Dienstag, 30. Juni 2009

Reparaturkosten

Ein Kollege, der Italienisch-Deutsch anbietet, erlebt die gleichen steigenden Zahlen von Anfragen wie ich (siehe meine Zeilen zur Terminplanung). Doch dann wird ihm oft abgesagt, Begründung: er sei zu teuer.

Der Kollege hat sich eine nette Standardantwort einfallen lassen:
Für den Fall, dass Sie Ihren Text einem der zahlreichen, momentan auf den Markt drängenden Billiganbieter anvertrauen und von einer italienischen Hausfrau mit deutschem Ehemann oder einem Schüler übersetzen lassen: Für das Lektorat, Korrektorat des Ergebnisses werden üblicherweise 40 - 60% des normalen Zeilenpreises berechnet. Allerdings ist in den meisten Fällen die Anfertigung einer neuen Übersetzung der bessere Weg.

Die Ergebnisse sind konkret: Die Zahl der Zusagen nimmt wieder zu.

Gruß nach Rom! Gut gemacht, Herr Nolte!

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Bild: Großer Kostenvoranschlag, für die Folgeaufträge programmiert ...

Fürs Radio dolmetschen

Welcome, bienvenue, hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin über ihren Berufsalltag. Meine Sprachen sind Französisch (als Ausgangs- und Zielsprache) und Englisch (Ausgangssprache). Ich arbeite in Paris, Berlin, Köln und dort, wo Sie mich brauchen.
 
Wir sind im Admiralspalast, im Berliner Rundfunkstudio des Rundfunk Berlin Bran­den­burg (rbb) und warten auf Agnès Jaoui, die französische Regisseurin und Schau­spie­ler­in. Wir, das sind ein Techniker sowie Knut Elstermann, Moderator von "Zwölf Uhr mittags", dem samstäglichen Kinomagazins von "Radio Eins", und ich.

Die Luft ist stickig, die Schwüle scheint von draußen ins isolierte Räumchen ein­zu­drin­gen, das ebenerdig in Laufnähe zum Bahnhof Friedrichstraße liegt. Am Bahnhof wird ein Neubau vorbereitet. Ich denke mit Döblin: "Rumm rumm haut die Dampf­ram­me (...). Viele Menschen haben Zeit und gucken sich an, wie die Ramme haut." Heute gibt es wieder viele Menschen, die Zeit haben, und durch die Straße fla­nie­ren, das war mir bei der Anfahrt auf dem Rade aufgefallen ...

Während wir also auf den Gast warten, besprechen wir die Filme, die bald starten werden, Knut, der Techniker und ich. Als ausgebildete Journalistin sehe ich die Filme mit den Augen einer Filmkritikerin, wenn ich sie nicht gerade als Dol­met­scher­in be­treue — hier verpflichtet mich die Arbeit zu Neutralität bzw. zur Sub­jek­ti­vi­tät der Filmemacherin, denn ich nehme ja, wenn sie spricht, ihre Position ein.

Wenige Minuten vor dem Rückflug nach Paris soll Agnès Jaoui kurz noch ein Ra­dio­in­ter­view geben. Und da ist sie auch schon und rasch geht's los. Sie spricht schnell und vergisst nach zwei Antworten meine Bitte, Pausen für die Übersetzung zu las­sen. Idealerweise verschränken sich so die deutsche und die französische Stimme ineinander, damit das Publikum nicht das Gefühl hat, auf einer falschen Welle gelandet zu sein. Zum Glück wird aufgezeichnet, da kann der Techniker am Ende noch was rausschneiden. Und ich habe die Chance, mir die letzten Worte jeder Antwort aufzuschreiben. Das ist wichtig und Uschi, Hochschuldozentin in Mons und Dolmetscherin in Brüssel, hatte es uns eingeschärft: "Besser das Publikum warten zu lassen, als die Pointe zu schmeißen".

Die langen Antworten des französischen Regiestars können dazu führen, dass die Technik zusammen mit Knut entscheidet, das Interview doch im Overlay-Modus (oder voice over) zu mischen, dann würde meine Stimme über die von Madame "gelegt". On verra, wir werden sehen.

Drei Köpfe, ein Mikro
Konsekutives Dolmetschen bei der Berlinale

Agnès Jaoui taucht auch hier auf: klick!
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Foto: Eine ähnliche Situation von 2011, Knut Elstermann
im Berlinale-Radio, Pierre-Yves Vandeweerd, die Autorin

Terminplanung

Schon komisch, dieses Krisenjahr. Die Anzahl der Anfragen nimmt explosionsartig zu, die der Angebote und Kostenvoranschläge, die ich schreibe, auch.

Dabei sind je nach Anfrage meine Angebote nur noch 24-48 Stunden gültig. Denn so rasch verändert sich derzeit die Lage. Und es klappt meistens nur, wo eine persönliche Empfehlung dahintersteckt. Viral marketing? Nein, alles unbewusst ...

Daher eine große Bitte: wenn Sie uns für einen Dolmetscheinsatz buchen möchten: Bitte fragen Sie so früh wie möglich an. Gerade habe ich den ersten Vertrag für Dezember unterschrieben ...

Pina Bausch bei Radio France Culture

Jetzt im Radio: Pina Bausch ... von mir selbst übersetzt. Ich hatte den Job längst vergessen. Komisch ist das, aus Interesse zuzuschalten und auf die eigene Stimme zu stoßen. Fast ein bisschen gruselig ... und ich war damals schon richtig gut! Mit dem Abstand darf ich das wohl sagen! Und souverän! Ich bin selbst ganz baff ... Die Aufnahme stammt vom 13. Juni 1990 aus der Reihe "nuits magnétiques".

Aber das Gefühl verblasst schlagartig, als ich aus der Sendung erfahre, dass Pina Bausch heute gestorben ist. Etliches habe ich im Théâtre de la Ville von ihr ge­se­hen, einmal versuchshalber zusammen mit der späteren Arte-An­sa­ger­in Annette Gerlach, einer Kommilitonin (die aber überhaupt kein Pina-Fan war wie ich und vorzog, das Stück zu verlassen und im Café auf mich zu warten ...)

Sorry, ich schweife ins Komische ab, denn die Nachricht ergreift mich wirklich sehr. Übersprungshandlung ...

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19.15 - 20.00 Uhr: LE RENDEZ-VOUS von Laurent Goumarre,
Radio France Culture, Live-Diskussion (die Zuspieler sind
aus einer anderen Sendung)

Mittwoch, 24. Juni 2009

Unfreiwillig komisch

Das Folgende stammt aus Übersetzungen und ist sprachlich und grammatikalisch richtig, wird aber wegen Wortähnlichkeit dann doch geändert.
In der Spielhölle sitzen verruchte Spieler in verrauchter Luft.
Zwei Gangster - einer bricht in der Nacht aus dem Gefängnis aus, wobei es einen Toten gibt, der andere erwartet ihn an der Gefängnismauer:
ERSTER GANGSTER
Der Lärm hat sicher die Wärter aufgeschreckt. Hauen wir ab!

ZWEITER GANGSTER
(beunruhigt)
Wen hast du auf dem Gewissen?

ERSTER GANGSTER
Den Pförtner!

ZWEITER GANGSTER
Petrus wird ihm schon seine Pforte öffnen. Los, wir müssen!

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Hilfsmittel: Nachschlagewerke aus drei Jahrhunderten

Samstag, 20. Juni 2009

Die Mauer

Will­kom­men auf den Sei­ten des ersten deut­schen Blogs aus dem In­ner­en der Dol­met­scher­kabine. An manchen Tagen arbeite ich al­ler­dings auch unter frei­em Him­mel. 

Wo stand sie denn nun?, werden "wir Berliner" derzeit oft gefragt. Die Mauer ist bis auf wenige Ausnahmen aus dem Berliner Stadtbild ver­schwunden. In der geteilten Stadt hatte ich 1987 für die Dauer eines Sommersemesters studiert und kehrte ein Jahr später als SFB-Praktikantin zurück. Und als die Mauer fiel, war ich auch dabei.

Daher weiß ich viel über Mau­er­ver­lauf und die DDR, in der ich als Schülerin oft in den Ferien war, denn meine Familie stammt väterlicherseits aus Sachsen.

Wir sind mit Kamera in Berlin unterwegs. Während Fernseh­kor­res­pondent Maxence Bilodeau vom öffentlich-rechtlichen Sender Radio-Canada vor allem fran­zö­sisch­spra­chige Menschen vors Mikrophon bekommt, dol­metsche ich für das Umfeld.

Erkläre, was wir machen — und liefere die Hintergrundinfos.

Ich bin Zeitzeugin, die für die kanadischen Gäste Spreu vom Weizen trennt. Meine Infos gehen in die Berichterstattung ein. Diese Art von 'Übersetzungen' werden mich wohl dieses Jahr noch öfter be­schäf­tigen.


Der Link zum TV-Beitrag für einige Monate hier.
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Fotos: C.E. Mit Maxence habe ich schon
2006 wiederholt gedreht .

Donnerstag, 18. Juni 2009

Handwerk ...

... bedeutet manchmal auch viel Fummeln. Und das, obwohl es nicht immer nötig ist.

Ich bekomme ein Drehbuch zur Übersetzung und habe zwanzig Tage Zeit. 100.000 Anschläge, das lässt sich bequem machen. Die teuersten, frischesten Stunden gehören nun jeden Morgen der Übersetzung, so der Plan. Dann ist in der ersten Woche nicht viel los im Büro, ich übersetze das Drehbuch einmal komplett noch mit etlichen Auslassungen und bunten Markierungen. Dann säubere ich den ersten Teil und meine Korrektorin bekommt ein großes erstes Drittel, fast 40 %. In der zweiten Woche sind komplexe Recherchen dran. Das Buch ist in einem sozialen Milieu angesiedelt, das mir fremd ist. Zwischendurch "säubere" ich weiter.

Irgendwann schreibt die Produktion von einer Neufassung und listet die Szenen auf, an denen erneut gearbeitet wird. Ein Drehbuch umfasst in der Regel 60 bis 80 Szenen - an zehn von ihnen soll nicht gearbeitet werden. Tags drauf kommen die ersten Änderungen. Der Auftakt des Films ist nach dem Vorspann komplett verändert, ein Dutzend Szenen völlig neu ...

Kurz: Als ich wenig drauf die nun definitiv "letzte Fassung" in Händen halte, zähle ich beim neuen Buch 10.000 Anschläge mehr.

Verändert wurde aber mehr als ein Drittel - und das kostet mich mehr als ein Drittel mehr Zeit. Warum? Weil ich Zeile für Zeile aufmerksam vergleichen und die Änderungen einbauen muss. Dabei ist auf den Kontext zu achten, wenn sich eine Replik ändert: Gibt es jetzt Wiederholungen von Verben, Adjektiven usw.? Passt die Sprachhöhe? Oft ändert sich also auch Drumherum etwas, und das kommt zu den vom Drehbuchautor vorgegebenen Änderungen noch hinzu.

Die meiste Zeit geht jetzt fürs Suchen und Schleifen drauf, einfach runterübersetzen ist verglichen damit oft eine rasch machbare Sache. Und der Bildschirm zeigt ständig drei Dokumente an, grau = erste Übersetzung, gelb = neue Passagen. Da ich ja mehrere Wochen Zeit hatte, ging die Produktionsfirma zunächst übrigens davon aus, dass sich am anvisierten Abgabetermin und der Honorarsumme nichts ändern würde. Theoretisch war ich eine Woche länger beschäftigt, da ich ja auch noch die Stunden für die Kollegin arbeiten musste, mit der ich Korrekturlesen tauschte, auch sie hatte ihre Arbeit ja gemacht. Und praktisch wurden aus der Woche zehn Tage, weil ich am Ende dieser Woche noch drei Tage von einem anderen Kunden gebucht war.

Kurze Moral von der Geschicht': Liebe Produktionsfirmen, sendet uns Eure Bücher wirklich erst dann, wenn Ihr sicher seid, dass es bei dem Text bleibt.

Deutsch stirbt aus

Der Tag ging los, wie er endete: Mit Verständnisproblemen. Und das, obwohl lauter Dolmetscher beteiligt waren, die ihren Job können.

Wir sind in einer deutschen Hochschule. Hier wird heute Abend eine mehrtätige Konferenz eröffnet. Ich begleite für zwei Stunden einen französischen Wissenschaftler. Vor der Auftaktveranstaltung wird schon die nächste geplant: In einer kleinen deutsch-französischen Sitzung. Der Raum ist klein und schmucklos, die Zimmerdäcke niedrig. Die Worte, die hin- und hergehen, hallen ganz fürchterlich. Ich habe Mühen bei der Arbeit, da hilft auch kein Kaffee.
Mit Verspätung kommt der letzte Gesprächsteilnehmer vom Flughafen. Weiter geht's mit den Gesprächen bei einem Mittagessen außerhalb - zu meiner Freude hat dieser Raum die bestmögliche Akustik.
Die Tagung, auf der mein Dolmetschkunde aus Frankreich auch spricht, soll ins Englische gedolmetscht werden. Monsieurs Englisch ist nicht so gut, als dass er in der Sprache würde arbeiten wollen. Das der deutschen Wissenschaftler ist auf den ersten "Blick" auch nicht besser. Beim Mittagessen werden viele inhaltliche Überschneidungen gefunden und Neuigkeiten über gemeinsame Bekannte ausgetauscht. Man mag sich. Man versteht sich bestens.

Abends dann die Auftaktveranstaltung. Ich gehe aus eigenem Interesse hin. Alles ist Französisch-Englisch - auch die deutschen Kollegen sprechen Englisch. Die Dolmetscher schwitzen in der Kabine. Unser französischer Gast sieht leicht irritiert aus.

Das feed back bei einem Glas guten Schaumweins (du vin mousseux, nicht zu verwechseln mit Champagner): Vieles von dem, was mittags besprochen worden war, klang am Abend anders. Monsieur hatte Verständnisprobleme, was nicht an den muttersprachlichen Dolmetschern gelegen haben kann. Ich fand die englischen Vorträge der deutschen Kollegen auch weniger treffend, fast ein wenig schwammig.

Dann fragte mich der Gast aus frankophonen Landen, wie viel Englischsprachige oder des Deutschen Unkundige denn im Saal gewesen sein mochten. Wir zogen die Teilnehmerliste zu Rate. Das Ergebnis war überraschend: Es waren alles Deutschsprachige bis auf zwei Franzosen und jeweils einen Spanier und einen Engländer, die sehr gut Deutsch können. Der französischsprachige Wissenschaftler schüttelte den Kopf und sprach aus, was ich mir auch schon im Stillen gedacht hatte: In Frankreich wäre eine solche Situation unvorstellbar.

P.S.: Dass bei dem, was die Franzosen umgangssprachlich "harte Wissenschaft" nennen (sciences dures), also Naturwissenschaften, Mathematik und Anverwandtes, Englisch oft die Arbeitssprache ist, wissen wir schon länger. Hier ging es um ein kulturwissenschaftliches Thema.

Montag, 15. Juni 2009

Zeitmaschine Sprache

Ein Buch zu übersetzen, das 1830 geschrieben wurde, ist nicht einfach, selbst wenn es sich bereits um eine in ein Drehbuch umgearbeitete Fassung handelt. Im Ergebnis übersetze ich fast jeden Satz zweifach auf meiner Zeitreise durch die Sprache. Beispiele.

Ein junges Mädchen wird beschrieben mit une fille à peine sortie de l'adolescence. Auf Deutsch würde man sagen, sie ist kein "Teenager" mehr, aber das geht im Kontext nicht. Mein Hirn schreitet Epoche für Epoche zurück, die "Jugendliche" ist der neutrale Begriff, doch von wann stammt er?

Handelte es sich um einen jungen Mann, sprächen wir von einem "Halbstarken", da klingt der Film von 1956 nach aus der Feder von Will Tremper. Weiter zurückspulen, ich komme vom "Jüngling" zum weiblichen Pendant, dem "Backfisch", das klingt nach Else Ury und "Nesthäkchen". Ich gehe schlussendlich von der Größe aus: eine "Halbwüchsige" - und werde am Ende wörtlich: "Eine Frau, den Jugendjahren knapp entwachsen, ..." Das ist es!

Denn das Wort "fille" lässt sich im Kontext großbürgerlichen Lebens nicht immer mit "Mädchen" übersetzen: damit ist das Zimmermädchen gemeint, das drei Zeilen später seinen Auftritt hat: Elle sonne la servante - sie klingelt nach dem Mädchen ...

Das Mädchen ist auch die Angesprochene hier: Préparez-moi un bain !, lautet die Aufforderung, die Sprechende wünscht zu baden. Nun kann man 1830 kein "Bad einlaufen lassen", sondern auch hier muss ich wieder wörtlich drangehen: "Bereiten Sie mir ein Bad!" (Den Ausdruck finde ich bei Ignaz Wrobel alias Kurt Tucholsky bestätigt.)

Einige Szenen später liegt die Hauptfigur in der Wanne - im "Badezimmer neben dem Salon". Gab es damals schon Badezimmer in großbürgerlichen Mietwohnungen? Und so nah an den repräsentativen Räumen? Ich suche weiter.
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Badewanne ("Gefäß aus Metall oder Stein, in dem man badet")
Larousse illustré, 1910

Sonntag, 14. Juni 2009

Merci beaucoup VI

"Jemanden zu haben, der sich mit Film auskennt und die Sprache kann, ist echt Gold wert. Du hast mir einen halben Tag Arbeit gespart!"
Julia Teichmann, Filmkritikerin

Das Ereignis, auf das sie sich bezieht, hier: klick!

Muttersprachler-Igel

übersetzungen sind Handarbeit und keine industrielle Ware. Daher würde ich nie von einem "Übersetzungsprodukt" sprechen.

Dieses Wort fand ich eben im Netz. Findige Geschäftemacher versuchen, aus unserem Handwerk ein einträgliches Geschäft zu machen. Zum Glück verraten sie sich selbst. Das nachfolgende Zitat stammt von einer Webseite, die automatische Übersetzungen verkauft:
"Wir bieten Übersetzungen für über 75 Welt Sprachen, unsere Übersetzungen werden ausschließlich mit höchste Übersetzungsqualität automatisch ausgeführt, mit Hilfe unsere Muttersprachlerigel Korrekturlesern werden die Texte nochmalig überprüft, damit garantieren wir unsere Übersetzungs-Produkte."
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Zweiten Textteil zum Vergrößern einfach anklicken.

Wow! Ich werde gelesen! Die Firma "R * * * * Dolmetschen & Übersetzungen" (bei Stuttgart) hat ihre Webseite aus dem Verkehr gezogen und ihre ca. 140 Werbeschaltungen "korrigiert". Danke Ina für den Hinweis. 17.06.2009

Mittwoch, 10. Juni 2009

Pegasus auf Abwegen

Die Werbung mit dem Blubb bediente sich einer fehlerhaften deutschen Sprache, aber ich fürchte, dieser Fehler aus der Berliner U-Bahn ist nicht beabsichtigt:
Dem Texter dieser Webeinschrift ist Pegasus, das ruhhmbringende Pferd und Symbol der Dichter, allerdings untreu geworden.

Dienstag, 9. Juni 2009

Volker, hör' die Signale!

Signale, Zeichen und Gesten stellen Übersetzer und Dolmetscher vor Herausforderungen. Denn nicht alle Gesten sind international verständlich. Kommentiert oder unterstreicht eine Rednerin das Gesagte mit einer landestypischen und nicht leicht verständlichen Geste, haben wir Dolmetscher große Not, das Ungesagte mit zu übertragen. Sie sind manchmal einfach zu komplex für die Knappheit der Zeit.

Dieser Tage sitze ich an einem Lektorat und habe es wieder mit derlei zu tun: Zeichen, die komplex sind, hier allerdings 'nur' in ihrer anderssprachigen Umschreibung: Elle l'approuve d'un signe de tête (Sie bestätigt das mit einem Zeichen ihres Kopfs) für "sie nickt" oder Volker fait non de la tête (Volker sagt mit dem Kopf 'nein') für "Volker schüttelt den Kopf".

Hier, was ich in einer Rohübersetzung las: "Eva bedeutet ihm gestisch, er möge zu ihr treten." Im französischen Original steht Eva lui fait signe de venir jusqu’à elle. Das ergibt einen klaren, schönen, deutschen Satz, denn durch den Kontext weiß ich, dass mit dem geschlechtsneutralen lui ein Mann gemeint war: "Eva winkt ihn zu sich her."

Im Film sind diese Art von Zeichen (meistens) international verständlich. Sagt aber der eine oder andere derlei laut und der Kopf des/der Sprechenden ist im "On", also sichtbar, bekommen die Synchronautoren später Probleme. Es sind die gleichen, die wir in der Kabine haben ...

Montag, 8. Juni 2009

Doppelzüngig gesprochen

Das ist mein liebster Kalauer, wenn mich jemand auf die zwei Sprachen anspricht, die mich bewohnen: Ich bin eben doppelzüngig. Damit beweise ich eigentlich das Gegenteil: ich übersetze wörtlich und ein wenig schräg - denn in
bilingue - zweisprachig
steckt natürlich das französische Wort la langue - die Zunge.

Streng wissenschaftlich betrachtet bin ich nicht zweisprachig - der Begriff bezeichnet Menschen, die von Kindesbeinen an in zwei Sprachen leben. Natürliche Zweisprachigkeit entsteht zum Beispiel in zweisprachigen Familien, die das Prinzip "ein Erwachsener, eine Sprache" befolgen. Im Alltag wirkt es sich dann so aus, dass beispielsweise eine französische Mutter und ein deutscher Vater mit dem Nachwuchs fast ausschließlich in ihrer jeweiligen Muttersprache sprechen. Das Kind verknüpft dann die Sprachen an die Situationen, an Alltag und Orte - und mit dem jeweiligen Elternteil.

Bei mir war Französisch die Sprache einiger Vorfahren, vieler Ferien, von Schulbesuchen und Studium. Aber eben kein Idiom, das mir in die Wiege gelegt wurde. Dennoch empfinde ich oft wie ein natürlich zweisprachiger Mensch - denn ich verbinde viele Bereiche des Lebens mit der Sprache, denn ich lebe mit und in ihr. So fächert sich die Zweisprachigkeit auch bei natürlichen Zweisprachigen oft auf, verschiebt sich geografisch oder inhaltlich, zum Beispiel durch Berufsausbildung und Studium. Dann ist Fachgebiet A in der einen Sprache präsenter, der Lebensbereich B in der anderen Sprache.

In beiden Sprache gleich fit zu sein, ist in einem Zwischenschritt oft mit der Anstrengung des Übersetzens verbunden, wenn zum Beispiel der Mutter (aus Deutschland) Episoden aus dem Studium (in Frankreich) berichtet werden. Erst durch das Sprechen, das Wiedererleben, das Spiegeln eigne ich mir die Geläufigkeit auch in der anderen Sprache an, die einen Muttersprachler ausmacht. Sprache lebt in der Interaktivität und braucht, um aktiviert zu werden, das menschliche Gegenüber (weshalb Sprachlernprogramme per Computer immer nur eine von vielen Ergänzungen sein können). Geschmeidigkeit im Übertragen erlangen viele Studierende in binationalen Studiengängen, wie sie immer häufiger angeboten werden, wenn er oder sie nicht ohnehin gleich Sprachwissenschaft, Übersetzungswissenschaft oder ähnliches studiert.

In der U-Bahn fällt mir auch täglich Sprachmischmasch auf, bei dem der jeweils fremdsprachige Begriff beibehalten und in die andere Sprache exportiert wird. So bekommen selbst des Türkischen, Polnischen oder Russischen Unkundige mit, ob es im Gespräch von Mitreisenden zum Beispiel um Schule, Behörde oder Unterhaltungselektronik geht. Das ist nicht immer nur Faulheit, weil ja auch das, worauf sich der Sprechende bezieht, aus einem anderen Kontext stammt, einfachstes Beispiel, wir bleiben untergründig: "Die Tickets für die Pariser Métro sind billiger als Fahrscheine für die Berliner U-Bahn!"
Und so ähnlich klingt es denn manchmal im Kopf. Zwischenrufe des inneren Monologs, die an die Adresse einer bestimmten Person gerichtet sind, erklingen im inneren Wortwirrwar dann auch in der Sprache dieser Person.

In welcher Sprache ich denn nun meistens dächte, in welcher ich die "echte Caroline" sei, wurde ich schon wiederholt gefragt. Und welche Sprache ich denn am liebsten hätte ... Diese Frage ist mindestens genauso sinnvoll wie die an eine liebende Mehrfachmutter gestellte Frage, welches Kind sie denn nun am liebsten habe: "Jedes!"

Für welche Sprache sich das Gehirn in welcher Situation von allein entscheidet, wenn sonst keine Einflüsse vorhanden sind, kann ich manchmal nicht nachzuvollziehen. Ich denke, der Kopf hat da seinen Zufallsgenerator am Werk. So ähnlich verhält es sich mit Träumen. Es ist mir schon passiert, dass ich vom eigenen Lachen aufgewacht bin, weil ein Mensch im Traum sich der falschen Sprache bedient hat, also nicht die gesprochen hat, die sie oder er im Alltag spricht. Der Widerspruch in mir: "Das kann nicht sein!", ließ mich aufwachen, und der Sprachanalysegenerator im eignen Kopf befand die Szene als lustig. Das ist so schräg wie manch' anderes Doppelzüngige ...

Donnerstag, 4. Juni 2009

Artikel über berühmten Mediendolmetscher

Über einen berühmten Kollegen aus Stuttgart berichtet heute die Stuttgarter Zeitung (leider kann der Artikel schon am 5.6. nicht mehr aufgerufen werden). Jürgen Stähle, dessen Stimme seit Jahrzehnten oft im Fernsehen zu hören ist, beschreibt unsere Arbeit, die mehr ist als nur das Übertragen von Worten. Stähle: "Ich schlüpfe in die Person hinein, ich will so klingen wie sie." Daher nähert er sich in Redetempo und -rhythmus den ausländischen Gästen so stark an, dass am Ende der Originalduktus hinter der Verdolmetschung spürbar ist.

Über die genauen Vorgänge beim Dolmetschen und seine Erfahrungen hat er nun ein Buch veröffentlicht, das an dieser Stelle demnächst besprochen wird. ________________________________
Stähle, Jürgen, "Vom Übersetzen zum Simultandolmetschen. Handwerk und Kunst des zweitältesten Gewerbes der Welt", Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2009

Montag, 1. Juni 2009

Arbeitsbedingungen

Arbeitsbedingungen die erste:

Freitagmorgen um halb neun, der Ansturm auf die BVG durch die Schulkinder ist gerade abgeebbt, betrete ich die U-Bahn, die mich zum Tagungsort bringen soll. Der Wagon ist pickepackevoll - und 80 % der Sitzplätze sind von Rentnern belegt. Müssen die alle gleichzeitig zum Arzt? Gibt es irgendwo etwas umsonst - nur für die Generation 65 plus?

Neben mir stehen auf dem Gang: Ein Anwalt, der versucht, eine Akte durchzublättern, die so dick ist, dass sie nicht auch noch in den edlen Lederkoffer passt; eine Lehrerin, die Notizen durchsieht, zwischen ihren Füßen sind zwei Umwelttaschen mit Schülerheften in bunten Schutzhüllen eingeklemmt; ein Büromensch, der mit dem Kalender in der einen Hand und dem Handy in der anderen Termine macht und bei den Brems- und Beschleunigungsvorgängen sich mit der Schulter an die Haltestange stützt und ich, 80 Seiten Ausdrucke von Redetyposkripten und Power-Point-Präsentationen in der Hand, die ich gerne noch einmal überfliegen würde. An einem Halt steigen Leute aus und ein - und ganz selbstverständlich schiebt sich eine ältere Dame in Richtung des einzigen in unserer Nähe freiwerdenden Platzes, knallt mir dabei ihre Getränkeflaschen ans Schienbein, setzt sich hin.

Nach einigen Stationen, der Anwalt ist längst ausgestiegen, finden die Lehrerin und ich doch noch unsere Sitzplätze. Ich hole meinen Laptop aus der Tasche und lese weiter.

Die alte Dame mit der Getränkeflaschenkeule: "Also früher, da war das anders. Zu meiner Zeit haben wir im Büro gearbeitet oder uns zu Hause vorbereitet!"

Die Lehrerin und ich schauen uns entgeistert an. Da mein Schienbein noch immer juckt (ja, es wird ein blauer Fleck), kann ich mich nicht beherrschen: "Ja, zu Ihrer Zeit, gnädige Frau, da gab es auch noch kein Internet. Die Rede hier, mit dem der Gastgeber in der nächsten Stunde eine Tagung eröffnet, wurde mir gestern Abend um 23:00 Uhr elektronisch zugeschickt!"

Arbeitsbedingungen die zweite:

Wir kommen am Tagungsort an, es ist ein großer Hörsaal einer Hochschule, und erfahren, dass wir keine Dolmetscherkabine haben, sondern eine Flüsteranlage, mit der man normalerweise Werks- und Stadtbesichtigungen begleitet. Und das für eine ganztägige Konferenz ...

Wir richten uns in der hintersten Sitzreihe ein. Uns fehlt Platz zum risikofreien Ausbreiten von Technik und Texten, uns fehlt die Abgeschiedenheit. Bei den ersten Vorträgen müssen wir parallel zum Sprechen immer heftig abwinken, wenn sich Zuspätkommende direkt in die Reihe vor uns setzen wollen. Parallel dazu halten wir den absturzgefährdeten Laptop zu zweit, mit meiner freien Hand "blättere" ich, so ich nicht "abwinke", elektronisch die Seiten weiter.

Arbeitsbedingungen die dritte:

Nach den Vorträgen die Debatte. Die Damen und Herren wenden sich ans Podium, das ist logisch. Aber sie warten selten aufs Mikrofon und sprechen uns abgewandt - und das, was sie sagen, ist oft nicht oder nur kaum verständlich. Währenddessen balanciert das Wasserglas auf dem Tabletttisch - mein Technikberater würde kopfstehen, denn Technik und Speisen und Getränke haben auf ein- und demselben Tisch nichts zu suchen. Aber heute, ja heute ist alles anders als früher und früher war alles besser. Basta!