Sonntag, 21. Mai 2017

Himmel!

Welcome, guten Tag, bonjour ... auf den Blogseiten, die in der Dol­­met­­scher­ka­bi­ne und am Übersetzerschreibtisch entstehen. Ich arbeite in den Bereichen Politik, Kultur, Wirt­schaft und Soziales. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heute: Sonn­tags­fo­to.
 
Ein Berliner Sonnensonntag mit Hinterhöfen. Im Vorbeigehen entdecke ich ein neues Fotomotiv. Und der Himmel ist auch hier spektakulär, ein Bild mit Rahmen.

Fassade, Mauer, Fassade: Dazwischen strahelender Himmel
Pars pro toto
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Foto: C.E.

Samstag, 20. Mai 2017

POV: Ohne Wände

Hier bloggt eine Dolmetscherin für die französische Sprache, die auch übersetzt. Heute POV: Der nur knapp kommentierte sub­jekti­ve Blick aus der Spracharbeit und dem, was damit zusammenhängt. Jetzt gerade in der Kabine ...

Abgespeckte Dolmetscherkabine
... fehlt die Schallisolation. Wir sitzen hinten im Raum. Wir haben hier die übli­chen Kopfhörer, in denen der Ton des Podiums und die Fragen aus dem Publikum erstklassig ankommen, unsere Mikros, zwei Tisch­lich­ter, unsere Rech­ner und W-lan. Also alles wie in der Kabine, nur die Wände fehlen.
Das Publikum hört uns als Gemurmel im Hintergrund.

Für eine kleine wissenschaftliche Konferenz, die einen Dreivierteltag dauert, stellt diese Möglichkeit eine erhebliche finanzielle Ersparnis dar im Verglich zur Box. Bei spannenden Themen sind wir zu derlei gerne bereit.

Inhaltliche Notiz: Gewalt gegen Frauen ist in Frankreich nur deshalb nahezu aus­schließ­lich und höchst aus­dif­fe­ren­ziert sta­tis­tisch für mi­gran­tische und arme Be­völ­ke­rungs­an­tei­le in den ban­lieues, den Vor­städten, belegt, weil es derlei Un­ter­su­chun­gen und Statistiken in den Städten und Quar­tie­ren der Wohl­ha­ben­den schlicht und ergreifend nicht gibt.

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Foto: C.E.

Freitag, 19. Mai 2017

Auf dem Schreibtisch XXXXI

Mitten in ei­nen Blog aus der Ar­beits­welt sind Sie rein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Hier stehen kurze (anonymisierte) Episoden aus meinem mit­un­ter sehr vielseitigen Alltag, Gedanken zu Kultur und Sprache sowie Hinweise zu meinen Arbeitsfeldern.

Füller, Miniaturharke, USB-Stics, Schraubenzieher, Stifte und "TOMATE Moneymaker"
Blick auf den Schreibtisch
Neulich habe ich die besten To­ma­ten­sa­men der Welt entdeckt. Really! It's great!
Und nach der Berlinale, dem Achtung­ber­lin Film­fes­ti­val sowie dem Filmkunstfest MV bin ich vom 17. bis 29. MAI in BERLIN. Cannes kann |mich mal| ohne mich sein 70. Jubiläum feiern, endlich mit der Teil­nah­me von mehr Regisseurinnen, wo­rü­ber ich mich sehr freue.

Ich bin hier und dolmetsche Konferenzen, denn auf die Tomaten allein will ich mich nicht verlassen, und verdiene Geld ... pour écrire mon prochain livre cet été, um im Sommer mein nächstes Buch zu schreiben.

Auf dem Programmzettel:
⊗ Bodengesundheit
⊗ Theatersprache
⊗ Aktuelle französische Politik
⊗ Badezimmerrenovierung
⊗ Euro-Betriebsrat
⊗ Gewalt gegen Frauen

Die The­men be­schäf­ti­gen mich im Hin­blick auf aktuelle Dol­met­sch­ein­sät­ze und Übersetzungen.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 18. Mai 2017

Mal wieder: Preisgestaltung

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Wäh­rend in Cannes das Filmfestival startet, übersetze ich in Berlin noch Dreh­bü­cher. Auch eine Art, zum Geschehen beizutragen. Manche gehen flott von der Hnd, andere brauchen mehr Zeit. Das sollte sich auch in Preisen niederschlagen.

Croissant und Espresso
Französisches Frühstück
Zum Aufwachen in eine Art digitales Wortcafé gegangen, gelacht. (Solche Orte werden auch virtuelle Kaffeeküche ge­nannt.)
Hier tauschen wir News aus. Oder Wörter: "Ar­ma­tu­ren­kne­bel­ein­satz­rast­buch­se" hat Jackie Stech, Dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin mit dem Schwerpunkt Technik (IT, PT, FR, EN) in einem Do­ku­ment gefunden.

Auf nüchternen Magen kann es einem da schon mal den Appetit verschlagen.

Darauf Kollegin Jessica Link, Übersetzerin auch im Bereich Technik (EN und IT): "Oder warum man in die Fremdsprache nie einen Wortpreis berechnen sollte."

Mesdames, you made my day!

Damit solche Jobs überhaupt nahrhaft sind, müssen sie nach Zeit berechnet wer­den. Das ist so ähnlich wie mit der Autoreparatur in der Werkstatt: Die wird ja schließ­lich auch nicht nach Kilogramm berechnet. Drehbücher indes berechne ich weiter nach Anschlägen (Zeichen inkl. Leerzeichen) und nach Schwierigkeitsgrad der Vor­lage. Da kommen solche Wörter eher nicht vor.

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Foto: C.E.

Freitag, 12. Mai 2017

Kopfkino (1)

Ob geplant oder zufällig, Sie sind auf den Weblogseiten einer Wortarbeiterin ge­lan­det. Ich dolmetsche und übersetze für Wirtschaft, Politik und Industrie, da­run­ter auch für die Filmindustrie. Arbeitssprachen sind DE, FR und EN. Heute startet eine neue Reihe, mal schauen, ob ich die etabliert bekomme: Kopfkino.

Schlechte Kalauer scheinen unter deutschen Frisören besonders groß in Mode zu sein. Wann hat das bei denen eigentlich angefangen?

Wandmalerei: Kopfkino
Gesehen in Berlin-Kreuzberg
Ihre Boutiquen nennen sie "Chronicle head crash", "Abschnitt", "Haupt-Sache" (in Ge­richts­nähe), "Cre­Haar­tiv", "Kai­ser­schnitt" (am Krankenhaus), "Schnipp & ab", "Vier Haareszeiten", "Kamm in", "Hair­zi­lein", "Um Haaresbreite", "Haarem", "Schnitt­stel­le", "Hairlich", "Hair­schafts­zei­ten" und was derart Sprachgrausamkeiten mehr sind.

In meiner Kindheit und Jugend haben wir uns wenigstens noch in den Räumen von "Haarmoden Retzer", der lag in Sachsen, da brachten wir das eigene Handtuch mit, oder im "Salon Bella", bei "Barbara's Bar­ber's" oder "Pfaff's Haarstudio" ein­sei­fen und beschnippeln lassen, wie sich's ge­hört mit Dep­pen­apostroph.

Simon Coiffeur de famille, Audebert Coiffure, La Bottega del Coiffeur heißen die entsprechenden Läden in Paris. Das geht alles in Richtung der guten altdeutschen "Haar­ins­ti­tu­te". Franzosen gehen ja gemeinhin zum Coiffeur, wo sie sich eine neue coiffure verpassen oder nur die Spitzen nachschneiden lassen. Der deutsche Be­griff "Fri­seur", ein echter "falscher Freund", klingt für französische Ohren lustig, heißt er doch übersetzt "Lockenmacher".

Wennschon, dennschon. Jetzt kommt die Filmidee. Ich bin für "Brainwash": Der La­den, irgendwo im Norden Neukölln, so stelle ich ihn mir vor, ist hin­ten Wasch­sa­lon für Wäsche, vorne Salon für Haare und Teesalon für alle anderen. Das Eta­blis­se­mang liegt in einem Hin­ter­hof­ne­ben­ge­bäu­de aus roten Ziegeln und hält aus­schließ­lich politische Zeitungen und LETTRE, außerdem werden Hennafärbungen der Hän­de angeboten, denn direkt daneben liegt eine Bauchtanzschule.

Schriftzug auf Papier: Frühling eingetroffen
Heute war es endlich mal warm
Sobald es wärmer wird, sitzen viele draußen im Hof, dann dringt die Musik nicht nur durch die Wände.

Bis vor einigen Jahren war "Brainwash" im Bezirk Prenz­lau­er Berg ansässig, aber dort be­sitzen in­zwi­schen alle ihre ei­ge­nen Wasch­ma­schi­nen und die Edelcoiffeure haben seit langem den Wett­kampf für sich ent­schie­den.

Das Vorbild für den Laden habe ich vor vielen Jahren mal in San Francisco besucht, dort gibt's im Brainwash Cafe & Laundromat die Kombi Kaffee und Wäsche.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Ruhm und Arbeit, die Erste

Bienvenue auf den Seiten einer Sprachmittlerin. Wir Übersetzerinnen und Über­set­zer sind derzeit gefragte Menschen, wenn es um die Vorbereitung des Film­fes­ti­vals im süd­fran­zö­si­schen Cannes geht. Sonst verdiene ich meine Brötchen als Dolmetscherin zwischen Politik, Kultur und Wirtschaft und plane Termine bis in den Oktober. Und ich blogge, stets unter Wahrung der im Dienst erfahrenen Ge­heim­nis­se.

STAR als Leuchtschrift und Spiegelung
Gesehen in Berlin-Mitte. Das Internet ...
Einmal kurz das Näschen ge­lupft und schon wieder zwei Tage im Büro verbracht, sogar eigene Kulturtermine ab­sagen müssen. Kostenvoranschläge wer­den oft zu Beginn der Wo­che angefragt, die von mir rasch kontaktierten Ko­ope­ra­tions­part­ner lassen sich Mon­tag­nach­mit­tag Zeit, Dienstag ist woanders Stress, Mittwoch sende ich Reminder, Don­ners­tag werde ich nervös.

Und dann flattert eine Übersetzungsanfrage von Donnerstagabend zu Montagmittag im Umfang eines fetten Drehbuchs rein. Einreichfristen bei Filmförderinstitutionen eben. Die Kolleginnen so: "Aber die wissen das doch nicht erst seit gestern!" Rich­tig. So direkt sage ich das aber nicht weiter. Der Kunde kürzt auf meinen Rat hin. Ich suche. Suche weiter. Erneuere meine Kontaktliste.

Jetzt ist es nun einfach mal so, dass wir in den letzten Jahren sehr viel gearbeitet haben und die Kunden es uns mit regelmäßiger Auftragsvergabe danken. Wir, und hier meine ich diverse Teams, die ich überblicke, mein wachsendes Netzwerk, ar­bei­ten manchmal am Limit, also einige Monate im Jahr, was in unserem Gewerbe nicht so gut ist, denn das Hirn fordert seine Ruhephasen ein.

Filmproduktionsfirmen brauchen nur ab und zu unseren Beitrag, nicht selten von jetzt auf gleich. Wenn dann auch noch die Abgabefrist kurz ist und ein Wo­chen­en­de dazwischen liegt, viele von uns haben unterschiedlich geartete Fa­mi­lien­pflich­ten, wird es verdammt eng.

Nun ist es aber wiederum auch nicht so, dass auf Film und Medien spezialisierte Übersetzer das ganze Jahr ausschließlich das machen UND ständig auf Aufträge warten würden. Eher das Gegenteil ist der Fall: Die einen arbeiten ausschließlich in dem Feld, oft für re­du­zier­te Sätze, da die Akquise wegfällt, z.B. im Verbund mit einem Synchronstudio, sind aber oft ausgebucht. Wir anderen, die wir Synchro has­sen und/oder einen leicht höheren Lebensstandard pflegen und/oder mehr Zeit fürs Private brauchen und/oder dolmetschen, haben in der Zwi­schen­zeit Kunden un­ter­schied­lichs­ter Art gewonnen. Etliche unterrichten ne­ben­bei an der Uni, an den Volkshochschulen oder im Sprachangebot für Ge­flüch­te­te. Kurz: Wer hat ge­ra­de Zeit? In wie­ viele Teile hacken wir das? Wer ist fürs Korrektorat zu­stän­dig, das dann eher eine Schlussredaktion ist?

Sehr wichtig: Wie kriegen wir das so kalkuliert, dass der Endpreis nicht durch die Decke schießt? (Der Film ist noch nicht finanziert, es geht ja gerade um das Ein­wer­ben weiterer Mittel. Ich verdiene an sowas oft nur soziales Kapital.) Und nimmt mir eine der Kolleginnen das Projektmanagement ab? Ich muss ja mei­ne ei­ge­nen Termine koordinieren und dann liegt da noch ein Schreibprojekt mit Recherchen auf dem Tisch.

"Die Tat ist alles, nichts der Ruhm."
(Goethe, Faust 2, IV. Akt, Szene "Hochgebirg", Vers 10188)

Ja, Herr Geheimrat, stimmt. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. So hat Erich Kästner den Gedanken ein bisschen salopper reformuliert. Aber mit etwas Ruhm ließen sich Grundinfos über unsere Arbeitsweise allgemeiner bekannt machen, oder? Dann würden die Menschen nicht immer glauben, unsere Arbeit würde sich fast wie von selbst erledigen (oder demnächst automatisch durch den Kollegen Computer). Dann wären Bitten seltener, Projekte in an­dert­halb Werk- und zwei Wochenendtagen zu erledigen, für die wir normalerweise zwei Wochen kal­ku­lie­ren.

STAR in Neonschrift auf dem Kopf
... stellt manches auf den Kopf.
Mit dem Internet hat der Ge­heim­rat nämlich nicht ge­rech­net. Es stellt so manches auf den Kopf, denn es gaukelt zu oft unseren potentiellen Kunden vor, dass alle Talente gleicher Qualität immer und sofort zu finden sein müssten.

Also ist die Tat künftig fast alles, aber der Ruhm darf trotzdem nicht außer acht gelassen werden.

Wobei ich denke, dass Goethe durchaus den eigenen Ruhm im Blick hatte. Im Fall von Künstlern, die Neues schaffen, halte ich das für legitim. Unsere Kunst ist die der Re-création, des Erschaffens von etwas auf der Spur von Bestehendem. Bislang gehört zu unserem Berufsbild, vornehm hinter den von uns ins Licht Gesetzten zu­rück­zu­tre­ten. Zugleich sind wir ebenfalls Urheber, z.B. von literarischen Über­set­zun­gen (und von Filmübersetzungen, Untertiteln usw.)

Am Ruhm werde ich künftig wohl arbeiten müssen. Nicht einfach, wo ich doch so schüch­tern bin. Also das wirkliche Ich, das hier tippt, ist schüchtern, nicht aber die Dol­met­sche­rin­nen­kunst­fi­gur, die regelmäßig neben den Deneuves, De­par­dieus und De­par­dons die­ser Welt auf den Festivalbühnen steht und sie vertont. Das war bis­lang mein Trick zur Überwindung des Lampenfiebers, du trac: Ich spiele diese Dol­met­sche­rin nur. Und genau diese Persona steht in diesem au­to­bio­fik­tio­na­len Ar­beits­ta­ge­buch im Mittelpunkt.

Jetzt bin ich aber vom Thema abgekommen. Und morgen, Freitag, dürfen dann fünf Angebote raus, eines davon in drei Va­ri­an­ten. Weil die Kunden nicht nur mit­un­ter spät dran sind, sondern auch im Vorfeld nicht immer genau wissen, was letzten Endes gebraucht werden wird. (Keine Angst, rechtzeitig vor dem Ter­min wird dann unterschrieben.)

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Foto: C.E.

Montag, 8. Mai 2017

Am Sandkasten

Bonjour und hallo! Hier lesen Sie regelmäßig Diverses aus der Dolmetscherkabine, vom Über­set­zer­schreib­tisch und aus der Welt der Idiome ... völlig subjektiv ge­fil­tert von mir, einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Spra­che.

Es gibt Tage, da stelle ich um viertel nach sieben den Wecker aus (der sonst spä­tes­tens 7.20 Uhr sanft und freundlich die Nacht beendet).

Hinterhof mit Grün, Hüfkästchen und Sandkasten
Naherholungsgebiet
Und dann drehe ich mich ge­nüss­lich um, weil die Ver­ab­re­dung nur eine eigene mit den Laufschuhen war oder ein klei­ner Recherchetemin. Und weil ich nach längeren Ein­sät­zen und Kraftakten, die sich zum Teil auch ins Wo­chen­en­de hin­ein­zie­hen, mit mir mit viel Nach­sicht umgehe. Denn ich fühle mich wie re­kon­va­les­zent. Dabei habe ich nur gearbeitet.

Können sich das Menschen anderer Berufe vorstellen? Eine Kollegin hat dafür ein drastisches Wort, sie nennt den Zustand brain dead. Ich nenne das Hirn­ne­bel oder Kopfmuskelkater. Und derlei ist auch möglich nach fünf Tagen mit über 20 Mo­de­ra­tio­nen von Filmgesprächen, die ich zum kleinsten Teil auch gedolmetscht habe. Letzte Woche war ich beim Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin.

Anschließend erlebe ich Tage, an denen ich maximal die Aqua­rell­pin­sel in die Hand neh­me, weil ich ohnehin sonst nur schlafen würde. Der innere Zensor schläft dann auch, das ist bonfortionös. An denen ich es ertrage, Kleidung einkaufen zu gehen, vor­aus­ge­setzt, ich habe gut gegessen und ein Mittagsschläfchen halten können. An denen ich früher entspannt am Sandkasten sitzen konnte und mich gewundert ha­be, war­um sich Nur-Familienmenschen eigentlich langweilen.

Waren die Anstrengungen sehr groß, hält der Zustand manchmal zwei, drei Tage an. Irgendwann eile ich plötzlich in den Buchladen, in die Bibliothek und ins Kino und bin wieder da.

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Foto: C.E. (Archiv)

Freitag, 5. Mai 2017

Herausforderungen

Ob ge­plant oder zu­fäl­lig, Sie lesen hier auf den Sei­ten einer Sprach­ar­bei­ter­in. Was Dol­met­scher für Fran­zö­sisch (und Über­setzer) so machen, darüber schreibe ich hier seit mehr als zehn Jahren, derzeit wieder aus Berlin. Weiter geht's mit der Reihe POV, Point of view. Kurzer Kommentar zu Sprachveränderungen.

Vom #RuralFuture Lab
"Das Team steht vor großen Herausforderungen."
"Frankreich muss seine Her­aus­for­de­run­gen bewältigen. "
"Wir können uns glücklich schätzen, auf der Höhe der Herausforderungen gewesen zu sein ..."

Ich mag dieses Neusprech nicht. Früher war die Sprache direkter und Probleme hießen noch Probleme.

Heute schwurbeln alle von le défi oder the challenge. Welthunger: Nourrir 10 mil­liards d’êtres humains : le défi du siècle, Zehn Milliarden Menschen zu er­näh­ren ist die Herausforderung des Jahrhunderts, so mein Leib- und Magensender France Culture, und Marine Le Pen, un défi pour la presse, die Front National-Che­fin ist auch eine Herausforderung, vor allem für die Presse.

Wann haben wir eigentlich aufgehört, Probleme als Probleme zu bezeichnen und das direkte Ansprechen von Sachverhalten als "Stammtisch" oder Duktus ex­tre­mer Parteien?

Die Vokabelliste des neoliberalen Zeitalters ließe sich leicht fortsetzen. Und ja, ich denke, dass diese Sprachverhunzung zur Misere beigetragen hat. Ich sage nur "Ent­frem­dung", was auch kein unschuldiger Terminus ist.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 3. Mai 2017

World Café

Welcome, guten Tag, bonjour ... auf den Blogseiten, die in der Dol­­met­­scher­ka­bi­ne und am Übersetzerschreibtisch entstehen. Ich arbeite in den Bereichen Politik, Kultur, Wirt­schaft und Soziales. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (meistens nur Aus­gangs­spra­che).

Foto: Winnie Ya Otto
Im Juli findet in Hamburg das Gip­fel­tref­fen G20 statt. Zu dessen Vorbereitung gibt es letzte Woche in Berlin einen W20, einen Frau­en­gip­fel sowie ein Treffen mit Men­schen aus Af­ri­ka. Diese Vorbereitung er­fuhr ihre ei­ge­ne Vor­be­rei­tung: Eine Pro­gramm­wo­che mit jun­gen Menschen aus Entwicklungs- und Schwel­len­län­dern mit der Schwer­punkt­fra­ge, wie den Themen Nah­rungs­mit­tel­si­cher­heit, Klimawandel und Be­völ­ke­rungs­zu­wachs gleichzeitig entsprochen kann. Das #RuralFuture Lab, die Werkstatt zur Erkundung der Zukunft des ländlichen Raums, wandte sich an jun­ge Menschen vom Land, viele von ihnen sind Bauern, andere waren zum Studium z.B. der IT in die Städte gegangen.

Auch deutsche Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren dabei und wir als großes Team. Zunächst haben die internationalen Gäste ihre Zukunftsvisionen präsentiert, dann ging's an die Arbeit. Einen Nachmittag lang wurden im Rahmen des Formats "World Café" Probleme besprochen und Lösungen entwickelt. Damit sich nicht alle in ausufernde Debatten verzetteln, gibt es zeitlich begrenzte "Stationen" mit un­ter­schied­li­chen Moderatoren und klaren Frage- bzw. Aufgabenstellungen.

Gruppe im Kreis, zwei im Gespräch
Aufwärmübung und Debatte
Für uns Dolmetscher ist hier schwierig, dass wir bei den Programmpunkten der ers­ten Tage, Vorträge und Besichtigungen, die jungen Leute nicht viel haben spre­chen hören. Die Mutigsten hatten unterwegs schon Fragen gestellt, aber eben nicht alle. Und so kam es, dass die berichtende Dolmetscherin im Kongressraum in der Nähe eines Lautsprechers steht und plötzlich nur Schallwellen empfängt. Langsam kris­tal­li­sie­ren sich einzelne Wörter aus den Wellen heraus, dann wer­den es ganze Sätze. Am Ende kann ich sogar Teile des Anfangs noch irgendwie rekonstruieren. Sehr spannend, wie sich das Gehirn rasch auf neue Akzente einstellt ... sobald es die Regeln der Verschiebung begriffen hat.

Diskutanten und -onkel ;-)
Zusammenfassungen
Das Treffen war ebenso spannend wie höchst ertragreich. Es kamen Vorschläge in einer solchen Überfülle, dass leider immer nur einer weiterbearbeitet werden konnte. Und ich denke, dass die jungen Fachleute ihrer eigenen Existenz und ihrer Länder, mit enorm viel Kompetenz und hoher kommunikativer Fähigkeit gesegnet, gerne auch mal eine Woche auf ein ländliches Tagungszentrum eingeladen werden sollten, ergänzt durch Dolmetscher und Moderatoren, die auf Nachfrage zur Ver­fü­gung stehen. Das Format nennt sich "Barcamp", eine von den Teilnehmern ad hoc selbst strukturierte Konferenz. Das sind die jungen Leute, über deren Zukunft gesprochen wird. Wir trauen dem Nachwuchs fast immer zu wenig zu. (Auch weil wir ihn in Mitteleuropa zu oft in Watte packen und verblöden (lassen), aber das ist ein anderes Thema.)

Arbeitssituationen
Konzentriertes Arbeiten. Foto links: Winnie Ya Otto
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Fotos: C.E. (soweit nichts anderes vermerkt)

Dienstag, 2. Mai 2017

Museum der Wörter 18

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heute im Wörtermuseum: Jemand, der Zeit hat.
          
                                B
um·me·lạnt, der

    
Bummeligkeit und große Rumbummelei sind das Privileg der Satten, Versorgten, Sorg- oder Ahnungslosen. Sonst wird auch ein langsamer und träger Mensch als Bummelant bezeichnet. 

Alle anderen rennen der Zeit hinterher. Ich bin weiterhin gerne schnell, jedoch seit einiger Zeit mit anderem Puffer, gerne eine Viertelstunde zu früh am Ab­fahrts­ort oder Treffpunkt. Zu Dolmetscheinsätzen kommen wir ohnehin gerne eine halbe Stunde "zu früh", um die Technik zu überprüfen.

Die Zeitreserve macht mich gelassener. Der Bummelant ist nicht immer gelassen, denn er weiß ja, dass er weniger leistet, als er könnte; er (oder sie) ist oft ein so­ge­nann­ter underachiever. Das kann zu noch größerer Langsamkeit führen — aus Grün­den der Lähmung. Das weiß ich, weil ich in manchen (privaten) Bereichen durch­aus zu großem Bummelantentum fähig bin, vermutlich auch als Ausgleich zu der sonsti­gen Schnelligkeit.

Als Dolmetscher sind wir, um den berühmten Kollegen Jürgen Stähle zu zitieren, ger­ne mal einen Halbsatz schneller als die Redner selbst. Da wir uns intensiv ein­le­sen und das deutsche Verb, welches satzbautechnisch ein großer Bummelant ist, nicht selten durch den Kontext erschließen, ist das durchaus logisch.

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Idee: H.F.

Montag, 1. Mai 2017

Tag der Arbeit

Wie Dolmetscher und Übersetzer arbeiten, können Sie hier mitlesen. Ich schreibe im Dolmetschblog in loser Folge über die sich verändernde Arbeit. Meine Sprachen sind Französisch und Englisch.

Marius Liefold, verdolmetscht von der Kollegin
Neulich meinte wieder mal jemand in einem leicht gön­ner­haf­ten Tonfall, dass ich mich doch glücklich schätzen solle, so viel zu tun zu haben. Das mache ich auch, be­son­ders am Tag der Arbeit.

Er meinte indes, dass wir Dol­met­scher und Übersetzer in fünf bis zehn Jahren nichts mehr zu tun haben würden. Gar nichts mehr.

Mal unter uns: Das wüsste ich. Ich habe hier Bücher aus den 50er, 60er und 70er Jahren, in denen genau das akkurat von Wissenschaftlern angekündigt worden ist. Nämlicher Gesprächspartner von neulich meinte auch, es werde bald keine Ärzte mehr geben.

In der Tat haben wir neulich Gespräche zu einem Diagnosekoffer verdolmetscht, der die medizinische Lage in entlegenen Regionen verbessern soll. Das Ergebnis der An­am­ne­se­fra­gen und grundlegenden Testverfahren war dann: a) alles gut, b) kom­men Sie in einer Woche wieder, wir beobachten das, c) gehen Sie sofort zum Arzt.

Sagen wir's mal so: Die verbesserten Analyseverfahren und sogar OP-Roboterarme hel­fen sehr. Indes sind sie wieder "nur" ein Quantensprung in Diagnostik und Be­hand­lung. Ich muss an das hölzerne Stethoskop meines Großvaters denken, das dessen Nachfolger nicht über­nom­men hat, sonst wäre es in meinen Kin­der­ta­gen nicht in meinem selbst­ge­mach­ten Spielzeugarztkoffer gelandet.

Die Bits und Bytes sind einfach nicht kreativ genug. Sie können nur erfassen, was Ihnen mal irgendwie beigebracht wurde, sie sind nicht kreativ genug, ihnen fehlt die Lebenserfahrung und die Sicherheit in der Einschätzung ergänzender In­for­ma­tio­nen (die Vorgeschichte, ein aufgeschnappter Satz beim Mittagessen, die Kör­per­spra­che). Für jeden Einzelfall, jeden Dialekt, jeden Sprachfehler, un­voll­stän­di­gen Satz, Soziolekt oder eingeschlichenen fehlerhaften Ausdruck, den die Teilnehmer für die Dauer einer Konferenz so verwenden, müsste die große Maschine trainiert werden. Das lohnt nicht.

Das menschliche Hirn bleibt noch sehr lange flexibler, schneller, anpassungs- und situativ lernfähiger als die Maschine. Andere Berufe sehe ich da eher bedroht. Und wie war das mit den Bankern und den Goldjungen an der Wall Street? Seit die Com­pu­ter ihre (optimierten Millisekunden)Geschäfte über­nom­men haben, sind die auch nicht alle arbeitslos geworden. Wären sie mal bloß, die produzieren ja nichts.

Irritierend und diese Woche gesehen: Die ölverschmierte Jeanshose, aus denen der Dreck nicht mehr rausgeht. Hersteller ist eine berühmte Marke, das Beinkleid kos­tet um die 400 Euro. Sie symbolisiert eine Welt der Reichen, die nicht mehr mit­be­kom­men, dass der Basis die Arbeit ausgeht.

Zum Schluss noch etwas ganz Schönes: Die Utopien der Vergangenheit, das liebe Home office des Mannes betreffend (der dem Weibe beim Putzen zusieht). In­te­res­sant ist, dass sich Com­pu­ter­beige gut durchgesetzt hat. Und die Di­gi­tal­schrif­ten finde ich auch ziemlich überzeugend.



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Illustration: Walter Cronkite in the
Home Office of 2001 (1967) sowie
Medizininformatik an der TH Brandenburg