Sonntag, 1. November 2026

Schrecken und Schönheit

Bon­jour, gu­ten Tag & he­llo! Sie sind auf den Sei­ten ei­nes Dol­met­sch­we­blogs aus dem In­ne­ren der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne und vom Über­set­ze­rin­nen­schreib­tisch ge­lan­det. Ich ar­bei­te mit De­le­ga­tio­nen, auf Kon­fe­ren­zen und bei Hin­ter­grund­ge­sprä­chen, um nur ei­ni­ge Bei­spie­le zu nen­nen. Und sonn­tags wer­de ich pri­vat.

Zur Ar­beit als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin ge­hört Zei­tungs­le­sen und das Hö­ren und Se­hen von Nach­rich­ten, auch in der Frei­zeit. Der Be­ruf ist mehr ei­ne Le­bens­art als ein Nine-to-five-Job.

Buntes Glas, Trockenblumen
Still­le­ben in der Kü­che

Da­bei durf­te ich grin­sen. Die wun­der­ba­re Ham­bur­ger Buch­hand­lung Fe­lix Jud hat, an­ders als sei­ne Nach­barn, al­len vor­an No­bel­mar­ken, sei­ne Schau­fens­ter nicht mit Holz ver­ram­melt. Dort wurde verstanden, worum es ging: Ein Buchladen ist ein Kul­tur­ort, und um mehr Kul­tur in Form von Bil­dung ging es bei den De­mos. Aber nicht nur in Hamburg, auch an­ders­wo wurden Lä­den ver­ram­melt.

Hin­ter­grund: Auf den De­mons­tra­tio­nen für mehr Ge­ne­ra­tio­nen-, Bil­dungs- und Kli­ma­ge­rech­tig­keit sei­en an­geb­lich gan­ze Hor­den ma­ro­die­ren­der De­mons­tran­ten zu er­war­ten ge­we­sen, so die War­ner aus Po­li­tik und Me­dien.

Erst­mals gin­gen auch in Deutsch­land die Schü­ler:in­nen auf die Stra­ße, mit ih­nen vie­le An­ge­hö­ri­ge. Vie­le ka­men trotz vor­he­ri­ger An­mel­dung nicht, oder sie durf­ten nicht teil­neh­men, eben we­gen des ta­ge­lan­gen Ge­rau­nes über mög­li­che Aus­schrei­tun­gen.

Ges­tern Nach­mit­tag waren die Fra­gen man­cher Mo­de­ra­tor:in­nen di­ver­ser Sen­der prompt recht ir­re. Sie the­ma­ti­sier­ten schon bei De­mo­start kaum die An­läs­se, dafür Fra­ge wie, ob denn auch Ran­da­lie­rer und Ver­mumm­te da­bei wä­ren und ob es be­reits Vor­fäl­le ge­ge­ben ha­be. Dann wur­de die Ex­plo­si­on von Kra­chern ver­mel­det. Diese Kracher gelten als so ge­fähr­lich, dass sie im Volks­mund nicht zu­fäl­lig auch ‚Non­nen­für­ze‘ hei­ßen.

Auf der On­line­sei­te ei­nes be­kann­ten Bou­le­vard­blat­tes wa­ren par­al­lel Ber­li­ner Edel­bou­ti­quen zu se­hen, in de­ren Schau­fens­tern zur Ab­wechs­lung ein­mal kei­ne leicht­be­klei­de­ten Kunst­stoff­fi­gu­ren für sünd­haft Teu­res war­ben. Die Läden mach­ten dies­mal buch­stäb­lich mit viel ‚Holz vor der Hütte‘ auf sich auf­merk­sam. Eben­falls hin­ter Schutz­plat­ten: Ein Ge­schäft, das Uh­ren zu Prei­sen ver­kauft, für de­ren Ge­gen­wert auch nur ei­nes Zeit­mes­sers des obe­ren Seg­ments ei­ne klei­ne Fa­mi­lie ei­ne Ei­gen­tums­woh­nung zur Hälf­te ab­be­zah­len könn­te (bei den ak­tu­ell künst­lich über­teu­er­ten Prei­sen). [1]

Ob­acht: Hier ist nicht die Edel­fas­sung der Lu­xus­uhr ge­meint, son­dern das ganz „nor­ma­le“ obe­re Seg­ment. Di­rekt da­ne­ben ver­öf­fent­lich­te das Bou­le­vard­blatt die Fra­ge ei­nes Tat­ort-Schau­spie­lers: „Wo­zu an­de­ren ar­men Schwei­nen die Lä­den aus­räu­men?“ Der Beitrag stand meh­re­re Stun­den lang on­line, bis dann doch je­man­dem auf­fiel, dass nicht nur nichts pas­siert war in Berlin, son­dern die Fra­ge eher ab­surd ge­klun­gen hat.

Ei­gent­lich sind das lus­tige Epi­so­den. In ei­nem frü­he­ren Le­ben war ich Jour­na­lis­tin. Dem Be­rufs­ethos der Pres­se ent­spricht das al­les nicht. Ich schä­me mich für die­se Leu­te. Für sol­che Mo­men­te wur­de in den Nul­ler­jah­ren das Wort „fremd­schä­men“ er­fun­den. Der Be­griff war 2010 so­gar das ös­ter­rei­chi­sche Wort des Jah­res.

Am Abend traten dann wie be­stellt zum Bei­spiel in Frank­furt am Main, von wo mir ei­ne frü­he­re Stu­den­tin be­rich­tet hat, die zen­tral wohnt, nach dem En­de der De­mons­tra­ti­on noch an­de­re Leu­te auf den Plan: Tritt­brett­fah­rer, ei­ne ganz an­de­re Al­ters­ko­hor­te, die an­fing zu ran­da­lie­ren und zu plün­dern. Was für ein Irr­sinn. Das ist Was­ser auf die Müh­len nicht nur der Ex­tre­mis­ten. Die hes­si­sche Po­li­zei be­ton­te gestern in ih­rem Ti­cker al­ler­dings ex­pli­zit, dass es sich um an­de­re Grup­pen han­de­le. Auch die „Hes­sen­schau“ be­schrieb die Mehr­heit der spä­te­ren Ran­da­lie­rer auf der Frank­fur­ter Zeil als Men­schen, die nicht am De­mons­tra­ti­ons­zug teil­ge­nom­men hat­ten.

Es ist ein merk­wür­di­ger Me­cha­nis­mus: Gibt es Kra­wall, be­herrscht er die Schlag­zei­len. Gibt es kei­nen, sind War­nun­gen das Haupt­the­ma. So wird die mög­li­che Ge­walt zum Aus­gangs­punkt der Be­richt­er­stat­tung über De­mons­tra­tio­nen, wäh­rend de­ren ei­gent­li­che An­läs­se aus dem Blick ge­ra­ten.

The­men wie Woh­nungs­not, In­fla­tion, Zu­kunfts­ängs­te und so­zia­le Un­si­cher­heit tre­ten in den Hin­ter­grund. Die jun­gen Men­schen kom­men am Rande vor und kaum zu Wort. Sie wer­den zur po­ten­zi­el­len Ge­fahr er­klärt, statt als Men­schen mit be­rech­tig­ten po­li­ti­schen An­lie­gen be­nannt zu wer­den. Aus der Aus­übung ei­nes de­mo­kra­ti­schen Grund­rechts wird ein Si­cher­heits­prob­lem. 

Was bleibt da­von bei den Durch­schnitts­zei­tungs­le­se­rin­nen und Nach­rich­ten­se­hern hän­gen? Das ha­ben jetzt Frank­reich und Deutsch­land ge­mein: Die Ver­en­gung von De­mons­tra­tionen auf ei­ni­ge sehr be­dau­er­li­che Ge­walt­ta­ten (die ich hier kei­nes­falls ba­ga­tel­li­sie­ren möch­te. Mir geht es um Me­cha­nis­men). 

Stil­ler Kom­men­tar aus Ham­burg

Und ja, es gab am Rand der De­mons­trie­ren­den ver­ein­zelt Leu­te, die auf Kri­tik ge­sto­ßen sind, Tritt­brett­fa­hrer wie Leu­te mit In­sig­nien der Ha­mas. 

War­um kommt bei ei­ner ge­wis­sen „Mo­de­lin­ken“ die Auf­klä­rung nicht an? Ich muss im­mer an die­se bei­den jun­gen Da­men in der U-Bahn den­ken, die ein­an­der of­fen­sicht­lich tie­fer zu­ge­tan wa­ren: re­gen­bo­gen­bun­te, fro­he Klei­dung, Haar­mo­de, Schu­he, das war al­les ein­deu­tig. Aber da­zu dann ei­nen Pa­li-Schal um den Hals.
Ge­ra­de sie selbst müss­ten an­ge­sichts der men­schen­feind­li­chen Ideo­lo­gie der Ha­mas vor Ort um die ei­ge­ne Frei­heit und Si­cher­heit fürch­ten. Ich wün­sche die­sen Men­schen von Her­zen mehr Bil­dung!

Und noch ein Fall hat mich die­se Wo­che be­schäf­tigt, die Über­schrei­tung un­ge­schrie­be­ner jour­na­lis­ti­scher Gren­zen durch ein be­kann­tes Wo­chen­blatt: den Fall der Ver­öf­fent­li­chung in­ter­ner No­ti­zen ei­ner Po­li­ti­ke­rin. Das ist nicht die ers­te Ent­glei­sung die­ser Pub­li­ka­tion. Wir kün­di­gen das Blatt un­ter Ver­weis auf die Be­rufs­ethik.

Mei­ne trau­ri­ge Zu­sam­men­fas­sung der Wo­che ist ein Zi­tat des Phy­si­kers Bri­an Cox: „Mei­ne größ­te Sor­ge für die Zu­kunft der Mensch­heit ist ih­re ei­ge­ne Dumm­heit.“ (Link)

Fuß­no­te

[1] Die Prei­se sind der­zeit spe­ku­la­tiv über­teu­ert, weil wir ei­nen ho­hen Leer­stand ha­ben, der oft durch Vor­gän­ge wie „drit­ter, vier­ter oder fünf­ter Wohn­sitz“ ka­schiert wird. Grund und Bo­den bil­den im ak­tu­el­len Sys­tem als nicht ver­mehr­ba­re Grund­la­gen mensch­li­cher Exis­tenz die ab­sur­den Hö­hen ei­nes Fi­nanz­markts ab, denen kei­ne rea­len öko­no­mi­schen Wer­te mehr ge­gen­über­stehen. Hin­zu kommt, dass auf­grund der Miet­preis­ex­plo­si­on vie­le, ge­ra­de äl­te­re Men­schen, al­lein in zu gro­ßen Woh­nun­gen feststecken, weil sie für den glei­chen Preis kei­ne an­ge­mes­se­ne klei­ne Woh­nung fin­den, die auch noch bar­rie­re­frei wä­re. Analog zum me­di­zi­ni­schen Be­griff spre­chen So­zio­lo­gen über das „Locked-in-Syn­drom“ des Woh­nungs­markts.

Und nun noch zur Schön­heit

Der Win­ter rückt mit Rie­sen­schrit­ten nä­her. Bald wird die Na­tur er­star­ren, und die Far­ben wer­den aus ihr ver­schwin­den wie aus ei­nem ver­blei­chen­den Fo­to. Um­so wich­ti­ger ist es, dass wir un­se­ren Wohn­räu­men mit klei­nen De­tails Schön­heit und Farb­tup­fer ver­lei­hen. Ein we­nig die Va­sen um­ge­stellt, sie­he oben, und ein Steh­rüm­chen für die Tro­cken­blu­men ge­kauft, denn hier kom­men Farb- und For­men­viel­falt rein. No­tiz an mich selbst: Bald al­les weg­räu­men und auch oben auf dem Tee­re­gal mal Staub wi­schen!

Das Per­sön­li­che ist po­li­tisch. Wenn wir un­se­re Bat­te­ri­en nicht re­gel­mä­ßig auf­la­den, ha­ben wir nicht die Kraft, für ei­ne bes­se­re Welt zu käm­pfen. Und Sport ist wich­tig, Be­we­gung auch!

So, wei­ter mit den schö­nen Din­gen des Le­bens!

______________________________
Fo­to: C.E.

3 Kommentare:

Vega hat gesagt…

Das sind echt double standards. Übel, wie die Gen Z teilweise pauschal als gewalttätiger Abschaum diffamiert wird von Leuten, die alles dafür tun, dass wir bald die nächsten Kipppunkte reißen.

Komisch! Beim Fußball kriegen die das auseinander, hier die friedlichen Fans, da die Hoolingans. Warum wird Gewalt im Fußballkontext als regelmäßig wiederkehrendes Übel behandelt, aber Jugendproteste schon im Vorfeld kriminalisiert?

Statistik (für 12 Monate)
- 5.197 Strafverfahren im Fußballzusammenhang
- 4.783 Ordnungswidrigkeiten wegen Pyrotechnik
- 1.107 Verletzte

Quelle: „Jahresbericht Fußball Saison 2024/25“ der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze

Und wie viele Politiker:innen gehen zu Fußballspielen und lassen sich dort mit "unseren Jungs" fotografieren?!

Die Themen der Demos gestern: bezahlbares Leben, Bildungsinvestitionen, mehr Unterstützung für psychische Gesundheit, soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz sowie die Ablehnung von Wehrpflicht und zunehmender Überwachung.

Heute wurden in der Tagesschau diese Forderungen nur in einem Nebensatz angedeutet, dafür bekamen die C-Parteien und die Rechtsextremisten minutenlang Zeit, ihre Meinung zu den Ausschreitungen darzustellen. Und auch ein hoher Hessenpolitiker beschrieb die Aggressoren als 'aus den Reihen der Demonstranten kommend', obwohl seine Landespolizei das gestern anders beobachtet hatte.

caro_berlin hat gesagt…

Ja, den Polizeiticker hätte ich mal besser fotografiert gestern. Mist. Oder denken wir an die Bauernproteste. Da wurden Ausschreitungen als Randerscheinungen bezeichnet.

caro_berlin hat gesagt…

Hab die Nachrichten auch gesehen. Der Minister sagte sogar sowas wie die Marodierenden seien aus der Gruppen der Demonstrierenden gekommen, später noch Menschen mit Migrationshintergrund hinzugestoßen ... Hat er sich die Pässe zeigen lassen? Woher weiß er das? Also "nur" durch visuelle Einschätzung durch wen? Wow.