Freitag, 14. Juni 2013

Ausfallhonorar

Will­­kom­­men auf den Sei­­ten ei­­nes vir­­­tu­­­el­­­len Ar­­beits­­­ta­­ge­­buchs aus der Welt der Spra­chen. Ich bin Dol­met­scher­in und Übers­etzer­in für die fran­zö­si­sche Spra­che und aus dem Eng­li­schen. Hier denke ich über un­­se­­ren Be­­ruf und da­rü­ber nach, wie er wahr­ge­nom­men wird ...

GEISTERSITZUNGEN | EU-Parlament vergeudete 16 Mio. Euro für Dolmetscher
Bild-Zeitung vom 14.06.2013
Das bekannte deutsche |Revolverblatt| Bou­le­vard­me­dium mit den vier Buch­sta­ben, nein, es heißt nicht BLÖD-Zeitung, ver­öf­fent­lichte heute dies:

Wer den Artikel liest, erfährt, dass binnen dreier Jahre 15,93 Millionen Euro geflossen sind, um Dolmetscher für zu kurzfristig abgesagte Einsätze zu entschädigen. Dies betreffe gleichermaßen Fraktionen, Ausschüsse und Delegationen, die in durchschnittlich 16,3 % der Fälle vertagt würden.

Weiter schreibt die Zeitung, die eine Pressemeldung der Nachrichtenagentur dts aufgreift: "Etwa die Hälfte der Übersetzer in Diensten des EU-Parlaments sind Freiberufler."

Um hier dem Dolmetscherbashing, das ich indirekt daraus lese, zu widersprechen: Freiberufler wohnen vielleicht nicht am Arbeitsort, haben möglicherweise Zeiten für An- und Abreise eingesetzt und ihre Arbeitstage, die sie in der Regel lange im Voraus reserviert hatten, sind "weg", andere Aufträge finden sich so schnell für den Tag nicht. Kurz: Sie hätten, würde kein Ausfallhonorar gezahlt, an den ent­sprech­en­den Tagen Honorarausfälle zu verzeichnen. Ausfallhonorare gibt es nicht nur bei Sprachmittlern, andere Berufsgruppen machen diese auch geltend.

Dolmetschen ist eine sehr anstrengende Tätigkeit, die oft tagelange Vorbereitung nötig macht. Diese wird nicht gesondert vergütet. Bei einer kurzfristigen Absage entfällt je Thema möglicherweise damit oft nur ein "kleiner", dafür aber hoch­gra­dig sichtbarer Teil der Arbeit.

Die Frage wäre allerdings, warum im Parlament 16 % der Termine verschoben wer­den und ob der Prozentsatz im aktuellen politischen Prozess wirklich signifant hoch ist.

Und noch ein Aspekt fällt mir ein. Die freiberuflichen Dolmetscher, die für Brüs­sel/Straßburg arbeiten, werden meines Wissens mit Sätzen unterhalb dessen ver­gütet, was die freie Wirtschaft zahlt. Wenn also ab und zu ein Ausfallhonorar hin­zu­kommt, hebt das den Durchschnitt der wirklich wahrgenommenen Ter­mi­ne an. Vielleicht wurde der Faktor ja bei der Festlegung der einzelnen Ho­no­rare bereits berücksichtigt (oder ist das der Grund für ausgebliebene Er­höhungen)?

Alles Fragen, die ich gestellt hätte, wäre ich heute noch Journalistin, was ich in einem ersten Berufsleben war. Aber inzwischen scheint Recherchieren aus der Mode gekommen zu sein bzw. wird nicht mehr vergütet. Moment mal, wie war das gleich noch mit den Ausfallhonoraren von Journalisten?

Hier noch einige Bewegtbilder zum Thema:



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Illustration: B-Zeitung
Film:
Generaldirektion Dolmetschen, EP

Kommentare:

ninasays hat gesagt…

Sehr gut geschrieben, vielen Dank :) Und ich glaube, es ist allgemein bekannt, dass Recherchieren in der Tat nicht gerade zu den Stärken dieses Blattes (Zeitung wäre zu viel der Ehre) gehört.

caro_berlin hat gesagt…

Oh, ich fürchte, die anderen Zeitungen und Medien werden da auch nicht groß recherchieren.

Zum Teil wird die B-Zeitung als Quelle angegeben und der Inhalt runtergemetzgert: dradio-Nachrichten

ninasays hat gesagt…

Nun, dann würde ich sagen, dass es ein Verlust ist, dass du nicht mehr als Journalistin tätig bist - aber dafür ein Gewinn für die Dolmetschlandschaft :)

Liebe Grüße aus Mannheim!
Janine

caro_berlin hat gesagt…

:-)
Gruß nach Mannheim,
Caro