Montag, 12. März 2012

camera person

Dolmetscher und Übersetzer brauchen einen Schreibtisch, denn hinter dem locker Vorgetragenen oder leicht Lesbaren steckt zähe, kleinteilige Arbeit, die nicht nur im Job, auch an auftragsfreien Tagen geleistet wird, an denen wir einfach nur die Fakten und die Sprache unserer Arbeitsfelder beobachten. Mein Schreibtisch steht in Berlin — hier gewähre ich regelmäßig einen Blick darauf.

12.23 Uhr lief über den Postlist-Ticker des mitgliederstärksten deutschen Filmverbands folgende Anfrage:
"Liebe KollegInnen,
Ich suche eine Kameramenschen in Stockholm, der gut Englisch spricht und eine eigene Ausrüstung hat. Gedreht werden soll ...
Danke im Voraus und viele Grüße,
M."
12.36 Uhr schrieb S. daraufhin Folgendes:
"Hallo S.,
darf’s auch ein Kameramann oder eine Kamerafrau sein, von einem Bildgestalter möchte ich ja gar nicht reden, weil Sie das ja wohl nicht suchen?
Ich finde die Bezeichnung "Kameramensch" etwas beleidigend.
Oder bezeichnen Sie sich auch als "Regiemenschen" in Ihrem Profil?
Beste Grüße"
12.47 Uhr dann mein Einwurf vom Rand des Spielfeldes:

Agnès Godard, die neue ARRI und
Monsieur Unbekannt in Marburg
"Das kommt von camera person, wie in den USA genderneutral immer häufiger Kameraleute ;-) genannt werden. Obacht, “Leute” ist historisch gesehen auch abschätzig, “der Herr und seine Leute” (Kontorist, Knechte, Bedienstete, ...)"

Meistens wird derzeit von "Kameramann" gesprochen, und es ist schon verwirrend, wenn sich Frauen vorstellen mit den Worten "ich bin der Kameramann von....". Das Wort "Bildgestalter" scheint sich nicht durchzusetzen, denn es klingt nach TV und außerdem zu uneindeutig.

Auf Französisch ist das einfacher, directeur oder directrice de la photographie kommt direkt vom englischen DOP, director of photography.

Foto: C.E.

Kommentare:

Ulrich Schol hat gesagt…

"Leute" empfinden Sie als pejorativ? Ich glaube nicht, dass Seeleute und Zimmerleute sich von diesen Bezeichnungen geschmaeht fuehlen.

caro_berlin hat gesagt…

Nein, ich empfinde "Leute" keinesfalls als beleidigend, wollte nur das kulturelle Hinterland des Begriffs mitliefern, so, wie ich es zu Beginn meines Spielfeldeinwurfs auch schon tat.

Gruß, CE

Michael Teutsch hat gesagt…

Hallo,

ich war über dreißig Jahre Kameramann und kein „Kameramensch!“, habe jedoch sehr darauf geachtet, als Kameramann Mensch zu bleiben. In dieser von mir geliebt-/gehassten Branche war das manchmal gar nicht so einfach.

Wenn also heute so gerne neue Wortschöpfungen in die Runde geworfen werden, dann soll es so sein und ich wünsche allen, die das so brauchen und betreiben, viel Freude und Erfindungsreichtum dabei.

Jedenfalls denke ich, dass die Begriffe Kamerafrau, Kameramann, DOP (Director of Photography: lichtsetzender Kameramann – lighting cameraman, sorry, das heißt eben so!!) einfach allgemeingültige und die Arbeit gut definierende Begriffe sind.

Seit der „Revolution“ durch die elektronischen bzw. digitalen Aufnahmegeräte hat sich auch das Berufsbild und die Herausforderungen der Kamerafrauen und -männer stark verändert, und manch ein Kameramensch der/die sich heute fröhlich durch „learning by doing“ bei Dreharbeiten durchwurschteln kann, wäre zu analogen Zeiten sicher schon als Materialassistent/in baden gegangen…

Schöne Vorfrühlingsgrüße an alle Menschen,

Michael Teutsch

C. B. hat gesagt…

Wo so heftig über Menschen diskutiert wird, eine kleine Anmerkung. Von Dsiga Wertow gibt es den weltberühmten Film ‚Der Mann mit der Kamera‘. Ist aber m.W. nicht korrekt übersetzt, denn im russischen Original heißt es ‚Der Mensch mit der Kamera‘. Was nun??

Beste Grüße,
Christoph Boekel