Mittwoch, 29. Juli 2020

COVIDiary (114)

Bon­jour auf mei­nen Blog­seiten! Ich ar­bei­te seit 2005 in Pa­ris und Ber­lin als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin, früher auch oft als Über­set­ze­rin. (Für den Unterschied: siehe die Unter­zeile oben.) Ich dolmetsche nicht nur, sondern beobachte auch scharf. Manchmal zu scharf.

Wahllichtbildvorlage, das ist ein für mich neues Wort, das ich vermutlich so bald nicht wieder brauchen werde. Ich war ins LKA geladen zu eben dieser. Mir wurden auf Papier acht Portraits vorgezeigt. "Gar nicht so leicht, eine solche Auswahl her­zu­stellen", sagte die Beamtin auf der anderen Seite der Anti-Corona-Ple­xi­glas­schei­be. 

Acht finster dreinblickende ältere Herren waren da zu sehen, offenbar alles Köpfe, die zu echten Fäl­len gehören. Ob sie nicht doch kurz noch einen älteren Kollegen im Flur ge­knipst habe, wollte ich im Scherz von ihr wis­sen. Sie hat das verneint.

Alte Registrierkasse
Zahlen, bitte!
Der dritte war es, ein Al­ler­weltsgesicht, das Foto schon etwas älter. Die Licht­bil­der waren auf einem fo­to­ko­pier­ten Zet­tel zu sehen, erst in schwarz-weiß, dann bunt. Sowas ist deutlich we­ni­ger gla­mou­rös als die Ge­gen­über­stel­lung mit One-way-screen und leben­di­gen Menschen, das Fernseh­krimibild, das einem bei die­ser Gelegenheit im Kopf rum­spukt.
 

Aber ich habe ihn gleich wiedererkannt. Es war ein Bild aus dem Knast, vor der Entlassung. Was dem zugrunde liegt, war indes recht telegen gewesen. Vor über einem Jahr hat mich ein "Pri­vat­­ro" an­gerufen, ob ich denn auch Privatkunden annehmen würde. Ich konnte das nur bejahen. 

Beim Termin erwartete mich ein älterer Mann, der den Habitus eines reichen Ren­tiers mehr schlecht als recht imitiert hat. Er sagte, er wolle nach Berlin ziehen, denn er leide an einer seltenen Krankheit und sein behandelnder Arzt lebe in der deutschen Hauptstadt. Er habe weiter keine Angehörigen mehr, wolle hier in Berlin eine Wohnung kaufen und zu diesem Zwecke zunächst ein Bankkonto eröffnen.

Ich mache die Sache kurz: Am Ende hat er einen gestohlenen Scheck von einer knap­pen Million Euro eingereicht. So weit, dass die Bank ihm dafür Geld gegeben hat, kam es nicht.

Da wir so etwas schon einmal passiert ist, ich bin eben verdammt gut in den Such­ma­schinen verlinkt, ging ich mit etwas Misstrauen zum ersten Termin und habe ei­gent­lich nur auf Unstimmigkeiten gelauert. Das ging schon mit seinem Namen los. Er stellte sich als Zodiac AEROTECHNICS vor. So heißt auch eine fran­zö­si­sche Fir­ma für flug­tech­ni­sche Komponenten, die gerade umfirmiert worden war.

Auch hier kürze ich ab. Die Details wandern mal in einen Krimi, für den ich schon sammle. Die Berliner Polizei wurde zu dem Zeitpunkt involviert, ab dem ich mir sicher war. Am Ende hätte sie ihn ergreifen können, aber sie haben ihn knapp ver­passt.

Für mich war das Ganze mit einigem unbezahlten Aufwand verbunden, ich habe dabei mein kriminalistisches Gespür entdeckt. Vielleicht sollte ich die fran­­si­sche Luft­fahrt­technik­firma mal an­schreiben und ihnen den Hintergrund ihrer Scheck­ver­lust­story erzählen. In einkommenslosen Coronaviruszeiten könnte ich einen Fin­der­lohn, der einem leider gesetzlich bei Schecks nicht zusteht, ziem­lich gut ge­brau­chen. (Wäre es Bargeld gewesen, mir hätten ca. fünf Prozent zugestanden.)

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Foto: C.E.

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