Samstag, 28. Juli 2018

Schlafbursche

Bon­jour, hel­lo und gu­ten Tag! Was Sprach­arbeiter wie Dol­met­scher und Über­setzer so umtreibt, können Sie hier mitlesen, im Frühjahr und Herbst normalerweise mit eini­gen Bei­trägen die Woche, in der Som­mer­pau­se schrei­be ich sel­tener. Ich ar­bei­te neben Deutsch mit der fran­­zö­­si­­schen und der eng­li­schen Sprache.

Dienstbotenkammer (Berlin), noch so eine Vokabel
In mei­nen Stu­dien­jah­ren in Paris wurde mir einmal die Ess­ecke eines Ein­zim­mer­ap­parte­ments, mit Stoff­bahnen vom Rest abgetrennt, als zu mie­ten­des „Zim­mer“ an­ge­bo­ten.
Das war in den 1980-er Jah­ren, als der ungebändigte Zwang zur öko­no­mi­schen Ma­xi­mal­ver­wer­tung in der fran­zö­si­schen Haupt­stadt anfing, sein Unwesen zu treiben.

Mir erschien das höchst wunderlich bis verwerflich. Es fühlte sich irgendwie an wie 19. Jahrhundert. Ich bin ein Kind der Siebziger und damit einer Zeit, in der das Bekämpfen sozialer Missstände ein von fast allen geteiltes politisches Ziel zu sein schien. Mein Wundern hört seither nicht auf. Inzwischen geht die ganze Welt vor Ge­schichts­ver­ges­senheit auf Zeit­reise. Während, wie Oxfam dieser Tage be­rich­tet, acht Menschen auf diesem Globus mehr Besitz zu­sam­men­ge­rafft haben, als den ärmsten 50 Prozent zusammen gehört, werden deut­sche Gesetze ähn­lich merk­wür­dig interpretiert.

Da empfiehlt ein Berliner Gericht einem gerade volljährig gewordenen Schüler, der eine Wohnung von 28,25 Quadratmetern bewohnt und dem damit zu wenig Geld von sei­nem Bafög bleibt, er möge doch bitte die Couch untervermieten oder ein Zelt zu diesem Behufe auf dem Bal­kon aufstellen. Eigentlich klingt das beim durch­schnitt­li­chen Temperaturmaximum von 12,2 Grad Celsius wie eine gute Idee. Aber abge­sehen davon, dass sich das Zelt bei Außen­graden wie den ak­tu­el­len so­wie den Mi­nus­­graden im Winter selbst verbietet, ist nicht ab­schlie­ßend ge­klärt, ob die Woh­nung überhaupt über einen solchen Austritt mit ausreichend Fläche verfügt. Ebenso unklar ist, ob der junge Mieter auf seinen allzu üppigen fast 30 Qua­drat­­metern für nur einen Men­schen eine Couch untergebracht hat, die als Bettstatt taugt.

Im Ernst, der Richt­er­spruch scheint formal durchaus korrekt zu sein, auch wenn er den Beklagten möglicherweise zu il­le­galer Unter­ver­mie­tung auffordert. Die Vor­ga­be für Wohn­raum liege, so lässt sich im Netz lesen, bei Einzelperson laut „Aus­füh­rungs­vor­schrift Wohnen“ bei 50 Quadrat­meter und für jede weitere Person bei acht bis zehn Quadratmeter. Das Berliner Wohnungs­auf­sichts­gesetz zur Be­sei­ti­gung von Wohnungsmissständen (WoAufG) schreibt in Paragraf 7 Absatz 1 eine Wohn­fläche von min­des­tens neun Qua­drat­meter pro Person vor, bei Kindern bis sechs Jahre sind es min­dens­tens sechs Quadratmeter). Zum Glück kommt es hier nicht zur An­wen­dung, sonst könnte man ihm sicher noch einen weiteren Er­wach­se­nen und 1/4 Kind zuweisen.

In diesem Zusammen­hang möchte ich hier das Wort „Schlaf­bursche“ aus dem Wör­ter­buch des Sozial­elends alter Zeiten wieder­be­le­ben. Das Wort bezeichnet(e) eine Per­son, die lediglich für die Nutzung einer Bettstatt bezahlt (hat), sei diese auf einer Empore über der Küche ge­le­gen, in einer Kammer oder auf einem Schrank — oder aber die Mitnutzung des Bettes des/der Mieter(s) zu Zeiten, in denen es nicht genutzt wird. Schlaf­bur­schen gehören zu der Gruppe der Arbeitenden, die zu arm für eine Wohnung sind, also Ar­beiter aus Fabrik, Bergbau oder Hotel­wesen ... heute bieten sich da Hotel­pa­gen, Zim­mer­mäd­chen, Essens- und Pa­ket­lie­fe­ran­ten sowie alle anderen modernen Variationen einst rechtloser Haus­an­ge­stell­ter oder Sklaven an. 

Schmale Kammer, kleiner Schreibtisch, Hochbett ... aber roter Teppich
... mit Hochbett
Wir sprechen hier über die Zeiten von Ty­phus, Krät­ze, Bett­wan­zen und kurzer Le­bens­­er­­war­­tung. Das wird der nächste Schritt sein. Eine Er­leich­te­rung für die So­zial­­kas­­sen!

Im Ernst, als Studentin habe ich jahrelang in einer Dienst­bo­ten­kam­mer mit Wasch­becken gelebt, das Schwimmbad lag in Uninähe, die Jahres­karte dort hat nur ein­en sym­bo­li­schen Betrag gekostet. Lieber Dienst­bo­ten­kam­mer als Schlaf­bur­sche! Es war nur wichtig, dass ich ein Zimmer für mich hat­te und immer dann ler­nen oder schla­fen konnte, wann ich wollte, also von keiner Mit­be­woh­nerin oder keinem Mit­be­woh­ner abhängig war. Das zählt!

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Fotos: C.E.

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