Samstag, 2. Februar 2008

Zeitaufwand und Preise bei Untertiteln

Hallo! Sie lesen in einem Blog aus der Welt der Sprachen. Ich bin Dol­met­scher­in und Über­setze­rin für die fran­zö­si­sche Sprache, arbeite auch mit Englisch als Ausgangssprache, und habe mich auf Medien, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft spezialisiert.
Liebe Kollegin,

ich habe eine Frage, bei der Sie mir vielleicht weiterhelfen können.

Mich erreichte heute eine Anfrage, Bonusmaterial für einen 84-minütigen Film aus dem Norwegischen ins Deutsche zu übertragen (viel Interview­material). Da ich im Bereich der Übersetzung von Untertiteln bisher recht unerfahren bin, habe ich Schwierigkeiten, mir eine Vorstellung vom Zeitaufwand zu machen. Es gibt kein Skript, es muss also alles ab­ge­hört werden.

Haben Sie eine Idee, wie viel Zeit dies in Anspruch nehmen könnte und was man dafür verlangen darf? Über einen kollegialen Rat würde ich mich sehr freuen!

Herzliche Grüße
Julia S.

Liebe Julia S.,

Bonusmaterial klingt nach einem DVD-Vertrieb. Meist ist der Aufwand größer, als tatsächlich von diesen gezahlt werden möchte, weil das Risiko, nur eine kleine Menge Filme zu verkaufen, hier ganz beim Vertrieb liegt und nicht von der Film­förderung abgefedert wird.

Es klingt so, als erwägten Sie, vorher zu transkribieren, was, wenn Sie noch nie Untertitel (UT) geschrieben haben, vielleicht keine schlechte Idee ist. Es verkürzt den Aufwand beim Gegenlesen durch Sie selbst und durch Dritte. Allerdings kostet das Zeit. Ich stelle bei meinen eigenen Transkriptionen fest, dass ich für zehn Mi­nu­ten Interviewmaterial eine Stunde lang "klappere".

Untertitel berechne ich einzeln, habe länger nicht mehr außerhalb eines Rahmen­vertrages untertitelt, würde aber ca. 2 Euro je Untertitel berechnen (etliche Kol­legen in Frankreich fangen indes bei 2,50 Euro erst an). An einem durchschnitt­lichen abendfüllenden Spielfilm (80 Minuten) mit seinen durchschnittlich 900 Un­ter­titeln sitze ich incl. vieler Pausen und Zeitabstand für ein gutes Eigenlektorat eine Woche (wobei ich mir beim Übersetzen immer erlaube, von einem Sechs­stundentag auszugehen).

Wenn der Interviewanteil höher ist, steigt hier der Auf­wand, weil die Menge der Ti­tel größer ist, weil aber auch fürs Mitlesen untertitelt werden muss und der Ar­beits­pro­zess eine Art Konzentration der Titel darstellt. Untertitel werden über­setzt, dann getextet, gekürzt, der treffendere Ausdruck wird ebenso gesucht wie ein Rhythmus, der sich an die Atmung des Interviewten anlehnt und nicht die Satzlängen zum Maßstab nimmt. Alle Unter­titler kennen Platznot. So kommt mir Untertiteln oft vor wie eine wilde Mischung zwischen dem Übersetzen von Poesie, wo oft eine Metrik vorgegeben ist, und Kreuzworträtsel lösen ("Gibt es ein pas­sen­des Wort?" "... und statt raumgreifender "M" und "W" einen Ausdruck mit schlanken "I" und "V" ...?")

Kurz: Das Texten von Untertiteln kostet mehr Zeit als nur eine einfache Über­setzung.

J'ai un antidote : l'argent ! (Filmstill)
Ich kenne ein Gegengift: Geld!
Leider hat die Berliner Preisent­wick­lung etliche Untertitler in andere Ber­ufs­fel­der abwandern lassen (ich gehöre da­zu). Gerade Berufsanfängern wird im­mer wieder als "übliche Arbeits­be­ding­ungen" un­ter­breitet, was jahrzehn­te­lang Dumping gegolten hätte. So wer­den mei­ne Ar­beits­zei­ten oft "Luxus" ge­nannt. Ich habe viel für Schulfilmpro­gram­­me ge­ar­bei­tet und konnte lange mit dem Wort "Qualität" erfolgreich gegenhalten.

Ich hoffe, Ihnen vermittelt zu haben, dass Untertitel eine besondere Auf­merk­sam­keit für gesprochene und prägnante, knappe Schriftsprache erfordern. Außerdem verändert sich das Geschriebene dadurch, dass es Filmbilder ergänzt, die ihre ei­ge­ne Sprache haben, und auch diese spielt beim Untertiteln mit rein. Ich wün­sche Ihnen, dass Sie die Zeit finden, sich mit der einschlägigen Literatur ver­traut zu machen.

Nun hoffe ich, Ihnen mit den Infos weitergeholfen zu haben,
und grüße freundlich

Caroline Elias
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Foto mit Virtualdub generiert

Kommentare:

Miss M hat gesagt…

Guten Tag!

Was Sie hier schreiben ist sehr nützlich und interessant. Eine Frage habe ich dazu:

2€-2,5 € je Untertitel betrifft nur die Übersetzung, oder ist das Spotting auch mit eingerechnet?

Vielen Dank im voraus für diese Ergänzung!

Freundliche Grüsse,
Miss M.

caro_berlin hat gesagt…

Bonjour, die Preise sind in den letzten Jahren sehr verfallen (worden!), der Betrag war einst ohne Spotting. Die heutigen Preise spotten jeder Beschreibung.
Das wird so lange so gehen, wie die Industrie "Kanonenfutter" findet.
Grüße, Caroline

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank für den nützlichen Hinweis zu angemessen Honoraren.

Normalerweise übersetze ich nur technische Texte, Verträge und touristische Texte. Hatte jetzt eiin Angebot für Untertitel, klang interessant, da der Auftraggeber eine Hollywood-Produktionsfirma ist. Es war mir klar, dass es zeitaufwendiger ist, Untertitel zu übersetzen, reizvoll fand ich es aber schon.

Das Angebot war absolut lächerlich: $.2.50 USD per minute of runtime

Das wäre rund ein Zehntel von dem, was Sie aufrufen oder aufgerufen haben.

Wenn noch nicht einmal die bestverdienenden Produktionsfirmen an Qualität interessiert sind, wer dann?

Mein Untertitel-Abenteuer ist auf jeden Fall beendet, bevor es angefangen hat.

caro_berlin hat gesagt…

Hallo Frau/Herr Unbekannt,

schade, sowas höre ich ungern (Fakten) und trotzdem vielen Dank für den Bericht von der Front.

Die Firmen scheinen an Qualität kaum noch interessiert. Wenn das Publikum sich nur häufiger die Mühe machen würde, Beschwerdebriefe bzw. -mails zu schreiben ...

"Der Kunde ist König." Nur so haben die großen und kleinen Renditeoptimierer die Chance, etwas hinzuzulernen.

Gruß,
CE