Donnerstag, 18. Juni 2015

Fünftwohnsitz

Bon­jour, guten Tag! Ich be­grü­ße Sie auf den Sei­ten mei­nes di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buchs. Ich weiß nicht, ob Sie absichtlich zu mir gefunden haben, oder ob der Zufall Sie hergeführt hat. Hier schreibe ich aus Paris, Berlin und anderen Orten über meinen Alltag als Konferenzdolmetscherin. Dabei sehe ich viele soziale Unterschiede.

Haus auf dem Fabrikdach
Berliner Realitäten. Als Dolmetscherin werde ich auf eine Baustelle gerufen. Hier entsteht eine luxuriöse Sechs­zim­mer­woh­nung auf drei Etagen plus Dach­ter­rasse und Inhouse-Pool. Der künftige Hausherr ist Industrieller, Hochfinanz, sein Ar­chi­tekt kommt aus Frankreich. Und so ist heute auch ein Unternehmen aus Frank­reich angereist, das sich um Pool, Ba­de­zim­mer­ke­ra­mik, Küchendetails und derlei kümmert.
Der Auf- und Ausbau der Liegenschaft dau­ert schon knapp zwei Jahre. Immer wieder wurden ar­chi­tek­to­ni­sche Ent­schei­dungen im Licht des grauen Ber­li­ner Him­mels re­vi­diert, dann wurde ein­ge­ris­sen bzw. rück­ge­baut.

Der Pariser graue Himmel, unter dem die Pläne gemacht und die 3-D-Simulationen animiert worden sind, strahlt offenbar heller; die bauliche Lage der künftigen Wohnung im rückwärtigen Teil eines Geländes in Mitte trägt sicher nicht positiv zur Licht­si­tua­tion bei.

In der Mittagspause komme ich mit dem Unternehmer aus Frankreich, der hier alles mit Wasser verantwortet, ins Gespräch. Seine Firma ist in der fünften Ge­ne­ra­tion in der Familie. Seine Söhne möchten das Unternehmen nicht übernehmen. Sie haben studiert. Aber er findet auch in seinem sonstigen Umfeld keinen Nach­fol­ger. Sein Hauptsorge ist diese: "Wir haben ja praktisch nur noch Lu­xus­­bau­ten. Die ganz normalen Dinge finden bei uns nicht mehr statt, so dass wir nicht mehr ausbilden können. Ein Lehrling würde bei uns nicht das lernen können, was zu den Grundlagen des Berufs gehört."

Und er sagt mir, dass aufgrund der enorm gesunkenen Kaufkraft die meisten Fran­zo­sen inzwischen so viel wie möglich im Haus selbst reparieren und dass seine Mitarbeiter und er eigentlich nur noch von den kapitalkräftigen Bauherren leben würden. Wir sprächen hier über Wohnungen ab 200, 300 m², er hätte im Herzen von Paris auch schon Kunden gehabt, die 2000 m² ihr eigen nennen wür­den. Besonders bitter sei es, in Wohnungen, die nahezu keine Spuren gelebten Lebens zeigen würden, alles herausreißen und nach dem Geschmack des neuen Ei­gen­tü­mers neu machen zu müssen. Zitat: "Ohne diese grandes fortunes hätte ich meinen Laden längst schließen müssen."

Die Wohnung, um die es in Berlin geht, wird ein Viert- oder Fünftwohnsitz sein. Solche Worte lassen sich schlecht tippen, der Kopf kann nur bis zum Zweitwohnsitz denken. Zum Glück blockiert hier niemand bestehenden Wohnraum, denn hier wird ein Einfamilienhaus auf einen Altbau draufgesetzt und es verschafft etlichen Ber­lin­ern Arbeit. Aber dann?

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Foto: C.E. (vergleichbare Stelle)

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