Freitag, 13. Mai 2011

Komposita

Französische Übersetzerkollegen zählen Worte, bevor sie eine Rechnung schreiben, wir in Deutschland aber Anschläge mit Leerzeichen. Warum das so ist, will Claire aus Paris von mir wissen.

Nichts einfacher als das, chère Claire. Die französische Sprache kennt eine Vielzahl von häufig verwendeten Worten, die aus nur einem oder zwei Buchstaben bestehen, a, à, y, le, la, un, il, on, va, ma, ta, sa, ça ... Das Deutsche zeichnet sich aber durch seine zusammengesetzten Worte aus, nur ein Beispiel: Wer bei dem von mir auf 74 Buchstaben verlängerten
Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsanzugshosenknopfgarnhersteller
"Kinderkram" sagt, denke bitte über den
Bundesausbildungsförderungsgesetznovellenentwurf
nach, dieser "Kinderkram" vom Substantivaneinanderreihung braucht immerhin 48 Anschläge.

Im Französischen ist derlei nur als Ausnahme möglich. Einst lernte ich, dass die längste französische Vokabel anticonstitutionnellement sei, das hat immerhin 25 Zeichen, aber wird nur selten gebraucht.

Kommentare:

OHE hat gesagt…

Bei Wikipedia entdeckt:

Die in Paris geborene Schriftstellerin Michèle Métail lernte dieses Wort im Jahre 1972 in Wien kennen, wo sie Germanistik studierte. Ihr hat das Wort gefallen und sie fand es lustig. Ins Französische übersetzt heißt es bei ihr Le capitaine de la compagnie des voyages en bateau à vapeur du Danube. Inspiriert durch die französische Version begann sie Verse zu basteln, welche jeweils aus sechs Substantiven bestehen, wobei sie bei jedem neuen Vers vorne ein neues Wort hinzufügte und hinten das letzte wegließ. Der ganze deutsche Komplex nennt sich Donauverse und besteht aus 2888 Versen, da die Donau als genauso viele Kilometer lang galt und der Text wie ein Fluss fließt. Er ist Teil ihres seit damals entstehenden Mammutprojekts, welches sie „unendliches Gedicht“ nennt, ohne Verben auskommt und dessen anderen Teile in den Sprachen Französisch, Altfranzösisch, Chinesisch und Englisch geschrieben sind. Bis April 2004 waren es insgesamt 25.000 Verse, welche auf einer 20 Meter langen Papierrolle Platz gefunden hatten.

Gruß, H.

caro_berlin hat gesagt…

Vielen Dank für den Hinweis. Métails Liebe zur Donaudampfschifffahrt und was sie daraus gemacht hat, hättest Du auch von mir haben können, denn ich durfte ihr vor ca. 15 Jahren bei einer Lesung im Berliner Literaturhaus assistieren :-)

Gruß, C.