Montag, 5. Dezember 2011

Zu den Notizen ...

Willkommen beim Arbeitstagebuch einer Sprachmittlerin für die französische Sprache! Was Französischdolmetscher und -übersetzer nicht nur in Berlin umtreibt, wie wir leben und arbeiten, können Sie hier verfolgen. Regelmäßig denke ich auch über unser Arbeitsmaterial nach, heute: Spick- und Notizzettel.
... von gestern: zwei Bemerkungen nur, denn ich düse derzeit als Gast der französischen Botschaft — merci beaucoup ! — dolmetschend und als Filmkritikerin über die Berliner Französische Filmwoche, während die Mitbewohnerin in unserem Wohnzimmer einen Film fertig schneidet.

Letzte Woche saßen meine Dolmetscherkollegin Kerstin und ich in der Kabine, es ging um die französische Gesetzeslage gegenüber Raubkopierern, das Loi Hadopi. Zu diesem Thema habe ich in den letzten Jahren schon zwei Panels gedolmetscht, musste also "nur" meine Kenntnisse auffrischen. Trotzdem habe ich acht Stunden mit dem Lesen aktueller Infos und dem Ergänzen meiner Vokabelliste (vier DIN-A-4-Seiten je Sprachrichtung) zugebracht.

Am Ende pinselte ich das abgebildete Wortfeld (allerdings mit dem Füller). Es ist eine Art Mind Map geworden, durch Striche hab ich Beziehungen, durch unterbrochene Linien "Einblendungen" anderer verwandter Themen dargestellt, es kommen Pfeile und eine Schere vor, Figuren und Kürzel. Indem ich mir eine Vokabelliste grafisch sortiere, denke ich alle Eventualitäten erneut durch und suche mir aus der Liste die richtigen Begriffe heraus bzw. prüfe sie nochmal vor dem Abschreiben. Am Ende beherrsche ich im Idealfall das Worfeld so gut, dass ich meinen Spickzettel fürs simultane Dolmetschen gar nicht mehr brauche. (Mit Doppelklick müsste sich das Bild vergrößern lassen, zu dem der Link führt.)
Der Einsatz war letzte Woche Dienstag und verlief zur allgemeinen Zufriedenheit. Am Ende erhielten wir sogar geschriebene Dankesworte "für die wunderbare Dolmetscherarbeit von Ihnen und Ihrer Kollegin". Das tut gut. (Auch wenn der Vertreter der Piratenpartei zweimal schmunzeln musste, als ich im im Eifer des Gefechts anhob, das französisch beeinflusste Wort "Pirat" anstelle von "Raubkopierer" zu verwenden, le piratage - das Raubkopieren.)

Gestern traf ich dann die Brüder Dardenne wieder, die Samstag beim Europäischen Filmpreis als die Autoren des "besten Drehbuchs" 2011 ausgezeichnet wurden. Sonntag gingen also die Presseinterviews los. Hier sprachen sie über Orte, ein magisches Dreieck, das Unbewusste, den Raum. Ich stimme mit Theoretikern der Notizentechnik überein, die davon ausgehen, dass jeder Dolmetscher/jede Dolmetscherin über die Jahre eigene Kürzel entwickelt und die Gedankenstützen eben auch grafisch erfolgen können.

Hier habe ich Notizen in der Ausgangs- und der Zielsprache (je nachdem, was im Augenblick schneller erscheint) mit Kürzeln vermischt, zum Beispiel Variationen des Buchstabens "F" wie f^ = forêt (Wald), das geschwungene Schreibschrift-f bedeutet bei mir immer Film, f° = femme (Frau) analog zu h° = homme oder histoire (Geschichte), je nach Kontext, wobei die Weltgeschichte durch den Großbuchstaben H° verkörpert wird. Trennlinien stellen neue Gedanken dar, Pfeile Bezüge, Blitzzeichen größere Probleme. Der Einfachheit halber bekam an einer Stelle der accent grave von père eine Pfeilspitze, das steht da für einen Nebensatz, der eine "Richtung" hat.

Den besten Satz zum Thema "Notizentechnik" hörte ich mal von einer amerikanischen Kollegin. Die Notizen seien weder für die Nachwelt noch für den Prof noch für den Tag danach, sondern allein und ausschließlich für den Moment gedacht. Voilà !


P.S.: Hier noch ein älterer Beitrag zum Thema Notizentechnik.

Kommentare:

Uta hat gesagt…

Du weißt, dass die Piratenpartei auf schwedische Raubkopierer und deren Verbot zurückgeht, oder?
Gruß, Uta

caro_berlin hat gesagt…

Danke, jetzt weiß ich's ;-)