Donnerstag, 13. Juli 2017

Mehr Platz!

Über das Leben in Dolmetscherkabinen berichte ich hier seit 2007. Ne­ben­schau­platz ist der Schreibtisch, auch wenn wir hier mehr Zeit zubringen als in der Box selbst, aber eben ohne Zuschauer. Neben dem Dolmetschen übersetzen viele Kol­le­gin­nen und Kol­legen. Auch das ist ebenso Gegenstand dieses Blogs wie sprach­li­che oder kul­tu­rel­le Besonderheiten "meiner" Länder.

Köpfe in der Kabine
Katja Riemann in einem Film von 2011
Über die Arbeit von Dol­met­schern be­rich­ten Me­dien und Kunst eher selten. Wenn doch, oft mit groben Fehlern. Die absichtlichen Falsch­über­set­zun­gen in Marias' "Mein Herz so weiß" sind nicht mög­lich. Anderes ist bemüht, in der Umsetzung in­kon­se­quent bis entstellend, siehe die Kritik "Dolmetscher im Film".

Vor lauter Monitoren kaum noch Tisch übrig
Später auf dem Monitor: Die Vorderseiten der Redner
Eine andere Frage sind Dol­met­scher und Medien. In den Kabinen nut­zen wir Rech­ner; immer öf­ter stellt man uns Mo­ni­to­re hinein; Pro­gram­me, Le­bens­läu­fe, Prä­sen­ta­tio­nen vom Kunden sowie unsere ei­ge­nen Vokabellisten führen un­wei­ger­lich zu Sta­pel­bil­dung auf den ohnehin schon klei­nen Tischchen. Viel Auf­wand da­für, dass wir mit Wör­tern jong­lie­ren können.

Auf weitere Jonglage hat kaum ein(r) Lust. Leistungsstarke Geräte sind allerdings nicht wegzudenken. Konferenzen nutzen gerne Videos, manche Vortragende liefern ihre Prä­sen­ta­tio­nen in letzter Minute ab, wechseln aus Anschauungsgründen plötz­lich das Thema. (Eben ging es noch um die Übersetzbarkeit von Lyrik, auf ein­mal taucht das Wort "Ehe­gat­ten­split­ting" auf.)

Gedrängel in der Kabine
Nicht selten verkürzen wir die Mit­tags­pau­se, weil wieder eine Rednerin/ein Redner sich nicht an die zu lasch kommunizierten Abgabetermine gehalten hat. Ohne Rech­ner und Technik wäre das undenkbar. Äl­te­re Dolmetschpulte stehen in der Mitte, das Mikro ist am Kopfhörer; neuere Ge­rä­te gibt's in zweifacher Ausführung mit ei­ge­nem Mi­kro­fon. Das ist praktisch, kostet aber weiter Platz. Ein Wasserglas muss ja auch noch irgendwo hin.

Das Tagungsprogramm kleben wir uns ger­ne auf die Innenseite der Scheibe. Sonst gibt es wenig Ausbaufläche. Die logische Konsequenz lautet: Die Tech­nik muss kleiner werden.

Mehr Platz durch Mini-Rechner
Sieht schon besser aus
Da ich die Hersteller von Pulten leider nicht be­ein­flus­sen kann, probiere ich es mal mit meinem Rechner. Die Firma mit dem angebissenen Obst als Logo stellt leider keinen echten Minirechner her, son­dern bietet zu einem zu groß aus­ge­fal­le­nen Taschentelefon eine aus­ge­wach­se­ne Tastatur an. Das Modell habe ich gerade im Testversuch. In der Kabine überzeugt es mich, auch wenn einiges enorm stört: Ich weiß noch nicht, wie ich Dokumente in Dossiers ab­spei­chern kann, auch kann ich sie nicht nach Downloaddatum sortieren, sondern muss sie aufwändig umbenennen und mit einer Kennziffer beginnen lassen, damit sie übersichtlich werden.
Und "intuitiv" ist hier rein gar nichts.

Ich bin nutze schon mein ganzes Konferenzdolmetscherinnenleben Geräte dieser Marke und habe den Eindruck, wieder von vorne anzufangen.

Auch das Abspeichern und Weitersenden von Dateien scheint nur über die "Cloud" möglich. Ich hoffe, dass es Zusatzapps gibt, um das "Abspeichern im Netz" zu um­ge­hen. DAS ist total ungeeignet für den Kabinenbetrieb, in dem wir oft mit sen­si­blen Da­ten hantieren. Der Technikhersteller bekommt von mir in Sachen Da­ten­si­cher­heit und Übertragbarkeit bestehender Kenntnisse eine glatte Sechs. Und für Ge­rä­te mit einem "Fair Trade"-Siegel und modernisierbaren Komponenten würde ich gerne Prozentsätze im unteren zweistelligen Bereich mehr zahlen.

Aber das sind schon zwei andere Themen.

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Fotos: C.E.

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