Donnerstag, 19. Mai 2011

Pünktliche Martha

Theater filmen (im BE)
Als Französischdolmetscherin mit Wohnsitz Berlin kenne ich die ganze Reihe deutscher Vorurteile, was Frankreich angeht, und auch die Liste dessen, was Franzosen so über Deutschland denken oder gedacht haben, ist mir vertraut.

Dazu gehören auch Sprachkenntnisse. Wer beruflich nach Berlin kommt und verdolmetscht wird, hat meist einen höheren Bildungsstand als jene, die ich unterwegs in den Ländern antreffe, in denen meine zweite Arbeitssprache gesprochen wird. Das mal kurz als zweite Vorrede. Schwierig wird es immer dann, wenn es in Gesprächen um kulturellen Austausch oder Menschen anderer Länder geht. Bei der Nennung von Eigennamen oder Kunstrichtungen muss ich als Dolmetscherin schon mehr als im Vollbesitz der geistigen Kräfte sein, ich bin gezwungen, permanent alle Energien zu mobilisieren, die ich zur Verfügung habe. Und stoße an meine Grenzen.

Beispiel und Ende der sich aufs Thema stetig zumäandernden Sätze: Wir sind bei einer Fortbildung in Sachen Film- und Bühnenkunst in einem französischsprachigen Land beim Gedankenaustausch unter Kollegen. Es werden ständig Buch- und Filmtitel in der Übersetzung zitiert, die mit dem Originaltitel oftmals nicht viel zu tun haben, das ist schon nicht leicht. Mancher zitiert mit dem jeweiligen Bildungshintergrund dann schon auch mal das — hier gehäuft anzutreffende englischsprachige — Original. Nett gemeint, aber das bringt mich mitunter erst recht in Schleuderkurs, denn, ähem, naja, manche Franzosen praktizieren eine etwas andere Aussprache des Englischen als native speakers oder des Englischen kundige Deutsche. Die Allôvertpèntingse (Alowährpähntingss) hatte ich hier glaub ich schon mal erwähnt. Das zu verstehen klappt nur, wenn ich dem Wort "hinterherhören", also sein Echo wahrnehmen, es im Geiste hin- und herdrehen kann. All over paintings oder auch 'Flächenmalerei' war also das, was mich ca. 1986 im Descartes-Hörsaal der Sorbonne laut auflachen ließ.

Wenn ich dolmetsche, geht das nicht. Dann kann ich nicht im Geiste "zurückspulen" und "nachhören", dann wird jedes Echo vom neuerlich Gesagten überlagert, dem ich mich überdies noch dolmetschend widmen muss.

Und mit Eigennamen geht es mir manchmal genauso. Bei der Fortbildung neulich hatte ich nur einen deutschen Dolmetschkunden, wir führten gewissermaßen über die Distanz hinweg ein (indes recht einseitiges) Privatgespräch, er hatte seinen Kopfhörer, ich das Mikrophon. Erschwerend kam hinzu, dass ich mir meinen "Ausgangston" ohne jeden Verstärker aus dem Publikum fischen musste, also jedes Räuspern, Füßescharren oder Flüstern das Verständnis nicht gerade erleichterte. So konnte ich prompt nur einmal sagen: "Name des Künstlers leider nicht verstanden." Es war so etwas wie Marthe à l'heure, also eine "pünktliche Martha", mein Rätsel gab ich ihm auch noch mit.

Es ging um Zeiterfahrung und Timing, soviel stand fest, insofern war das mit dem "pünktlich" nicht ganz weit gegriffen. Irgendwann war klar, es geht um Theater. Der Gesuchte ist Schweizer. Da durften Kunde und Dolmetscherin etwas laut grinsen, als uns irgendwann schwante, um wen es hier ging. Die anderen, kopfhöhrerlosen, haben sich kurz nach uns umgedreht und nicht verstanden, was uns da erheiterte.

Marthe à l'heure.
Haben Sie's?

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Foto: C.E. (Archiv, hat nichts mit dem
Gesuchten zu tun)

Kommentare:

Werner K. hat gesagt…

Marc Tailor?

caro_berlin hat gesagt…

Weiter!

Anonym hat gesagt…

Es gibt einen Schweizer Regisseur, der Marthaler heißt, aber das wäre wohl zu einfach?

caro_berlin hat gesagt…

Wieso zu einfach? Der ist's!! Bravo, Anonymus!

Das Rätsel wirkt jetzt vielleicht leicht, mitten im Sprechen und Verstehen und sich Einstellen auf die verschiedensten Redner plus Hufescharren und Hüsteln ist es das nicht.

Oder anders gesagt: Dolmetscher verbringen auch immer wieder viel Zeit mit den Medien der Länder ihrer jeweiligen Sprachen, um möglichst viel in allen Idiomen irgendwie schon mal gehört zu haben, Verformungen inbegriffen.