Montag, 3. Februar 2014

Wir müssen reden!

Willkommen auf den Seiten eines digitalen Arbeitstagebuchs aus der Welt der Spra­chen. Wir Dolmetscher arbeiten jeden Tag, auch an Sonn- und Feiertagen und oft unbezahlt. Zu den pro bono-Einsätzen kommen viele Tage des Lesens und Ler­nens hin­zu, an denen wir unsere Allgemeinbildung erweitern, uns Fachwissen ein­trich­tern oder schlicht auf dem Laufenden bleiben.

Wir müssen reden ! Und das seit Jahren schon — über Einkommen, Nebeneinkünfte und private wirtschaftliche Ver­flech­tun­gen. In unseren scheinbar tabulosen Zeiten muss dieses letzte Verbot fallen, öffentlich über Geld zu sprechen.

Als ich in den 90-er Jahren immer wieder in den USA war, empfand ich das dort übliche offene Sprechen über Geld und Vermögen als peinlich. Ich habe mir die Sache damals nicht ab­ge­schaut.

Das Ergebnis unserer vornehmen, mit­tel­eu­ro­pä­i­schen Zurückhaltung ist schlicht und ergreifend verheerend.

Das größte Armutsrisiko in Deutschland besteht darin, Mutter zu werden. Es ist noch immer wahr­schein­li­cher für eine Frau, dass sich ihre Vermögensverhältnisse durch eine Eheschließung verbessern als durch eine berufliche Karriere. Drei von vier Frauen, die heute zwischen 40 und 55 Jahre alt sind, können sich auf eine Rente unter Hartz-IV-Niveau einstellen.

Wir müssen unser gesamtes System überdenken. Dabei dürfen wir die Tatsache nicht aus­spa­ren, dass sich viele in unserer Zeit Kinder überhaupt nur leisten kön­nen, wenn beide Eltern arbeiten. Frauen und Männer haben ein Recht darauf, Zeit zu ha­ben, ihre Minis (und auch alte Angehörige) zu erleben. Und die Kinder ha­ben ein Recht auf Eltern, deren Gedanken nicht ständig um Existenznöte kreisen. Für Geistes- und Her­zens­bil­dung braucht es Gelassenheit.

Das öffentliche Nachdenken über Geld, Macht und Lebenszeit ist die einzige Mög­lich­keit, Lohn­dum­ping und geschlechtsbedingte Gehaltsunterschiede zu ver­mei­den, Un­ge­rech­tig­keiten und Raffgier anzuprangern und dazu beizutragen, dass eines Tages das Steuerzahlen als Bedürfnis empfunden wird, weil es um die Fi­nan­zie­rung unseres Gemeinwohls geht.

Der Berliner Kulturstaatssekretär hat Gelder in der Schweiz geparkt und jetzt Steu­ern nachgezahlt. Nicht nur er. Die morgendliche Zeitungslektüre macht keinen Spaß. Ich habe mich gewundert, dass kein Journalist den zwingenden Ausdruck Alice Schwarzergeld verwendet hat.

Wir müssen reden — über Geld. Und wenn wir Frauen einfach anfangen und die Männer damit unter Zugzwang setzen würden?

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Foto: C.E. (Figur von Jim Avignon,
East Side Gallery)

1 Kommentar:

Daniela Gotta hat gesagt…

Danke, für diesen komprimierten und die Brisanz genau auf den Punkt bringenden Bericht. Ich habe lange in den USA gelebt, und über Geld zu reden, finde ich überhaupt nicht problematisch. In Deutschland soll es dem nächsten aber nicht besser gehen, als Dir selbst. DAS macht es zum Problem ...
Weiter so.
Daniela Gotta
www.danilingua.de