Donnerstag, 21. Mai 2026

KI-Murks (8)

Bon­jour, hel­lo & gu­ten Tag oder Abend. Hier kön­nen Sie Ein­bli­cke in den Ar­beits­all­tag ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Mut­ter­spra­che Deutsch be­kom­men. Ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und aus dem Eng­li­schen. Die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Heu­te: KI-Mitt­woch.

KI-­Dol­met­schen kann im Worst Case sehr teu­er wer­den. Das An­ge­bot klingt ver­lo­ckend: Ein Klick, eine KI-­App, und schon soll die in­ter­na­tio­na­le Ver­hand­lung rei­bungs­los lau­fen. Die Ko­sten lie­gen deut­lich un­ter de­nen ei­ner Dol­metsch­ka­bi­ne, Ho­no­ra­ren und viel­leicht auch Rei­se-, Res­tau­rant- und Ho­tel­ko­sten.

Ein­spa­run­gen als Ge­schäfts­ri­si­ko

„Wer bil­lig ein­kauft, zahlt dop­pelt.“ Die­ser Satz, den mir mei­ne Oma ein­ge­schärft hat, gilt auch in der Ge­schäfts­welt. Ge­ra­de in Zei­ten wirt­schaft­li­chen Drucks wird Kom­mu­ni­ka­ti­on zum ent­schei­den­den Fak­tor. Wenn aus­ge­rech­net hier ge­spart wird, kön­nen Miss­ver­ständ­nis­se, Ver­trau­ens­ver­lu­ste und fi­nan­zi­el­le Schä­den ent­ste­hen, die weit über die Er­spar­nis­se durch die KI hin­aus­ge­hen.

Die KI kann nicht dolmetschen
Überblick erstellt durch die KI (der arme Einstein!)




Drei ak­tu­el­le Pra­xis­bei­spie­le

Land­ma­schi­nen­her­stel­ler: Auf der In­ter­na­tio­na­len Grü­nen Wo­che in Ber­lin wur­den neue Ent­wick­lun­gen ei­nes Her­stel­lers prä­sen­tiert. Um Bud­get zu spa­ren, ent­schied sich der Ver­an­stal­ter des Rah­men­pro­gramms für eine KI-ba­sier­te „Dol­metsch­“lö­sung. Be­kann­te tech­ni­sche In­hal­te wur­den kor­rekt über­tra­gen. Die ei­gent­li­chen Neu­erun­gen je­doch er­kann­te das Sy­stem nicht, das mit dem Bekannten trainiert wurde und alles auf ein Mittelmaß, den mathematischen Durchschnitt, bringt, und es konn­te sie da­her auch nicht ver­mit­teln.

An­ders als wir Men­schen stellt die KI kei­ne Rück­fra­gen, wenn Kon­text­wis­sen fehlt oder In­hal­te un­klar sind. Für Kun­den und Ein­käu­fer blie­ben wich­ti­ge tech­ni­sche Be­son­der­hei­ten da­her un­sicht­bar.

Im er­sten Quar­tal ent­stand dar­aus nach­weis­lich ein Ver­lust von 280.000 € bei ei­nem Groß­kun­den; Mo­na­te spä­ter wur­de der Zu­sam­men­hang bei ei­nem pri­va­ten Ge­spräch deut­lich. Wie stark sich zu­sätz­lich die all­ge­mei­ne Markt­la­ge aus­ge­wirkt hat, lässt sich nicht mehr exakt be­stim­men, fest steht ein Umsatzeinbruch von 40 Prozent derzeit. 

Bau­pro­jekt In­fra­struk­tur: Bei ei­ner kom­ple­xen Ver­trags­ver­hand­lung nutz­te ein Ge­ne­ral­un­ter­neh­mer KI-­Tools zur Über­set­zung lau­fen­der Ge­sprä­che. Das Wort „Haf­tung“ wur­de ju­ri­stisch zwar kor­rekt über­setzt, im kul­tu­rel­len und se­man­ti­schen Kon­text je­doch deut­lich ab­ge­schwächt und als blo­ße „Ver­ant­wor­tung“ ver­stan­den.
 
Die aus­län­di­schen Ge­schäfts­part­ner zo­gen sich kurz dar­auf oh­ne nä­he­re Be­grün­dung zu­rück. Erst spä­ter wur­de klar, dass die For­mu­lie­rung miss­ver­stan­den wor­den war und auf der Ge­gen­sei­te Zwei­fel an der Ver­trags­trans­pa­renz ent­stan­den wa­ren. Der fi­nan­zi­el­le Scha­den war er­heb­lich.

Ven­ture-­Ca­pi­tal-­Su­che: Ein Bio­tech-­Start-­up nutz­te bei ei­nem Live-­Pitch eine KI-­App, um Pa­tent­prä­sen­ta­tio­nen zeit­gleich für asia­ti­sche In­ves­to­r:in­nen zu über­tra­gen. Über­se­hen wur­de da­bei, dass vie­le güns­ti­ge oder ko­sten­lo­se KI-­Dien­ste Da­ten zur Wei­ter­ver­ar­bei­tung in Cloud-­Sy­ste­men spei­chern.

Ver­trau­li­che In­for­ma­tio­nen wur­den da­durch Teil ex­ter­ner Log­files. Der Ver­lust der Ex­klu­si­vi­tät be­en­de­te die Fi­nan­zie­rungs­run­de un­mit­tel­bar. Ge­ra­de bei ver­trau­li­chen Ver­hand­lun­gen, Pa­ten­ten oder Stra­te­gie­ge­sprä­chen bleibt häu­fig un­klar, wo und wie Da­ten tat­säch­lich ver­ar­bei­tet wer­den.

Und war­um kom­men sol­che Fäl­le sel­ten in den Me­di­en vor? Der Landmaschinenhersteller brach­te es tref­fend auf den Punkt: „Das An­ge­bot klang ei­gent­lich zu gut, um wahr zu sein.“ Er weiß jetzt, dass die ma­schi­nel­le Über­tra­gung dort an Gren­zen stößt, wo neue In­hal­te, Fach­wis­sen und prä­zi­se Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­schei­dend sind. Und wie andere Un­ter­neh­men spricht er nicht öffentlich über kost­spie­li­ge Fehl­ent­schei­dun­gen oder pein­li­che Miss­ver­ständ­nis­se. (Schade!)

Fa­zit

KI-­Sy­ste­me können uns helfen, wenn wir uns zum Beispiel bei einem Text einen groben Überblick verschaffen möchten. Sie finden Tippfehler und liefern uns Textvariationen. Entscheiden muss hier am Ende immer ein Mensch. Die Maschinen er­fas­sen keine stra­te­gi­schen Zwi­schen­tö­ne und kul­tu­rel­le Nu­an­cen. Vertraulichkeit ist hier oft ein Fremdwort. 

Wo Prä­zi­si­on und Dis­kre­ti­on, Neuerungen und Fein­ge­fühl ent­schei­dend sind, bleibt mensch­li­ches Dol­met­schen ein zen­tra­ler Fak­tor er­folg­rei­cher in­ter­na­tio­na­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on.

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Grafik:
Gemini (3. Anlauf, + 30 Min.
händische Korrektur)

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