Mittwoch, 26. Juni 2019

Museum der Wörter (23)

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche mit den Ar­beits­spra­chen Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heu­te im Wör­ter­mu­se­um: Tech­nik!
            
                     D
ie Wähl­schei­be

So ein Te­le­fon mit Wähl­schei­be war fast so schwer wie ein Zie­gel­stein, schwarz wie die Nacht oder grau wie ein Amts­flur, mit ei­ner Schwei­ne­schwänz­chen­krin­gel­schnur, die die Be­we­gungs­frei­heit auf einen Me­ter be­schränk­t hat.

Und so wird der­lei be­nutzt: Fin­ger in das ent­spre­che­nde Loch stec­ken, bis zum An­schlag dre­hen und los­las­sen. Dann rat­tert die Schei­be zu­rück, und das Ge­räusch ge­hör­te zu den ehr­lichs­ten der Welt, so me­di­ta­tiv wie ei­ne Kat­ze. Dann erst kam die nächs­te Zahl dran.

Die Eins war schnell er­le­digt. Die Null hat ge­dau­ert, und wer ei­ne Vor­wahl mit vie­len Nul­len hat­te, be­kam Ex­tra­zeit zum Zu­recht­le­gen der Wör­ter.

Heu­te hat kein Te­le­fon mehr ei­ne Wähl­schei­be, aber wir wäh­len im­mer noch. Wir le­gen auf, ob­wohl nichts mehr auf­ge­legt wird, und wir klin­geln durch, ob­wohl nichts mehr klin­gelt. Die Spra­che ist das letz­te Mu­se­um, in dem das Te­le­fon von da­mals wei­ter­schnurrt.

Und dann die Stim­men! Die Te­le­fon­aus­kunft, die je­de Num­mer wuss­te und da­bei klang, als hät­te sie noch nie in ih­rem Le­ben ei­ne Ge­fühls­re­gung ge­habt. Und die Zeit­an­sa­ge, die oh­ne Atem, oh­ne Zö­gern und oh­ne je­de Be­to­nung ver­kün­de­te, wie spät es war, die war schon damals automatisiert. Beim nächsten Ton ist es ...! Pieeeep!

Diese Stim­men waren so mo­no­ton, dass sie schon wie­der ei­ne ei­ge­ne Fa­r­be hat­ten: Tiefs­tens­grau.

Wer so spricht, spricht te­le­fon­aus­kunfts­neu­tral. Oder, noch stren­ger und au­to­ma­ti­scher: te­le­fon­uhr­zeit­an­sa­ge­neu­tral.

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Idee:
H.F. 

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