Samstag, 28. Juli 2007

Multitasking

Gestern stand ich vor einem logistischen Problem. Neben dem Dolmetschen unterrichte ich einen Tag in der Woche in der Hochschule und gebe einen doppelstündigen Kurs im Fach Medienwissenschaft (siehe Link "Festivalblog Französische Filmwoche").
Normalerweise überschneiden sich die Bereiche nicht, jetzt plötzlich schon: Alexandra, eine unserer Studentinnen, wollte die Arbeit in der Kabine drehen, denn sie macht für eine Kunstausstellung einen Beitrag über Multitasking. Die Idee gefiel mir, dennoch war mir mulmig: Die Kabinen, in denen wir Dolmetscher sitzen, sind drei bis vier Quadratmeter groß und darin halten sich dann zwei Kollegen auf. Ergebnis: Die Luft ist stickig, und viel Raum, um sich zu bewegen, gibt es auch nicht.

Also schlug ich vor, dass ich uns selbst filmen würde. Dolmetschen und gleichzeitig filmen? Das geht allenfalls bei Tischgesprächen, wenn es sowohl auf die Übersetzung als auch auf das Bild nicht sooo sehr ankommt. Das habe ich schon mal gemacht, als ich vor Jahren Nicolas Philibert über die Herausbringungsstrategie seines Dokumentarfilms "Haben und sein" befragt habe. Die Aufzeichnungen wurden dann "nur" von den Studenten ausgewertet, gedolmetscht hab ich für die anwesenden Journalisten, damit diese auch wissen, worüber wir sprechen.

Jetzt war leider das institutseigene Tischstativ für die Kamera ausgeliehen und meins passte nicht (genauer: die Schnellspannplatte - la semelle). So dass die Idee, selbst zu filmen (die vorbereitete Kamera nur ein- und auszuschalten), ausfiel.

Wir waren auf einem großen, von einer Gewerkschaft organisierten Kongress. Leider hatte die Gewerkschaft eine der Großfirmen mit der Beschickung der Kabinen mit Dolmetschern beauftragt, eine Firma von der Art, die 40 % des Honorars als Vermittlungsgebühr abzieht. Ergebnis der Geringschätzung, die in Nachlässigkeit mündete: Für Spanisch erschien der zweite Kollege nicht. Derlei kommt sonst nicht vor, Dolmetscher sind die personifizierte Dienstleistung ...

Aus den anderen Arbeitsgruppen sprangen in deren Arbeitspausen ab und zu Kollegen für Spanisch ein, einmal wechselte meine Französisch-Kollegin Kerstin die Kabine. Sie dolmetschte dann aus dem (lateinamerikanischen) Spanisch ins Deutsche, die Nachbarkabine und ich vom Deutschen jeweils ins Englische bzw. Französische.

Und Alexandra hatte ihre große (halbe) Stunde. Ich bot ihr gestisch den zweiten Dolmetscherstuhl an, sie legte los und filmte alles, was ihr vor die Linse geriet. Mich inklusive. Blöderweise sprach die Gewerkschaftlerin aus Uruguay ziemlich assoziativ und nicht so auf den Punkt, so dass das Dolmetschen gar nicht so einfach war. Ich saß in mich gekehrt da und redete vor mich hin. Komische Bilder sind das sicher. Am Ende wird alles montiert und vermengt mit Berichten von Fluglotsen, Chefköchen und Musikern. Ich bin gespannt.

Ort und Zeit der Aufführung hier: klick!

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Foto: Ana Lisa Calais e Val

Mittwoch, 25. Juli 2007

Kunstsalat zur Happy Hauer

Eine Kritik aus der Süddeutschen Zeitung von heute:

"Ein Blick auf die Speisekarte im Urlaub. Sie ist tou­risten­freund­lich auf Deutsch formuliert: "Kunstierwürgt Salat", aus den Zutaten "Hieb-Salat", "Rakete" und "Rü­be". Schmeckt bestimmt lecker, aber was zum Teufel ist das? Es handelt sich um eine wunderschöne Fehl­über­setz­ung vom Türkischen über das Englische ins Deut­sche: Ursprünglich war das Gericht ein "Artichokes Sa­lad": art = Kunst, chokes = erwürgt, macht zusammen "Kunsttierwürgtsalat". Ähnlich mysteriös wirken die Gerichte "Rasierapparat-Rohbauten", "Bringen Sie Schädel unter" oder "Abb mit gepeitschter Sahne und Wahnsinnigen".

Wenn man wörtlich übersetzt, ohne die Sprache zu kennen, sind Wortunfälle un­ver­meid­lich. Das Büchlein "Übelsetzungen" versammelt über 100 besonders krasse Fehlübersetzungen auf Speisekarten, Hinweisschildern, Ge­brauchs­an­wei­sun­gen und Rezepten. Vom Happy-Hauer-Cocktail bis zu Kartoffelnknochen ist alles dabei, die Beispiele stammen aus der ganzen Welt. Kommentiert werden die Sprachpannen mit Texten von Titus Arnu, SZ-Redakteur im Ressort Panorama."

Titus Arnu: Übelsetzungen. Sprachpannen aus aller Welt. Langenscheidt Verlag, München/Berlin 2007. 128 Seiten, 9,95 Euro.

Dienstag, 24. Juli 2007

Tempo

Mit Tempo kommt Jean-Pierre zu uns in den Gang am Saalende, um sich vorzustellen: Hallo, ich bin Ihr Moderator der nächsten Session. Der Mittfünfziger hat ein freundliches Wesen, schüttelt die Hände und scheint überhaupt sehr konferenzerfahren zu sein. Dass sich jemand vorstellen kommt, ohne uns im letzten Moment sein mit Mäuschenschriftrandnotizen 'leicht überarbeitetes' Redemanuskript zu bringen (wo wir uns dann später wie die Pfadfinder auf Fußnoten-, Pfeil- und Kreuzchenspuren durchs Buchstabendickicht kämpfen), dass jemand einfach so mal 'Hallo!' sagen kommt, ist selten.

Dann beginnt die Sitzung und Jean-Pierre legt los, stellt die fünf Redner des Pannels auf der internationalen Konferenz vor, die jetzt sprechen sollen. Und tut dies mit einer Geschwindigkeit, in der kein normaler Mensch denken würde. Kein Wunder, er muss auch nicht viel denken, er liest einfach ab: hoch komplexe Karrierewege und Aufgaben mit der Nennung von Institutionen und Jahren. Hoppla! Noch dazu spricht Jean-Pierre ziemlich leise.

Wie viel beim Publikum ankommt? So viel, wie wir Dolmetscher da an Sinnvollem erkennen können. Etwa die Hälfte, schätze ich. Als die Vorstellungsrunde zuende ist, mutiert Jean-Pierre wieder in den netten und freundlichen Gesprächsleiter der weiß, dass es am Saalende Dolmetscherinnen gibt. (Heute sind wir alle Frauen.)

Nach der Veranstaltung kommt der Moderator noch einmal zu uns, verabschiedet sich äußerst liebenswürdig und wirkt sehr entspannt. Ich nutze die Gelegenheit und weise ihn vorsichtig auf sein Lesetempo hin und dass ... Jean-Pierre schaut verlegen drein. "Ja, das hat man mir schon so oft gesagt!", gesteht er. "Und warum haben Sie daran nichts geändert?" frage ich ebenso offen. "Ja, wissen Sie, der Stress. Ich moderiere jetzt seit 30 Jahren mindestens fünf, sechs Konferenzen jährlich und immer gehen die Pferde mit mir durch. Am Anfang bin ich noch langsam, dann überkommt mich die Angst. Es ist einfach eine komische Situation, da so öffentlich zu sprechen, finden sie nicht auch?"

Dienstag, 17. Juli 2007

Reinfunken auf Zeit

Neulich in der Botschaft. Wir alle sind mitten in einem hochkonzentrierten Gespräch, die Ökonomen, die Medienpolitiker, die Beobachter und wir Dolmetscher. Bei kleinen Gruppen, hier sind wir elf, lässt sich in ein- und demselben Raum auch ohne Simultananlage gut arbeiten, die Grenze liegt bei zwei bis drei Leuten je Sprache, die eine Verdolmetschung brauchen, dann kann gut auch fast simultan geflüstert werden.

Manchmal irritiert es Sprechende, dass, während sie vortragen, jemand reinfunkt oder dagegen "anspricht". So fühlt es sich jedenfalls an. Ich weiß es genau, mir ist das selbst auch passiert, in China, wo ich bei dem Dolmetschergebnis nicht mithören konnte, weil ich kein Chinesisch verstehe, und daher selbst erlebt habe, wie sehr das "Verstehen" der Situation eine geistige Herausforderung ist. Ansonsten stellt sich das Gefühl ein, jemand unterbreche einen ständig. In solchen Situationen warten Kerstin und ich dann immer wieder, bis der- oder diejenige fast fertig ist, um mit leiser und sanfter Stimme zu übertragen.

Unsere Handys sind aus, und das ist richtig gut so. Nur ein Gast hatte dies unterlassen und offenbar auch keinen Filter vorgeschaltet, der nur wichtige Anrufer klingeln lässt. So dürfen wir alle mit anhören, wie der Gast einen Kurzreisebericht aus Berlin gibt.

Wenig später werden wir zehn Minuten Pause angekündigt. Kerstin geht raus, die Kinderabholung für den späten Nachmittag zu organisieren, der Termin war sehr kurzfristig anberaumt worden. Die Diskutanten aber bleiben sitzen - und diskutieren weiter, ich übersetze. Ohne offizielles Pausenende — diese hatte ja nicht einmal begonnen. Als Kerstin nach fünf Minuten wieder reinkommmt und uns kommunizieren sieht, hält sie es für Pausengespräch und gibt noch rasch eine Telefonnummer durch. Dann erst merkt sie, dass wir "in der Sitzung" sind — sie "wieder", wir anderen "noch".

Eine Stunde später, die Handys sind jetzt alle aus oder stumm geschaltet, frage ich mich, während ich dolmetsche, wie spät es sein mag. Mein Handy hat längst die Armbanduhr ersetzt, das ist ein Phänomen der Zeit. Aber hier in der Runde sind nur zwei Menschen ohne Armbanduhr. Merke: derlei ist ein neues Distinktionsmerkmal. Und jetzt funkt kein Handy mehr rein und auch die ungeübten Sprecher gewöhnen sich an unseren simultanen Output, in low tech geliefert.

Wobei mir zum Thema "simultan" in Verbindung mit "Funken" noch eine andere Episode einfällt. Wo wir zwar auch "direkt" gedolmetscht haben, aber übertragen über eine Infrarot- Dolmetschanlage aus der Kabine heraus. Aber plötzlich konnten wir gar nicht mehr "die Stimme im Ohr" unserer Gäste sein, weil in unsere Kopfhörer massiv reingefunkt wurde — von Privatfunkern. Manchmal ist auch high tech nicht vor Störungen gefeit.

"Omega, bitte kommen."
"Hier Omega, wo bist du?"
"Ja, also ich bin jetzt noch eine halbe Stunde hier an der Kongresshalle, wo steht ihr?"

Samstag, 14. Juli 2007

Trockener Kommentar

Diesen Text verstecke ich jetzt mal unter einem anderen Datum als dem heutigen, dann steht er im Weblog nicht ganz oben. Er ist mir nämlich peinlich. Auf der anderen Seite sagt mir eine Kollegin: "Nichts da, sei stolz auf Deine Arbeit, freu Dich!"

Es geht nämlich um Lob. Lob ist etwas anderes als ein Kompliment, das habe ich zwei Mal erfahren, als ich auf Lob, das meinen Französischkenntnissen galt, mit den Worten geantwortet habe: "Merci pour le compliment!" und von berühmten Menschen jedes Mal ebenso freundlich wie bestimmt 'abgewatscht' wurde.

Aber nacheinander.

1988, ich war noch Studentin, habe ich eine Hospitation im ARD-Fernsehstudio in Paris gemacht und die Berichterstattung zur Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution mit geplant. Eines Tages kam Gérard Gabert und mit ihm eine Studentengruppe des deutsch-französischen Jugendwerks (dfjw) dorthin. Sie waren eine gute Woche in Paris, um den Präsidialwahlkampf zu beobachten. Ich durfte sie als "Hospi" durch das Studio führen, und im Anschluss danach luden sie mich ein, mit zu François Mitterrand ins Elysée zu kommen.

Dort diskutierten wir mit dem ersten Mann im Staate, immer wunderbar gedolmetscht von Gérard, einem Projektleiter des Jugendwerks, der mich auch schon kannte, da ich im Herbst zuvor beim dfjw eine kurze Ausbildung zur Dolmetscherin bei Gruppenbegegnungen absolviert hatte. Es war die Ära vor dem Mobiltelefon, und irgendwann musste Gérard raus um zu telefonieren. Schüchtern nahm ich seinen Platz als Dolmetscherin ein. Der Puls schlug mir bis zum Hals, ich war in meinen allerersten Anfängen und dann solch einen "Kunden"! Aber es ging, mit dem Sprechen verlor sich die Aufregung, es war wie am Live-Mikrophon des Radios.

Als wir gingen, kam oben erwähntes Lob. Darauf ich: "Merci pour le compliment." Darauf er, sehr ernst, fast strafend: "Ce n'est pas un compliment, c'est un constat!" (Das ist kein Kompliment, sondern eine Feststellung!")

Etwa sieben Jahre später wiederholte sich die Szene. Ich saß mit Nathalie Sarraute und einem Radiomann im Garten des Literarischen Colloquiums am Berliner Wannsee. Am Ende das Lob und meine Antwort gefolgt vom ebenso strengen wie trockenen Kommentar der fast Hundertjährigen: "... kein Kompliment, sondern ...!"

Seither sage ich schlicht: "Merci beaucoup !"

So, jetzt noch ein Datum suchen. Von der französischen Revolution sprach ich grad eben erst. Also nehme ich den 14. Juli ... Kleine Revolution, ich steh zum erhaltenen Lob.

Freitag, 6. Juli 2007

Ça tourne !

Bei "Films" zu dolmetschen ist die hohe Schule. Dreharbeiten sind hochsensible Vorgänge: Die Schauspieler, die ihre Haut zu Markte tragen, kehren nicht selten ihr Innerstes nach Außen, der Regisseur/die Regisseurin gibt den Rahmen, lenkt, leitet, provoziert. Manchmal fließen sogar Tränen.

Jeder oder jede Externe stört dabei. Indes, bei manchen Koproduktionen geht es auch hier oft nicht ohne Dolmetscher. Und wie immer bei Drehs wird auch gelacht. Newcomer werden der Feuerprobe unterzogen, ob sie, wenn die Kamera läuft, Späßen widerstehen können und professionell reagieren - das erzählt mir in einer Pause der Tonmann. Aber der Reihe nach.

So ein Drehtag ist ganz einfach: Als Sprachmittlerin laufe ich mit meinem "Star" mit. Seine "Dispo", in der alle Termine und Aufgaben stehen, ist auch meine. Bereitet er Bild 21 vor, lernen wir beide die Einsätze, denn ich frage ab, und das kann überall sein: Auf der Fahrt im Produktionsauto morgens um sechs, um sieben in der Maske, um acht am Cateringwagen. Dann geht das Warten los. Stundenlang. "We're paid for waiting, performance is for free", sagt der französische Schauspieler in perfektem Englisch, von dem seine Agentin nicht zu wissen schien. Gut für mich - aber auch sonst sprechen im Team nicht alle Englisch. Ganz beiläufig im Aufenthaltsraum lernen sich der Gaststar aus Frankreich und die deutsche Schauspielerin kennen, deren Englischkenntnisse auch nicht weit fortgeschritten sind. 'Parlando' ist angesagt, also harte Arbeit für mich, simultan plus Leichtigkeit, es soll nicht nach Arbeit aussehen, die beiden müssen sich kennenlernen, denn drei Stunden später liegen sie als Film-Liebespaar zusammen auf dem Sofa und knutschen. Wem das einfiel? Der Aufnahmeleitung. Das Motiv einiger Einstellungen, die Wannseevilla, ist nur drei Tage gebucht, die anderen Darsteller kommen später. Also fangen wir mit dieser Szene, die in der Handlung relativ weit hinten kommt, an.

Warten, nichts als Warten. Handy sei Dank dürfen wir ein wenig spazieren gehen, entspannen uns weiter. Es ist wie Urlaub. Bis es von jetzt auf gleich ernst wird: Ein Gewitter zieht auf, der Drehplan wird umgeworfen, statt Sofa nun Badetuch und Segelbootszene am Steg bei 14 Grad plus im Sommer. Damit keine Gänsehaut aufkommt, wird die Darstellerin mit einer Creme eingerieben und den glänzenden Teint kaschiert viel Puder. Vier Aufnahmen, in der Filmsprache "takes", haben wir zwischen zwei Gewitterwolken, blaue Lippen werden überschminkt. Der Stresspegel steigt, keiner will jetzt einen Fehler machen, keiner dran Schuld sein, wenn was misslingt.

"Wie heißt 'Kamera läuft!' nochmal auf Französisch?", fragt mich Kameramann Hans. "Ça tourne !" lautet die Antwort. "Das kann ich mir einfach merken, wie Saturn, da war ich erst gestern für kleine Batterien!", antwortet der Kameramann, und ich entgegne: "Ja, nur mit scharfem "S", also wie die Schlange, nicht wie die Hummel, und auch das Ende wird anders betont."

Wir tun alles dafür, dass die Stimmung gut ist und dass sich unser Gast wohl fühlt.

Stunden später. Eine Szene im Badezimmer. Während der Wind an den Fensterläden rüttelt, stehen wir im Badezimmer im gleißenden Licht: Ein Scheinwerfer vor dem Fenster, vor den ein Quadratmeter Butterbrotpapier gespannt wurde, wirft sein Licht in den Raum und lässt es sonnig aussehen. Unser Gaststar fotografiert im Bad heimlich Dokumente, während Madame, die Hausherrin, im Schlafzimmer singt. Das Bad ist extrem klein und fast durchgehend verspiegelt. Der Wind stört nicht; die Szene wird ohne Ton gedreht und nachher vertont, weil der Zeitplan so eng ist und ohnehin kein Platz für Tonmann mit -angel wäre. Die Miete der Villa kostet Tausende.

Der Raum ist eng und es gibt wegen der Spiegel nur wenig tote Winkel. Hans steht mit Kamera auf dem Klobecken, die Regisseurin kauert sich im halb geöffneten Schrank der Therme zusammen, vor den ein Stummer Diener gestellt wurde. Dann ist nur noch für einen dritten vom Team Platz: Auf der gemauerten Trennwand zwischen Dusche und Toilette. Hier sitze ich nun und versuche, die in Windeseile von der Regieassistentin erklärten Regeln zu befolgen, nach denen Details der einzelnen Aufnahmen notiert werden. "Ton ab?" fragt die Regisseurin - und wenig später: "Kamera ab?"

Und statt "Ça tourne !" sagt unser Kameramann jetzt nur trocken: "Media Markt!"
Es hat viel Selbstbeherrschung gekostet, hier nicht loszuprusten.

Donnerstag, 5. Juli 2007

Kürzel

Nicht dass Sie denken, ich dolmetschte nur "bei Films". Weit gefehlt, hier habe ich zwar gelernt, aber auch Botschaften und Forschungseinrichtungen, Politiker und Stiftungen zählen zu unseren Kunden.

Neulich in irgendeinem Ministerium, der Termin war extrem kurzfristig anberaumt worden, und trotz wiederholter Nachfrage hatte ich keine Unterlagen zur Vorbereitung erhalten. Der Termin geht mir Verspätung los, die französische Delegation lässt auf sich warten - und erleichtert gehe ich mit der Moderatorin die Powerpointpräsentation durch und pauke Kürzel und Namen: jenes Ministerium, diese Abteilung, jene Kommission, diese Arbeitsgruppe.

Später, als sich alle vorstellen, weiß ich genau, bis zu welchem Punkt auf der Liste ich von der Moderatorin gebrieft'worden bin. Danach hab ich drei oder vier Hänger: Sekunden, in denen das Hirn rattert und wild nach Lösungen sucht, werden vermeintlich zu Minuten, alle scheinen mich anzustarren, es unmöglich zu finden, dass ich hier bin, sich zu überlegen, wer wohl auf die Idee gekommen sein mag, mich anzustellen, jetzt scheinen alle sich meinen Namen merken zu wollen mit dem Hintergedanken: "Die nicht mehr!" und ich suche noch immer nach Sinn, finde Worte, presse sie heraus, finde meine Stimme wieder, der Satz gerät langsam wieder in Gang, Wort folgt auf Wort, es spricht mich, ich bin erleichtert. Obgleich ein kühler Sommertag, war ich ganz schön ins Schwitzen gekommen.

Der Rest ist Diplomatie und besteht aus Sätzen, die ich kenne. Am Ende kommt der Vizedirektor auf mich zu, dessen Frau, wie er sagt, Französin sei, und bedankt sich außerordentlich herzlich von mir für die 'schöne Übersetzung'. Und sagt: "Wissen Sie, ich hab' Jahre gebraucht, um hinter die Bedeutungen dieser ganzen Abkürzungen zu kommen!"

Ab, nach Hause, duschen. Und beim nächsten Mal die Auftraggeber NOCH verbindlicher um die Liste der Teilnehmer und die Themen bitten!

Dienstag, 3. Juli 2007

Anamorphotische Vorsatzlinse

Wir Dolmetscher übersetzen alles. Wirklich alles. Aber nicht alle von uns übertragen auch wirklich alle Bereiche, weshalb wir im Netzwerk arbeiten.

Aber nicht auf die Kollegenstruktur will ich hinaus, sondern auf die Bandbreite. Die Welt ist derart komplex, dass sich die Einzelnen wie jeder andere Fachmann oder jede andere Fachfrau auch, in manchen Bereichen besonders gut auskennen. Und in anderen dafür fast gar nicht.

Daher bitten wir unsere Auftraggeber auch immer um Vorlauf und um Dokumente, aus denen hervorgeht, was bei Tagungen, Arbeitsgesprächen und Vorträgen Thema sein wird. Denn natürlich können wir uns, wenn jemand "digitales Kino" sagt, nicht sofort ausdenken, worum es gehen wird. Aber das WWW hilft so wunderbar weiter, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie es möglich gewesen sein kann, diesen Beruf in Zeiten vor der Verbreitung des Netzes ausgeübt zu haben.

Gründliche Vorbereitung schadet nicht. Letztens ging es also um digitale Vorführgeräte. Und als jemand, der den Dingen gern auf den Grund geht, nahm ich ein Grundlagenbuch mal wieder zur Hand (von James Monaco, auch für Laien interessant), studierte die gelieferten Dokumente und ging sogar in meinem Stammkino den Vorführer besuchen. Dort hab ich mir alles erklären lassen und für die Dauer eines abendfüllenden Spielfilms, so der Terminus Technicus auf Deutsch für long métrage, brav mitgeschwitzt. Hab das Blenden des Films von einem Projektor zum anderen beobachtet oder, als andere Möglichkeit, die großen Teller gesehen, von denen vor allem bei Festivals gespielt wird, erfuhr konkret, was Koppeln bedeutet und welche Putzarbeiten in der Vorführkabine so anfallen. Und bestaunte dann auch das digitale Gerät nebenan mit der Festplatte, den entsprechenden Verschlüsselungen und der Auflösung.

Und dann saß ich in der Kabine auf der Tagung und dolmetschte, es ging um Investitionen, Wartungskosten, Lichtstärke der Birnen und dergleichen — bis einer aus Frankreich das Wort "optique anamorphique" aussprach. Da wandte einer meiner Zuhörer — es war Gerhard von den Kinos am Hackeschen Markt — in einer ostentativen 90-Grad-Bewegung uns in der Kabine den Kopf zu und schaute mir direkt in die Augen, wobei er sich gefragt haben mag, ob wir mit dem Wort zurecht kommen. Seinem Blick folgte die Hälfte der Versammlung, so sehr brach diese Bewegung in die ansonsten eher statische Beratung hinein. Gelassen sagte ich den Satz mit der "anamorphotischen Vorsatzlinse" und grinste Gerhard sicher nicht ohne Stolz an. Der lächelte zurück und hob den Daumen. Womit er die andere Hälfte der Zuschauer dazu veranlasste, nun ihrerseits zur Dolmetscherkabine zu schauen :-)

An Tagen wie diesen weiß ich, warum ich seit Jahren auch an Tagen ohne meine Jobs mindestens fünf bis zehn Vokabeln lerne — Deutsch, Französisch, Englisch und meinen Hobbysprachen. Und warum ich immer so hartnäckig nach Vorbereitungsmaterial frage.

Was die anamorphotische Wie-war-das-gleich-nochmal Linse macht? Gestauchte, auf normalem Filmmaterial aufgenommene Bilder entstaucht sie wieder, so dass wir im Zuschauerraum den Film in Breitwandformat sehen. Die Anamorophotische macht im Grunde das Gleiche wie wir: übersetzen.