Bonjour, hello & guten Tag oder Abend. Hier können Sie Einblicke in den Arbeitsalltag einer Konferenzdolmetscherin mit Muttersprache Deutsch bekommen. Ich arbeite überwiegend mit Französisch und aus dem Englischen. Die Bürokollegin übersetzt in die englische Sprache. Heute: KI-Mittwoch.
KI-Dolmetschen kann im Worst Case sehr teuer werden. Das Angebot klingt verlockend: Ein Klick, eine KI-App, und schon soll die internationale Verhandlung reibungslos laufen. Die Kosten liegen deutlich unter denen einer Dolmetschkabine, Honoraren und vielleicht auch Reise-, Restaurant- und Hotelkosten.
Einsparungen als Geschäftsrisiko
„Wer billig einkauft, zahlt doppelt.“ Dieser Satz, den mir meine Oma eingeschärft hat, gilt auch in der Geschäftswelt. Gerade in Zeiten wirtschaftlichen Drucks wird Kommunikation zum entscheidenden Faktor. Wenn ausgerechnet hier gespart wird, können Missverständnisse, Vertrauensverluste und finanzielle Schäden entstehen, die weit über die Ersparnisse durch die KI hinausgehen.
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| Überblick erstellt durch die KI (der arme Einstein!) |
Drei aktuelle Praxisbeispiele
Landmaschinenhersteller: Auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin wurden neue Entwicklungen eines Herstellers präsentiert. Um Budget zu sparen, entschied sich der Veranstalter des Rahmenprogramms für eine KI-basierte „Dolmetsch“lösung. Bekannte technische Inhalte wurden korrekt übertragen. Die eigentlichen Neuerungen jedoch erkannte das System nicht, das mit dem Bekannten trainiert wurde und alles auf ein Mittelmaß, den mathematischen Durchschnitt, bringt, und es konnte sie daher auch nicht vermitteln.
Anders als wir Menschen stellt die KI keine Rückfragen, wenn Kontextwissen fehlt oder Inhalte unklar sind. Für Kunden und Einkäufer blieben wichtige technische Besonderheiten daher unsichtbar.
Im ersten Quartal entstand daraus nachweislich ein Verlust von 280.000 € bei einem Großkunden; Monate später wurde der Zusammenhang bei einem privaten Gespräch deutlich. Wie stark sich zusätzlich die allgemeine Marktlage ausgewirkt hat, lässt sich nicht mehr exakt bestimmen, fest steht ein Umsatzeinbruch von 40 Prozent derzeit.
Bauprojekt Infrastruktur: Bei einer komplexen Vertragsverhandlung nutzte ein Generalunternehmer KI-Tools zur Übersetzung laufender Gespräche. Das Wort „Haftung“ wurde juristisch zwar korrekt übersetzt, im kulturellen und semantischen Kontext jedoch deutlich abgeschwächt und als bloße „Verantwortung“ verstanden.
Die ausländischen Geschäftspartner zogen sich kurz darauf ohne nähere Begründung zurück. Erst später wurde klar, dass die Formulierung missverstanden worden war und auf der Gegenseite Zweifel an der Vertragstransparenz entstanden waren. Der finanzielle Schaden war erheblich.
Venture-Capital-Suche: Ein Biotech-Start-up nutzte bei einem Live-Pitch eine KI-App, um Patentpräsentationen zeitgleich für asiatische Investor:innen zu übertragen. Übersehen wurde dabei, dass viele günstige oder kostenlose KI-Dienste Daten zur Weiterverarbeitung in Cloud-Systemen speichern.
Vertrauliche Informationen wurden dadurch Teil externer Logfiles. Der Verlust der Exklusivität beendete die Finanzierungsrunde unmittelbar. Gerade bei vertraulichen Verhandlungen, Patenten oder Strategiegesprächen bleibt häufig unklar, wo und wie Daten tatsächlich verarbeitet werden.
Und warum kommen solche Fälle selten in den Medien vor? Der Landmaschinenhersteller brachte es treffend auf den Punkt: „Das Angebot klang eigentlich zu gut, um wahr zu sein.“ Er weiß jetzt, dass die maschinelle Übertragung dort an Grenzen stößt, wo neue Inhalte, Fachwissen und präzise Kommunikation entscheidend sind. Und wie andere Unternehmen spricht er nicht öffentlich über kostspielige Fehlentscheidungen oder peinliche Missverständnisse. (Schade!)
Fazit
KI-Systeme können uns helfen, wenn wir uns zum Beispiel bei einem Text einen groben Überblick verschaffen möchten. Sie finden Tippfehler und liefern uns Textvariationen. Entscheiden muss hier am Ende immer ein Mensch. Die Maschinen erfassen keine strategischen Zwischentöne und kulturelle Nuancen. Vertraulichkeit ist hier oft ein Fremdwort.
Wo Präzision und Diskretion, Neuerungen und Feingefühl entscheidend sind, bleibt menschliches Dolmetschen ein zentraler Faktor erfolgreicher internationaler Kommunikation.
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Grafik: Gemini (3. Anlauf, + 30 Min.
händische Korrektur)

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