Donnerstag, 15. April 2021

COVIDiary (290)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Wie Konferenzdolmetscher und Übersetzer arbeiten und leben, auch die jeweiligen -innen, der Beruf ist über­wie­gend weiblich, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Au­ßer­dem denke ich über die Sprach nach. Der Corona­virus hat aus dem Arbeits­ta­ge­buch ein subjekti­ves COVIDiary gemacht. 

Pandemien und föderale Landesstrukturen passen nicht gut zusammen.

Derzeit steigen die Zahlen, von täglich 30.000 Neuinfektionen und 300 Toten sind wir nicht weit entfernt. Und worüber debattiert das Land? Über Lockerungen und Urlaubsplanung. Vor einem Jahr gab es 300 Neuinfektionen täglich und den harten Lockdown.

Auch Onlinefatigue genannt

Eine Pandemie und förderale Strukturen, die Menschen aus betroffenen Branchen auffangen sollten, (Volks-)Hochschulen, Kunst, Büh­ne, Tourismus, Mes­se- und Kon­gress­­wesen etc., war keine gute Idee, weil nach der ersten Schock­reak­tion die Entscheider anfingen zu warten, zu den Nach­barn und der Su­pra­struk­tur schielten, ob und wie diese aktiv wurden.

Dieses Warten, Beobachten und Nach-oben-Schielen haben wir jetzt im Bereich der Pandemiebekämpfung. Dazu die gesamtpolitische Lage, die Neigung vieler, sich zu profilieren: Pandemie und eine förderale Landesstruktur im Su­per­wahl­jahr passen nicht zusammen. Denn Gesundheits­politik ist aktuell Ländersache und ohne die sich reibenden Regionalfürsten nicht durch­setzbar.

Aber die Woh­nungs­po­litik muss offenbar Bundes­sache sein! (Ironie aus.) Und die Bil­dungs­po­li­tik darf es wiederum nicht. (Ironie aus.) Rück­sprung: Mit 14 Jah­ren habe ich aufgrund eines simplen inner­deut­schen Umzugs ein Schuljahr ver­loren, denn der baden-württembergische Gymnasial­direktor hat bei meinem hes­si­schen Ge­samt­schu­lzeugnis ein­fach jede Note um den Faktor eins verschoben, die Einsen wurden Zweien, die Mathe-Vier zur Mathe-Fünf und ... plötzlich fehlte "mindestens eine Eins" zum Aus­gleich. In seinen Augen war ich sitzengeblieben, er durfte das so entscheiden, weil je­des Bundesland seine eigene Bildungspolitik betreibt.

Damals waren in Baden-Württemberg Legasthenie und Dyskalkulie noch nicht be­kannt, Menschen wie ich fielen in der Regel durch die Raster. (Geblieben von den Einschrän­kungen ist fast nichts, Wörter wie Legasthenie schaue ich alle paar Mo­na­te nach, weil mir im Kopf das H immer wieder verrutscht, das ist alles.)

Andere Fächer habe ich ohne Mühen "aufgesogen", Bio zum Beispiel, und Logik hat mir auch gelegen, ich weiß, was eine exponentielle Kurve ist — und warum asia­ti­sche Länder so eindeutig sind in ihrer Seuchen­bekämpfung. Damit sind wir wie­der im Hier und Heute. Die halbherzigen Maßnahmen, die das Ganze in die Länge zie­hen, nerven nur noch.

Eine Pandemie passt nicht zu Phasen der Meinungs­bildung, der Abstimmung auf ver­schie­de­nen Ebenen, zur demokra­tischen Beschlussfassung unter Be­rück­­sich­­ti­­gung aller divergierenden Interessen. Mit der Schwerkraft verhan­deln wir ja auch nicht.

Diese Woche im französischen Radio (ich glaube am Dienstag, in der Mor­­gen­sen­dung von France Culture, kurz nach sieben): Das französische Hotel- und Gast­stät­ten­ge­werbe rechnet damit, nicht vor März 2022 wieder einigermaßen normal ar­bei­ten zu können. Als Geschäftsreisende in Sachen Sprache übertrage ich das schon beim Hören auf meine Branche. Derzeit haben wir pro Kollgen­duo hier eine, zwei Kon­fe­renz­an­frage(n) für kurze Veranstal­tungen im Quartal statt vor­co­ro­na­tisch einer bis zwei pro Woche. Online-Events kompensieren nicht im Ansatz, was weggefallen ist, was sicher auch an der Onlinefatigue liegt, die sich im Land aus­breitet.

Und in der Zwischenzeit nehmen manche Abgeordnete und Funktionsträger Vor­tei­le aus ihrer Amtsausübung wahr, die eigentlich nicht mit der Amtsaus­übung wahr­genommen werden dürfen, kassieren Geld, Stichwort Masken­affäre(n), sogar der designierte CDU-Kanzlerkandidat hat seine, oder schustern anderen Gewinne in ei­ner Art und Weise zu, die nur noch als schamlos etikettiert werden kann, was natürlich die Wut der Machtlosen, Ausge­grenzten, Berufs­un­tä­tigen und Long-Covid-Berufs­un­­fä­­hi­­gen sowie der Schwurbler aller Couleur weiter erhöht. Da braucht sich ein Cocktail zu­sam­men, der mir Sorgen bereitet.

Heute hat das Bundesverfassungsgericht den Berliner Mietendeckel gekippt. Ich darf mich da gleich einlesen (für einen Journalisten). Wir haben weiterhin Spät­win­ter­wetter, der schwächelnde Golfstrom sorgt für eine gleichbleibende Lage, was angesichts voll­laufender Intensiv­stationen zur Abwechslung mal eine gute Koinzidenz ist.

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Foto: Netzfund, leicht verändert

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