Mittwoch, 5. Februar 2014

Vorgespräch und merci beaucoup XIII

Sie haben eine Sei­te mei­nes di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buchs aus der Dol­met­scher­ka­bine auf­ge­schla­gen. Die Berlinale steht vor der Tür. Einen Vorgeschmack bekam ich Sonntag bei der Deutschlandpremiere des Films L'autre en moi von Fatou Kan­dé Senghor, die ich anschließend dolmetschen durfte.

Zwei Frauen im Gespräch
Regisseurin und Dolmetscherin im Gespräch
Im Lichtkegel vor der Leinwand im Kino am Hackeschen Markt stehen die Re­gisseurin, die Moderatorin und ich. Plötzlich betritt ein vierter Mensch den Bühnenbereich. Ihm wird eine kur­ze Frage gestellt, worauf er gefühlte drei Minuten lang spricht. Sein Sprech­tem­po ist sehr hoch. Ich hatte weder Zeit, mich auf Stimme und Sprech­wei­se, noch, mich auf das Thema ein­zu­stel­len.

Drei Frauen im Gespräch
Vorgespräch auch mit der Moderatorin
Der Redner erwähnt Konzepte, die er als bekannt voraussetzt, dazu nennt er zwei Jahrzehnte, in denen das besagte Konzept entstanden bzw. es sich so­und­so entwickelt haben soll. Ich schnappe nach Luft. Jeder Mensch spricht anders. Der hier eindeutig zu leise, zu schnell und als spontaner Beitrag zu komplex, die Mikrophone rumpeln bei jedem Um­grei­fen mit der Hand, es gibt Rück­kopp­lun­gen und ein Echo.

Als er fertig ist mit dem Sprechen, bin ich dran. Ich erinnere mich drei Tage spä­ter nicht mehr so gut, welche der Optionen ich gewählt habe, ob ich mein Nicht­ver­stehen auf die Akustik geschoben (die natürlich ihren Anteil hatte, mehr aber auch nicht) oder ob ich ihn schlicht um Wiederholung des Gesagten gebeten habe oder eine Mischung von beidem.

Ich zeige mich kurz hilflos, worauf der junge Mann, der in Berlin promoviert, zum Glück seine Worte sehr souverän auf Deutsch wiederholt. (Und ich beobachte mich erfreut: Ich hatte vorher kein Lampenfieber und bleibe auch hier gelassen.)

Wie kam es zu der Episode? Leider war vergessen worden, mir die Teilnahme des Wissenschaftlers am Gespräch anzukündigen. (Die Veranstalter haben das auch ge­merkt und sich entschuldigt.) Eine Situation wie diese zeigt exakt auf, warum wir möglichst früh die Namen unserer "Schätzchen" brauchen, eine Idee davon, was sie umtreibt, am besten ein Vorgespräch führen. So, wie ich es mit der Regisseurin des Films vor der Aufführung getan hatte. Ihre Stimme und meine Ver­dol­met­schung verschmolzen im Laufe des Abends immer mehr zu einem Ton.

Ohne Mikroständer: Die 3. Hand fehlt für den Stenoblock
Auf der Bühne entwickelte sich der weitere Abend trotz Mi­kro­ge­räu­schen recht ent­spannt. Meine "Pro­ta­go­nistin", die Regisseurin Fatou Kandé Senghor, sprach Satz für Satz, bei Längerem un­ter­brach sie sich zwi­schen­durch, die Fra­gen aus dem Publikum fasste ich zu­sam­men oder aber ich füg­te die Übertragung jeweils in sanft eroberte Pausen hin­ein.

Der Wissenschaftler hat sich anschließend verbal zurückgehalten, wofür ich ihm dankbar bin, und das Mikro im Saal herumgereicht. Am Ende waren alle glücklich. Und ich muss mich mal wieder um Vokabular küm­mern, das mit Spiritualität und Glaube zusammenhängt, eines meiner sprachlich schwächeren Felder. Nach der Berlinale!

Hier noch eine Rückmeldung aus dem Publikum. Ibou Diop, der als Pressereferent an der Humboldt-Universität zu Berlin tätig ist und zu Houllebecq promoviert (es ist nicht der eingangs er­wähn­te Wis­sen­schaftler mit dem Überraschungseffekt), sprach mir das nachstehende Feedback "auf Band".
Die Übersetzung war das beste, was ich jemals, wirklich, gehört habe: Das war treffend, das war haargenau, das war strukturiert ich bin begeistert! 
Hier die "Soundcloud" mit Diops Original-Ton (auf Deutsch, einfach auf die auf die Soundgraphen ganz unten klicken).
 

Merci beau­coup sage auch ich! Danke an Hackesche Höfe Kino und AfricAvenir In­ter­na­tional e.V. für den Abend.

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Fotos: hofu

Kommentare:

Zuschauer hat gesagt…

Hallo Caro,
Du hast Dich als weniger elegant beschrieben, als Du es auf der Bühne tatsächlich gemacht hast. Ich erinnere mich noch, wie charmant und geistesgegenwärtig Du reagiert hast. Du hast einen völlig geraden Satz ausgesprochen à la dass Du dem leider nicht folgen konntest, da gab es überhaupt keine Betretenheit im Publikum.
Gruß aus der Ferne.

caro_berlin hat gesagt…

Danke für die Rückmeldung! Rückgruß in die Ferne.

A. Meier hat gesagt…

Liebe Frau Elias,

auch ich kann Sie nur beglückwunschen!

Als "alte Lateinerin", die viele Jahre in Frankreich Urlaub gemacht hat, kann ich ermessen, was sie jeweils mit großem Talent aus den Sätzen machen konnten.

Sie haben den Abend wirklich gut gemeistert und noch dazu eine wunderhübsche Sprecherstimme.

Weiter so!
Gruß,
Anita Meier