Donnerstag, 31. Juli 2008

Akustik in der Freizeit

Hello, guten Tag, bonjour ... beim Dolmetscherblog aus Berlin, dem ersten virtuellen Arbeitstagebuch über Dolmetschen und Übersetzen aus dem Inneren der Kabine bzw. vom Übersetzerschreibtisch Deutschlands. Hier denke ich über unseren Berufsalltag nach und wie er sich aufs Privatleben auswirkt.

Mit Freunden im Club, es ist ein lauer Sommerabend. Der Club verfügt über einen Pool unter freiem Himmel, die Akustik verflüchtigt sich also zum Teil nach oben. Dennoch sind die drums & beats präsent, die Stimmen vom Nebentisch ebenso, das Glucksen des Wassers und zwei oder drei Gespräche in der Gruppe, mit der ich gekommen bin. Ich merke, wie ich immer angestrengter werde ob der vielen konkurrierenden Geräusche. Sie machen mich nervös. Die anderen scheint die Aktustik nicht zu stören. Ja, ich denke, meine Empfindlichkeit hängt mit dem Beruf zusammen.

Es ist eine Sommernacht, noch ist es recht hell, ich übe weiter mit dem neuen Digitalfotoapparat. Arbeite konzentriert, lerne neue features kennen, sorge für veschwommenere Hintergründe (aus der Ferne fotografieren und ranzoomen verkürzt den Schärfebereich), entdecke, dass es einen "soft flash" gibt, den ich aber genauso wenig mag wie den anderen Blitz, weiß jetzt, wie die Automatik auszustellen geht bzw. so zu überlisten, dass auch gewünschte Artefakte auf die "belichteten" Pixel kommen, wie hier, wo es mir um die Stimmung geht und nicht um die abgebildeten Personen. Dann suche ich, wie das Geräusch der Verschlussklappe (l'obturateur) ausgestellt werden kann, bei mechanischen Geräten reiben sich viele kleine Klappen aneinander und sorgen für das schnarrende Geräusch, das hier ebenso digital ist wie die Körnung. Nicht, dass es mich hier auf der Party störte, aber ich will ja auch in der Dolmetscherkabine knipsen. (|Wer eine Lösung fürs Stummschalten weiß, es ist eine Casio Exilim 10.1 ...| Danke für den Tipp!)

Ich lerne aber auch die Grenzen des Möglichen kennen, als es Nacht wird.

Und plötzlich ist die ganze Akustik wieder da, unverändert, lauttönend und aufmerksamkeitsheischend. Es ist kein entspanntes Chillen für mich, und so geht es weiter an den Strand der Spree, wo auch nette Lokale sind, sich der Lärm aber besser verteilt.

Mittwoch, 23. Juli 2008

Sommergedanken

Bienvenue auf der Seite einer Spracharbeiterin. Ich biete an: Dolmetschen und Übersetzen und da ich im Nebenberuf Autorin bin, auch Rewriting und Moderation. Französisch ist meine zweite Arbeitssprache, Englisch meine "passive" Sprache.

In den Sommermonaten sind Dolmetscherin und Büro nur einen bis zwei Tage in der Woche aktiv. Sie erreichen uns wie gewohnt mobil, wir helfen wie immer gern weiter, auch im Sommer ist das Netzwerk für Sie da.

Währenddessen überlegen in Berlin die Fernsehleute, ob sie Barack Obama an der Siegessäule live untertiteln sollen oder doch lieber dolmetschen. Und die Kanzlerin, die anders als ihr Vorgänger simultane Verdolmetschung bevorzugt, macht sich weiter modische Gedanken über ihre Frisur, darüber schrieb die Süddeutsche. Abgesehen vom verzeihlichen Fehler, dass der Autor des Artikels den Unterschied zwischen Übersetzern und Dolmetschern nicht kennt, ist sein Artikel höchst amüsant. Die 'Première Dame' Deutschlands sei "ein Fan von Simultanübersetzung - das jedoch bringt den Nachteil von Kopfhörern mit sich. Die zerstören bekanntermaßen die Frisur." Angela Merkels Trick gibt's hier. Über das gender mainstreaming von Konferenztechnik machen wir uns ab Herbst wieder Gedanken, Anlässe gibt's dafür genug. Ich denke nur an den Diskussionsleiter, der am Ende der Konferenz die Gäste bittet, doch bitte alle "am Ende des Tages die Dolmetscher auf den Tisch zu legen".

So, und für alle Kollegen und Studenten, die letzten Sommer die wunderbare France Culture-Reihe zur Filmschichte verpasst haben, hier noch der Hinweis auf eine Sommerserie über US-amerikanische TV-Serien und indirekt über die amerikanische Gesellschaft (täglich bis 22.8.), hier geht's zur Hörfunkreihe (und zum Podcast).

P.S. vom Donnerstag, als Obama in Berlin war:

Wie die Rede vor Ort übertragen wurde, weiß ich noch immer nicht, denn ich saß bei Freunden am TV und verglich die Dolmetscher von ARD und ZDF. Die Hochschulen zeichnen derlei für eine spätere Analyse sicher auf, ich habe nur immer dann von ZDF auf ARD geschaltet, wenn eine Pause eintrat, der Kollege vom ZDF war nämlich immer "näher dran" am Originalton (O-Ton). So konnte ich immer noch das Ende der ARD-Verdolmetschung hören. Und hörte:

- eine Schande für uns alle (ZDF) | belastet unser Gewissen (ARD)
- Mauern niederreißen (ZDF) | Mauern einreißen (ARD)
- Kampf mutiger Menschen, der die Apartheit abgeschafft hat (ZDF) | wo der Kampf eines Volkes die Apartheit niederrang (ARD)
- diesen Geist hochhalten zu müssen (ZDF) | diesen Geist neu zu beleben (ARD)
- als dass wir ihnen dort den Rücken kehren dürften (ZDF) | um dort auszusteigen (ARD)
- die diesen gazen Kontinent transzendiert und umspannt (ZDF) | die sich über diesen Kontinent ersteckt (ARD)
- Botschaft aussenden (ZDF) | Botschaft schicken (ARD)
- dass dieser Krieg beendet wird (ZDF) | diesen Krieg seinem Ende zuzuführen (ARD)
- das Kind der Armut entreißen (ZDF) | das Kind aus der Armut befreien (ARD)
- Sinn verleihen (ZDF) | Bedeutung zumessen (ARD)

Diesem Vergleich ist nur schwer "Bedeutung zuzumessen", ohne in den O-Ton reinzuhören. Ich kann aber einen Eindruck äußern, so, wie er auch bei unbelasteten Zuhörern entstehen mag. Ohne Rückgriff auf den Ausgangstext habe ich die mitgekritzelten Verdolmetschungen verglichen und die jeweils moderner klingende Lösung kursiv gesetzt, wie gesagt, es ist rein subjektiv. Meistens ist es der Kollege, der für die ARD dolmetscht, der auf mich in seinem Ausdruck moderner, schlichter und weniger präsidial wirkt. Liegt es an der Rede Obamas? Liegt es am Alter oder an der Vorerfahrung der Dolmetscher? Wurde im politischen Kontext bereits die Leistung der Dolmetscher auf ihre Wirkung auf die Wählerschaft bewertet?

Für uns scheinen diese Fragen auf den ersten Blick irrelevant. In den USA-Vorwahlen ziehen die Kandiaten aber mit Dolmetschern durch die Lande. Nach dem Wettkampf Clinton/Obama veröffentlichten diese ihre Finanzberichte: Hillary Clinton gab 6.244 Dollar für Dolmetscher aus, Barack Obama fast 25.000 Dollar, da er besonders um die spanischsprachigen Wähler geworben hat.
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Merci, Martine Delahaye ! (Le Monde)

Freitag, 11. Juli 2008

Im Sommer ruht das digitale Bordbuch (das Büro indes nicht)

Willkommen beim digitalen Arbeitstagebuch einer Dolmetscherin und Übersetzerin mit Wohnort Berlin. Sie interessieren sich für Dolmetschen und Übersetzen? Dann sind Sie hier richtig. Als Dolmetscher arbeiten wir mündlich, als Übersetzer schriftlich, oft für Wirtschaft, Politik, Literatur und Kino. Übber das Jahr bestimmen Termine unseren Alltag, jetzt ist Zeit für eine Pause.

Am Abend und am Tag nach großen Dolmetscheinsätzen bin ich immer geistig unter Wasser. Eindeutig sichtbar und vorhanden, aber nur zum Teil auch mit dem Kopf. Und nach einer Grillparty mit den Dolmetscherkollegen weiß ich: Das geht den meisten so.

Diese "Halbpräsenz" irritiert jene in unserem jeweiligen Umfeld, die davon nicht wissen. Erschwerend kommt hinzu, dass nie vorhersehbar ist, in welchen Bereichen der Betreffende jetzt "voll dabei" ist und wo der Kopf mir nichts, dir nichts abschaltet. Das ist der Grund, weshalb ich direkt nach ein- bis mehrtägigen Einsätzen nur höchst ungern an anspruchsvollen gesellschaftlichen Terminen teilnehme.

Dolmetscher, so heißt es immer wieder, hätten bei ihrer Arbeit einen Adrenalinpegel wie Piloten bei Start und Landung und einen Energieumsatz wie Bauarbeiter. Wenn ich mich beobachte, und das mache ich hier ja nunmal erklärtermaßen, dann esse und schlafe ich mehr und länger in aktiven Wochen. Und ich schalte vor Einsätzen bereits auf "Schongang", in den Ruhezeiten dann richtig.

Daher ist in den kommenden zwei Monaten zumindest auf dem Weblog Sommerpause. Einige Termine habe ich noch, andere werde ich darüber hinaus annehmen, eines ist dennoch klar: es geht ruhiger zu im Sommer. Zwischendurch verreisen wir und ich werde mit Besuchsgästen Berlin neu entdecken.

Allen Auftraggebern, Geschäftspartnern, Kollegen und Studenten, die hier mitlesen, wünsche ich einen schönen, erholsamen Sommer 2008! Au revoir en septembre !


P.S.: Auch in der Sommerpause erreichen Sie uns - und sollten wir selbst verhindert sein, sind wir wie immer gern behilflich, Kolleginnen und Kollegen aus dem Netzwerk für Sie zu finden.

Dienstag, 8. Juli 2008

Genauigkeit

Hallo! Sie haben ein digitales Logbuch aus der Welt der Sprachen angesteuert. Hier schreibe ich über meinen Berufsalltag als Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache. Regelmäßig gewähre ich einen Blick auf meinen Schreibtisch. Voilà !

Heute erhalte ich eine Mail, die mir Antworten auf viele Fragen gibt. Vor drei Jahren diskutierten Bettina und ich in Tübingen über Publikumsgespräche im Kino. Bettina, die heute bei einem Filmverleih arbeitet, beschrieb, wie beim Forum der Berlinale eine Frau sehr detailliert konsekutiv gedolmetscht und auch side-kicks übertragen habe. Ohne es zu wissen, beschrieb sie da mich und meine Arbeit, wie wir später feststellten. Nur fand sie leider, es sei alles zu genau gewesen — etwas großzügiger hier und da würde ihr meist besser gefallen.

Hier nun besagte Mail eines Filmjournalisten:
"Liebe Caro, nochmal Danke für Deinen Einsatz neulich! Ich habe, weil ich auf der Fahrt nach Karlovy Vary nichts zu tun hatte, gleich das Interview abgehört und geschrieben. Ich kann Dir jetzt genau sagen, was Deine Qualität ausmacht: die Treue. Bietet der Regisseur mehr Details als nötig an mancher liefert ja sogar kleine narrative “Stränge” mit, die für sich stehen ist es unbedingt nötig, diese mit zu übersetzen. Jeder von uns Journalisten sucht sich am Ende "seine" Elemente heraus, damit meine ich, alles, was zur eigenen Argumentation passt. Gekürzt wird später ohnehin noch, das darf nicht beim Übersetzen passieren, auch nicht durch Schwächeln am Ende der Antworten, weil die Sätze zu lang geworden sind. Daher weiß ich jetzt, wie gut es ist, dass Du Dir Notizen machst ... 
Noch was ist wichtig: Das Sprachniveau des Interviewpartners möglichst gut zu treffen und eben nicht sinngemäß die Worte in der eigenen Sprechweise auszudrücken. Und das ist keine Selbstverständlichkeit!
Ich werde also von Deinem netten Angebot, nochmal draufzuschauen, keinen Gebrauch machen müssen. So gut ist mein Schul- und Ferienfranzösisch dann doch, dass ich das einschätzen kann ..."
Lieber Kollege, Danke für die Blumen. Wir bemühen uns um Genauigkeit, aber natürlich kann auch vorkommen, dass wir im Marathon ermüden. Daher steht mein Angebot, nochmal einen Blick auf die verschriftete Fassung zu werfen.

Wenig später hat mir Bettina auf diesen Eintrag hin gemailt:
"Ja, ich erinnere mich an unser Kirchentreppen-Gespräch. War mir ja schon peinlich, dass ich dich nicht wiedererkannt habe — aber ich glaube nicht, dass das unser Verhältnis getrübt hat. Und von deiner souveränen Dolmetsch-Kunst konnte ich mich vor allem damals im Institut Culturel überzeugen ..."
Liebe Bettina, nein, unser Verhältnis hat das nicht getrübt, im Gegenteil, ich bin über kontroverse Meinungen dankbar, weil sie mir weiterhelfen. So wie jetzt hier.
Und was für das Berlinale-Forum richtig ist — da gibt es nämlich meist keine ausgiebigen Presseinterviews, die Journalisten und Festivalmacher und Verleiher sitzen 'normal' im Kino — muss für ein Kleinstadtpublikum in der Tat nicht richtig sein.

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Foto: Interview mit Laurent Cantet, Filmfest München, 2008.
Der Journalist auf dem Bild ist nicht mit dem Autor der Mail identisch.

Donnerstag, 3. Juli 2008

Untertitel

Und wieder sitzen wir im Kino, diskutieren mit Gästen und Kollegen und überlegen hinterher, was wir da eigentlich machen, wenn wir für Festivals arbeiten, während das kleine französische Filmfest in seine Zielgerade geht.

Nicht hier, aber auf der Berlinale werden Untertitel verdolmetscht - es ist also die Übersetzung der Filmdialoge in den Untertitel und aus ihm in eine andere Sprache, eine doppelte Übersetzung demnach. Auch für die einfache Übersetzung gilt: Witze müssen witzig übersetzt werden, sonst lacht nur ein Teil des Publikums. Und, was mindestens genauso schwer ist, der richtige Zeitpunkt will getroffen sein, der technische Begriff fürs Setzen der Zeiten lautet 'spotting', damit alle etwa gleichzeitig lachen. Wird der Witz vorweggenommen oder nachgeliefert oder fehlt er ganz, sieht plötzlich der Zuschauer den Untertitel, ist seine Funktionsweise — lesen und dabei vergessen, dass man eigentlich liest — unterbrochen.

Werden diese Untertitel nun verdolmetscht, weil z.B. die Berlinale als Service französischsprachige Fassungen englischer Filme anbietet, die nur auf Deutsch untertitelt sind, folgen diese 'gesprochenen Untertitel' den Regeln des Untertitelns und nicht denen des Dolmetschens. Ich erkläre mich: Konferenzdolmetscher dürfen in der Kabine nicht fluchen, der mitunter lückenhafte oder unterbrochene Satzfluss 'echter' Menschen wird, falls nötig, immer im Sinne des Sprechers verbessert, Versprecher werden ausgebügelt, wüste Ausdrücke ein oder zwei Sprachniveaus aufgewertet. Kritiker mögen einwenden, damit würden Dolmetscher ihren Kunden untreu - jetzt an das Sprichwort 'traduttore, tradittore' (qui traduit, trahit = der Übersetzer ist ein Verräter) zu denken ist legitim. Der Aufhübschungsreflex der Sprachmittler ist indes Teil ihres Überlebensinstinkts — so lässt sich das Phänomen erklären, vielleicht sogar entschuldigen. (Denn nach beigelegtem Streit will nicht der Dolmetscher wegen angeblich falscher Übertragung Anlass der Auseinandersetzung gewesen sein).

Dennoch: beim Filmdolmetschen ist eben dieses Vorgehen falsch, denn der künstlerische Ausdruck steht im Vordergrund ... und die Treue der Übersetzung. Daher ist es wichtig, mit der originalsprachlichen Fassung des Filmes zu arbeiten, denn "vom Blatt" unter Zuhilfenahme von Untertiteln zu dolmetschen, die ja schon eine Übersetzung sind, programmiert Fehler und Ungenauigkeiten.

Wie der deutsche Untertitel “geht schnell” als Ausgangstext einer Verdolmetschung zu anderen Ergebnissen führen würde als der Rückgriff auf das originalsprachliche no big deal, zeigt das Bild, das aus dem Film “Ballast” von Lance Hammer stammt, der 2008 im Berlinale-Wettbewerb lief. Im Zeitalter der Raubkopierer liegt hier die Krux: Oft erhalten wir heute keine DVD zur Vorbereitung mehr ausgehändigt.

So ist Schnelligkeit nötig — und Filme, die Pausen lassen, sind klar im Vorteil: Nur so bleibt Zeit für Notizen. Zurück zum Filmdialog: Isst Du mit? - Hier wäre auch un petit truc oder une petite bricole möglich gewesen, "'ne Kleinigkeit" eben ... sich auf den Zeitgedanken zu verlassen, den der deutsche Untertitel einbringt, hätte zu einer kleinen Sinnverschiebung geführt.

Einige Filmminuten später fand ich in den deutschen Untertiteln: "Was soll das, Mensch?" In der Vorbereitung hatte ich die Zeile unterkringelt, weil die Worte offenbar in einem Streit fallen und je nachdem, was derjenige, der angesprochen wird, gerade macht, unterschiedlich übersetzt werden müssen. Beim "Probedurchlauf", der Pressekonferenz, schreibe ich mir den ausgangssprachlichen Satz auf: What the fuck are you doin'? Und "finde" spontan als Übersetzung Qu'est-ce que tu fous là ?! Die Bilder danach sind wieder ohne Dialog, so dass mir Zeit bleibt, alles zu notieren. Bei der Galavorführung am Abend merke ich, die Lösung stimmt, nur im Deutschen ist das Sprachniveau nicht ganz getroffen.

Details von Sequenz und narrativem Kontext habe ich heute, ein Vierteljahr später, vergessen. Vorbereitung ohne Sichtungs-DVD ist eben nicht so effizient wie mit. Die Pressevorführung dürfte eigentlich nicht der Probedurchlauf sein, bei dem wir Dolmetscher die Filme selbst zum ersten Mal sehen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mittwoch, 2. Juli 2008

Wer lesen kann ist schwer im Vorteil

Eine kleine Schnurre aus dem Alltag einer Simultandolmetscherin, Ergebnis meiner alltäglichen Introspektion (oder auch: Innenschau) auf der Suche nach Themen für den Weblog.

Auf dem Weg ins Kino nehme ich Altglas mit, habe das Handy in der Tasche und keine Zeit zu verlieren, wenn ich pünktlich sein will. Als ich auf der Treppe bin, ruft eine Freundin aus Paris an. Ich entschuldige mich beim Telefonieren für die Begleitgeräusche (die Tonnen wurden vor nicht allzu langer Zeit geleert, bei einer schlägt Glas auf Glas, bei der anderen Glas auf Plastik).

Wir verabreden uns für später, ich mache das Fahrrad los. Als ich das Rad an den Mülltonnen vorbeischiebe, höre ich Frau B. murmeln: "Da hat schon wieder jemand sein Glas falsch eingeworfen!" Ich unterbreche meinen Weg und prüfe. Nun, Sie können sich denken, wer das war. Im Gespräch auf Französisch, bei dem keine berufliche Übersetzungnotwendigkeit bestand, hatte ich, sagen wir mal, nur auf Primärreize reagiert :-)

So viel zum Thema 'mehrerlei gleichzeitig machen'. Tja, siehe Titel ...

Dienstag, 1. Juli 2008

"Schreiben Sie Steno?"

... diese Frage höre ich auf jedem Festival mindestens ein Mal. Die Antwort ist rasch gegeben: Nein.

In der Dolmetscherausbildung lernen wir eine spezielle Notizentechnik, die aus vielen kleinen Symbolen und Abkürzungen besteht. Letztendlich bleibt es aber jeder und jedem von uns überlassen, wie viel oder wenig auf dem Block landet. Bei mir eher mehr. Und oft gar nicht so, wie es gelehrt wird. Dafür halte ich den Block beim Sprechen häufig von mir weg, dass ich durchaus draufsehen könnte - es aber nur manchmal muss.

Letzten Sonntag schaute Regisseur Vincent Dietschy, Gast der 8. französischen Filmwoche in Berlin, beim Filmgespräch immer neugieriger in meine Notizen, griff dann nach dem Papier und hielt es für mich. Er sah:

I (je/moi ... suis) attaché au mvt - Ich bin der Bewegung verpflichtet, sie ist mir besonders wichtig.
Unterscheidung Kino || TV
Bewegung im Kino: 1. Anfang, 2. Mitte, 3. Ende, so arbeiten dann bei allen Etappen alle - Drehbuch | Schauspieler (Proben) | Dreh

Didine (die Protagonistin mit ihrem peinlichen Spitznamen) ist ohne Alexandrine (die reife Frau, zu der sie am Ende wird) nicht denkbar. (In Klammern: Das wurde vorher im Publikumsgespräch herausgearbeitet.) Ohne Tiefe wäre sie nicht vollständig.

Im TV sind die Körper (der Filmfiguren) meist ohne eigene Bewegung (dramaturgique = hier: narrativ, in der Filmerzählung). Bei den ersten Folgen einer Serie ist das noch anders, Figuren, Plots und Dialoge sind noch "OK" (spannend, tief, entwickelt, ...), mit der Zeit werden sie flacher, die Handlung schlichter, die Figuren folgen einem nach den ersten Episoden entwickelten Persönlichkeitsschema, das danach nur noch reproduziert wird, Ergebnis: das Ganze verliert immer mehr an Lebendigkeit (est de moins en moins vivant). Dass hier kein Missverständnis aufkommt: Ich liebe das Fernsehen, aber es ist eben ein völlig eigenes (anderes = différent) Genre. Bei einem TV-Film wäre meine Protagonistin Alexandrine nicht die Hauptfigur, sondern nur eine Randfigur gewesen.

P.S.: Die Ortographie leidet hier immer, cérie mit "c" ist die schiere Lautmalerei. Ich notiere in der Zielsprache, außer, der Hinterkopf muss noch suchen, um genauer zu werden. Zweideutigkeiten versuche ich auch zu markieren bzw. ich schreibe die jeweilige Variante separat (Beispiel: narr., denn dramat. hätte dramatique oder dramaturgique bedeuten können.)