Donnerstag, 7. Januar 2010

Kein Blitzschach, sondern Blitzlernen

Will­kom­men beim ersten Web­log Deutsch­­lands aus dem In­­ne­ren der Dol­­met­sch­er­­ka­­bine. Hier kön­nen Sie (mehrmals wöchentlich) in meist kur­zer Form Epi­so­den aus dem Alltag einer Fran­zö­sisch­dol­metscherin verfolgen. Außerdem übersetze ich, zum Teil auch aus dem Englischen.
 
Dolmetscher brauchen mehr als Allgemeinbildung. Was eine Binse ist, stellt uns im Beruf mitunter vor Blitzlernnotwendigkeiten.

Gestern im Cinéma Paris am Kurfürstendamm: Ich sehe einen Spielfilm, in dem Schach vorkommt, und versuche mir, Bewegungen und Namen der Figuren zu merken. Leider kann ich das Brettspiel noch nicht, also möchte ich alles auf einmal lernen. Ich sehe den Film "Joueuse" von Caroline Bottaro, der diese Woche unter dem Namen "Die Schachspielerin" in die deutschen Kinos kommt. Dabei hatte ich im Vorfeld viel Zeit gehabt, das alles zu lernen, ist der Film doch die Adaption eines Romans, den eine Freundin aus Studententagen vor etlichen Jahren geschrieben hat: Bertina Henrichs erzählt in "La joueuse d'échecs", wie ein nicht mehr ganz junges Zimmermädchen über die Freude am neuentdeckten Schachspiel ihren in eingefahrene Bahnen geratenen Alltag langsam verändert, wie sie aufblüht und sich aus den alten Strukturen emanzipiert — und dennoch nicht, wie in so vielen Fällen weiblicher Emanzipation (im Kino wie im Leben), am Ende ohne Mann dasteht.

Nach der Filmvorführung soll ich das Gespräch zweier Damen mit dem Publikum dolmetschen, denn zusammen mit der Regisseurin ist auch die Hauptdarstellerin Sandrine Bonnaire nach Berlin gekommen. Solche Gespräche gehen zu 90 Prozent über Filmisches, aber wenn derlei dann doch fachlich wird, dann richtig! Also übe ich das Minimum an Schachterminologie und versuche, die Figuren und ihre Sprünge zusammenzubekommen — rein abstrakt. Wie also bekomme ich meine vorher angefertigte Vokabelliste "lebendig"? Bei zu viel Abstraktion und keiner praktischen Erfahrung helfen manchmal nur starke Bilder. Einige Figurenbezeichnungen brauche ich nur zu übersetzen, le roi/König, la dame/Dame, la tour/Turm. Und ich finde in Windeseile starke Bilder für die anderen Figuren. Für den Läufer, der auf Französisch "le fou" heißt, was 'der Narr' oder 'der Verrückte' bedeutet, stelle ich mir einen alemannischen Narren vor, der mit Joggingschuhen das Ufer des Landwehrkanals entlangjoggt. In meiner Kindheit hat mich die alemannische Fasnet stark beeindruckt, und einen solchen Narren hier im hohen Norden als Läufer zu sehen, ist sehr unwahrscheinlich. Also: "Le fou läuft" ist der Satz dazu, oder, umgekehrt, "der Läufer ist ein Narr". (Der Narr trägt eine Kappe mit Schweizerkreuz drauf, dabei ist die Darstellung, historisch bedingt, wohl eher eine Bischofsmütze, aber das scheint auch ein Missverständnis zu sein.)

"Pion" wird in Frankreich der Aufseher in der Schule genannt. Es sind oft Lehramtsstudenten, immer unterbezahlt, gelegentlich von den Lehrern wegen der geringeren sozialen Stellung schlecht behandelt und selten dann selbst böse den Schülern gegenüber, wenn der pion nicht von den Youngsters dauergeärgert wird: Aggressionen werden weitergereicht. "Pion" heißt auch auf Französisch die Schachfigur, die "Bauer" auf Deutsch heißt. Und ich sehe vor meinem inneren Auge einen richtigen Bauern mit Rest vom Kuhfladen an den Stiefeln, schlammgrüner Cordhose, Stroh in der groben Strickjacke überm karierten Holzfällerhemd, kurz: ein Gemüt von einem Kerl, der leider von den Schülern geärgert wird, während er auf dem Hof Aufsicht führt. Also: "Der Bauer steht als pion auf dem Schulhof".

Und dann ist da noch der Springer, die Figur mit den Pferdeohren, auf Französisch "le cavalier" (Reiter). Das ergibt bei mir das Bild: Der "cavalier sieht durch die Pferdeohren hindurch und springt (über ein Hindernis). Das Bild ist das Schwächste, weil am wenigsten abstrakt, dafür ist das Pferdchen bei den meisten Schachspielen nicht zu übersehen.

Dass es so detailliert wird im Publikumsgespräch ist zwar höchst unwahrscheinlich, aber jeder Auftrag ist mir willkommener Anlass zum Erlernen und/oder Wiederholen von Begriffen und Redewendungen. Und so "blitze" ich immer wieder kurz meine Assoziationen in ruhigere Passagen des Films "hinein" (und denke mir dazu auch die Worte). Ich verknüpfe und lerne und gewinne an Sicherheit für das anschließende Gespräch: eine offene Flanke weniger. (Und ich beschließe, dass ich die Sprünge später lernen kann, wenn ich mir von meinem Patensöhnchen das Schachspiel beibringen lasse ...)


Das Publikumsgespräch ist dann auch entspannt, filmisch, die Gäste sehr sympathisch (und Mme Bonnaire schaut mich so aufmerksam an, als würde sie gerade für eine nächste Rolle die Wirkung einer Dolmetscherin studieren). Dann wird das Gespräch doch noch "schachlich" — ganz am Ende. Nathalie von Bernstorff, die Medienbeauftragte der Botschaft, hat die Veranstaltung schon abzumoderieren versucht, da stellt ein Mann von der Empore noch eine ellenlange Frage, lobt hier ein gefilmtes Spiel, vergleicht dort einen Blick mit einem Gesichtsausdruck des russischen Gegners von Bobby Fischer bei den Schachweltmeisterschaften 1972 in Reykjavík und was der Details mehr sind. Meine Finger hetzen übers Papier, Namen, Orte, Daten, um am Ende einigermaßen hinterherzukommen, denn der Redner, der nach langen Kommentaren zwei kurze Fragen stellt, es ist der Toussaint-Übersetzer John Lambert, mag seine Frage dann leider doch nicht auch noch auf Deutsch stellen. So bekommt das Ganze so kurz vor dem Abpfiff den Anstrich einer anstrengenden Veranstaltung, und dank der üblichen Dolmetschernotizentricks, Routine und Gelassenheit bekomme ich am Ende sogar noch Szenenapplaus. Die ganze Aufregung im Vorfeld war indes nicht nötig; das Mundwerk, das ein besonderes Handwerk ist, war wieder einmal 'verlässlich', ich habe mit einer visuellen Blitzlernmethode einige starke Vokabelbilder zum Thema Schach gewonnen und einen sehr schönen Gesprächsabend erlebt.


Merci beaucoup, Bertina Henrichs, Caroline Bottaro et Sandrine Bonnaire !

Kommentare:

Rita Maria hat gesagt…

Ganz toll haben Sie es hinggekriegt, ich fand es durchaus bewünderswert, vor allem genau bei dieser letzten Frage! (und wie lustig dass man im Nachhinein noch die Identität des Fragendes noch verraten bekommt!)

Rmatt hat gesagt…

Schöne Einführung im inneren einer Dolmetscherin !
Tu n'as plus qu'à traduire et à l'envoyer à Sandrine et tu deviens co-scénariste ;-)

Etant aléatoirement joueur d'échecs, je n'aurais pas vécu la scène de la même facon

caro_berlin hat gesagt…

Danke für die Kommentare :-)

Und John ist natürlich unter Dolmetschern und Übersetzern eine bekannte Figur, außerdem haben wir schon zusammen gedreht, aber lang, lang ist's her ...

Werner hat gesagt…

Liebe Dolmetscherin,
da kann ich mich nur meinen Vorrednern anschließen, das haben Sie wieder mal ausgezeichnet gemacht! Ich glaube, sehr gut Französisch zu sprechen, aber wenn Sie dolmetschen, bringen Sie immer noch Nuancen, die ich auf Französisch überhört hätte, weil selbst für geübte Ohren die französische Sprache im Original doch recht schnell gesprochen wird.
Bei anderen Dolmetschern empfinde ich die Übersetzerei oft als mühsam. Da leide ich manchmal mit, wenn sie um Worte ringen oder lustlos das Gesagte runterleiern. Bei Ihnen: nie!
Glückwunsch!