Freitag, 3. Februar 2017

Kopfnüsse

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Marseille, Hei­del­berg und dort, wo man mich braucht.

Die Ebenen sind durcheinander: Ablauf, Zeit, Rede, Taktik
Rückblick auf einen typischen Donnerstag. Morgens: Weiter mit der Buchüber­setzung. Ich arbeite am liebsten ungestört morgens einen Schwung, wenn der Tag noch frisch ist. Am späten Vormittag: Mühe für die Kühe, Teil drei. Der Sohn des Unternehmers, der sowohl in Berlin als auch in der türkischen Heimat tätig ist, hat die Fakten für mich notiert.
Wer errät, wie alt das Kind ist, dem schenke ich ei­nen Text. (Der erste richtige Kommentar gewinnt.)

Der Zettel bestätigt mich in meiner Forderung nach Ganztagsschulen, nach mehr Schulpaten und mehr Stadt in den Schulen.

Ab dem Mittag: Berlinale­buchungen und Frühjahrs­planung. Abends: Kongress dol­met­schen. Vorher erinnern wir die Veran­stalter wiederholt an Vor­be­rei­tungs­ma­te­rial. Aber nichts. Das hatte ich gerade erst, das wird langweilig! Es geht um die Rolle der Kultur in unseren krisen­behafteten Gesellschaften. Das sollte aus dem Stand zu machen sein. Aber es wird ein Einführungs­vortrag gehalten werden. Den hätte die Routine­abteilung dann doch gerne.

Zwischendurch Stilüberlegungen, denn der Hinterkopf arbeitet weiter am Buch.

Oder hilft eine Excel-Tabelle? Brüssel im Kleinen
Schreiben und Übersetzen bedeutet Schleifen und Schnit­zen. Sorry für den Beinahe-Kalauer, denn ich komme auf Schnitzler. Zitat: "Jedes Wort hat fließende Grenzen. Diese Tatsache zu ästhetischer Wirkung aus­zu­nüt­zen ist das Ge­heim­nis des Stils."
Und eine Malübung, das hier ist der Anfang: Im März ha­ben wir zwei bis fünf Aus­gangs­spra­chen und fünf Ziel­spra­chen. Wie viele Dol­met­scher wer­den insgesamt in wie­vie­len Kabinen sitzen?

Kurz nachdem ich das Haus verlassen habe, landet der Text des Ein­füh­rungs­vor­trags im Mailbriefkasten. Zum Glück hat uns am Zielort jemand Ausdrucke in die Kabine gelegt: Fünf Minuten Vorbereitung für neun Seiten geisteswissenschaftliche Rede, gespickt mit schönen, wohlüberlegten Formulierungen. Die Höflichkeit ver­bie­tet mir jeden Kommentar. Und wäre das nicht genug, wird die Rednerin die­sen in dop­pelter Sprech­geschwindig­keit verlesen.

Der Kollege, dem die Aufgabe der Verdol­metschung zukommt, leistet ganze Arbeit. Er hat mir 30 Berufsjahre Erfahrung voraus (wenn das mal reicht) und ist auf geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Fachtexte spezialisiert. Auch wenn in der französischen Sprech­fassung etliche fließende Grenzen verwischen, die ästhetische Wirkung des Ausgangstexts schafft er rüberzubringen, es grenzt an ein Wunder. Hab ich ein Glück mit meinem Kabinen­doppel! Anschließend Adrenalin­abbau im Restaurant.

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Fotos: C.E.

Kommentare:

Vega hat gesagt…

Bonjour ma belle,

hm, dritte oder vierte Klasse, also acht bis zehn Lenze jung?

Das ist ja eine blöde Geschichte. Erzählst Du uns auch die Fortsetzung?

Grüße und bis Dienstag!
Träh herzlisch,
die Bine

caro_berlin hat gesagt…

Liebe Bine,

war schön gestern :-) Und hier die Fortsetzung auch noch mal für die Mitlesenden: Der Verkäufer erwartet, dass sein Stall in ein bis zwei Monaten FCO-frei ist, dann fahren wir nach Frankreich. Oder der türkische Händler allein. Mein Tagespreis hat ihn wohl ein wenig überrascht. Er hatte den Stundenpreis nicht hochgerechnet.

FCO heißt die Krankheit abgekürzt, fièvre catarrhale ovine, ich hab erst bovine verstanden, wie 'von der Kuh', aber sie kommt wohl häufiger bei Schafen vor (ovin/ovine bedeutet "schafartig". Die Krankheit heißt auch la maladie de la langue bleue, auf Deutsch "Blauzungenkrankheit".

Sie wurde zunächst in Afrika beobachtet und steigt nun in den Norden herauf; ein Zusammenhang mit der Klimaerwärmung wird vermutet. Auslöser ist der bluetongue virus (BTV).

Grüße,
Caroline

Th. hat gesagt…

Moin Caro,

das liest sich ja gruselig. Aber Texte von Kindern, die ohne Bücher aufwachsen, zeigen oft solche Muster auf. Ich würde sagen, 13, 14 Jahre wird er sein, früher wäre er auf die Hauptschule gegangen ...

LG,
Th.

caro_berlin hat gesagt…

Eine Zuschrift ging mir direkt zu, und zwar von einer Lehrerin, die schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr unterrichtet. Sie meinte: "elf bis zwölf Jahre", und genauso alt ist der Knabe. Glückwunsch!