Montag, 24. Juli 2017

Hilfsmittel

Hier bloggt eine Dol­met­sche­rin. Ich arbeite ins Fran­zö­si­sche und Deut­sche. Aus­gangs­spra­chen sind DE, FR und EN. Da­ne­ben über­setze ich auch (mit Deutsch als Ziel­sprache).

Kaputtes Glas
"Hochbrechendes Glas" 2.0
Dolmetscherinnen können arbeiten, auch wenn sie nur wenig sehen. Aber die Ar­beit als Übersetzerin ist ohne gutes Augenlicht oder korrigierte Werte nicht mög­lich. Mei­ne Brille hat mich (vorübergehend) ver­las­sen. Ersatzbeschaffung, Reparatur (Lie­fer­zeit: zwei Wochen) und das Jonglieren mit Zweit­seh­­hil­fen, verschärft durch eine Bin­de­haut­ent­zün­dung, das sind Sommer­ereig­nisse in Kaskade, wie ich sie gerne aus­ge­las­sen hätte. Denn die Kontakt­linsen fielen durch die Ent­zün­dung zu­nächst als Ersatz aus.

Ohne Hilfsmittel sehe ich exakt acht Zen­ti­me­ter weit scharf. Das entspricht Wer­ten im knapp zwei­stel­li­gen Mi­nus­be­reich.

Die schlechten Augen sind erblich. Das bedeutet zugleich Glück im Unglück: Nach Auf­bringung von etwas Geduld habe ich nach einer Reise jetzt gebrauchte Er­satz­glä­ser |in der Hand| auf der Nase, die mich we­nigs­tens für einige Stunden am Tag die wichtigsten Dinge des Tages selbst­stän­dig er­le­di­gen lassen, denn sie kommen meinen schlechten Werten einigermaßen nahe. Anstrengender ist der Alltag trotz­dem noch. Und der Rechner zu­hau­se hat eine Diktier­funktion. Damit muss ich "nur" Korrekturlesen.

Was gibt's Neues in der Branche? Die Berliner Schüler haben Sommerferien, viele Menschen sind verreist. Nur wenige Dol­met­sche­rin­nen sind in der Hauptstadt ge­blie­ben und kümmern sich um Notfälle. Ich hoffe nach dem eigenen Stress auf ruhige Tage.

ZDF enterprises sucht Werk­stu­denten für die (ich nehme stark an überwiegend ein­spra­chige) "Untertitelung von Spiel- und Dokumentarfilmen, Shows und Serien so­wie Social-Media-Clips", das "Kürzen und Redigieren von Texten für die Un­ter­ti­te­lung für deutsche, österreichische und inter­nationale Kunden", dem "ge­wis­­sen­haf­te Re­cherche von Fakten und Schreibweisen vorausgehen" sollte (Ausschreibungstext in Anführungszeichen).

Früher war Untertitler ein Beruf für zumeist fertigstudierte Menschen, die mit ih­rem Einkommen Kinder ernähren, ein Haus bauen und Geld fürs Alter zu­rück­le­gen konnten. Heute werden von den Sendern Studenten angesprochen, andere, die in der Futter­kette weiter unten stehen, greifen auf Hausfrauen und Schüler zurück.

Darum sind die Titel oft so, wie sie sind. Professionelle Arbeit setzt Wissen, Bil­dung und Erfahrung sowie Lektoren voraus. Ausnahmen, wo der Nach­wuchs früh­voll­en­det groß­ar­tig ar­bei­tet, sind Glücks­fälle, aber eben nicht die Re­gel.

Drei Köpfe, sechs Brillengläser ...
Modell "Heinz Ehrhardt" (links), Modell "Heiner Müller" (rechts)
Ich finde barrierefreie Me­dien wirklich großartig und wünschte mir, dass die Ar­beit daran auch an­ge­mes­sen bezahlt wird. Mögen die Ver­ant­wort­li­chen bitte mal ganz genau hinsehen!
Mit oder ohne visuelle Hilfs­mit­tel.

Und mit meinen schlechten Augen habe ich die Hörfassungen mancher Filme zu schätzen gelernt.

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Fotos: C.E.

Sonntag, 23. Juli 2017

Blütenträume

Ob geplant oder zufällig, Sie lesen auf den Blogseiten einer Spracharbeiten. Was Dolmetscher für Französisch, Deutsch und Englisch (bei mir nur Ausgangssprache) so machen, können Sie hier verfolgen. Sonntags werde ich privat. Zeit fürs Sonn­tags­fo­to.

Wenn die Fernsicht nicht gegeben ist (und auch die Altersweitsicht auf sich warten lässt), kann die Nahsicht besonders schön sein. Oder: Als mir mal ganz blümerant wurde. (Fortsetzung folgt.)




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Foto: C.E.

Samstag, 22. Juli 2017

taz-Interview

Bonjour de Berlin, hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin. Samstags ste­hen hier (wenn ich dazu komme) meine Lieb-Links der Woche.

Neulich habe ich einer Nachwuchs­kraft der taz einige Fragen beantwortet. Das kurze In­terview steht in voller Länge hier: klick!

Foto von der Holzausgabe der Zeitung
Und wieder passierte, was passieren musste. Wir Menschen mit komplizierten Be­ru­fen erklären nämlich immer der Presse alles en détail, und am Ende setzt je­mand von der Schlussredaktion eine neue Überschrift oder tauscht irgendwo zwei Wör­ter aus. Nein, liebe taz-Schlussredaktion, der Begriff "Übersetzer" ist kein Sy­no­nym für das Wort "Dolmetscher" (auch wenn ich persönlich beide Felder ab­decke). Ich verweise auf meine Logline: siehe oben. So kompliziert ist das ei­gent­lich gar nicht.

Danke, Martha Rusche, für die schönen Fragen! Et bonne continuation ! Alles Gute auf dem weiteren Bildungsweg!

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Illustrationsvorlage: taz

Freitag, 14. Juli 2017

Auf dem Schreibtisch XXXXIII

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Versailles, Potsdam und dort, wo man mich braucht. Heute wieder: Blick auf den Schreibtisch.

Noch ist bei mir kein echtes Sommerfeeling ausgebrochen, was auch am nass­küh­len Berliner Wetter liegt, das übrigens ein Grund mehr dafür ist, Auswärtstermine an­zu­neh­men. Ich bin gut wieder in Berlin gelandet. Was steht an?

Vor einem zugehängten Schaufenster sitzt eine junge Frau an einem Tisch auf der Straße
Sommerbüro (gesehen in Neukölln)
⊗ Die Rolle der Maschine im französischen Roman
⊗ Solarenergie im Maghreb (Nach­be­rei­tung)
⊗ Filmfi­nan­zie­rungs­ge­setz (Nachlese)
⊗ Startups in Berlin (Nachlese)
⊗ Burkina Faso (Überset­zungs­kor­rek­to­rat)
⊗ Naturnahe Tierzucht (Schwein)
⊗ Drehbuchübersetzung

Parallel dazu: Ein großer Buchhaltungsnachtrag und Terminpla­nung bis zum ersten Halb­­jahr 2018. Es sind schon Buchungen für den Frühsommer '18 da. Ich freue mich jetzt erstmal auf Sommer 2017 und meinen Ur­laub, den ich mit Be­­suchs­gäs­ten in Berlin verbringen werde. Wer be­ruflich viel reist, genießt das Zu­hau­se­blei­ben.

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Foto: C.E. (Archiv)

Donnerstag, 13. Juli 2017

Mehr Platz!

Über das Leben in Dolmetscherkabinen berichte ich hier seit 2007. Ne­ben­schau­platz ist der Schreibtisch, auch wenn wir hier mehr Zeit zubringen als in der Box selbst, aber eben ohne Zuschauer. Neben dem Dolmetschen übersetzen viele Kol­le­gin­nen und Kol­legen. Auch das ist ebenso Gegenstand dieses Blogs wie sprach­li­che oder kul­tu­rel­le Besonderheiten "meiner" Länder.

Köpfe in der Kabine
Katja Riemann in einem Film von 2011
Über die Arbeit von Dol­met­schern be­rich­ten Me­dien und Kunst eher selten. Wenn doch, oft mit groben Fehlern. Die absichtlichen Falsch­über­set­zun­gen in Marias' "Mein Herz so weiß" sind nicht mög­lich. Anderes ist bemüht, in der Umsetzung in­kon­se­quent bis entstellend, siehe die Kritik "Dolmetscher im Film".

Vor lauter Monitoren kaum noch Tisch übrig
Später auf dem Monitor: Die Vorderseiten der Redner
Eine andere Frage sind Dol­met­scher und Medien. In den Kabinen nut­zen wir Rech­ner; immer öf­ter stellt man uns Mo­ni­to­re hinein; Pro­gram­me, Le­bens­läu­fe, Prä­sen­ta­tio­nen vom Kunden sowie unsere ei­ge­nen Vokabellisten führen un­wei­ger­lich zu Sta­pel­bil­dung auf den ohnehin schon klei­nen Tischchen. Viel Auf­wand da­für, dass wir mit Wör­tern jong­lie­ren können.

Auf weitere Jonglage hat kaum ein(r) Lust. Leistungsstarke Geräte sind allerdings nicht wegzudenken. Konferenzen nutzen gerne Videos, manche Vortragende liefern ihre Prä­sen­ta­tio­nen in letzter Minute ab, wechseln aus Anschauungsgründen plötz­lich das Thema. (Eben ging es noch um die Übersetzbarkeit von Lyrik, auf ein­mal taucht das Wort "Ehe­gat­ten­split­ting" auf.)

Gedrängel in der Kabine
Nicht selten verkürzen wir die Mit­tags­pau­se, weil wieder eine Rednerin/ein Redner sich nicht an die zu lasch kommunizierten Abgabetermine gehalten hat. Ohne Rech­ner und Technik wäre das undenkbar. Äl­te­re Dolmetschpulte stehen in der Mitte, das Mikro ist am Kopfhörer; neuere Ge­rä­te gibt's in zweifacher Ausführung mit ei­ge­nem Mi­kro­fon. Das ist praktisch, kostet aber weiter Platz. Ein Wasserglas muss ja auch noch irgendwo hin.

Das Tagungsprogramm kleben wir uns ger­ne auf die Innenseite der Scheibe. Sonst gibt es wenig Ausbaufläche. Die logische Konsequenz lautet: Die Tech­nik muss kleiner werden.

Mehr Platz durch Mini-Rechner
Sieht schon besser aus
Da ich die Hersteller von Pulten leider nicht be­ein­flus­sen kann, probiere ich es mal mit meinem Rechner. Die Firma mit dem angebissenen Obst als Logo stellt leider keinen echten Minirechner her, son­dern bietet zu einem zu groß aus­ge­fal­le­nen Taschentelefon eine aus­ge­wach­se­ne Tastatur an. Das Modell habe ich gerade im Testversuch. In der Kabine überzeugt es mich, auch wenn einiges enorm stört: Ich weiß noch nicht, wie ich Dokumente in Dossiers ab­spei­chern kann, auch kann ich sie nicht nach Downloaddatum sortieren, sondern muss sie aufwändig umbenennen und mit einer Kennziffer beginnen lassen, damit sie übersichtlich werden.
Und "intuitiv" ist hier rein gar nichts.

Ich bin nutze schon mein ganzes Konferenzdolmetscherinnenleben Geräte dieser Marke und habe den Eindruck, wieder von vorne anzufangen.

Auch das Abspeichern und Weitersenden von Dateien scheint nur über die "Cloud" möglich. Ich hoffe, dass es Zusatzapps gibt, um das "Abspeichern im Netz" zu um­ge­hen. DAS ist total ungeeignet für den Kabinenbetrieb, in dem wir oft mit sen­si­blen Da­ten hantieren. Der Technikhersteller bekommt von mir in Sachen Da­ten­si­cher­heit und Übertragbarkeit bestehender Kenntnisse eine glatte Sechs. Und für Ge­rä­te mit einem "Fair Trade"-Siegel und modernisierbaren Komponenten würde ich gerne Prozentsätze im unteren zweistelligen Bereich mehr zahlen.

Aber das sind schon zwei andere Themen.

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Fotos: C.E.

Freitag, 7. Juli 2017

POV: Relais

Bonjour, hello und guten Tag! Wie Dolmetscherinnen arbeiten, können Sie hier mitlesen. Ich dolmetsche bilateral Deutsch-Französisch und aus dem Englischen. Heute: POV, der subjektive Blick plus schneller Erklärung, Technikmix bei einer Arbeitssitzung. 

Menschen im Gespräch, im Hintergrund Dolmetschkabinen
Im Bildhintergrund seitlich die Kabinen
Relais, englisch Relay, heißt in meiner Branche, dass ich mir den Ton von Kollegen schnappe zum Arbeiten. Ein Beispiel aus dem Ge­werk­schafts­kon­text: Eine Ar­beits­grup­pe nutzt die in­stal­lier­ten Kabinen für Spanisch und Eng­lisch­; wir hingegen, das Duo für Französisch, haben auf der Bühne hinter den Red­ne­rin­nen und Rednern Platz ge­nom­men.
Technik auf Notizpapier
Empfangs- und Sendegerät nebeneinander

Alles, was gesagt wird, flüs­tern wir ins Mikro. Unsere Kundin bekommt die Worte simultan auf den Kopfhörer gesendet. Wenn sie das Wort ergreift, dol­met­schen wir kon­se­ku­tiv, also in Pausen hin­ein, die sie uns dan­kens­wer­ter Weise einräumt.

Dazu nutzen wir die so­ge­nann­te No­ti­zen­tech­nik als Ge­dächt­nis­stüt­ze.

Spricht jemand auf der Bühne oder im Publikum Spanisch oder unverständliches Englisch, haben wir selbst Kopfhörer auf, jene, die zu den Kabinen im Bild­hin­ter­grund gehören, und nutzen das Elaborat der Kolleginnen und Kollegen als Aus­gangs­spra­che.

Hier müssen alle sehr akkurat arbeiten, damit kein Stille Post-Effekt entsteht.

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Fotos: C.E.

Donnerstag, 6. Juli 2017

Vintage und so

Bonjour und hallo! Hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich übersetze und dol­met­sche (Französisch und aus dem Englischen). Wie wohnen wir, wie leben wir? Ich schaue mich in Neukölln um und der Berliner Avantgarde auf die Schnauze.

Heute treib' ich's bunt
Vintage heißt das neue Mo­de­wort, der gebrauchte Schick alter Zeiten, der aber der Moder­ne entspingt. Er ist von Shabby Shic zu un­ter­schei­den. Vintage ist die Arm­band­uhr, Shabby Chic mein Kü­chen­buf­fet, das noch seinen Originalanstrich aus den 1950-er Jahren aufweist (weiß) und das mit aus­la­den­den Formen eines Stream­li­ners über­zeugt. (Das ist aber nur so, weil ich mich für keine Farbe ent­schei­den kann und im Haus immer an­de­re Sachen drin­gen­der zu ändern sind.)

Neulich hab ich die Farbauswahl sogar geträumt. Die Malerarbeiten müssen jetzt auf das Ende der verlängerten Dolmetschsaison warten.

Eine schicke Küche gehört bei vielen Menschen durchaus zu den Dis­tink­tions­merk­ma­len. In den Wohnungen, die ich mit meinen Privatkunden besichtige, hier geht es um Re­lo­ca­tion oder Erstbezug in Berlin im Fall von Geflüchteten, fallen die ab­ge­rock­ten Kaufhausküchen negativ auf, für die eine nicht erklärbar hohe Ab­lö­se­sum­me zu zahlen ist.

Bei mir muss die Küche vor allem meinen Gewohnheiten entsprechen, gemütlich und einfach zugleich sein. Die neue avantgardistische, wertkonservative ge­sell­schaft­li­che Mit­te der Postmaterialisten erkennt einander eher Selbstbauküchen oder an Armbanduhren vom Flohmarkt für sieben Euro, die für sieben Euro fuffzig einen neuen Verschluss bekommen, damit das elend lange Ge­nes­te­le mor­gens am unpassenden Karabiner ein Ende hat, als an der 2000- oder 200.000-Euro-Uhr, an der sich jene erkennen, die das offenbar schwer nötig haben. Ein solch' teures Stück würde schon deshalb nicht zu meinen Gewohnheiten passen, da ich Protz hasse. Ich bin achtsam, aber nicht panisch — und schnell muss es gehen mit den nicht so wichtigen Sachen. Mehr Zeit fürs Wesentliche! Und eine Uhr für das Dolmetschen der Veranstaltungen, bei denen Handy und Laptop verboten sind, muss Low tech sein.

Früher hießen Vintageobjekte einfach "Flohmarktsachen" oder "Trödel". In Berlin wurde Vintage Mode, weil immer mehr Menschen ihre Bedürfnisse aus öko­no­mi­schen, ökologischen oder praktischen Gründen auf Parallelmärkten decken. Ich habe seit 20 Jahren meine Wohnung in Neukölln (wenn ich nicht in Frankreich bin); der hier oft aufzufindende Chic leitet sich direkt von des frü­he­ren Bürgermeisters Wowereits Dictum "Arm, aber sexy" ab. Und nein, das ist nicht mein "Statement am Handgelenk", um Werbedeutsch zu zitieren. Ökonomisch betrachtet die Rest­nut­zungs­dau­er­ver­län­ge­rung schlafenden Kapitals. Mein Vater ist stolz auf mich.

Wahrscheinlich in der DDR hergestellt, dann im westlichen Versandkatalog angeboten
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Foto/Collage: C.E.

Dienstag, 4. Juli 2017

Kundenpost

Herzlich willkommen auf den Sei­ten des ersten deut­schen Web­logs aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bi­ne. Hier schreibt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­metscherin über ihre Einsätze in Ber­lin, Paris, Cannes und anderswo. Heute: Post!

Ein Ohr schirmt Umgebungsgeräusche ab
Typische Handbewegung
Gerade ist es hier auf den Blog­seit­en mal wieder etwas ruhiger. Mal schauen, was sich nachtragen lässt, was über­haupt sinnvoll ist.

Denn es gibt durchaus die Mög­lich­keit, als Sprach­ar­bei­te­rin in Zeitnot zu geraten. In den letzten Wochen und Mo­na­ten habe ich wie immer meine Angebote geschrie­ben ... aber anstatt dass wie üb­lich un­ge­fähr die Hälfte klappt, habe ich diesen Früh­ling nur Zusagen ge­ern­tet! Was mich natürlich freut.

So darf ich mal ein Managerleben testen. Das mit Spracharbeit nicht wirklich kom­bi­nier­bar ist. Naja, kurzfristig schon.

Sehr gefreut hat mich gerade die Mail einer Kundin: ... ich möchte mich ganz herz­lich für Ihren tollen Dol­metsch­er­ein­satz zum Thema ... bedanken. Leider konnte ich nicht per­sön­lich dabei sein, aber ... [die Teilnehmer haben] mir berichtet, dass die Zu­sam­men­ar­beit ausgesprochen nett und unkompliziert war und Sie eine her­vor­ra­gen­de Dol­met­sche­rin sind. Auch für die spontane Bereitschaft, den Be­such der Mo­schee zu be­glei­ten, danke ich Ihnen. Ich hoffe, dass es auch für Sie eine in­te­res­san­te Arbeit war und ich auch in Zukunft wieder auf Sie zukommen darf.

Thank you! It was a pleasure!

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Foto: C. Heyken

Sonntag, 2. Juli 2017

Die Wochenlage

Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin. Französisch und Englisch sind meine Arbeitssprachen. Wohin steuert die Welt? Mir ist nicht nach einem Wort zum Sonntag zumute.

Nasse Blätter
Es war sehr feucht in Berlin
Als ich Hinter­grund­material für die nächste Kon­ferenz lese, muss abends um sechs damit auf­hö­ren, damit ich nachts schlafen kann.

Jean Zieglers Satz, dass die reichen Länder die Kinder der ärms­ten Länder töten, ist zwar hart, aber leider richtig. Er fordert im tagesschau.de-Interview: "Schafft die G20-Treffen ab!"

Die zentralen Probleme lassen sich auch per Textvorlagen und Unterschriften klä­ren, denn sie müssten unter Einsatz gesunden Menschenverstands unstrittig sein. Dringend beendet gehört der Börsenhandel mit und das Wetten auf die Preise von Lebensmitteln, zumal und besonders in Zeiten, in denen ganze Landstriche im­mer heißer und trockener werden. Auch andere Lebensgrundlagen dürfen nicht in pri­va­te Hand, und der Wohnungssektor braucht einen starken öffentlichen, ge­mein­nüt­zi­gen Counterpart. Solche Entscheidungen könnten, wenn sie erst gefällt sind, im Umlaufverfahren unterzeichnet werden.

Unsere Repräsentanten, also Menschen, die wir zur Führung der Amtsgeschäfte frei­ge­stellt haben, haben Angst vor uns und vor dem abstrakt (und manch­mal lei­der sehr konkret) Bösen. Daher mauert man sich hochgerüstet ein. "Wie Hamburg zur Rüstungsmesse wird" schreibt prompt das Manager Magazin. Jetzt hab' ich's ka­piert. Das Event ist eine Roadshow für die Waffen- und High-Tech-Schmie­den! Die Kosten des ganzen Spektakels sollen, Hamburger Quellen zufolge, bei um die 200 Mio. Euro liegen. Vergleich: Die Elbphilharmonie war für 800 Millionen Euro zu haben.

Das Geld wäre anderswo besser investiert. Ich plädiere europaweit für Mu­sik­schu­len mit großartigen Angeboten in allen Wohnvierteln, besonders in den Armen- und Mittelschichtquartieren, mit Einzel- und Gruppenunterrichten. Denn die einen kön­nen es sich nicht leisten und bei den anderen fällt das als erstes weg. DAS wäre sinnvoll! Denn Kinder und Jugendliche lernen hier, dass sie durch regelmäßiges, konzentriertes Arbeiten weiterkommen, sie lernen aber auch, sich zu vergleichen und Ansporn durch die Besten aufzugreifen, sie lernen Frustrationstoleranz und Selbstregulierung, Verantwortung und im Zusammenspiel das Eingehen auf andere ... und das brauchen alle.

Das brauchen jene Deklassierten, die großspurig tun um ihr Nichtwissen zu kom­pen­sie­ren, die das Gefühl haben, chancen- und wertlos zu sein, die aufgrund ihrer negativen Erfah­rungen der beste Nähr­boden für alle Formen von -ismen sind, die die perversen Rattenfänger für sie bereithalten. Das brauchen jene, denen die ei­ge­nen Übereltern jedes Problem aus dem Weg räumen, die über­behütet sind und grundlos verwöhnt, und zwar aus verdammt ähnlichen Gründen.

Ziegler fordert stattdessen, die UN zu stärken und Eilmaßnahme für die ärms­ten Staaten einzuleiten. Denn der Gedanke ist schon ein wenig absurd, dass genau jene Staaten, die für die zentralen Probleme der Natur, Gesell­schaften und Wirt­schaft verantwortlich sind, jetzt im gemein­samen Gespräch den Willen und die Wege für ihre Lösung finden sollen.

Rote Gummistiefel, blaue Jacke, gelb(-grüne) Fassade
Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue
Wobei die Analyse der Probleme und ihre Diskussionen ohnehin oft schon auf Wis­sen­schaft­ler- und Staatssekretärsebene zusammen mit den Be­trof­fe­nen statt­fin­den. Als Dolmetscherin weiß ich etwas davon. Warum habe ich nur so oft das Gefühl, in den Vorlagen der Re­prä­sen­tan­ten an der Spitze davon fast nichts wie­der­zu­fin­den?

Was war noch diese Woche? Griechenland wird von der Ex-"Troika" dazu genötigt, seine Wasser- und Gasversorgung zu pri­va­ti­sie­ren. Ich muss daran denken, dass die überwiegende Mehr­heit der Be­völ­ke­rung Europas dagegen ist, Institutionen der Daseinsfürsorge Ak­tio­nä­ren zu verkaufen.

(Paris und Berlin waren diesen Weg im Bereich Wasser schon gegangen und haben mit großen Verlusten für die Bürger rekommunalisiert.) Und ich denke daran, dass die Vertreter der "Troika" überwiegend nicht aus Wahlen hervorgegangen sind, also nicht de­mo­kra­tisch legitimiert sind.

Und waren es nicht Vorläufertreffen des G20, zum Beispiel das Treffen der Fin­anz­mi­nis­ter 1999, das (auch) zur Deregulierung der Finanzmärkte und zu den letzten Crashs geführt hat? Langsam schwant jedenfalls der Frau und dem Mann von der Straße, was es mit Zockerbörsen, Vergiftung unserer Lebensgrundlagen und Kli­ma­wan­del auf sich hat. Starkregen wie diese Woche in Berlin, wo die Menge eines Vierteljahrs binnen 24 Stunden runterkommt, kann niemand mehr übersehen.

Und nein, hier helfen keine Ideologien und politischen Lager, es ist das Gebot der Menschlichkeit, hier genau hinzusehen. Doch ein Wort zum Sonntag geworden.

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Fotos: C.E.

Sonntag, 25. Juni 2017

Babüs

Was eine Französischdolmetscherin so alles erlebt, können Sie hier mitlesen. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch und Englisch. Meine Fachgebiete sind Politik und Wirtschaft, Medien/Kino, Kultur, Soziales, Ökologie und Architektur mit dem Schwerpunkt Innenarchitektur. Sonntage sind manchmal Arbeitstage: Sonn­tags­fo­to!
 
Gerade komme ich vom "Nowköllner Flowmarkt" zurück, das war mein kleiner Aus­flug vor die Haustür an einem Arbeitssonntag.

Kette, Buch, Armbanduhr
Die Anker-Armbanduhr stammt wahrscheinlich aus der DDR
Ich weiß nicht, was die Briten (und andere Englisch-Mut­ter­sprachler) eigentlich davon hal­ten, dass wir Globish-Spre­che­rin­nen und Sprecher ihr schönes Idiom so oft ver­hun­zen. Oder ergänzen und ver­schlimm­bes­sern. Mail­in­halt von letzter Woche: "Bitte bringen Sie ­ei­ne Arm­band­uhr mit. Han­dies müssen am Ein­gang des Sit­zungsraums ab­ge­ge­ben wer­den."

OK, falsches englisches Wort, richtig ins englische Plural gesetzt. Seit der Recht­schreib­"reform" wird ja der Plural von Baby "auf Deutsch" so gebüldet: "Babys". Ein mir sehr lieber Mensch sagte mal, dass man das jetzt "Babüs" aus­spre­chen soll­te als Zeichen des Protests.

Ich hatte keine funktionierende Armbanduhr mehr. Dortselbst fand ich eine. Und noch eine Bernsteinkette. Und ein Pflanzengeschenk für einen Freund. Und das Buch "Berlin '77 — Das Jahr im Rückspiegel" aus der verschwunden Stadt West­ber­lin. Ihr dürft mich jetzt Konsumistin schimpfen.

Und weiter geht's mit dem Pauken. Nein, es geht nicht an den See, nicht mit dem Holzfahrrad meines Kissenlieferanten Cocomat ins Berliner Umland und auch nicht aufs wunderbare Galerienwochenende "48 Stunden Neukölln". Dieses Mal nicht. Die Tage der offenen Tür im Humboldtforum verpasse ich ebenso wie die Führung (auf Französisch) durchs Hansa-Viertel.

Soviel zum Thema "Freiberuflichkeit". Keine Klagen, nur eine Feststellung. Weiter mit "Ultra-modernité et fondamentalismes : un cercle vicieux ?" aus dem Collège des Bernardins. Ultra-Modernität und Fundamentalismen: ein Teufelskreis?" Und die nächsten Englischstunden folgen in acht Tagen.

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Foto: C.E.

Freitag, 23. Juni 2017

Papierstau im Kopf (alias Schreibtisch XXXXII)

Hallo, herzlich willkommen auf den Seiten des ersten Blogs Deutschlands aus dem Inneren der Dolmetscherkabine. Heute: Blick auf den Schreibtisch.

Berlin als Rückzugsraum für Bienen
Aus einer Mail an einen Film­pro­du­zenten: "An der Politik bin ich manchmal zu nah dran. Da geht es nicht immer erkennbar voran. Deshalb freue ich mich über jeden Filmjob: Kunst! Und erwäge manchmal, zum Schreiben zu­rück­zu­keh­ren (nicht nur von Kinderbüchern). Ich bin der­ma­ßen up to date … und täglich droht der Pa­pier­stau im Kopf."

Was liegt gerade auf dem Schreibtisch? Große Vielfalt: Ver­kehrs­lo­gis­tik in Europa, Deradikalisierung, urbanes Landwirtschaften, artengerechte Schwein­ezucht, Af­ri­ka­po­li­tik des G20, Burkina Faso; in weiter Ferne winkt ein Dreh­buch.

Ich lese mal ein wenig meine Presseclippings mit den Händen auf der Tastatur.

Coralie Schaub macht sich heute in Libération Sorgen um die Bienen. Auch der (an­ste­hende? wie weit sind die?) Deal mit Bayer und Monsanto treibt sie um. Den an­de­ren großen Riese der Branche, die Schweizer Syngenta, hat ChemChi­na gerade aufgekauft. Diese Konzentrationen sind keine guten Vorzeichen.

Einschub: Denn Firmen, die sich der „Verbesserung der Nahrungssicherheit“ ver­schrei­ben (Syngenta-Eigenwerbung), trachten immer mehr danach, die Märkte zu do­mi­nie­ren. Sie ignorieren aus Gewinnerzielungsabsichten die biologischen Grund­la­gen, die uns in der 5. Klasse beigebracht wurden: Pflanzen reagieren auf ihren Standort. Bodenbeschaffenheit, Licht, Wärme, Nachbarschaft, Dünger, Häufigkeit der Wässerung sind die wesentlichen Faktoren. Hybridsaatgut widerspricht grund­le­gend dem Ge­dan­ken, dass sich Pflanzen über Generationen an ihren Stand­ort an­pas­sen. Dabei sind wir Menschen selbst doch der Beweis für die Funktionsweise der Natur. Außerdem ignoriert diese Chemie zuverlässig so ziemlich alles andere, was zum Aufrechterhalten einer gesunden Umwelt und der Si­cher­stel­lung der Er­näh­rung der Menschheit wichtig ist: Pflanzen- und Artenvielfalt. Ende des Einschubs.

In Libération fordert die Journalistin, dass die Menschheit endlich auf die Wis­sen­schaft hören solle und Neonikotinoide genauso verbieten wie Glyphosat (die ak­ti­ve Substanz in Mosantos RoundUp). Die Behörde für europäische Nah­rungs­mit­tel­si­cher­heit (EFSA) habe längst neue Verfahrensprozesse der Risikofolgenabschätzung eingebracht, die allerdings noch nicht in die Politik eingegangen seien. Am wich­tigs­ten sei es aber, sich von der industriellen Landwirtschaft wegzuentwickeln. Agroökologie werde von immer mehr Fachleuten, darunter auch der frühere Mi­nis­ter Stéphane Le Foll, als der einzige Ausweg aus dem Dilemma von Arten- und Bie­nen­ster­ben, Grundwasserverschmutzung, sterbenden Böden und Erosion gesehen.

In Frankreich habe sich dieser Tage die Umweltverschmutzung in Verbindung mit der ersten großen Hitzewelle des sommers als „tödlicher Cocktail für die Bienen“ erwiesen, so Henri Clément, Sprecher des französischen Bienenzüchterverbands Union nationale de l’apiculture française (Unaf). Der durchschnittliche Verlust der Bienenvölker liege derzeit bei 30 Prozent, es gebe in einigen Regionen Zahlen von 50 bis 80 Prozent. Das Phänomen Bienensterben dauere bereits einige Jahre an. Noch nie zuvor seien die Honig­"ern­ten" in Frankreich so ge­ring aus­ge­fal­len wie im vergangenen Jahr mit 9.000 Tonnen. Zum Vergleich: Frankreich war bis 1995 das wichtigste Bie­nen­land Europas und lag bei einer Jahersproduktion von 32 bis 33.000 Tonnen.

Der Klimawandel bringe nicht nur neue Feinde ins Land wie die Hornissenart Vespa velutina (frelon asiatique), sondern verkürze signifikant den Winter. Darauf spät einsetzende Frosttage bis Wochen (dieses Jahr bis April/Mai) gefährdeten dann die Bienen. Zunehmender Nordwind würde die Blumen austrocknen, die große Hitze die Blüten verbrennen, was schlimme Folgen zeitigte. Insgesamt sei seit 2003/04 die Phase der Blumenblüte stark verkürzt. Die anderen südlichen An­rai­ner­staaten des Mittelmeeres stünden vor den gleichen Problemen.

Soviel zum Thema aus der französischen Tageszeitung Libération. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) schlägt in eine ähnliche Kerbe. "Auf Feldern stirbt die Natur aus" titelt Teresa Dapp auf der SVZ.de-Seite am 20. Juni. Das Bundesamt be­ob­ach­te, dass ganze Biotope verschwinden und die Populationen der Insekten und Vögel ra­pi­de abnehmen würden, die industrielle Landwirtschaft mit ihren bis auf die letzte Ecke ausgereizten Monokulturen nähme ihnen Lebensraum und Futter. Nur ein Beispiel: Von den beobachteten 560 Wildbienenarten seien mehr als 40 Prozent gefährdet. Auch die EU-Förderungen stünden derzeit nicht für Di­ver­si­tät. Fazit: Eine Agrarwende müsse Tiere und Umwelt retten. Die Präsidentin des Bundesamts, Beate Jessel: "Statt weiter auf die ex­port­orien­tie­rte Land­wirt­schaft zu setzen, brau­chen wir eine bäuerlich-ökologische Agrarwende — weg vom Welt­markt, wie­der hin zum Wochenmarkt.“

Die Dolmetscherin kommentiert: Bei den Vorbereitungstreffen zum G20, Sektion Afrika, Bevölkerungszuwachs, Lebensmittelsicherheit und die Schaffung regionaler Arbeitsplätze, war das nahezu wortgleich das Résumé der Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer.

In meinem Übersetzer-/Dolmetscherbüro informiert mich wenig später eine Mail, dass eine Million Unterschriften in Europa für das Verbot von Glyphosat zu­sam­men­ge­kom­men sind. Zitat: "Noch nie hat eine Europäische Bürgerinitiative (EBI) in­ner­halb von vier Monaten die Million geknackt!" Das klingt gut! 

In Berlin gibt es viele Rückzugsgebiete für Arten, aber auch hier sind die Ver­än­de­run­gen augenfällig. Als wir vor 20 Jahren hier hergezogen waren, hatten wir mal vergessen, die Balkontür zu schließen und dann Licht angemacht. Nach zehn Mi­nu­ten war der Raum voller Getier (nee, die frisch gemalerten Wände). Damals gab es noch wunderliche Riesenlibellen in der Stadt. Heute kann ich stundenlang bei of­fe­ner Balkontür sitzen und nichts passiert. Nichts. Diesen Sommer gibt's sogar kaum Mücken. (Dass ich darüber mal klagen würde!)

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Foto: C.E.

Donnerstag, 22. Juni 2017

Der Eisberg

Ob geplant oder zufällig: Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Marseille, Heidelberg und dort, wo man mich braucht.

Mit Eisbergen kann man sich vertun. Vom Wasser aus können manche wie Eis­schol­len mit Spitze drauf wirken. Das Zentral­bild des Scheiterns unserer in­dus­triel­len Ge­sell­schaf­ten ist untrenn­bar mit einem Eisberg ver­bunden: die Titanic. Während ich den Namen des Schif­fes schreibe, kom­men die Buchstaben ins Rut­schen, merke ich, dass ich einen untergehenden Schriftzug sehe wie auf dem Cover der Satire­zeit­schrift und nichts anderes. Passt gut zur Unter­titel­theorie: Dass nämlich die Buch­staben, die das Wort "Haus" bilden, als Schriftbild das Gebäude evozieren, so jedenfalls Unter­su­chun­gen darüber, welche Hirnpartien beim SEHEN (und nicht beim Lesen) von Unter­titeln in den Ge­hir­nen versierter Filmseher feuern.

Dazu passt die Beobachtung, dass bei Vertippern das Gehirn automatisch kor­ri­giert, sofern Anfangs- und Endbuchstaben stimmen. Deise Thoerie bewiest deiser kielne Vesruch durchuas gnaz deultich.

Ein Wort, eine Visuali­sierung, ein ganzes Hinter­land an Verknüpfungen, An­spie­lungen und Fakten, so funktionieren menschliche Köpfe, genau das werden Ma­schi­nen nicht übernehmen können, das ist nicht in Einsen und Nullen fassbar. Und in diesem Hinter­land liegt 80 oder mehr Prozent unserer Arbeit als Dol­met­sche­­rin­­nen und Dolmetscher. Wir müssen uns ein­lesen, die Fakten aktiv abfragbar parat be­kom­­men, als stünden wir dem­nächst vor einer Prüfung.

Die Dolmetscheinsätze sind Prüfungen.

Oberhalb der Wasseroberfläche: Der Dolmetscheinsatz (ist nur die Spitze des Eisbergs). Unterhalb: Vorbereitungsmaterial für diesen Einsatz, einschlägiges Fachwissen; tiefere Wasserschicht: Allgemeinbildung, Fortbildung, Stressresistenz, Erfahrung, Dolmetschtechniken, Stimmschulung, Gedächtnis & Gehör; Tiefsee: Sprachkenntnisse.
Durch Anklicken vergrößern
Hier links, wie sich das mit dem Eisberg in meinem Beruf verhält. Wir Dolmetscher allerdings fühlen uns in der Arbeit immer öfter durch Unwissenheit der Kunden be­droht, die nicht genau hinhören wollen, wenn wir erläutern, was wir brauchen, und denen das Internet vorgaukelt, alles und alle seien rund um die Uhr überall zu buchen. Echte Dolmetscher haben lang an den Grundlagen gearbeitet und sie sind ständig dabei, diese Grundlagen aufrecht zu erhalten.
Sichtbar wird nur ein kleiner Teil dieser Arbeit, was diese allgemeine Unwissenheit (gepaart mit echter Bewunderung, die uns regelmäßig zuteil wird) sicher zum Teil erklärt.

Die immer schneller werdenden Alltagsrhythmen und die Reduzierung von Spe­zia­li­sie­run­gen in den Büros tragen auch dazu bei. (Früher wurden wir vom Chef und der Chefsekretärin gebucht, heute gibt es kaum noch echte Sekretariate, son­dern "As­sistenzen" und "Kostenstellen" mit hoher Fluktuation).

Und weil ich nicht mehr jedes Mal aufs Neue alles wortreich erklären möchte, die Zeit nutze ich doch lieber zum Lernen, habe ich zum Pinsel gegriffen. 

So wird visuell klar: Fehlt das Fachvokabular des Kunden, kippt die Spitze genauso zur Seite weg, wie wenn Grundlagenwissen fehlt. Dolmetschen ist halt mehr als das Austauschen von Wörtern, von Einsen und Nullen.

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Illustration: C.E.

Mittwoch, 21. Juni 2017

Nen Korb kriegen

Bonjour, hello und guten Tag! Hier können Sie Innenansichten aus dem Dol­met­scher­all­tag lesen. Derzeit pauke ich für die nächsten Einsätze und jongliere die Herbst­ter­mine. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch (Ausgangs- und Ziel­sprache) und Englisch (nur Ausgangssprache). Dolmetschen ist gefährlich. Der geis­ti­ge Leistungssport konserviert nämlich ganz gut. Da kann sich dann ein Au­ßen­ste­hen­der schon mal vertun.

Ingwer (gerieben), Zitrone, Tee
Passt zu jeder Jahreszeit (im Sommer gekühlt)
Gestern habe ich 'nen Korb bekommen. Ich löse es gleich auf: einen Präsentkorb. Ein Kunde hatte in seinen Un­ter­la­gen stehen, dass ich Gol­de­ne Hochzeit feiern würde. Seit 60 Jahren soll ich ver­hei­ra­tet sein. Ja, wir Dol­met­sche­rin­nen können gar viel und Dolmetschen hält sicher auch sehr jung, aber prä­na­tale Verehelichungen sind mir nicht bekannt.

Ich hab beim Kunden angerufen. Die Assistentin rang um Worte und gratulierte mir dann zur Silberhochzeit. Auch nicht. Nicht mal 'nen runden Geburtstag gibt's heuer zu feiern (außer bei einem der Brüder). Ich frug alsdann, an welche Adresse ich das Körbchen weiterschicken dürfte. Die Antwort war schräg: "Ach, behalten Sie ihn einfach, für die Unannehmlichkeiten!"

So lasse ich mich gerne stören. Zum Jahreswechsel trafen hier wiederholt schon kleine Aufmerksamkeiten ein, Fressalienkörbe werden gerne genommen, Kalender und Schreibmaterial auch. Besonders haben mich Konzertkarten gefreut, ich höre gerne Klassik und Jazz.

Neulich haben wir für ein Industriebauunternehmen gedolmetscht. Ob ich an­schlie­ßend einen Baustellenhelm bekommen hätte, will ein Freund von mir wissen. Nein, nichts derlei. Dafür ein halbes Pfund Kaffee vom nächsten Kunden. Das war aber kein Wink mit dem Zaunpfahl von wegen: "Wach mal auf!" Wobei man mir bei mei­nem Alter, man traut mir offenbar die Ü-80-Liga zu, das eine oder andere Mit­tags­schläf­chen durchaus gönnen wird, oder?

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Foto: C.E ("Liberté als Kaffee")

Dienstag, 20. Juni 2017

Bitte mehr Kontext!

Bienvenue auf Blogseiten aus der Welt der Sprache. Wir Übersetzerinnen, Über­set­zer, Dolmetscherinnen und Dolmetscher werden gerne mal von unserem Umfeld mit einem wandelnden Wörterbuch verwechselt. Dabei vergessen die Frager, dass ihnen auch ein Wörterbuch in der Regel mehrere Lösungen anbietet.

"Was immer das auch sein mag, ich soll es nur übersetzen." So kündigt eine Freun­din, die mal ein Jahr lang in Frankreich gelebt hat, per Textnachricht eine Vo­ka­bel­fra­ge an, die ihr gestellt worden ist. Und dann kommt's: "Was bedeutet re­join­dre auf Deutsch? Kannst du mir die beste Übersetzung in einem Wort wenn möglich schnell zu­sen­den?

Grafik mit unterschiedlichen Ausdrucksweisen (Buchstabentypen)
Sprache ist komplex
Nein, kann ich nicht. Im Rigorosum be­deu­tet es möglicherweise, dass sich ein Prü­fer der Meinung eines anderen an­schließt. Fährt oder wandert jemand einer anderen Person oder Gruppe hin­ter­her, kann auch das Wort rejoindre gebraucht werden, al­so "hin­ter­her­rei­sen" oder (ein Bum­me­lant) kann "aufschließen". Ein Land wird mög­li­cher­wei­se einer Länderunion "bei­tre­ten", rejoindre, eine Schülerin kommt in eine neue Klasse. Nach der Filmpremiere steht es für "zu­sam­men­kom­men", das Team "treffen".
Der Urschrei vieler Übersetzer lautet: "Kon­text!" Ich rufe ihn auch meistens in Beantwortung irgendwelcher Vo­ka­bel­an­fra­gen.

Übersetzerschicksal.

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Illustration: C.E.

Montag, 19. Juni 2017

Über politische Partizipation

Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin für Französisch (und aus dem Eng­li­schen). Heute ein Gastbeitrag über Frankreich mit indirekt kom­men­tie­ren­dem Nachhall aus einem anderen Land. Es schreibt Raffael Sonnenschein, Bür­ger­recht­ler und Gründer von VETO – Dachverband und Gewerkschaft der eh­ren­amt­li­chen Flücht­lings­hel­fer*innen Deutschlands. Raffaels Motto: "Zwischen den Zeilen nehme ich alles wortwörtlich".

Stell' Dir vor es wäre Bundestagswahl und von 48 Millionen Wahlberechtigten gehen 29 Millionen Menschen einfach nicht hin?

Leserinnen am Ufer
Junge Wähler mit Büchern
57 % der Wahl­be­rech­tig­ten ha­ben in Frank­reich ges­tern nicht ge­wählt. Liebe Par­la­men­ta­rier, der Draht zu den Völkern scheint endgültig ver­lo­ren.
Es geht gar nicht um rechts oder links, sondern um die ganz unten. Im Land der Aufklärung und Demokratie-Vorbild für Europa liegt die Demokratie schwerverletzt auf der Intensivstation.

Wollen Sie die Patientin retten? Hier fünf gutgemeinte Empfehlungen:
1. Keine Berufspolitiker. Nach zwei Wahlperioden ist für Abgeordnete Schluss.
2. Diäten deckeln. Das Gehalt der Abgeordneten ist nicht mehr verhältnismäßig.
3. Ämterhäufung unterbinden. Kein Mensch kann fünf Jobs gleichzeitig angemessen meistern.
4. Lobbyisten offenlegen. Kein Zugang für Lobbyisten in die Parlamente.
5. Ohne Transparenz kein Vertrauen. Wenn Videokameras im öffentlichen Raum, dann aber auch in allen Gremien und Parlamenten, ob Kreistag oder Kom­mu­nal­aus­schuss.
6. Mehr Zivilgesellschaft. Mehr Bewegungen in die Parlamente zulassen statt star­rer Gebietsansprüche der Volksparteien.
7. Werte statt Flaggen hochhalten.

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Und jetzt schauen wir noch kurz nach Großbritannien. Dort hat die Brexit-Ent­­schei­dung, die zum Großteil auf ältere Wähler zurückging, offenbar eine neue Ge­ne­ra­tion politisiert, denn 72 Prozent der jungen Leute sind am 8. Juni zu den Ur­nen gegangen. Über die Situation in Großbritannien ("drei Geschichten des Schei­terns"), sein neues Buch, die Rolle der Presse und Veränderungen der Sprache so­wie zum Thema USA äußert sich Englands berühmtester Deutschlehrer. Die Rede ist von John Le Carré. Er sagt über das Sprachenlernen: "Jemandes Sprache zu lernen bedeutet, jemandes Territorium zu betreten. Es bedeutet, dessen Kultur zu ver­ste­hen. Es ist, wie eine Hand auszustrecken."

Hier ausnahmsweise am Montag mein verspäteter "Link der Woche": Marion Löhn­dorf im Gespräch mit Bestsellerautor John le Carré: "Wir müssen Leute wie Trump schlagen, solange sie im Aufstieg sind".

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Foto: C.E.

Sonntag, 18. Juni 2017

Work In Progress (WIP)

Bienvenue auf den Seiten einer Sprachar­bei­te­rin. Wie Übersetzerinnen, Über­set­zer, Dolmetscherinnen und Dolmetscher arbeiten, können Sie hier mitlesen. Meine Arbeitssprachen sind (neben Deutsch) Französisch und Englisch (das Idiom Shakes­peares nur als Ausgangssprache). Heute: Sonntagsbild!

Etliche meiner Dateien enden auf _WIP.docx, was bedeutet, dass etwas noch in Ar­beit ist. Derzeit kommt mir mein ganzes Leben vor wie ein WIP-Programm. Sel­ten waren so viele Baustellen parallel. Daher ist es hier derzeit etwas stiller.

Aquarellfarben, Pinsel, Block
Auf dem Beistelltisch, rechte Illustration vom Februar
Es geht um Dienstreisen, Ein­satz­pla­nung für den Herbst, die letzten großen Aufträge der Saison, das Anschieben derjenigen, die mich vor der Sommerpause beschäftigen werden, Spätfrühjahrsputz in der Wohnung (mit gründlicher Umgestaltung), Sport­pro­gramm (Muckibude!) und der eine oder andere Kleiderkauf, was für mich immer Stress bedeutet.

(Ich glaube, ich kann besser Zeichenutensilien kaufen.) Warum das mit der Gar­de­robe? Die ersten hochoffiziellen Sommertermine stehen an und bislang hatte ich, da Konferenzdolmetschen ein Saisongeschäft ist und uns überwiegend im Frühjahr und im Herbst beschäftigt, vor allem Übergangsmode als Businessdress im Schrank hängen. 

Last but not least steht wie in jedem Jahr einmal die Technikwartung an. Die neue externe Festplatte nervt allerdings. Sie ist super, sehr groß und doppelt im Ge­häu­se, aber ich muss erst lernen, wie sie formatiert wird. Und natürlich stolpere ich über eine total mies übersetzte Bedienungsanleitung.

Zugleich zuckt es mir wieder in den Fingern, ich möchte, wie im Sommer und im Win­ter üblich, an eigenen künstlerischen Projekten weiterarbeiten. Also habe ich mir an einem Marketingtag erlaubt, mit den Aquarellfarben zu spielen. Das Er­gebnis folgt demnächst hier.

P.S.: Auch gewisse aktuelle Themen halten mich vom Bloggen ab. Beim Großfeuer in London war mein erster Gedanke, dass das Material der Wärmeisolierung hier wie ein Brandbeschleuniger gewirkt hat. Fachleute warnen seit Jahren davor. Und auch in Sachen eines großen diese Woche Verstorbenen halte ich viele Nachrufe für zum Teil geschichtsvergessen. Oder liegt es schlicht an meinem Alter?

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Foto: C.E.

Donnerstag, 8. Juni 2017

Fijumpfe

Bonjour, hello und guten Tag! Hier können Sie Innenansichten aus dem Dol­met­scher­all­tag lesen. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch (Ausgangs- und Ziel­sprache) und Englisch (nur Ausgangssprache). Bemerkenswert sind manchmal Momente, die nur wir mitgekommen.

Der Raum im Hotel ist für 40 Teilnehmer bestellt, genau 40 Stühle stehen hier an den Tischen. Die Dolmetscher wurden vergessen. Wir werden wieder außerhalb der Kabinenwände tätig, brauchen aber durchaus ein Minimum an Material.

Zum Glück ist für uns ein Betreuer zuständig, Kellner und gute Fee in Per­so­nal­union: Er legt Kabel (und klebt sie ab), schleppt den Tisch und Stühle herbei, bringt Getränke und Zugangscodes zum Internet. Er hilft sogar beim Einloggen. Es ist entzückend: "Hier eintRRRagen. Ich kann voRRRsagen: fijumpfe, nulle, achte, noine!"

Unser Engel stammt hörbar aus Italien. Da Italienisch die Großmuttersprache mei­ner Kollegin ist, plaudert sie ein wenig mit ihm auf Italienisch. Für die nächs­ten Tage erhalten wir durch ihn ein Maximum an Aufmerksamkeit! Mille grazie!

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Foto: wird nachgetragen

Dienstag, 6. Juni 2017

Gekrösë

Hallo! Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin aus Paris, Berlin und von unterwegs. Ich arbeite mit Französisch und Deutsch sowie aus dem Englischen. An dieser Stelle berichte ich, wie diese Arbeit meine Wahrnehmung von Sprache im Alltag verändert.

RANFORCË BETTWÄSCHE
Gesehen im Kaufhaus
Am Monatsende bin ich mal wie­der auswärts zu einem Lei­der-leider-Einsatz, span­nend, lohnend ... aber nicht unbedingt materiell. Ich su­che mir solche Einsätze sehr gezielt aus, weil ich da­mit auch etwas Marketing ver­bin­den kann.
Untergebracht werde ich von Freunden. Ich weiß allerdings sehr genau, wie deren Som­mer­decke beschaffen ist.

Sie ist nämlich exakt so, dass ich sie, als ich letzten August dort zu Gast war, schnell entsorgt habe. In der eigentlich mottendicht verpackten Plastikhülle mit Reißverschluss wimmelte es nämlich leider. Natürlich habe ich das anschließend den (zwischendurch Abwesenden) mitgeteilt. Und ich weiß auch, dass ich zu die­sem Sommeranfang ihr erster Gast sein werde. Mein Gastgeschenk wird also eine überlange Sommersteppdecke mit passendem Bettbezug sein.

Also suche ich im einschlägigen Fachgeschäft sowie im Kaufhaus nach Bettzeug. Und stolpere über eine sehr hübsche Tafel. Verstärkte Baumwolle ist hier Ge­gen­stand meiner Betrachtung. Ach, wie schreibt man nur nochmal dieses "verstärkt"? Ist irgendwie ausländisch, mit so Gekröse am Vokal, nach oben oder nach unten? Ach, ganz einfach, ein bisschen basteln, so wird's stimmen.

Schon blöd, wenn manche Arbeitgeber ihren Mitarbeitern keinen Zugang zum In­ter­net gewähren. Und ja, es ist etwas aus Renforcé-Baumwolle geworden!

Der Leider-leider-Tarif ist ein Zitat. Die Zeitung taz hat den Begriff eine Zeitlang als Bezeichnung für ihren "Soli-Tarif" genutzt.

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Foto: C.E.

Montag, 5. Juni 2017

Schifffahrt

Bonjour, Sie lesen im Blog ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche mit den Ar­beits­spra­chen Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Pfingstmontag und Zeit für die Sonntagsbilder.

Weiter mit dem Sonntag am Kanal, der ein Montag war. Wir haben hier viele Schif­fe und Boote und auch die Nicht-Schiffs­be­sit­zer ge­nie­ßen das. Ein Wort mit drei "F" ... Letzte Wo­che lag der Schwer­punkt auf Men­schen (hoch­kant).

Kanus am Ufer
Privatschiffchen am Ufer
Touristenschiff auf dem Kanal

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Fotos: C.E.

Sonntag, 4. Juni 2017

Pflaumenpfingsten

Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin für die französiche Sprache (so­wie aus dem Englischen). Ich beschreibe typische Momente der Arbeit, stets unter Wah­rung der in Ausübung meines Berufes erfahrenen Geheimnisse, und denke über Sprache nach.

Rose
Une rose rose (eine rosa Rose)
"Da kannse warten bis Pflau­men­pfings­ten!", sagt Andrea U., Produzentin aus Ber­lin. Sie meint: "Darauf kannste warten, biste grün bist!"

Andrea stammt aus dem Ruhrpott, lebt aber länger in Berlin, als sie sonst ir­gend­wo ge­wesen ist. Und es gibt in ihrem Um­feld etliche Mitarbeiterinnen mit bo­den­stän­di­gem Mutterwitz, wie er typisch ist für Ber­lin.

Na, und woher kommt der "Schnack", wie ein Ham­bur­ger sagen würde, denn nun? Das Netz verweist den Ausspruch aufs Rhein­land: Wör­ter­buch der rheinischen Um­gangs­spra­che.


Der Kopf braucht eine Weile, bis er die Erklärung dafür findet: Pflaumen reifen im Herbst, Pfingsten ist im Frühjahr, die beiden Ereignisse werden nie auf ein- und denselben Termin fallen.

Der Sankt Nimmerleinstag ist ein Verwandter.

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Foto: wird nachgereicht

Donnerstag, 1. Juni 2017

Im Jahresmittel

Welcome, guten Tag, bonjour ... auf den Blogseiten, die in der Dol­­met­­scher­ka­bi­ne und am Übersetzerschreibtisch entstehen. Ich arbeite in den Bereichen Politik, Kultur, Wirt­schaft und Soziales. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (meistens nur Aus­gangs­spra­che).

Keep running, lautet die Parole. Gar nicht mal mehr just keep going wie bei Joyce (Ulysses), sondern im Eiltempo geht es hier voran und zur Zielgeraden. Die erste Kongresssaison eines jeden Jahres dauert von April bis Juni, die zweite folgt von September bis November, und wir haben dieses Mal noch einige Wochen bis ultimo.

"Was ist zu tun?"
Nicht immer ist der Weg klar
Ein freundlicher Mensch ruft an, möchte mich mitten in der Saison buchen, bräuchte meine Dienste für zwei Mal eine Stunde an ein- und dem­sel­ben Tag, mit An- und Ab­rei­se sind das vier Stunden. Leider hat er kein Budget. Kein Budget bedeutet hier, die Ausgaben waren nicht eingeplant. Irgendwo fanden sich noch 120 Euro an (ob netto oder brutto ist unklar).

Würde ich an exakt diesem Tag im Haus gegenüber sitzen, sagen wir mal in der Film­bi­blio­thek am Potsdamer Platz, und ginge es somit lediglich darum, einmal quer über den Platz zu gehen, wäre der dieser Kunsteinsatz gar kein Problem. Nun ist dieser Tag stark nachgefragt und ich maile jetzt die Kolleginnen durch, ob even­tu­ell jemand von uns an diesem Tag eine Bibliotheksrecherche geplant hat (die Staatsbibliothek ist um die Ecke).

Ich versuche das meinem Kunden zu erklären. Zum Glück habe ich es mit einem Freiberufler zu tun, er kann es halbwegs nachvollziehen, naja, wohl auch nicht ganz. Ich muss ein Beispiel nennen, einen Monat, in dem ich so gut wie gar keine Umsätze hatte. "Und diese Zeiten kompensiere ich eben in der Hochsaison."

Drehen wir es anders: Ein Hotelier hat wunderschöne Zimmer zum Meer hinaus, die Sommerhochsaison dauert drei Monate, hinzu kommen zwei mal zwei Monate Vor- und Nachsaison (oder etwas in der Größenordnung). Das Hotel zieht das ganze Jahr über Kosten nach sich: Grundsteuer und Versicherungen, Mitarbeiter, Heizung, Instandhaltung und was derlei Ausgaben mehr sind. So ist es auch ihm vermutlich eher nicht möglich, im Hochsommer für ein Sechseinhalbtel des Saisonpreises seine Buden zu vermieten, zumal diese Anfragen in Konkurrenz zu Vollzahlerkunden ste­hen.

Hab mir das so nicht ausgesucht und kann auch nichts dafür.


P.S.: Die Zeiten zwischen der jeweiligen Hochsaison ge­hö­ren Übersetzungen und kreativen Projekten, wozu auch die sprachliche Mit­wir­kung an Nach­wuchs­film­projekten zählt.
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Foto: C.E.

Dienstag, 30. Mai 2017

Erschließungskern

Was eine Französischdolmetscherin so alles erlebt, können Sie hier mitlesen. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch und Englisch. Meine Fachgebiete sind Politik und Wirtschaft, Medien/Kino, Kultur, Soziales, Ökologie und Architektur mit dem Schwerpunkt Innenarchitektur. Heute geht's um Wasser.

Mit einem Kunden ein linksseitig knapp geschnittenes, also krummes Waschbecken für ein noch krummeres Badezimmer suchen, während bei ihm in der künftigen Wohnung die Wand zwischen Küche und Bad aufgerissen wird für den zentralen Versorgungsschacht, das sind Erfahrungen, die Dolmetscherinnen bei über 30° Cel­sius auch machen können. Dann gewittert es so stark, dass wir Gefangene sind.

Und der "Versorgungsschacht" heißt gar nicht so, sondern "Erschließungskern".

la vasque de salle de bain – das Badezimmerwaschbecken
Was freue ich mich einmal mehr über Schönheit und Knappheit der deutschen Sprache! Die an­de­ren Idiome, die ich heute im Angebot habe, brauchen dafür viel mehr Wörter und Anschläge: a back-to-back plumbing infrastructure wall oder la gaine centrale de via­bi­li­sa­tion/rac­cor­de­ment. Das taugt jedenfalls nicht für Scrabble.

Wir wurden leider nicht fündig. Jetzt müssen wir im Internet weitersuchen und dort etwas bestellen. In Paris sind die Badezimmer kleiner. Mal sehen ...

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Fotos: C.E.

Montag, 29. Mai 2017

"Binge Learning" vs. echtes Lernen

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Die Einsätze sind nur die jeweilige Spitze des Wissenseisbergs. Die Hauptarbeit ge­schieht in Vor- und Nachbereitung. Das ist der Eisblock unter der Spitze.

Vor fünfzehn Jahren hörte ich zum ersten Mal von Binge drinking, Komasaufen.

Infotafel Denkmal Rieselfeld Großbeeren
Rieselfeldinfo, im Vorbeirennen dokumentiert ...
Wir Spracharbeiter kennen gelegentlich das Phänomen des Binge learning. Wir kom­men uns immer wieder vor wie die Prüflinge, die auf den letzten Drücker ... als hätten wir unsere Materialien nicht rechtzeitig organisiert, das Lernen nicht gut struk­tu­riert und vor allem nicht beizeiten angefangen. Alternativ geht als Ausdruck auch compulsive learning.

Zwanghaftes Lernen geht schon in die Richtung einer seelischen Störung, "bu­li­mi­sches Lernen", Reinfressen und Rauskotzen, ebenso. Wenn es nicht die Seele ist, so kann derlei Phänomen auf suboptimales Zeitmanagement zurückgehen. In 80 % der Fälle waren wir selbst übrigens gar nicht zu spät dran. Da hängen wir Sprach­ar­bei­ter schlicht und ergreifend davon ab, was uns die Kunden a) nicht, b) in Etappen oder c) zu spät zur Vorbereitung zuschicken.

[Kurzer Sidekick: Manche Endkunden erfahren von unseren Ma­te­rial­wün­schen rein gar nichts, gerade wenn Sprachmakler, die sogenannten Agenturen, im Spiel sind. Diese sind nicht selten Meister im Abblocken direkter Kontakte, um die Kontrolle über die Kundendaten zu behalten, verständlich, aber sie behindern uns in der Ar­beit und gefährden damit die Qualität des Einsatzes.]

Im Fall von a), gar keine Informationen, erreicht mich am späten Vorabend einer Ackerbegehung dann schon mal die entsetzte Frage einer Kollegin, wo denn bit­te­schön der Referent seine PowerPointPräsentation abspielen möchte. Madame, das war Hintergrundmaterial aus der allerersten Aussendung meinerseits und enthielt desweiteren gut sichtbar das Datum 2014. Und ja, ich kann die bange Frage kurz vor knapp verstehen, der Stress erhöht bei uns allen den Grad der Nervosität.

Und dann treffen wir vor Ort ein und es warten plötzlich — Überraschung! — drei völlig unbekannte Präsentationen, von illustrierten Grafiken unterstützt, in einem kleinen Konferenzraum auf uns und darin mindestens zwei Dutzend nicht vor­be­rei­te­ter Fachbegriffe. 

Der teilgeschlossene, urbane Wasserkreislauf
Wasseraufbereitung heute, gesehen in Charlottenburg
Mancher Redner mag sich wun­dern, wenn wir, wir sind noch immer beim Beispiel Acker­be­ge­hung und Vor­be­rei­tung, an­schlie­ßend freund­lich um die Zu­sen­dung nämlicher PowerpointPräsentationen bit­ten.

Denn uns geht es wie Po­li­ti­kern: Nach der Wahl ist vor der Wahl, nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz.

Damit das Binge Learning beim nächsten Mal nicht ganz so schlimm wird, bereiten wir uns nach. Für mich bedeutet das: Jeden Tag, auch samstags und sonntags, zwei Stunden mit meinen Sprachen zu tun zu haben ... und mit spannenden In­hal­ten!

Mein Lernschwerpunkt im Englischen derzeit: Akzente und Verfestigung dessen, was wir bei den Konferenzen erfahren haben. Ab morgen: Böden, Wasserreinigung, Bodenrehabilitation, Erosion, Kleinstlebewesen und Biochemie auf dem Acker, verteilt auf mehrere Tage, Stichwort: #Lernzyklen. Dazu gleich noch der Link zum textlastigen Foto in höherer Auflösung: Rieselfeld_Großbeeren (groß) (15,8 MB).



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Fotos: C.E. / Film: United States Studies Centre

Sonntag, 28. Mai 2017

Work hard, party hard

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Zeit für die Sonntagsbilder vom Ufer des Landwehrkanals.

Wer hart arbeitet, darf auch feste feiern. Und ich freue mich mal wieder über die Groß- und Kleinschreibung!

Und rasch noch einen Kommentar der Textkünstlerin Barbara, die ihre Texte im öf­fent­li­chen Raum hinterlässt: "Wenn Donald Trump jetzt von seinem Amt als Prä­si­dent der USA zurücktreten würde, indem er verkündet, dass seine Kandidatur nur eine Kunst­per­for­mance war, um den Menschen aufzuzeigen, wie weit man es mit Beleidigungen, Lügen, Rassismus, Diskriminierungen und Hassattacken auch in un­se­rer Zeit noch bringen kann, dann würde er als größter Künstler aller Zeiten in die Geschichte eingehen."

Das sollte dem tumben, eitlen Gecken mal jemand zuflüstern.

Picknick im Baum
Das Eis, das Kind und Mamas Schuhe
Leser am Landwehrkanal
Serie "Sonntag am Landwehrkanal"

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Fotos: C.E.

Samstag, 27. Mai 2017

Gentrifidingsbums

Bienvenue auf den Seiten einer Sprachar­bei­te­rin. Wir Übersetzerinnen, Über­set­zer, Dolmetscherinnen und Dolmetscher arbeiten meistens zu Hause im eigenen Arbeitszimmer. Daran werden auch steigende Mieten erstmal nichts ändern. Nur manchmal möchte ich mein Schlafzimmer außerhalb der Wohnung haben.

Wohnen in einem sogenannten "hippen" Kiez: Als wir vor 20 Jahren hergezogen sind, haben wir noch Kopfschütteln geerntet — "... wie kann man nur ins soziale Sperrgebiet ziehen?" Heute gelten wir als hipper Wohnbezirk: Der unsanierte Dach­rohling kann da schon mal 3000 Euro den Quadratmeter kosten. Hier heute zu woh­nen be­deu­tet z.B. an einem Werktag, kaum zur Ruhe zu kommen.

YOUR MONEY DESTROYS BERLIN
Aus der Nachbarschaft
Im Nachbarhaus, das scheib­chen­wei­se verkauft worden ist, bil­ligs­ter sozialer Woh­nungs­bau­stan­dard, der nach der Hin­zu­fü­gung einiger Ei­mer Wand­far­be und gül­de­ner Wasserhähne statt im Einkauf (en bloc) 900 Euro den Qua­drat­me­ter nun um die 4000 Euro kosten soll, hat die Zahl der Fe­rien­woh­nun­gen in­fla­tio­när zu­ge­nom­men ... und ja, das ist mir nicht egal.

Im Haus, es wurde in den Neunziger Jahren gebaut, scheint etwa die Hälfte der Wohnungen verkauft zu sein, der Rest steht leer. Die Nachbarn von einst leben am Stadtrand, wo plötzlich (wie im Märkischen Viertel) neue Schulen gebaut werden mussten. Umzug, Neubau und den Leerstand von Schulen im Kiez zahlen wir alle mit unseren Steuern. Das große Geld machen damit andere.

Seither stoßen in unserer Straße Welten aufeinander. Hier die ruhebedürftige werk­tä­ti­ge Be­völ­ke­rung mit oder ohne Kindern, dort das Partyvolk mit oder ohne geregelten Tag-/Nachtrhythmus. Und das Nachbarhaus zur anderen Seite wird nach zehn Jah­ren erneut saniert, dieses Mal, so fürchte ich, ist die Edelsanierung dran, die Preis­spi­ra­le dreht hoch. Übersetzt heißt das: An der einen Seite zum Hof wird bis vier Uhr in der Früh Party gemacht, an der anderen Seite zum Hof rattert ab sie­ben Uhr der Schlagbohraufsatz, der Fliesen runterreißt, in der Mitte kraucht die Ein­woh­ner­schaft auf dem Zahnfleisch, denn solche Spitzen filtern selbst Ohropax nicht so ele­gant weg.

Zehlendorf günstiger als Neukölln
Titel vom 22.5.2017
Die Nach­bar­schaft ist bereits einmal durch­gen­tri­fi­ziert, die Ver­drängung der Gentrifizierer von vor zehn Jah­ren steht an. Und heute beginnt der Ra­ma­dan. Migrantische Namen sind auf dem Klin­gel­feld selten geworden. Aber aus den an­lie­gen­den­ Stra­ßen kommen oft noch Menschen mus­li­mi­schen Glaubens an den Kanal, wer will es ihnen ver­den­ken, und gerade die Jungen haben am Ufer ihren Spaß, der sich oft nicht von dem der Par­ty­ma­cher un­ter­schei­det, den Alkohol den­ken wir uns jetzt mal weg. Und Fas­ten­bre­chen fin­­det nach Son­nen­un­ter­gang statt. Nachts schallt es von bei­­den Sei­ten.

Ich übertreibe nur leicht. Samstag gilt übri­gens als Werktag. Bleibt der Sonntag zum Ausschlafen. Das muss reichen! Das Bruttosozialprodukt ruft.

Diese Woche kam zum Sonntag großzügigerweise noch der Himmelfahrtsdonnerstag hinzu. Naja, ich durfte arbeiten. Und kurz aufseufzen, als ich die Wandschmiererei in der Nach­bar­schaft sah, das stimmt leider so sehr ... Das Dilemma wäre übrigens mit klu­gen Gesetzen vermeidbar.

Für einen Dolmetschtermin im Kiez haben wir vor einigen Jahren das Wort "Gen­tri­fi­zie­rung" durch "Verdrängungssanierung" übersetzt, ein Übersetzerkollege fand das Wort nach einem Suchappell über ein "virtuelles Café" im Netz.

Meine Links der Woche sind Artikel über den Mietspiegel: "Warum Berliner Mietern teure Zeiten bevorstehen" und "Altbaumieten steigen am stärksten" (Tagesspiegel).

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Fotos: C.E., Beatrice Höller

Freitag, 26. Mai 2017

Pershing

Bonjour, hello und guten Tag! Hier können Sie Innenansichten aus dem Dol­met­scher­all­tag lesen. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch (Ausgangs- und Ziel­sprache) und Englisch (nur Ausgangssprache). Nach dem Dolmetscheinsatz über­trägt der Kopf munter weiter, es sei denn, ich lenke ihn mit Musik ab. Er bleibt aber intellektuell wach: Er liest alles, was uns am Weg begegnet.

Kleines Freizeitmotorboot mit dem Namen "Pershing"
Am Landwehrkanal
Nein, ich kann mir nicht vor­stel­len, wie gewisse Tes­tos­te­ron­pro­du­zen­ten auf den Ge­dan­ken verfallen sein mögen, ihr motorisiertes Bin­nen­ge­wäs­ser­ge­schoss aus­ge­rech­net "Pershing" zu nennen. Als Kind der Mauer und des Kalten Krie­ges steht für mich der Na­me "Pershing" für das Wei­ter­dre­hen der Rüs­tungs­spi­ra­le vom Beginn der acht­zi­ger Jah­re.

Der Rüstungswettlauf war einer der Gründe für das Ende des Ostblocks und des lange Zeit unsere Welt beherrschenden binären Modells. (Inzwischen leiden wir unter anderen Formen der Schwarzweißmalerei, die für anderes Leid sorgen.)

Dass die Rakete einen menschlichen Namenspaten hatte, erfuhr ich erst ein Jahr­zehnt später auf einem meiner Besuche in Nordamerika. Denn etliche Städte der USA haben ihren Pershing Boulevard, benannt nach John Joseph Pershing, einem General des Ersten Weltkrieges. (Meine Irritation hätte größer nicht sein können, denn zunächst bezeichnete der Name für mich ja nur die Interkontinentalrakete.)

Als ost-westdeutsches Kind war mir der Gedanke unerträglich, dass im Kriegsfall die männlichen Mitglieder meiner Familie aufeinander schießen müssten, also rein theoretisch zumindest, denn in unserem Fall kam es durch die DDR-üblichen frü­hen Familiengründungen zu einer Generationenverschiebung. Aber solche bio­gra­fi­schen Hintergründe führen häufig zu Pazifismus, und das ist sehr gut so.

Müder Heimweg vom Dolmetscheinsatz also, Müdigkeit wirkt sich aus wie der Kon­sum von Alkohol. Ich radele nicht nur sehr langsam, sondern lasse Haupt­stra­ßen links liegen, nehme kleine (S)Trampelpfade, fahre am Kanal entlang, genie­ße die Natur. Und als ich kurz dem "Sommerschnee" nachträume, das Wort stammt vom weltbesten Patenziehsohn, fällt mein Blick auf dieses Privatschiff. "Frei­tag nach eins macht jeder seins", den Spruch kenne ich noch aus der DDR. Und ich mach das jetzt auch.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Weiterlernen

Bonjour und hallo! Hier lesen Sie regelmäßig Diverses aus der Dolmetscherkabine, vom Über­set­zer­schreib­tisch und aus der Welt der Idiome. Gerade geht es um Re­gen­wür­mer, Mil­ben, Spinnen, Bestandteile der Böden, chemische Prozesse. Der Schreibtisch war auf einer Konferenz bzw. unterwegs in diversen Betrieben.

Was für eine Woche! Die Gesamtheit meiner Chemie- und Physiklehrer würde sich wundern, der Biolehrer hat es immer schon gewusst: In mir steckt eine Na­tur­wis­sen­schaft­le­rin. (Mein Notenblatt in der Schule hat dermaleinst allerdings etwas anderes ausgesagt.)

Mit Gästen auf dem Tourismusschiff
Im Regierungsviertel
Nachdem wir im April mit den Jungbauern aus aller Welt zu tun hatten, dem #RuralFuture Lab, haben wir diesen Mai ei­ni­ge Tage mit Menschen aus aller Welt verbracht, die in diversen Ministerien, im Be­reich der Ausbildung, der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­arbeit mit Landwirtschaftsthemen zu tun haben. Im Zentrum der Arbeit steht der Acker und die Rehabiliterung von Böden.

Wir dolmetschen auf der Global soil week / #GSW17. Ich liebe dieses Thema, das viele naturwissenschaftliche Bereiche verbindet, weil es einmal mehr aufzeigt, was meiner Generation Hoimar von Ditfurt schon in den 1970-er Jahren bei­ge­bracht hat, wir haben es damals mit der Muttermilch aufgesogen, hatten viele Lehrer, die uns früh informiert haben: Alles hängt mit allem zusammen und ist endlich. "Die Grenzen des Wachstums", so der 1972 vom Club of Rome ver­öf­fent­lich­te Bericht, schwebten schon damals über unseren Köpfen.

Intensive Tage sind das. Ich hoffe auf eine ruhige Sommerpause, um hier noch In­hal­te nachzutragen. Ich merke zudem täglich, wie sehr ich ständig an in­ter­kul­tu­rel­len Kommunikationsformen weiterarbeiten muss. Ja, auch nach Jahrzehnten noch gibt es Fettnäpfchen, von denen ich keine Ahnung hatte. Zum Glück sind mei­ne Gegenüber ge­schult, nachsichtig und freundlich und geben einer ihrer zen­tra­len Informationsvermittlerinnen auch Informationen zurück. Genau das liebe ich an meinem Beruf: das ständige Weiterlernen! Auch wenn es manchmal be­deu­tet, dass ich bis elf Uhr abends noch pauken darf.

Zwischendurch gibt es sogar noch einen kleinen Tourismusanteil (auch zu dol­met­schen). Auch dafür vielen Dank an die Veranstalter. Beim Abendessen zuhause dann durch ös­ter­rei­chi­sche Freunde ein neues Wort kennengelernt: Den Ungustl (pl. Un­gus­tln). Das Wort, wobei gerne auch "das" Ungustl verwendet wird, bezeichnet ei­nen un­sym­pa­thi­schen Mann mit groben Manieren. Wir hatten es vom Prä­si­den­ten­(dar­stel­ler) der USA, und ja, irgendwie gewähltes Oberhaupt, aber wie!

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Foto: C.E.