Montag, 31. Oktober 2016

Bringen Sie eine Uhr mit!

Hier schreibt und denkt eine Übersetzerin und Dolmetscherin, derzeit in Berlin. Ich arbeite aber auch in Paris, Brüssel, München, Hannover und dort, wo Sie mich brauchen.

Junger Mann mit großer Küchenuhr in der Hand.
Uhr auf dem Kopf
Berlin, Landesprüfungsamt. 1. Prüfungstag für die staatliche Prüfung für Übersetzer. Wir sind siebzehn, die an diesem Tag sich dem ersten Teil des Prü­fungs­ma­ra­thons stellen.

In der Einladung standen ziemlich streng drei Dinge: Bringen Sie einen schwarzen Kugelschreiber mit, keine Hilfsmittel sind zugelassen (die letzten Prüfungen habe ich immer mit einsprachigen Wör­ter­bü­chern schreiben dürfen) und bringen Sie eine Uhr mit.

Heute haben alle Mobiltelefone mit in­te­grier­ter Uhr. Einer der Prüflinge hat die Bitte aus dem Brief wörtlich genommen.

Ich setze mich der Prüfung aus (zwei Tage schriftlich, zwei Hausarbeiten, münd­li­che Prüfungen), damit ich einige der Geflüchteten, die ich betreue, auch bei ad­mi­nis­tra­ti­ven Gängen offiziell betreuen darf. Eigentlich habe ich Abschlüsse, die die­se Etappe beinhalten, sie stammen aber aus Frankreich und die Anerkennung ist nicht automatisch gegeben. Welcome to Europe! Die Sache bis zur letzten Instanz durchzuklagen wäre teurer, als die Prüfungen einfach nochmal zu machen.

Während ich da sitze und schreibe, stelle ich mir trotzdem viele Fragen. Wie nah soll ich dran sein am Original? Wie weit weg darf ich sein? Ich tendiere nor­ma­ler­wei­se immer zum "recht weit weg". Manche Übersetzung, die ich erarbeite, ist mehr ein Re-writing, und wenn ich für Arte Texte übertrage, wird das Ergebnis in der Regel nochmal nach journalistischen Kriterien weiterbearbeitet. Mal sehen, ob ich bestanden habe.

Vokabelnotiz
Wanduhr — horloge
Armbanduhr — montre-bracelet
Uhr/Stunde — heure
Uhr mit Pendel — pendule
Uhr — chrono (fam)

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Foto: C.E.

Sonntag, 30. Oktober 2016

Himmelblau

Bon­jour, hello, guten Tag! Hier bloggt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und -über­set­ze­rin. (Ich übersetze auch aus dem Englischen.) Der siebente Tag gehört dem Sonntagsfoto.

Seit bald zwanzig Jahren lebe ich (mit vielen Unterbrechungen) am Ufer des Land­wehr­ka­nals. Es ist der Ort, an dem ich am längsten in meinem Leben gewohnt ha­be. Und wer das Glück hat, an einem Ufer zu wohnen, eilt jeden Morgen zum Was­ser und sieht nach, welche Farbe es hat (bei mir reicht zum Glück ein Blick aus dem Fenster). Wir kennen tausende Beschreibungen, um die Nuancen wie­der­zu­ge­ben, ähnlich der Inuit mit den Beschreibungen des Schnees, aber wir verraten sie nicht. Wir sind die Priesterinnen und Priester der Wasserbenennung, eine streng geheime Kaste.

Und als zweites schauen wir in den Himmel.


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Foto: C.E.

Freitag, 28. Oktober 2016

Typischer Tagesablauf ohne Konferenz

Gelegentlich protokolliere ich meine Arbeitstage, hier, was gestern los war. Be­zahl­te Stun­den: Eine, es ging um Belgien, CETA-Sache. Dazu zwei Stunden Lek­to­rat: Zeit­tausch für unfinanzierte Bildungsprojekte. Das Abend­in­ter­view mit einer mau­re­ta­ni­schen Musikerin für ein kleines Radio war Pro bono. Mancher öf­fent­lich-recht­li­cher Sender interviewt die Leute immer öfter auf |Eng­lisch| Glo­bish, oder aber er bietet einem den grandiosen Betrag von 100 Euro je Einsatz an. Ach, Leu­te, ihr wohnt sicher alle gratis! Dann arbeite ich lieber aus Spaß an der Freud' für Pro­jek­te, die wirklich kein Geld haben.

8.15 bis 10.00 Uhr: Zeitungen lesen, die eine oder andere aktuelle Vokabel no­tie­ren und Umfeld recherchieren;
10.05 bis 10.30 Uhr: Korrespondenz mit Auftraggebern und Kollegen
10.30 bis 12.30 Uhr: Korrekturlesen für eine Kollegin, dazu Tee und ein Croissant
12.30 bis 13.30 Uhr: Übersetzung/Dolmetschen von Aktuellem für eine deutsche Redaktion (Ceta, Belgien)
14.00 bis 15.00 Uhr: Coachinggespräch mit Übersetzungskunden (pro bono) beim Essen
15.00 bis 15.30 Uhr: Eigene Übersetzungen auszählen, zwei Rechnungen schreiben;
15.30 bis 16.45 Uhr: Angebot schreiben
15.45 bis 16.15 Uhr: Powernapping
16.15 bis 16.30 Uhr: Tee kochen, Blick in die Wochenzeitung
16.30 bis 17.30 Uhr: Vorbereitung eines Interview-Dolmetschtermins
17.30 bis 17.50 Uhr: Fußweg zum Arbeitsort, 1,9 km, 20 Minuten

Musikerin und Dolmetscherin
Noura Mint Seymali (RM) und Caroline Elias
18.00 bis 19.15 Uhr: Warten, dann im Backstagebereich Interview mit der mau­re­ta­ni­schen Musikerin Noura Mint Seymali dolmetschen für www.grooove-station.net, anschließend mit dem Rad nach Hause, das noch vorm Vortag ei­ni­ger­ma­ßen in der Nähe des Lido Berlin geparkt war
19.30 bis 20.00 Uhr: Po­wer­nap­ping, die Zweite

20.00 bis 21.15 Uhr: Abendessen, anschließend Weggehen mit dem kleinen Bruder

Résumé: Ich bin zu wenig zu Fuß gegangen, anders als am Vortag, wo ich vom Cen­tre Français de Wedding mit einem französischen Bekannten bis zur Linienstraße (Mitte) gewandert bin, mit Umwegen ca. sieben Kilometer.

Hier noch ein Eindruck vom Konzert in Berlin:


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Foto und Film: Thomas B. Stoye

Dienstag, 25. Oktober 2016

Jungbrunnen, der

Zufällig oder geplant, sind Sie hier auf Seiten eines digitalen Tagebuchs aus der Ar­beits­welt gelandet. Ich bin Dolmetscherin für die französische Sprache (und aus dem Eng­li­schen) und berichte aus dem Alltag.

Meine Intro streiche ich, sie ist unfair, gemein und politisch unkorrekt. Ich deute an. Das muss reichen.

Dr. Seb. Eisenbart empfiehlt seine HEILANSTALT zur  Entwöhnung von Mrorphium, Alkohol, chronischer Kunstmalerei und gewohnheitsmässiger Lyrik. Eigene Abtheilung für Damen!
In der Abtheilung steckt die Heilung schon drin ...
In meiner Familie wurde  zu­fäl­lig vor Jahr­zehn­ten ein Lebendversuch ge­star­tet, wie die gleichen Gene auf in­dus­tri­ell produzierte Le­bens­mit­tel, Alkohol und Tabak in ge­sell­schaft­lich anerkannten Mengen reagieren — und sich wie meine etwa 70 % Na­tur­krau­te­rei aus­wirkt.

Die fehlenden 30 % gehen aufs Konto von Dienstreisen, Freundes- und Res­tau­rant­be­su­chen, ungesunden, aber nicht minder genossenen "Fehltritten". Ich bin eine unorthodoxe |Ökoschlampe| ... Wort ist gestrichen, mir fällt nichts Besseres ein.

Wein: Ein Gläschen zum Abendessen, nicht immer, aber gerne, meistens rot, im Sommer lieber weiß. Sonstige Drogen: Lyrik, Bücher, Zeitungen, Kino, Konzerte, gute Gespräche, bei freud­vol­lem Lernen und Kreativität werden dieselben Hirn­re­gio­nen aktiv wie beim Drogenkonsum. Mein Körper weiß nicht mehr, was Zigaretten sind, seit ich als Kind von Eltern zu­ge­qualmt worden bin, lei­der auch im Auto, man wusste es damals |nicht| erst lang­sam besser. Mit der Er­kennt­nis­zu­nah­me nahm der dicke Rauch ab. Freiwillig hab ich nie einen Glimm­stän­gel ge­raucht.

Ernährung: Wenig bis nie Fleisch, ab und zu Fisch, viel ungespritztes Obst und Ge­mü­se direkt vom Bauernhof, Rohsäfte, Wildkräutersalat, abends meistens keine Koh­le­hy­dr­ate mehr, drei Tage in der Woche intermittierendes Fasten (16 bis 18 Stunden lang, dann zwei Mahlzeiten). Schlaf: Gut, stabil, ausreichend, ge­nuss­voll, ca. drei Mal die Woche ein kurzer Mittagsschlaf. Bewegung: Jeden Tag min­des­tens eine Stunde, zweimal die Woche auspowern. Stehpult (30 % der Arbeitszeit). Fa­mi­lie/Freunde/Bekannte: vorhanden. Natur/Freizeit/Hobbies: re­gel­mä­ßig, krea­tiv ... plus soziales En­ga­ge­ment. Beruf: Traumberuf mit gutem Stress, meis­tens, viel Flow und Ge­braucht­wer­den, dazwischen Ruhephasen.

Inzwischen kokettiere ich mit meinem Alter, das mir ohnehin niemand mehr ab­nimmt. Ich begrüße jede Falte, weil sie zum sich durchaus ändernden Le­bens­ge­fühl passt. Neulich hab ich zwei Klassentreffen (*) geschwänzt (Schul­wech­sel für den Fran­zö­sisch-LK macht's möglich). Danach gab's Fotos. Ich hätte nur zwei oder drei je Klasse wie­der­er­kannt. Die mich wohl alle. Manchmal frage ich, wo denn mein Doris Gray-Portrait hängen möge. Dann sende ich den Gedanken wieder auf die Reise.

OK, ich geb's zu, ich schummele. Ich lebe parallel in zwei Sprachen und Welten, eigentlich sogar in 2,5. Das verändert das Altern auch, jedenfalls, was Lern- und Re­ak­tions­ver­mö­gen angeht.


(*) ... mitten in der Kongresssaison!
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Foto: "Die Jugend" (1899)

Montag, 24. Oktober 2016

Chocolatine, la

Bon­jour, gu­ten Tag! Was uns Sprach­ar­bei­ter so um­treibt, ist seit mehr als neun Jah­ren Ge­gen­stand die­ses Blogs. Ich bin Dolmetscherin und Übersetzerin, al­ler­dings nur in Ausnahmefällen von amtlichen Dokumenten!, und ar­bei­te mit den Sprachen Französisch und Englisch. Heute schauen wir nach Paris.
 
Wir wissen nicht, was Herr C. heute Morgen gefrühstückt hat. Wir wissen nur, dass in Frankreich der Brotpreis wiederholt der Funken war, der die Lunte entfacht hat. Daher war er auch bis vor einigen Jahrzehnten staatlich festgelegt.

Pain au chocolat, 0,90 Euro
Preis von 2011 (Blois)
Jean-François Copé sitzt am Mon­tag­­mor­gen im schicken Anzug im Studio des Ra­dio­pro­gramms Europe 1 und wird nach dem Preis eines Pain au chocolat gefragt, das sind diese Dinger, die auf Deutsch oft fälsch­li­cher­wei­se "Scho­ko­crois­sant" genannt werden, obwohl sie nichts von einem Croissant (Halbmond) haben (siehe: Die Geschichte des Croissants).

Copé zählt derzeit zu den Bewerbern um die Position des fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten.

Die erfrischend ehrliche Antwort des Konservativen war: Je ne sais pas, ich weiß es nicht. Und dann macht er einen riesigen Fehler, als der Mann aus gutem Hause, 50 something, mit der langsam hochwachsenden Stirn weiterspricht: Aux alentours de 10 ou 15 centimes,  ca. zehn bis 15 Centimes.

Vermutlich sollte ihm mal jemand zuflüstern, dass wir heute den Euro in der Ta­sche haben, der sich in kleinteiliger Form Cent nennt. OK, geschenkt, Nostalgiker und alte Menschen ab 39, also so Leute wie ich und mein großer Bruder, bleiben gerne bei Centimes und sagen dann eben Centimes d'Euro, was auch als Euro-Hun­derts­tel gelesen werden kann. (In meinen Rechnungen schreibe ich das so.)

Der Abgeordnete Copé, der auch Bürgermeister von Meaux (Seine-et-Marne) ist, ich habe dort vor längerer Zeit mal für Arte in den Vorstadtsiedlungen als Second-Unit-Regisseurin gedreht, meinte auf den Hinweis, dass derlei einen Euro bis 1,20 oder 1,30 kostet: Je ne vais pas en acheter souvent, c’est un peu calorique. Ich kaufe derlei nicht oft, ist ziemlich kalorienhaltig.

Frankreich hat jetzt einen neuen Sport. Preisfragen werden getwittert, die aus­se­hen wie Schulaufgaben. Frage an Herrn C.: "Wie hoch ist der Mindestlohn in Frank­reich?" 1000 Euro, "richtige Antwort!" "Was kostet die U-Bahn-Fahrt in Paris?" 1,80 Euro (durchschnittlich), dazu das Lob: "Sehr gut herausgefunden".

Andere fragen: "Was kostet zehn oder 15 Cent?" Das wird dann fotografiert und geht als Nachhilfe an Politiker, die Franzosen können so großzügig sein. Ein Bon­bon, ja. Ein Päckchen Lakritz, nein. Eine Schrau­be ja, eine Zigarette nein, dafür ein Päckchen Streichhölzer, um diese anzuzünden. Eine 10-Cent-Briefmarke, die Postkarte liegt allerdings bei einem Euro aufwärts, und um die Karte in den Post­kas­ten zu tun, fehlen auch noch einige Centimes. Andere fotografieren ihr Früh­stück und schreiben den Preis daneben.

Copé war drei Jahre lang beigeordneter Minister für den Haushalt (ministre dé­lé­gué au budget).

J'avoue être très soucieux de ma ligne ... Donc pour dire vrai j'ai arrêté les "chocolatines" depuis longtemps !
Ich gebe zu, stark auf meine Figur zu achten. Um ehrlich
zu sein, esse ich seit langem keine "Chocolatines" mehr.
Außerdem ist er bekannt für dubiose Par­tei­en­fi­nan­zie­rungs­sa­chen, wegen denen er mal zu­rück­ge­tre­ten ist. Nein, Marie-Antoinette hat nicht gesagt: "Wenn das Volk kein Brot hat, so soll es Pain au chocolat zu zehn Centimes essen."

Und Copé hat auch nicht gesagt: "Wenn die Menschen sich kein Obst leisten können, sollen sie halt Kuchen essen."

Im Südwesten Frankreichs heißen die Dinger übrigens Chocolatine. Klingt gleich viel kleiner. Und der Mann wird recht haben. In irgendeinem Hypermarché findet sich sicher ein Beutel mit vielen, kleinen industriell gefertigten Chocolatinechen an, voller Geschmacksverstärker, Palmöl und garantiert nicht mit cho­les­te­rin­trie­fen­der Butter gefertigt, die einzeln 15 Cent kosten. Aber gelten die in einem Land, das so viel Wert aufs Essen legt?

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Foto: C.E. / Twitter

Freitag, 21. Oktober 2016

Butterfresse

Bon­jour, hello, guten Tag! Hier notiert ei­ne Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und -über­set­ze­rin kleine Randbemerkungen aus dem sprachbetonten Alltag. (Ich übersetze auch aus dem Englischen.)

Neulich im Kiez, als die Schriftstellerdichte, die gerade bei der Buchmesse in Frank­furt (Main) erhöht ist, aus anderen Gründen in Berlin erhöht war. Ich zeige einem berühmten Schriftsteller mein Viertel. Er möchte wissen, wie wir in Berlin leben, einen dreiviertel Tag lang streifen wir also durch mein "Dorf". Gehen banale Wege ab, Schule, Kirche, Kantine, Wochenmarkt, Eckkneipe, Kaufhaus, Post. Sitzen auf der Bank, beobachten Passanten. Bummeln durch das Viertel.

Eine Vollverschleierte, eine Elegante, Arm in Arm (und unscharf)
Andere Passantinnen im Kiez
Eine Zeitlang gehen wir hinter einer ele­gan­ten jungen Dame her. Er fängt an, mir frei erfunden die Geschichte dieser Person zu er­zäh­len. Es wird sehr drollig. An der Ampel stehen wir kurz hinter ihr. Da wird sie von einem Bekannten angesprochen, aus der Ferne angerufen, "He, Carlita!" Den Na­men kenne ich von der Gattin eines fran­zö­si­schen Ex-Präsidenten.
Besagte Passantin dreht ich um und starrt uns mit einen Gesicht an, das in bösem Gegensatz zu dem Eindruck steht, den sie uns bislang vermittelt hat. Auch hier hat sich offenbar ein Schönheitschirurg aus­ge­tobt. Sie sieht aus wie das er­wach­se­ne Kind von Michael Jackson und Frau Dr. Bo­tox. (Hier ein anderer Beitrag zum The­ma.)

Als wir einige Distanzmeter zwischen ihr und uns eingelegt haben und nach einigen Schrecksekunden sprudelt mein Gast weiter. Er kommentiert das Gesehene trocken mit "von hinten Lyzeum, von vorne Museum".  Seine Frau, sie stammt aus den USA, er­gänzt meinen Sprachschatz um das Wörtchen butterface  ...  but her face ..., hübsche Erscheinung, aber ihr Gesicht ... Die anderen Witze, die hier jetzt folgen, sind politisch unkorrekt und beziehen sich auf die Verwendung von Textilien, um äußerliche Makel zu kaschieren und sich dabei vielleicht sogar den Anschein re­li­giö­ser Tugend zu geben ...

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Foto: C.E.

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Gehaltsspreizung, die

In ei­nen Blog aus der Ar­beits­welt sind Sie he­rein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Hier hinterlässt eine Dolmetscherin ihre Rand­be­mer­kun­gen aus einem sprachbetonten Arbeitsalltag. Heute: Wörterbuch des Alltags, mein Vokabellernen im Kontext.

Vor vielen Jahren, es war kurz nach dem Börsenkrach, habe ich mal einen Banker im Ruhestand gedolmetscht, der mir in der Mittagspause ganz klar gesagt hat, was er von der Ent­wick­lung des Finanzsystems und der Gehälter hält: gar nichts.

Alte Kasse
Zahlen, bitte!
Im Gegenteil. In den 50er, 60er Jahren wäre eine Firma kreditunwürdig gewesen, wenn die Gehaltsspreizung bei über Faktor 20 oder 30 gelegen hätte. Ich schrieb mir damals das Wort Ge­halts­sprei­zung auf, wie ich alles Neue notiere, er präzisierte: „Wenn die Managervergütung mehr als das 30fache der un­ters­ten Gehaltsgruppe in der gleichen Firma aus­macht.“

"Damals hätten wir gedacht, der Manager würde nur auf kurzfristige Effekte setzen und hätte vor, seine Stelle unter Mitnahme möglichst hoher Sondervergütungen schnell wieder zu verlassen."

Damit hat er ziemlich genau den heutigen Status Quo beschrieben. Wie es dazu gekommen sei, will ich wissen, dass das NO GO zum überall propagierten Modell geworden zu sein scheint?

"Ach, gutes Kind", meinte er in altväterlicher Manier, "es waren ja selten die hells­ten Kerzen auf dem Kuchen, die VWL und BWL studiert haben, mancher ist ein autistisches Zahlengenie, die meisten sind allerdings nur unterer Durchschnitt. In der Schule kamen sie bei den Mädchen nicht gut an ... " erzählte er, und ich habe einfach nur zugehört.

"Das sind Menschen, deren seelisch kriegsverstümmelte Eltern sie darauf getrimmt haben, dass Geld aufhäufen eine Tugend sei und dass alles optimiert werden müs­se ..." Ich schwieg. Ich wollte nicht nachfragen, weil mir nicht klar war, in wieweit diese Er­kennt­nis auch ein Lebensgeständnis war.

Nach einer kurzen Pause legte er nach: "Und dann ist noch viel Rache dabei ... die hellsten Köpfe und die schönsten und klügsten Frauen haben ja Philosophie, Li­te­ra­tur, Kunst und Sprachen studiert ... und wurden damit noch weniger er­reich­bar. Und genau die fehlen heute in der Wirtschaft!"

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Foto: C.E. (Archiv)

Sonntag, 16. Oktober 2016

Beschaulichkeit

Bon­jour, gu­ten Tag! Was uns Sprach­ar­bei­ter so um­treibt, ist seit mehr als neun Jah­ren Ge­gen­stand die­ses Blogs. Ich bin Dolmetscherin und Übersetzerin, al­ler­dings nicht für amtliche Dokumente!, und ar­bei­te mit den Sprachen Französisch und Englisch.

In Balkonien
Wer die ganze Woche durch ferne Ge­dan­ken­wel­ten reist, freut sich abends und am Wochenende über Beschaulichkeit und Fa­mi­lie, echte oder angeliebte. Wir leben dann ein Dorfleben in der Großstadt, gärt­nern, lesen, gehen spazieren, ins Mu­se­um oder ins Theater.

Ausgleich ist wichtig! Ohne Ruhezeiten wären unsere Leistungen nicht möglich. Ein Plädoyer für den gepflegten Mü­ßig­gang, für Beschaulichkeit, gutes Essen und auch für Langweile, die eine Vor­aus­set­zung für Kreativität ist.

Sonntagsbilder!

Die Autorin dieser Zeilen plus zwei Angehörige, die nicht abgebildet werden möchten
In der Küche (die Autorin dieser Zeilen plus "Abwesende")
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Fotos: C.E.

Samstag, 15. Oktober 2016

Kabine ohne Wände

Hello, bonjour, guten Tag! Hier hinterlässt eine Dolmetscherin ihre Rand­be­mer­kun­gen aus dem sprachbetonten Arbeitsalltag. Meine Arbeitssprachen sind Fran­zö­sisch, Deutsch (beides sehr aktiv) und Englisch (nur Ausgangssprache). Heute stel­le ich einen Arbeitsplatz vor. Die Links der Woche verschieben sich auf Mon­tag.

In anderen Gedankenwelten
Samstagsarbeit: In eine Wo­che mit Voll­zah­ler­kun­den passt noch ein Soli-Samstag rein. Ich liebe etliche Vereine und Initiativen, die sich aus der Diaspora nähren oder von Aktiven selbst ver­an­stal­tet werden, die sich um Ge­flüch­te­te und die Integration von geo­po­li­tisch, wirt­schaft­lich und kul­tu­rell be­nach­tei­lig­ten Menschen kümmern. Kurz: Es geht um nichts Geringeres als den Weltfrieden.

Bei solchen Veranstaltungen lernen wir am meisten. Leider kann ich mir kaum No­ti­zen machen über die Dinge, die ich mich oft wundere, dolmetschen zu dürfen. (Ich warte auf die Aufzeichnungen, die zum Teil gemacht worden sind.) Meine neu­ro­na­len Verschaltungen werden also immer wieder durchgeschüttelt. Manch­mal muss ich ein wenig länger warten, bevor ich weiterdolmetsche, um mir wirk­lich sicher zu sein, dass das, was ich hier höre, auch wirklich gemeint ist. (Warten, die Dritte in dieser Woche. Zur Eins und zur Zwei über den Klicks aufs Wort.)

Auch die Augen dürfen sich umgewöhnen. Hier dominieren nämlich nicht die äl­te­ren Studienrätinnen und Hausfrauen sowie junges prekäres Bildungsbürgertum auf Perspektivsuche, sondern Zuwanderer neueren oder älteren Datums und Gäste aus anderen Ländern. Und auch diese Differenzierung ist schon wieder falsch. Wir sind alle Zuwanderer. In der Perspektive der Weltgeschichte betrachtet, macht es kei­nen Unterschied, in welchem Jahrhundert oder Jahrtausend die eigenen Gene in der Region des eigenen Aufenthalts angekommen sind.

Es geht um Themen wie Demokratie- und Bildungsförderung in Afrika, um Sen­si­bi­li­sie­rung der westlichen Zivilgesellschaften, angefangen bei den Medien, um globale Handelsströme und Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen.

Im Publikum
Arbeitssituation: Wir sitzen in einer Kabine ohne schalldichte Wände und nutzen ein Pult, das noch wunderbar funktioniert, dessen nächste Station aber das Tech­nik­mu­seum sein dürfte.

Ab und zu gibt ein Kopfhörer seinen Geist auf. Zwei Zuhörerinnen setzen sich im Lau­fe des Studientags direkt zu uns. Wir tau­schen freundliche Blicke, die Zu­hö­rer möchten uns nicht brüskieren, wollen nicht stören. Wir antworten gestisch, da­mit das Dolmeschoutput nicht be­ein­träch­tigt wird. Am Ende ver­ab­schie­den wir uns mit Handschlag von­ein­an­der. Auch so geht Kundenbindung.


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Fotos: C.E.

Freitag, 14. Oktober 2016

Ich warte (weiter)

Hello, bonjour, guten Tag! Hier hinterlässt eine Dolmetscherin ihre Rand­be­mer­kun­gen aus dem sprachbetonten Arbeitsalltag. Meine Arbeitssprachen sind Fran­zö­sich, Deutsch (beides sehr aktiv) und Englisch (nur Ausgangssprache). Ich arbeite in Paris, Berlin, München, Marseille und überall dort, wo Sie mich brauchen.

In der ersten Reihe
Ich hab's gewagt! Ich habe ei­nen der klassischen  Dol­met­scher­wit­ze untergebracht, um eine Situation  aufzutauen.

Wir sind in einem Kon­gress­zent­rum oder Hotel oder Grün­der­zent­rum, eine junge Frau, die erst seit einigen Jahren berufstätig ist, hält einen hochkomplexen Vor­trag, der ihr erster ver­dol­metsch­ter Vortrag ist.

Ich bin als einzige Dolmetscherin gebucht und sitze, da wir gleich zu Be­triebs­be­sich­ti­gun­gen aufbrechen werden, mit einer mobilen Anlage (ohne Kabine drum­he­rum) seitlich am Podium.

Die Vortragende gliedert ihre Präsentation in zwei Einheiten zu je 20 Minuten, zwischendurch gibt es kurze Kaffeepausen, eine Frage- und Antwortrunde sowie einen untertitelten Film, so dass das müde Dolmetschhirn immer wieder zu seinen Pausen kommt. Die Delegationsgruppe aus Ingenieurinnen, Stadtverordneten, Tech­nik­dienst­leis­te­rin­nen und Politikern kenne ich noch nicht, wir treffen gleich­zei­tig am Austragungsort ein. Die Stimmung ist leicht angespannt, denn das Team war infolge erhöhter Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen mit großer Verspätung gestartet, in zwei Flugzeugen statt wie geplant in einem.

Die junge Rednerin legt los, sie spricht wie gedruckt und liest zum Teil ab, hat ihre Präsentationen großenteils auswendig gelernt und verbindet grammatikalische Ver­schach­te­lun­gen mit verbalen MG-Salven. Noch dazu handelt es sich um einen sehr komplexen Stoff, es geht um Klimatechnik, Energieeinsparung, Elektromobilität und Fragen der Niedrigenergiearchitektur.

Einmal reiht sie so Nebensatz an Nebensatz, setzt immer wieder höchst akkurat ein Schäch­tel­chen in das nächste; ich höre staunend zu und ahne noch nicht, auf welches Verb das alles hinauslaufen soll, was der Sinn ihrer beeindruckenden Kons­truk­tio­n sein wird. Ich sitze also da und lausche. Warten scheint neuerdings zu den Kernaufgaben des Metiers zu gehören. In den hinteren Reihen beginnen die ersten, an ih­ren Empfangsgeräten zu drehen, um zu prüfen, ob sie noch funktionieren. In der mittleren Reihe schauen die ersten in meine Richtung, und aus der allerersten Reihe spricht mich, die ich neben der Leinwand sitze, die Veranstalterin an und fragt auf Französisch: „Haben Sie ein Problem?"

Ich lächele bittersüß und zucke ein wenig zu komödiantisch mit den Achseln. Dann sage ich: "Ich warte auf das Verb!" Noch eine leicht entschuldigende Geste nach vor­ne, Richtung Rednerin, alle lachen, die Vortragende auch. Die junge Frau hat Hu­mor, was ich beim Kennenlernen schon feststellen dufte, sonst hätte ich mich das nicht getraut. Die Sache geht gut aus: Das Eis ist gebrochen, und auch das Publikum ist von da ab viel ent­spann­ter.

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Foto: C.E. (eine andere Rednerin)

Donnerstag, 13. Oktober 2016

Am Telefon

In ei­nen Blog aus der Ar­beits­welt sind Sie he­rein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Hier schreibe ich über die manchmal sehr vielseitigen Momente meines sprachbetonten Alltags.

altes Wandtelefon
Im Wartestand
Kuriose Einsätze, ein kurzer Nachtrag: Romeo und Julia live. Ein Siebzehnjähriger entführt eine Sechzehnjährige, die jun­gen Leu­te ha­ben sich in den gro­ßen Som­mer­fe­rien ken­nen­ge­lernt, ihre beiden Fa­mi­li­en stammen aus fran­zö­sisch­spra­chi­gen Län­­dern, le­ben in Deutsch­land bzw. Frank­reich, die Reise nach Berlin erfolgte mit einer Billig-Airline zum Ta­schen­geld­preis. Das Le­ben als Dol­met­sche­rin kann ganz schön stressig sein. — Kontaktiert hat mich die Polizei. Der Auf­trag wird zum Ge­dulds­spiel. Ich bin die Dritte im Team, wir sitzen im Acht­stun­den­be­trieb in der Te­le­fon­über­wa­chung. Ich fühle mich wie im Kri­mi, den ich in den Wartezeiten an den zweieinhalb Tagen über­set­ze.

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Foto: C.E. (Archiv)

Mittwoch, 12. Oktober 2016

POV XI: Italienische Dusche

Hallo und gu­ten Tag! Hier bloggt eine Dol­met­scher­in und Über­setzerin. Weiter geht's mit der Reihe POV, Point of view. Das ist der nur knapp kommentierte sub­jek­ti­ve Blick aus der Spracharbeit und dem, was damit zusammenhängt.

Im Vielsternehotel: Gute Betten, Schreibtisch, Gratis-Internet, gute Luft, ruhige Lage, echte Kleiderbügel, alles schick.
 
Im Designerbad
Aber als ich meine Kleidung im Bad über die Wanne oder die Duschtasse hängen möchte, damit dank heißen Wassers darin die Kofferfalten verschwinden mögen, bin ich Opfer des schicken Designs: Im Bad wartet eine italienische Dusche auf mich. In der könnte kein Kind gebadet werden (ich er­in­ne­re mich an schöne Reisen mit dem weltbesten Patensohn, als dieser noch klein war), und für Leinenrock und Sei­den­blu­se hilft sie auch nicht weiter.

Die Reihenfolge, in der ich die Kleidung trage, wird einfach geändert. Alles muss ich einmal kurz nass machen, dann geht's auch schon in die Kabine im hoteleigenen Kon­gress­be­reich.

Die von der Reise geknitterte Jacke darf kurz über das Waschbecken, das einen Stöpsel hat ... Alles halb so schlimm, Improvisation ist alles, inner- und außerhalb der Dol­met­scher­ka­bi­ne. Und das alles nur, weil ich keine kofferfreundliche Plas­tik­kla­mot­ten mag.

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Foto: C.E.

Dienstag, 11. Oktober 2016

Auf dem Schreibtisch XXXVI

Herz­lich Will­kom­men auf den Blog­sei­ten einer Sprach­ar­beiterin. Hier den­ke ich regelmäßig über den All­tag der Welt der Kon­fe­renz­dol­metscher und Über­setzer nach. Meine Hauptarbeitssprache ist Französisch. Wir stecken derzeit mitten in der Saison ...

Detail aus dem Arbeitszimmer
Im Morgenlicht
... und auf dem Schreibtisch liegen:

⊗ Aktuelle Politik (wie immer)
⊗ Drehbuch
⊗ Webseite
⊗ Energiewirtschaft
⊗ Migration und Integration
⊗ Afrika
⊗ Korrespondenz für ein Filmfestival

Diese Themen beschäftigen mich als Übersetzerin und Dolmetscherin in Berlin, Paris und möglicherweise auch Brüssel.



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Foto: C.E. (Archiv)

Montag, 10. Oktober 2016

Museum der Wörter 14

Hallo, hier bloggt eine Dol­met­scher­in und Über­set­zer­in ohne Mar­ke­ting­schnick­schnack, Ge­schmacks­ver­stär­ker und Klein­ge­druck­tes. Heute ein kurzer Gastbeitrag von Heiner Elias.

Blick in die Vergangenheit: Eine "Gesellschaft" geben, das war eine Es­sens­ein­la­dung für Leute, die nicht zur Familie gezählt haben. Dazu ließ man eine "Kochfrau" kommen (die für eine größere Anzahl von Gästen gut kochen konnte). Man musste überlegen, welche "Tischdame" man welchem "Tischherrn" gibt, einer in­te­res­san­ten Konversation wegen. Während des Essens wurde ein "Toast" auf den "Lan­des­herrn" ausgebracht.

Altes Foto von ca. 1890
In guter Gesellschaft, dazu hier mehr
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Idee: H.F. / Foto: privat

Sonntag, 9. Oktober 2016

Sonntagsarbeit

Hier bloggt im zehn­ten Jahr ei­ne Dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin über den Be­rufs­all­tag. Der Sonntag ge­hört dem Sonn­tags­fo­to.

Gerade übersetze ich im Akkord Drehbücher und denke in den Pausen über schall­iso­lie­ren­de Wandelemente nach, auch um die Leistung meines Diktierprogramms zu ver­bes­sern.

Viele Korken mit unterschiedlichen Färbungen vom Wein
Natürlicher Schallschutz
Meistens finde ich das Material, das in den Sprecher- oder Dolmetschkabinen ver­wen­det wird, einfach nur sehr häss­lich.

Neulich habe ich auf Dienstreise das hier gesehen. Ich finde es höchst anregend in seiner grafischen Vielfalt. Viele Korken in einem schönen Bil­der­rah­men dürften die akustische Situation einer Ecke meines Arbeitszimmers deutlich ver­bes­sern.

Zum Glück kann ich in den zahl­rei­chen gas­tro­no­mi­schen Betrieben meiner Nach­bar­schaft nachfragen und muss nicht selbst zur Rohstoffgewinnung aktiv bei­tra­gen. (Aber ich darf es ein kleines bisschen … außerhalb meiner Einsätze.)

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Foto: C.E.

Freitag, 7. Oktober 2016

Im Aquarium

Hier schreibt und denkt eine Übersetzerin und Dolmetscherin, derzeit in Berlin. Ich arbeite aber auch in Paris, Brüssel, München, Hannover und dort, wo Sie mich brauchen.

Auf nomale Tische gestellte "Deckel" mit Seitenwänden und Plexiglas front
Transparent auf Tisch
Le bocal heißt Einmachglas, Glasbehälter oder Fischglas. Ein solches Gerät ist trans­pa­rent und steht auf dem Tisch. Wie der Trumm, in dem wir eben gedolmetscht ha­ben. Zwei halbe Tage lang ist so eine "Halbkabine" OK. Auf jeden Fall besser als Technik, die in der Flüs­ter­kis­te reist, einer mobilen Anlage, die gerne für De­le­ga­tions­rei­sen genutzt wird.

Eng ist es in der Halbkabine
Alles hübsch gestaffelt
Bei Werks- und Kunstbesichtigungen sind "Per­so­nen­füh­rungs­an­la­gen" prak­tisch.

Im Fischglas ist es vor allem eng. Rechner und Pult und Notizzettel müssen leicht versetzt hintereinander angeordnet wer­den. Notizzettel für die Kollegin in der Mitte? Kaum Platz. Wir jonglieren.
Ich müsste das mal recherchieren, aber ich kann mir vorstellen, dass die Schie­nen, in die die gepolsterten Trenn­wän­de eingehängt worden sind, normierten Grö­ßen aus der Veranstaltungstechnik ent­spre­chen, was die Kisten natürlich güns­ti­ger macht. In Sachen Transport und Aufbau macht ein Fischglas natürlich auch weniger Arbeit.


Ein Kaschterl je Sprache
Das Reinschwimmen ist aber nicht ganz so easy. Kopf­an­hau­ge­fahr!

Die Franzosen nennen es Fisch­glas. Und je länger ich über das Teil nachdenke, desto kla­rer wird mir der deutsche Na­me, der bislang noch nicht entdeckt worden ist: Aquarium! Warum hat das Möbel das nicht gleich gesagt?

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Fotos: C.E.

Donnerstag, 6. Oktober 2016

RDC

Ob geplant oder zufällig, Sie lesen hier in meinem digitalen Tagebuch aus der Ar­beits­welt. Ich bin Dolmetscherin für die französische Sprache (und aus dem Eng­li­schen). Heute folgt ein Nachtrag darüber, was wir Samstag gemacht haben.

Vokabeln, Namen und Kürzel lernen bzw. wiederholen steht zunächst auf dem Programm.

Blick aus der Kabine: Keine großartige Sicht
Unter der Leinwand ganz klein der Tisch des Panels
RDC steht für République Dé­mo­cra­tique du Congo. In mei­nem Schulatlas hieß das Land noch Zaire (so hieß das Land 1971 bis 1997). Seit vielen Jahren sind dort massive Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen zu verzeichnen, die in den Me­dien höchstens am Rande vor­ka­men. Gestern stand dieses Land bei einem kurzen Ein­satz auf dem Pro­gramm der Aka­de­mie der Künste.

Beim Heraussuchen der Lexik fiel mir auf, dass ich mich fast auf den Tag genau zwei Jahre zuvor mit demselben Thema befasst hatte.
 
Manche Kürzel drehen sich auf Französisch einfach nur um, aus RDC wird DR Kon­go. Der Kopf verbucht das so wie die Zahl 17. Hier steht auch die Zehn zuerst und dann die Sieben, gesprochen wird es aber andersrum. Kurz: Das Gehirn weiß, dass bei einigen Worten besonders aufgepasst und umgedreht werden muss, aber meis­tens schreiben wir derlei immer noch auf den Notizzettel zwischen uns.

Was wir hören, ist grausam. Es geht um das "Kongo Tribunal" des Schweizers Milo Rau, der Film dazu erscheint nächstes Frühjahr. Der Theater-und Filmmann Rau springt mit dieser (als Kunst getarnten) Aktion in eine Lücke, die die internationale Zivilgesellschaft und die Jurisprudenz lassen, denn Großkonzerne und auch Staaten nutzen das geschwächte Land  zu ihrem Vorteil. Zur Erinnerung: In Kongos Böden lagern 65 % der Weltreserven von Kobalt sowie große Mengen von Koltan, das zur Herstellung von Leiterplatten in der Herstellung von Mobiltelefonen, Spiel­kon­so­len und ähnlichen Geräten wichtig ist.

Auch sonst ist das Land reich an Bo­den­schät­zen, sei­ne Be­völ­ke­rung zählt in­des zu den ärms­ten der Welt.

Altes Dolmetschpult
Altes Dolmetschpult, erstmal wieder die Bedienung lernen ...
Ein Bürgerkrieg mit sechs Millionen Toten, so schätzen es Bür­ger­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen, Korruption sowie aus­beu­te­ri­sche Li­zenz­ver­trä­ge mit dem Westen zer­stö­ren das Land fortgesetzt. Der Staat ist schwach und schützt bis heute seine Einwohner nicht wirkungsvoll vor Über­grif­fen und Mord. Schlimmer noch, seine Vertreter sind oft Täter.

Viele Institutionen und "Würden"träger sind korrupt und beteiligen sich an den schlimmsten Menschenrechtsverstößen zu ihrem privaten Vorteil.

Und ja, es kommt vor, dass wir in der Dolmetscherkabine sitzen und leise weinen. Dann hilft es wieder, sich auf komplizierte Begriffe zu konzentrieren oder auch solche, wo Abkürzungen in der anderen Sprache die Reihenfolge wechseln.
UNO — ONU
NGO — ONG
OECD — OCDE

Zum Weiterlesen:

P.S.: Saß das Panel am Tisch oder nur auf Stühlen? Ich weiß es nicht mehr. Gesehen haben wir nicht viel. Wir wünschen uns immer freie Sicht aufs Mundbild. Nächs­tes Mal wieder mit Feldstecher. Auch für die Untertitel der Filmausschnitte, die ich kaum lesen konnte, weiße Schrift auf Sand ... Die Kollegin hat sie dan­kens­wer­ter­wei­se für mich vorgelesen. 
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Fotos: C.E.

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Oscar Wilde (1)

Auch dieser Blog hat seine kleine Ehrenhalle. In der würdige ich unter anderem Nathalie Sarraute, Nelson Mandela, Simone Weil, Mark Twain, Gisèle Freund, Vic­tor Hugo, Albert Camus, Christa Wolf, André Gide, Madame de Staël, Heinrich Heine, Marlene Dietrich und vielen andere mehr.

Mobiler Arbeitsplatz zur Wissensgewinnung
Es gibt nur eine Sünde, und das ist die Dummheit.

There is no sin but stupidity.

(Oscar Wilde)

Das Zitat gehört zu jenen, die mir angesichts der Weltlage manchmal gerade noch ein­fal­len.

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Foto: C.E.

Dienstag, 4. Oktober 2016

Im Großraumbüro

Willkommen, bienvenue & hello beim ersten deutschen Weblog aus dem Inneren der Dolmetscherkabine. Ich bin Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und -über­set­ze­rin. Mein klei­nes Bü­ro ist in Ber­lin, aber ich ar­beite bei Be­darf für Sie auch in München, Bonn, Hamburg, Rennes, Paris und Strasbourg. Hier notiere ich Beobach­tungen aus dem Alltag.

Hände, Technik, angedeutete Profile: Arbeitende im ICE
Konzentrierte Arbeitsruhe
Auf der Rückreise vom kurzen Trip am lan­gen Wo­chen­en­de des 3. Oktober sitze ich im Groß­raum­wa­gen der Deutschen Bahn. Dieser ist ein Großraumbüro: Überall auf­ge­klapp­te Lap­tops und Hefte, auch ich habe Arbeit dabei. Ich übersetze ein Dreh­buch. Dabei fällt mir auf, dass die Fran­zo­sen schon viel länger den englischen Be­griff für diese Art der Arbeitsräume nutzen als die Deut­schen: Je suis assise dans l'open space, ich sitze im Groß­raum­bü­ro.

Das Wort kommt in besagtem Drehbuch vor, das heute in Paris spielt. Drehbücher übersetze ich jetzt seit bald 20 Jahren. Dabei mache ich mir auch die Regeln für Drehbuchsprache mal wieder klar:

INNEN/TAG  — ICE
Ortsbeschreibungen dürfen schön, poetisch und sogar einigermaßen ausführlich sein.
                     NAME PRÄGNANT
          (Regieanweisungen immer pragmatisch)
          Wörtliche Rede mit'n Ohren jeschrie'm ...

Dann steigt eine Gruppe Youngsters zu. Sie sprechen Normaldeutsch, gemischt mit Kanak und Faulheit: Oft fehlen Artikel, manchmal das Verb. Ach, ich würde mir wün­schen, sie würden mit der gleichen Inbrunst, mit der sie hier Handyspiele spie­len, das lernen, was ihnen offenbar nicht spannend genug an der Schule vermittelt wird. "Welches Niveau bist du?" "Schon 34!"

In Frankreich war gestern natürlich kein Feiertag. Ich stecke mitten in komischen Verhandlungen, die seit Juli laufen, ich bin beim 6. Kostenvoranschlag. Es gibt Kun­den, die möchten für 'ne Rikscha bezahlen, erwarten dann aber 'ne Limousine. Bei manchem Einsatz geht vorab ein Viertel der ver­kauf­ten Ar­beits­zeit für Kun­den­(nach)­schu­lung drauf. Das mache ich natürlich mit Fingerhandschuhen. In der Re­gel klappt es ganz gut.

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Foto: C.E.

Sonntag, 2. Oktober 2016

Herbstsonntag

Bon­jour, hello, guten Tag! Hier bloggt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und -über­set­ze­rin. (Ich übersetze auch aus dem Englischen.) Der Sonntag gehört dem Sonntagsfoto.

Gestern, als ich am frühen Abend die Akademie der Künste am Hanseatenweg ver­las­sen habe, hatte ich zum ersten Mal dieses Jahr den Herbst in der Nase. Es roch nach feuchtem Laub, irgendwo schlug eine Amsel an und ein Vater brachte seinem kleinen Sohn auf dem Platz vor dem Gebäude Fahrradfahren bei.

Der Balkon ist weiterhin ein schöner Ort, um eine Kaffeepause einzulegen.  Nur ist es so frisch, dass ich mir ständig die Finger an der Tasse wärmen muss. Der Aus­blick ins Grüne zeigt die ersten Gelb­tö­ne. Und ja, so geht der Herbst los, das Som­mer­grün wird blass und blässer und am Landwehrkanal kommen die ersten Mö­wen an. Wir hö­ren sie. Die akus­ti­sche Landschaft verändert sich wieder.


Mit diesem Eintrag verbundene Pos­tings: Der Bal­kon im Som­mer nach Dienst­rei­sen: Ber­lin am Meer (2010), wir Frei­be­ruf­ler ken­nen nur Sü­ßes Le­ben (2011), der Bal­kon im Win­ter: January, red dot, child (2015)
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Foto: C.E.