentexten versteckt.

Spannend ist auch, sich dem Sprichwortschatz und den Literaturen anderer Völker zuzuwenden. Auf Chinesisch gibt es das Sprichwort: "Auf einen Hirsch zeigen und ihn ein Pferd nennen." Oder eben Sprichwörter und Texte übersetzen. Ich wundere mich angesichts der Superreichen der Welt, deren Liste mehrheitlich von Menschen aus eben jenem Land angeführt werden, dessen oberster Machismo diesen Blog­post angeregt hat, |dass es auf Englisch keine Entsprechung gibt für die| dass die eng­li­sche Ent­spre­chung der wich­ti­gen Re­dens­art "Das letzte Hemd hat kei­ne Ta­schen", There are no pockets in a shroud, of­fen­bar kei­ne grö­ße­ren Aus­wir­kun­gen hat ... [EDIT: Dank an Ul­rich Schol!]

Sprachwissenschaftler, Journalisten, Übersetzer, Dolmetscher und die be­rühm­te Frau sowie der Mann von der Straße: Wir müssen alle gemeinsam auf die Grund­la­gen unserer Sprachen aufpassen und Menschen für Lügen- und Falsch­nach­rich­ten sensibilisieren. Und wir Sprachmittler müssen weiter helfen, damit die we­sent­li­chen Werke unserer Länder reisen können. Ein weiterer Kul­tur­schock: Auch "Na­than der Weise" wurde erst sehr spät auf Französisch bekannt, ich weiß nicht, ob es offizielle Übersetzungen vor der von François Rey gibt, diese stammt von 1991.

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Illustration: Tim O'Brien

Freitag, 11. Oktober 2019

Hinsehen! Weiterdenken!

Bon­jour, bon­soir, gu­ten Tag oder gu­ten Abend auf den Sei­ten mei­nes di­­gi­­ta­­len Log­buchs. Hier schrei­be ich, was Über­setzer und Dolmetscher (für Fran­zö­sisch und Englisch) so machen. Das Zeitgeschehen aus der Perspektive der Linguisten: Jedes Wort zählt.

Geflüstertes - Die Hitlerei im Volksmund
Anti-Nazi-Witze (Buch von 1946)
Po­li­ti­ker, die nach dem Hal­len­ser Atten­tat vom
"Amok­lauf" eines "Einzel­täters" sprechen, von et­was "Unvorstell­barem" und den Mord­anschlag als "Alarm­zeichen" einstufen, lassen mich ebenso irritiert zurück wie Politiker, die bekunden: "Das CO2-Thema haben wir jetzt bis zur Vergasung be­spro­chen."

Es ist klar, dass der Mörder die Syna­goge stürmen wollte. Er streamte seine Tat ins Netz, Christ­church ist nicht weit. [EDIT: Gestern Abend hat der mutmaßliche Täter gestanden.]

In solchen unbedarften Äußerungen of­­fen­­bart sich, wer jahrzehntelang die Augen ver­schlos­sen hat. Das ist kein Alarmzeichen wie das Läuten eines Weckers, viele Politiker haben verschlafen.

Alarm­zeichen gibt es seit Jahr­zehnten, ebenso lange schrei­ten Rechts­ex­tre­me zur Tat. Das Attentat auf die Olympiade in München? Ok­to­ber­fest­an­schlag? Jüdische Ge­mein­den unter Po­li­zei­schutz, weil Drohungen vorlagen? NSU-Morde, alles ver­ges­sen? Und auch ver­gessen, dass diese Straftaten viele Jahre lang anderen so­zia­len Milieus zu­ge­schrieben wurden?

Wer genau hin­sieht, nimmt die "völkisch" Denken­den im Alltag wahr, die ganz be­wusst anders auf­treten und an öffent­li­chen Orten ihr perfides Gift mit scheinbar harm­lo­sen Kom­men­tare verspritzen, z.B. im Zugabteil. Medien berichten re­gel­mäßig von "völkisch befreiten" Ort­schaften  auf dem Land, von ideolo­gischen Ka­der­schmieden, Wehrsportgruppen und wachsenden Arsenalen. Der Bundesver­fas­sungs­schutz warnt seit Jahren. Im letzten Jahresbericht benennt er das "Erstarken der rechts­ex­tre­mistischen Kampf­sport­szene" (Link zum Tagesspiegel-Artikel von Ende September).

Das alles kam also nicht über Nacht. Im Osten schien das allerdings un­denkbar, weil nicht sein kann, was nicht sein darf: Ras­sis­mus, Antise­mi­tismus und NS-Ideo­logie galten in der DDR offiziell als überwunden. Als Teen­ager war ich oft auf Be­such in Sachsen. Ich erinnere mich an mehrere Vorfälle, die in un­se­rem Umfeld pas­siert sind, wo "Nazis" einen Jugen­dclub ange­griffen haben, wo Menschen be­droht worden sind, einfach nur, weil sie Anders­den­kende waren, frie­dens­be­wegte und musisch orientierte junge Leute. Kurz­fristig wurden die Orte von Zusam­men­künften geändert, war Ein­tritt nur konspi­rativ auf ein Zeichen hin möglich, wurden eigent­lich öffentlich zugängliche Häuser ver­ram­melt.

Von kritischen Geistern wurde damals Victor Klem­pe­rers "LTI" auch als Buch ge­le­sen, um die Sprach­hülsen der DDR-Regie­rung zu entlarven. Und natürlich auch, um ar­gu­men­ta­ti­ve Munition gegen die Neo­na­zis zu haben.

Erschütternd, wie der Westen nach dem Mauerfall sämtliche Warnungen ig­no­riert hat. Dazu Dr. Bernd Wagner (Exit): "Das BKA hat in der Lage­ein­schätzung Ost die ge­sam­te DDR-Pro­pa­gan­da eins zu eins über­nom­men, die haben den ganzen Anti­fa­schismus eins zu eins geglaubt." Das Zitat stammt aus einer sehr empfeh­lens­wer­ten Hör­funk­sen­dung von Sabine Adler, die der DLF gestern brachte: "Real existierender Rechtsextremismus". Dazu noch ein Dossier der Bundes­zen­trale für politische Bil­dung (bpb), Autor ist auch Bernd Wagner: "Vertuschte Gefahr: Die Stasi & Neo­na­zis" (Januar 2018).

Was wir nicht ausdrücken können, können wir nicht denken. Das ist eine Be­ob­ach­tung, die wir Dolmetscher sehr oft machen. Besser ausgedrückt hat dies Ludwig Wittgen­stein: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Die Kurz­version stammt von Johann Gott­fried Her­der: "Sprache formt das Denken."

Victor Klemperer - LTI
Sprache des "Dritten Reichs" (1947)
Für uns Sprachar­beiterinnen ist es das täglich' Brot: In der einen oder anderen Spra­che fehlt ein griffiger Aus­druck für etwas. Und uns fällt auf, dass prompt im je­wei­li­gen Sprach­raum das The­ma nicht oder kaum diskutiert wird.

Nochmal: Hier ist es weitaus dra­ma­ti­scher, denn die Missstände waren ein­deu­tig. Wer mit of­fenen Au­gen durch die Welt geht, weiß, was vor sich geht. Wie ver­hält es sich mit der Welt­sicht von Po­li­ti­kern, die an­ge­sichts des gerade in Deutsch­land durchaus vor­stell­ba­ren Grauens der­art wort- und konzeptlos reagieren?
Immer wieder hören wir Dolmetscher sehr genau, welche Politiker die allgemeine Parteilinie relativ unverändert aufsagen, als würde in der Schule Lernstoff abgefragt.

Dazu nutzen sie auch noch eine höchst formelhafte Sprache, die bei vielen Wäh­le­rin­nen und Wäh­lern im wahrsten Wortsinn nicht mehr ankommt.

Eigentlich müssten Politiker vorurteilsfrei Situationen beobachten, aus ein­zel­nen Situa­tionen ergibt sich eine "Lage", die mit Fachleuten zu analy­sieren wäre, davon müsste etwas abge­leitet und in poli­tische Programme, Ziele oder Gesetze über­tra­gen werden und schließlich wären diese mit klaren Worten, die auf die Le­bens­um­stän­de der Men­schen ein­ge­hen, auch zu vermitteln.

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Illustrationen: Verlage/Wikipedia

Mittwoch, 8. Oktober 2025

Der Wortwolf

Wie Sprach­pro­fis ar­bei­ten, ist im neun­zehn­ten Jahr Ge­gen­stand die­ses Web­logs. Mei­ne Mut­ter­sprache ist Deutsch, ich ar­bei­te meis­tens als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Als Sprach­ar­bei­te­rin­nen ha­ben wir un­ser Ar­beits­ma­te­ri­al im­mer be­son­ders klar im Blick.

Ko­misch, die­se Sprach­po­li­zei. Die­se zwang­haf­te Um­be­nen­ne­rei steht doch für was! Ich ho­le mor­gen mal wie­der das Buch „LTI“ raus dem Re­gal und mei­ne ei­ge­nen Wör­ter­sam­m­lun­gen und Vor­trags­auf­zeich­nun­gen zur DDR-Spra­che.

EU-Verordnung: Uneindeutige Begriffe in den Wortwolf!
Der Wortwolf
Also, mit sehr gro­ßer Mehr­heit hat das EP heu­te die ers­te Stu­fe des Ver­bots von Wör­tern wie Sel­le­rie­sch­nit­zel und To­fu­wurst durch­ge­wun­ken. Kom­plett ga­ga. Als wür­de die Po­li­tik ge­zielt ge­gen Fleisch­ersatz­pro­duk­te und die ge­sünd­es­te Er­näh­rungs­wei­se für die Men­schen und den Glo­bus an­ge­hen wol­len, von de­nen die meis­ten mit ei­ner bis drei Wurst- oder Fleisch­mahl­zei­ten pro Wo­che aus­kom­men wür­den. (Vie­le le­ben ganz oh­ne Fleisch ge­sün­der.)

Statt­des­sen pro­du­ziert die Fleisch­in­du­strie der „ent­wick­el­ten“ Län­der mas­siv Tie­ler­leid, schä­digt das Was­ser, schafft Un­men­gen von Gül­le, setzt Me­than frei, zer­stört den Re­gen­wald usw., kurz: Un­ser Fleisch­kon­sum stellt ein Kli­ma­pro­blem dar, so­gar noch vor Kohle und Öl.

Die Ar­beits­plät­ze der Fleisch­pro­duk­tion sind oft in der le­galen Grau­zo­ne und aus­beu­te­risch, die Ge­sund­heit der Kon­su­men­ten be­fö­r­dern die­se Fleisch­ber­ge auch nicht. Volks­wirt­schaft­lich ist das Zu­viel sehr un­ver­nünf­tig. Eben­so un­ver­nünf­tig wä­re ein Zwang zur Um­be­nen­nung, so­lche Zusatz­kos­ten kön­nen die Preis­kal­ku­la­tion ge­fähr­den, Ver­kaufs­prei­se, Un­ter­neh­mens­bes­tand, Ar­beits­plätze. Das Gan­ze ist also nicht so harm­los und ga­ga, wie es auf den ers­ten Blick er­scheint.

Verpackungen mit "Vurst" und "Šnitzel"
Nicht Fisch, nicht Fleisch
Und es zeugt von man­gel­nder Bil­dung. „Wurst“ be­deu­tet ety­mo­lo­gisch et­was dre­hen, ver­men­gen, rol­len und wen­den, und es stammt aus ei­ner Wei­ter­ent­wick­lung des ger­ma­ni­schen Wor­tes für „Ge­dreh­tes“. „Schnit­zel“ ist ein klei­nes Stück, das von et­was Grö­ße­rem ab­ge­schnit­ten wor­den ist.

Also, lie­be EU, es be­steht drin­gen­der Hand­lungs­bedarf!

Fol­gen­de Be­grif­fe be­in­hal­ten nun wirk­lich nicht, wo­nach sie klin­gen: Ame­ri­ka­ner, Ap­fel­rin­ge, Aus­tern­pil­ze, Ba­by­brei, Ba­by­öl, Ba­by­pu­der, Back­erb­sen, Bär­chen­wurst, Bär­lauch, Baum­ku­chen, Baum­wol­le, Ber­li­ner, Bie­nen­stich, Bier­schin­ken, Blu­to­ran­ge, Boh­nen­kä­se, Cä­sar­sa­lat, Chef­sa­lat, Com­pu­ter­maus, Do­mi­no­stei­ne, Do­nau­wel­le, Earl Grey Tea, Eich­blatt­sa­lat, Ei­er­schwam­merl, En­gels­au­gen, Erbs­wurst, Erd­nuss­but­ter, Ess­pa­pier, Fa­mi­lien­piz­za, Flamm­ku­chen, Fleisch­käse, Fleisch­pflan­zerl, Fleisch­sa­lat, Fleisch­to­ma­te, Fleisch­wolf, Floh­sa­men, Frucht­fleisch, Ge­lée Roya­le, Gän­se­blüm­chen, Glet­scher­eis (Bon­bons), Glet­scher­milch, Gold­bä­ren, Got­ter­spei­se, Gum­mi­bär­chen, Hack­schnit­zel, Hand­käse, Heu­milch, Her­ren­ge­deck, Hirsch­horn­salz, Holz­schnit­zel, Ho­nig­me­lo­ne, Hot Dog, Hüh­ner­au­gen, Hun­de­ku­chen, Hun­de­fut­ter, Hüt­ten­kä­se, Jä­ger­schnit­zel, Kack­wurst, Ka­kao­but­ter, Kal­ter Hund (Ku­chen), Kä­se­schne­cke, Kä­se­ku­chen, Kat­zen­streu, Kat­zen­zun­gen (Scho­ko­la­de), Kid­ney­boh­nen, Kin­der­scho­ko­la­de, Kin­der­wurst, Kirsch­to­ma­ten, Klo­bril­le, Knob­lauch­ze­he, Ko­kos­milch, Kopf­sa­lat, Lachs­schin­ken, La­va­ku­chen, Le­ber­käse, Leb­ku­chen­her­zen, Leip­zi­ger Ler­che, Lö­wen­zahn, Mar­mor­ku­chen, Mar­zi­pan­kar­tof­fel, Maul­bee­re, Maul­ta­sche, Mäu­se­speck, Mee­res­früch­te (Bel­gi­sche), Mett­igel, Milch­glas, Milch­mäu­se, Och­sen­au­gen, Pa­pier­schnit­zel, Pfef­fer­nüs­se, Pfer­de­ap­fel, Piz­za­schne­cken, Re­gen­bo­gen­fo­rel­le, Reh­rü­cken (Ku­chen), Rei­ni­gungs­milch, Rit­ter­sporn, Roll­mops, Ro­si­nen­bom­ber, Ro­te Grüt­ze, Sa­la­therz, Sa­lat­kopf, Schaum­kuss, Scheu­er­milch, Schlumpf­eis, Schnit­zel­jagd, Scho­ko­os­ter­ha­se, Scho­ko­os­te­rei­er, Scho­ko­weih­nachts­mann, Schweins­oh­ren (Ge­bäck), Sei­den­pa­pier, Se­nio­ren­tel­ler, Son­nen­milch, Spa­ghet­ti­eis, Spa­ghet­ti­kür­bis, Stein­pilz, Stern­a­nis, Stu­den­ten­fut­ter, Tee­wurst, To­te Oma (Ku­chen), Über­ra­schungs­ei, Wach­tel­boh­ne, Wä­sche­spin­ne, Wal­nuss, Was­ser­hahn, Wein­brand­boh­nen, Wein­gum­mi, Wind­beu­tel, Wolfs­barsch, Wolfs­milch, Wurst­sa­lat, Zahn­pas­ta, Zu­cker­wat­te, Zimt­schne­cke, Zitro­nen­fal­ter.

Die Men­schen wis­sen ge­nau, was ein ve­ga­nes Schnit­zel ist. Wenn die Fleisch­in­dus­trie ein Ab­satz­prob­lem hat, dann nicht we­gen Fehl­käu­fen. Nicht die Be­grif­fe sind's, die Mas­sen­tier­hal­tung ist das Pro­blem!

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Bild: Dal­l:e und pixlr (z.T. Zufallsfund)