Samstag, 15. Februar 2014

Berlinalegeflüster: Zwölf Splitter

Hallo! Sie haben zu­fäl­lig oder ab­sicht­lich eine Seite meines digitalen Ar­beits­ta­ge­buchs aufgeschlagen. Ich bin Dolmetscherin und Übersetzerin für Politik, Wirt­schaft, Me­dien, Soziales und Kultur. Derzeit lasse ich die Berlinale ausklingen.

1. In der U-Bahn kurz vor dem Potsdamer Platz. Es steigen zwei Südosteuropäer mit einem Verstärker zu, der eine zückt die Fidel, der andere den Hut und geht durch die Reihen. Im gleichen Moment wie ich hebt eine junge Frau ihre Hände zu den Ohren und hält sich diese zu. Wir steigen beide am Potsdamer Platz aus und gehen in stummem Einverständnis zum Filmmarkt.

2. In einer "Generation14 plus"-Aufführung surrt direkt neben mir ein Handy. Fragend sehe ich meine Sitznachbarn an, sie zucken mit den Achseln. Dann surrt es immer wie­der. Weil die Sache nervt, treffen uns böse Blicke von vorne und hinten. Getuschel entsteht und wird immer lauter.
Am Ende prüfen alle um uns herum ihre Taschen. Irgendwann gibt der Anrufer auf.

3. Im Delphi: Am besten schläft es sich auf der Berlinale im Kino. Leider schnarcht der Mann drei Rei­hen hinter mir ziemlich laut. Die Umsitzenden versuchen, ihn zu wecken, aber immer wieder gleitet er weg. Schlafen im Film ist an sich nichts, was uns Festi­val­iers fremd ist, und es ist, um mit Godard zu sprechen, Ausdruck in den Vertrauen des Films. Die Kunst besteht vor allem bei gemütlicheren Streifen darin, stra­te­gisch immer dann aufzuwachen, wenn entscheidende Dinge geschehen. Und na­tür­lich nicht zu schnarchen.

4. Im wiedereröffneten Zoo-Palast. Der Teppichboden im Pfeffer-und-Salz-De­sign, Hochflor!, sieht noch gut aus. Die YSL-Premiere hat gerade begonnen, das Kino ist brechend voll. Die Platzanweiser suchen Sitzplätze für VIPs. Als langjährige Ber­li­nale-Mitarbeiterin gebe ich meinen Platz frei. Kommt der Anzugträger mit Wichtig-Wichtig-Miene vom Senat? Auf jeden Fall scheint ihm der Film egal zu sein. Die hal­be Vorführung hindurch ist sein Gesicht durch das Smart­phone erleuchtet, auf dem er nervös rumtippt. Ich finde keinen Sitz mehr und wundere mich, dass ihm meine bösen Blicke nicht im Rücken jucken. Das Licht stört. (Wer derjenige war, erfuhr ich Tage später bei der Lektüre der Süddeutschen Zeitung.)

Zeitungsausriss: "Zwei Frauen werden von den Plätzen gescheucht. ... Es ist dann ... Mathias Döpfner, Chef des Springer-Verlags ... Der Film scheint ihn nicht zu interessieren, er plaudert mit seinem Freund, tippt ständig ... in sein Smartphone" SZ, 15./16.02.14 5. Berlinale-Sport: Der eine möchte mög­lichst viele Filme aus möglichst vielen Län­dern sehen, die andere erklärt die Ber­­li­na­le dann für vollständig, wenn sie von jeder Sek­ti­on mindestens einen Film gesehen hat, wieder ein anderer sammelt Genres. Sich einen Überblick zu verschaffen, ist bei ca. 600 Filmen oh­ne­hin nicht möglich. Al­lein um den Wett­be­werb vollständig zu se­hen, saß die Jury knapp 40 Stunden im Ki­no. Und wer von uns Besuchern und Mit­ar­beitern dann einen der prämierten Filme erwischt hat, ist glücklich. Die meisten Mit­arbeiter dürfen währenddessen ohnehin keine Filme zu sehen, sie halten den Laden am Laufen. Ihnen sei hier kurz gedacht.

6. Im Haus der Berliner Festspiele: Mit einem Arbeitsrichter aus Potsdam komme ich in der Schlange ins Gespräch, wir sitzen am Ende nebeneinander auf dem Bal­kon. Als ich meine Notizen mache, leuchtet er mir plötzlich mit einer LED-Ta­schen­lam­pe aufs Papier. Ich erschrecke, wie hell das ist. Reagiere erst etwas zu barsch, dann freundlicher. Danke, die Notizen schreibe ich blind, seit Jahren. Ich schreibe Vokabeln und szenische Momente auf, diese Berlinale mussten vier Ste­no­blöcke dran glauben.

7. Gedolmescht wird im Film "Tryptichon" von Robert Lepage und Pedro Pires, und zwar in einer Arztpraxis, und in Feo Aladags "Zwischen Welten" hat ein Dol­met­scher, der leider im Programm oft "Über­setzer" genannt wird, eine wichtige Rolle.

8. Bei "Tryptichon" gibt es wiederholt Übergänge, in denen jemand die Kamera verdunkelt oder auf sie zugeht oder etwas anderes geschieht, was dem Rum­wi­schen an der Optik entspricht, der bei "Meine Mutter, ein Krieg und ich" von Ta­ma­ra Trampe und Jo­hann Feindt wiederholt ein Sequenzübergang ist. Weil sich genau hierin die Filme sehr ähnlich sind, entstehen aufgrund der Mon­ta­ge­tech­ni­ken in mei­nem Kopf Be­zü­ge zwischen diesen zwei sehr un­ter­schied­li­chen Fil­men. Für jeden Zuschauer ist schon wegen der Filmauswahl die Berlinale komplett anders.

9. Meine Lieblingsproduzentin aus Kanada traf ich wie geplant zufällig bei Lepage, sonst sah ich nur bekannte Gesichter im Vorbeirennen, meistens drängten Ver­ab­re­dun­gen und Vorführtermine. Früher war mehr Zufall. Die Berlinale weist jedes Jahr einen neuen Spielort auf, so jedenfalls fühlt es sich an. Das ist für den Zufall schon mal abträglich.

10. Der Preisträger Resnais heißt nicht Allah mit Vornamen, und bei seinem Nach­namen wird weder das erste, noch das zweite "S" ausgesprochen, leider schwirren einige kuriose Varianten durch Raum und Äther. Wir sollten für Eigennamen bei der Berlinale eine akustische Aussprachedatei einführen. Bei der ARD gibt's sowas. Und den Moderatoren abtrainieren, an ihren Mo­de­ra­tions­kärt­chen zu kleben. Und über­haupt, wieder mehr Deutsch einführen. Zwei ausländische Gäste meinten unab­hän­gig voneinander, die Quasi-Abschaffung der deutschen Sprache am Potsdamer Platz sei, auf Frankreich übertragen, in Cannes undenkbar. Der eine meinte: "Hitler ist schuld", eine andere verwendete das Wort vom "deutschen Min­der­wer­tig­keits­kom­plex". Was aufs Gleiche rauskommt.

11. Dafür hat die Berlinale neue Dolmetschungen zu bieten: Die Filmgespräche zu vier untertitelten Filme wurden von Gebärdensprachdolmetschern begleitet! Das finde ich ganz wunderbar! (Oder hier, die Pressekonferenz zu "Kreuzweg"! Danke, Paul.)

12. Hier noch zwei Lieb-Links der Woche: Knigge für Kinogeher von Steffen Brück, Kulturradio (rbb). Und sitzenbleiben im Kino oder rausgehen, fragt die SZ an einer anderen Stelle: "Flucht vor dem Elend" von Paul Katzenberger.

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Fotos: C.E. || Ein Dank an die SZ für die
Genehmigung, den Ausriss zu bringen.

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