Freitag, 26. Mai 2017

Pershing

Bonjour, hello und guten Tag! Hier können Sie Innenansichten aus dem Dol­met­scher­all­tag lesen. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch (Ausgangs- und Ziel­sprache) und Englisch (nur Ausgangssprache). Nach dem Dolmetscheinsatz über­trägt der Kopf munter weiter, es sei denn, ich lenke ihn mit Musik ab. Er bleibt aber intellektuell wach: Er liest alles, was uns am Weg begegnet.

Kleines Freizeitmotorboot mit dem Namen "Pershing"
Am Landwehrkanal
Nein, ich kann mir nicht vor­stel­len, wie gewisse Tes­tos­te­ron­pro­du­zen­ten auf den Ge­dan­ken verfallen sein mögen, ihr motorisiertes Bin­nen­ge­wäs­ser­ge­schoss aus­ge­rech­net "Pershing" zu nennen. Als Kind der Mauer und des Kalten Krie­ges steht für mich der Na­me "Pershing" für das Wei­ter­dre­hen der Rüs­tungs­spi­ra­le vom Beginn der acht­zi­ger Jah­re.

Der Rüstungswettlauf war einer der Gründe für das Ende des Ostblocks und des lange Zeit unsere Welt beherrschenden binären Modells. (Inzwischen leiden wir unter anderen Formen der Schwarzweißmalerei, die für anderes Leid sorgen.)

Dass die Rakete einen menschlichen Namenspaten hatte, erfuhr ich erst ein Jahr­zehnt später auf einem meiner Besuche in Nordamerika. Denn etliche Städte der USA haben ihren Pershing Boulevard, benannt nach John Joseph Pershing, einem General des Ersten Weltkrieges. (Meine Irritation hätte größer nicht sein können, denn zunächst bezeichnete der Name für mich ja nur die Interkontinentalrakete.)

Als ost-westdeutsches Kind war mir der Gedanke unerträglich, dass im Kriegsfall die männlichen Mitglieder meiner Familie aufeinander schießen müssten, also rein theoretisch zumindest, denn in unserem Fall kam es durch die DDR-üblichen frü­hen Familiengründungen zu einer Generationenverschiebung. Aber solche bio­gra­fi­schen Hintergründe führen häufig zu Pazifismus, und das ist sehr gut so.

Müder Heimweg vom Dolmetscheinsatz also, die Müdigkeit wirkt sich aus wie der Konsum von Alkohol. Ich radele nicht nur sehr langsam, sondern lasse Haupt­stra­ßen links liegen, nehme kleine (S)Trampelpfade, fahre am Kanal entlang, genie­ße die Natur. Und als ich kurz dem "Sommerschnee" nachträume, das Wort stammt vom weltbesten Patenziehsohn, fällt mein Blick auf dieses Privatschiff. "Frei­tag nach eins macht jeder seins", den Spruch kenne ich noch aus der DDR. Und ich mach das jetzt auch.

______________________________  
Foto: C.E.

Sonntag, 21. Mai 2017

Himmel!

Welcome, guten Tag, bonjour ... auf den Blogseiten, die in der Dol­­met­­scher­ka­bi­ne und am Übersetzerschreibtisch entstehen. Ich arbeite in den Bereichen Politik, Kultur, Wirt­schaft und Soziales. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heute: Sonn­tags­fo­to.
 
Ein Berliner Sonnensonntag mit Hinterhöfen. Im Vorbeigehen entdecke ich ein neues Fotomotiv. Und der Himmel ist auch hier spektakulär, ein Bild mit Rahmen.

Fassade, Mauer, Fassade: Dazwischen strahelender Himmel
Pars pro toto
______________________________  
Foto: C.E.

Samstag, 20. Mai 2017

POV: Ohne Wände

Hier bloggt eine Dolmetscherin für die französische Sprache, die auch übersetzt. Heute POV: Der nur knapp kommentierte sub­jekti­ve Blick aus der Spracharbeit und dem, was damit zusammenhängt. Jetzt gerade in der Kabine ...

Abgespeckte Dolmetscherkabine
... fehlt die Schallisolation. Wir sitzen hinten im Raum. Wir haben hier die übli­chen Kopfhörer, in denen der Ton des Podiums und die Fragen aus dem Publikum erstklassig ankommen, unsere Mikros, zwei Tisch­lich­ter, unsere Rech­ner und W-lan. Also alles wie in der Kabine, nur die Wände fehlen.
Das Publikum hört uns als Gemurmel im Hintergrund.

Für eine kleine wissenschaftliche Konferenz, die einen Dreivierteltag dauert, stellt diese Möglichkeit eine erhebliche finanzielle Ersparnis dar im Verglich zur Box. Bei spannenden Themen sind wir zu derlei gerne bereit.

Inhaltliche Notiz: Gewalt gegen Frauen ist in Frankreich nur deshalb nahezu aus­schließ­lich und höchst aus­dif­fe­ren­ziert sta­tis­tisch für mi­gran­tische und arme Be­völ­ke­rungs­an­tei­le in den ban­lieues, den Vor­städten, belegt, weil es derlei Un­ter­su­chun­gen und Statistiken in den Städten und Quar­tie­ren der Wohl­ha­ben­den schlicht und ergreifend nicht gibt.

______________________________
Foto: C.E.

Freitag, 19. Mai 2017

Auf dem Schreibtisch XXXXI

Mitten in ei­nen Blog aus der Ar­beits­welt sind Sie rein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Hier stehen kurze (anonymisierte) Episoden aus meinem mit­un­ter sehr vielseitigen Alltag, Gedanken zu Kultur und Sprache sowie Hinweise zu meinen Arbeitsfeldern.

Füller, Miniaturharke, USB-Stics, Schraubenzieher, Stifte und "TOMATE Moneymaker"
Blick auf den Schreibtisch
Neulich habe ich die besten To­ma­ten­sa­men der Welt entdeckt. Really! It's great!
Und nach der Berlinale, dem Achtung­ber­lin Film­fes­ti­val sowie dem Filmkunstfest MV bin ich vom 17. bis 29. MAI in BERLIN. Cannes kann |mich mal| ohne mich sein 70. Jubiläum feiern, endlich mit der Teil­nah­me von mehr Regisseurinnen, wo­rü­ber ich mich sehr freue.

Ich bin hier und dolmetsche Konferenzen, denn auf die Tomaten allein will ich mich nicht verlassen, und verdiene Geld ... pour écrire mon prochain livre cet été, um im Sommer mein nächstes Buch zu schreiben.

Auf dem Programmzettel:
⊗ Bodengesundheit
⊗ Theatersprache
⊗ Aktuelle französische Politik
⊗ Badezimmerrenovierung
⊗ Euro-Betriebsrat
⊗ Gewalt gegen Frauen

Die The­men be­schäf­ti­gen mich im Hin­blick auf aktuelle Dol­met­sch­ein­sät­ze und Übersetzungen.

______________________________
Foto: C.E.

Donnerstag, 18. Mai 2017

Mal wieder: Preisgestaltung

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Wäh­rend in Cannes das Filmfestival startet, übersetze ich in Berlin noch Dreh­bü­cher. Auch eine Art, zum Geschehen beizutragen. Manche gehen flott von der Hnd, andere brauchen mehr Zeit. Das sollte sich auch in Preisen niederschlagen.

Croissant und Espresso
Französisches Frühstück
Zum Aufwachen in eine Art digitales Wortcafé gegangen, gelacht. (Solche Orte werden auch virtuelle Kaffeeküche ge­nannt.)
Hier tauschen wir News aus. Oder Wörter: "Ar­ma­tu­ren­kne­bel­ein­satz­rast­buch­se" hat Jackie Stech, Dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin mit dem Schwerpunkt Technik (IT, PT, FR, EN) in einem Do­ku­ment gefunden.

Auf nüchternen Magen kann es einem da schon mal den Appetit verschlagen.

Darauf Kollegin Jessica Link, Übersetzerin auch im Bereich Technik (EN und IT): "Oder warum man in die Fremdsprache nie einen Wortpreis berechnen sollte."

Mesdames, you made my day!

Damit solche Jobs überhaupt nahrhaft sind, müssen sie nach Zeit berechnet wer­den. Das ist so ähnlich wie mit der Autoreparatur in der Werkstatt: Die wird ja schließ­lich auch nicht nach Kilogramm berechnet. Drehbücher indes berechne ich weiter nach Anschlägen (Zeichen inkl. Leerzeichen) und nach Schwierigkeitsgrad der Vor­lage. Da kommen solche Wörter eher nicht vor.

______________________________
Foto: C.E.

Freitag, 12. Mai 2017

Kopfkino (1)

Ob geplant oder zufällig, Sie sind auf den Weblogseiten einer Wortarbeiterin ge­lan­det. Ich dolmetsche und übersetze für Wirtschaft, Politik und Industrie, da­run­ter auch für die Filmindustrie. Arbeitssprachen sind DE, FR und EN. Heute startet eine neue Reihe, mal schauen, ob ich die etabliert bekomme: Kopfkino.

Schlechte Kalauer scheinen unter deutschen Frisören besonders groß in Mode zu sein. Wann hat das bei denen eigentlich angefangen?

Wandmalerei: Kopfkino
Gesehen in Berlin-Kreuzberg
Ihre Boutiquen nennen sie "Chronicle head crash", "Abschnitt", "Haupt-Sache" (in Ge­richts­nähe), "Cre­Haar­tiv", "Kai­ser­schnitt" (am Krankenhaus), "Schnipp & ab", "Vier Haareszeiten", "Kamm in", "Hair­zi­lein", "Um Haaresbreite", "Haarem", "Schnitt­stel­le", "Hairlich", "Hair­schafts­zei­ten" und was derart Sprachgrausamkeiten mehr sind.

In meiner Kindheit und Jugend haben wir uns wenigstens noch in den Räumen von "Haarmoden Retzer", der lag in Sachsen, da brachten wir das eigene Handtuch mit, oder im "Salon Bella", bei "Barbara's Bar­ber's" oder "Pfaff's Haarstudio" ein­sei­fen und beschnippeln lassen, wie sich's ge­hört mit Dep­pen­apostroph.

Simon Coiffeur de famille, Audebert Coiffure, La Bottega del Coiffeur heißen die entsprechenden Läden in Paris. Das geht alles in Richtung der guten altdeutschen "Haar­ins­ti­tu­te". Franzosen gehen ja gemeinhin zum Coiffeur, wo sie sich eine neue coiffure verpassen oder nur die Spitzen nachschneiden lassen. Der deutsche Be­griff "Fri­seur", ein echter "falscher Freund", klingt für französische Ohren lustig, heißt er doch übersetzt "Lockenmacher".

Wennschon, dennschon. Jetzt kommt die Filmidee. Ich bin für "Brainwash": Der La­den, irgendwo im Norden Neukölln, so stelle ich ihn mir vor, ist hin­ten Wasch­sa­lon für Wäsche, vorne Salon für Haare und Teesalon für alle anderen. Das Eta­blis­se­mang liegt in einem Hin­ter­hof­ne­ben­ge­bäu­de aus roten Ziegeln und hält aus­schließ­lich politische Zeitungen und LETTRE, außerdem werden Hennafärbungen der Hän­de angeboten, denn direkt daneben liegt eine Bauchtanzschule.

Schriftzug auf Papier: Frühling eingetroffen
Heute war es endlich mal warm
Sobald es wärmer wird, sitzen viele draußen im Hof, dann dringt die Musik nicht nur durch die Wände.

Bis vor einigen Jahren war "Brainwash" im Bezirk Prenz­lau­er Berg ansässig, aber dort be­sitzen in­zwi­schen alle ihre ei­ge­nen Wasch­ma­schi­nen und die Edelcoiffeure haben seit langem den Wett­kampf für sich ent­schie­den.

Das Vorbild für den Laden habe ich vor vielen Jahren mal in San Francisco besucht, dort gibt's im Brainwash Cafe & Laundromat die Kombi Kaffee und Wäsche.

______________________________
Foto: C.E.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Ruhm und Arbeit, die Erste

Bienvenue auf den Seiten einer Sprachmittlerin. Wir Übersetzerinnen und Über­set­zer sind derzeit gefragte Menschen, wenn es um die Vorbereitung des Film­fes­ti­vals im süd­fran­zö­si­schen Cannes geht. Sonst verdiene ich meine Brötchen als Dolmetscherin zwischen Politik, Kultur und Wirtschaft und plane Termine bis in den Oktober. Und ich blogge, stets unter Wahrung der im Dienst erfahrenen Ge­heim­nis­se.

STAR als Leuchtschrift und Spiegelung
Gesehen in Berlin-Mitte. Das Internet ...
Einmal kurz das Näschen ge­lupft und schon wieder zwei Tage im Büro verbracht, sogar eigene Kulturtermine ab­sagen müssen. Kostenvoranschläge wer­den oft zu Beginn der Wo­che angefragt, die von mir rasch kontaktierten Ko­ope­ra­tions­part­ner lassen sich Mon­tag­nach­mit­tag Zeit, Dienstag ist woanders Stress, Mittwoch sende ich Reminder, Don­ners­tag werde ich nervös.

Und dann flattert eine Übersetzungsanfrage von Donnerstagabend zu Montagmittag im Umfang eines fetten Drehbuchs rein. Einreichfristen bei Filmförderinstitutionen eben. Die Kolleginnen so: "Aber die wissen das doch nicht erst seit gestern!" Rich­tig. So direkt sage ich das aber nicht weiter. Der Kunde kürzt auf meinen Rat hin. Ich suche. Suche weiter. Erneuere meine Kontaktliste.

Jetzt ist es nun einfach mal so, dass wir in den letzten Jahren sehr viel gearbeitet haben und die Kunden es uns mit regelmäßiger Auftragsvergabe danken. Wir, und hier meine ich diverse Teams, die ich überblicke, mein wachsendes Netzwerk, ar­bei­ten manchmal am Limit, also einige Monate im Jahr, was in unserem Gewerbe nicht so gut ist, denn das Hirn fordert seine Ruhephasen ein.

Filmproduktionsfirmen brauchen nur ab und zu unseren Beitrag, nicht selten von jetzt auf gleich. Wenn dann auch noch die Abgabefrist kurz ist und ein Wo­chen­en­de dazwischen liegt, viele von uns haben unterschiedlich geartete Fa­mi­lien­pflich­ten, wird es verdammt eng.

Nun ist es aber wiederum auch nicht so, dass auf Film und Medien spezialisierte Übersetzer das ganze Jahr ausschließlich das machen UND ständig auf Aufträge warten würden. Eher das Gegenteil ist der Fall: Die einen arbeiten ausschließlich in dem Feld, oft für re­du­zier­te Sätze, da die Akquise wegfällt, z.B. im Verbund mit einem Synchronstudio, sind aber oft ausgebucht. Wir anderen, die wir Synchro has­sen und/oder einen leicht höheren Lebensstandard pflegen und/oder mehr Zeit fürs Private brauchen und/oder dolmetschen, haben in der Zwi­schen­zeit Kunden un­ter­schied­lichs­ter Art gewonnen. Etliche unterrichten ne­ben­bei an der Uni, an den Volkshochschulen oder im Sprachangebot für Ge­flüch­te­te. Kurz: Wer hat ge­ra­de Zeit? In wie­ viele Teile hacken wir das? Wer ist fürs Korrektorat zu­stän­dig, das dann eher eine Schlussredaktion ist?

Sehr wichtig: Wie kriegen wir das so kalkuliert, dass der Endpreis nicht durch die Decke schießt? (Der Film ist noch nicht finanziert, es geht ja gerade um das Ein­wer­ben weiterer Mittel. Ich verdiene an sowas oft nur soziales Kapital.) Und nimmt mir eine der Kolleginnen das Projektmanagement ab? Ich muss ja mei­ne ei­ge­nen Termine koordinieren und dann liegt da noch ein Schreibprojekt mit Recherchen auf dem Tisch.

"Die Tat ist alles, nichts der Ruhm."
(Goethe, Faust 2, IV. Akt, Szene "Hochgebirg", Vers 10188)

Ja, Herr Geheimrat, stimmt. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. So hat Erich Kästner den Gedanken ein bisschen salopper reformuliert. Aber mit etwas Ruhm ließen sich Grundinfos über unsere Arbeitsweise allgemeiner bekannt machen, oder? Dann würden die Menschen nicht immer glauben, unsere Arbeit würde sich fast wie von selbst erledigen (oder demnächst automatisch durch den Kollegen Computer). Dann wären Bitten seltener, Projekte in an­dert­halb Werk- und zwei Wochenendtagen zu erledigen, für die wir normalerweise zwei Wochen kal­ku­lie­ren.

STAR in Neonschrift auf dem Kopf
... stellt manches auf den Kopf.
Mit dem Internet hat der Ge­heim­rat nämlich nicht ge­rech­net. Es stellt so manches auf den Kopf, denn es gaukelt zu oft unseren potentiellen Kunden vor, dass alle Talente gleicher Qualität immer und sofort zu finden sein müssten.

Also ist die Tat künftig fast alles, aber der Ruhm darf trotzdem nicht außer acht gelassen werden.

Wobei ich denke, dass Goethe durchaus den eigenen Ruhm im Blick hatte. Im Fall von Künstlern, die Neues schaffen, halte ich das für legitim. Unsere Kunst ist die der Re-création, des Erschaffens von etwas auf der Spur von Bestehendem. Bislang gehört zu unserem Berufsbild, vornehm hinter den von uns ins Licht Gesetzten zu­rück­zu­tre­ten. Zugleich sind wir ebenfalls Urheber, z.B. von literarischen Über­set­zun­gen (und von Filmübersetzungen, Untertiteln usw.)

Am Ruhm werde ich künftig wohl arbeiten müssen. Nicht einfach, wo ich doch so schüch­tern bin. Also das wirkliche Ich, das hier tippt, ist schüchtern, nicht aber die Dol­met­sche­rin­nen­kunst­fi­gur, die regelmäßig neben den Deneuves, De­par­dieus und De­par­dons die­ser Welt auf den Festivalbühnen steht und sie vertont. Das war bis­lang mein Trick zur Überwindung des Lampenfiebers, du trac: Ich spiele diese Dol­met­sche­rin nur. Und genau diese Persona steht in diesem au­to­bio­fik­tio­na­len Ar­beits­ta­ge­buch im Mittelpunkt.

Jetzt bin ich aber vom Thema abgekommen. Und morgen, Freitag, dürfen dann fünf Angebote raus, eines davon in drei Va­ri­an­ten. Weil die Kunden nicht nur mit­un­ter spät dran sind, sondern auch im Vorfeld nicht immer genau wissen, was letzten Endes gebraucht werden wird. (Keine Angst, rechtzeitig vor dem Ter­min wird dann unterschrieben.)

______________________________
Foto: C.E.

Montag, 8. Mai 2017

Am Sandkasten

Bonjour und hallo! Hier lesen Sie regelmäßig Diverses aus der Dolmetscherkabine, vom Über­set­zer­schreib­tisch und aus der Welt der Idiome ... völlig subjektiv ge­fil­tert von mir, einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Spra­che.

Es gibt Tage, da stelle ich um viertel nach sieben den Wecker aus (der sonst spä­tes­tens 7.20 Uhr sanft und freundlich die Nacht beendet).

Hinterhof mit Grün, Hüfkästchen und Sandkasten
Naherholungsgebiet
Und dann drehe ich mich ge­nüss­lich um, weil die Ver­ab­re­dung nur eine eigene mit den Laufschuhen war oder ein klei­ner Recherchetemin. Und weil ich nach längeren Ein­sät­zen und Kraftakten, die sich zum Teil auch ins Wo­chen­en­de hin­ein­zie­hen, mit mir mit viel Nach­sicht umgehe. Denn ich fühle mich wie re­kon­va­les­zent. Dabei habe ich nur gearbeitet.

Können sich das Menschen anderer Berufe vorstellen? Eine Kollegin hat dafür ein drastisches Wort, sie nennt den Zustand brain dead. Ich nenne das Hirn­ne­bel oder Kopfmuskelkater. Und derlei ist auch möglich nach fünf Tagen mit über 20 Mo­de­ra­tio­nen von Filmgesprächen, die ich zum kleinsten Teil auch gedolmetscht habe. Letzte Woche war ich beim Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin.

Anschließend erlebe ich Tage, an denen ich maximal die Aqua­rell­pin­sel in die Hand neh­me, weil ich ohnehin sonst nur schlafen würde. Der innere Zensor schläft dann auch, das ist bonfortionös. An denen ich es ertrage, Kleidung einkaufen zu gehen, vor­aus­ge­setzt, ich habe gut gegessen und ein Mittagsschläfchen halten können. An denen ich früher entspannt am Sandkasten sitzen konnte und mich gewundert ha­be, war­um sich Nur-Familienmenschen eigentlich langweilen.

Waren die Anstrengungen sehr groß, hält der Zustand manchmal zwei, drei Tage an. Irgendwann eile ich plötzlich in den Buchladen, in die Bibliothek und ins Kino und bin wieder da.

______________________________
Foto: C.E. (Archiv)

Freitag, 5. Mai 2017

Herausforderungen

Ob ge­plant oder zu­fäl­lig, Sie lesen hier auf den Sei­ten einer Sprach­ar­bei­ter­in. Was Dol­met­scher für Fran­zö­sisch (und Über­setzer) so machen, darüber schreibe ich hier seit mehr als zehn Jahren, derzeit wieder aus Berlin. Weiter geht's mit der Reihe POV, Point of view. Kurzer Kommentar zu Sprachveränderungen.

Vom #RuralFuture Lab
"Das Team steht vor großen Herausforderungen."
"Frankreich muss seine Her­aus­for­de­run­gen bewältigen. "
"Wir können uns glücklich schätzen, auf der Höhe der Herausforderungen gewesen zu sein ..."

Ich mag dieses Neusprech nicht. Früher war die Sprache direkter und Probleme hießen noch Probleme.

Heute schwurbeln alle von le défi oder the challenge. Welthunger: Nourrir 10 mil­liards d’êtres humains : le défi du siècle, Zehn Milliarden Menschen zu er­näh­ren ist die Herausforderung des Jahrhunderts, so mein Leib- und Magensender France Culture, und Marine Le Pen, un défi pour la presse, die Front National-Che­fin ist auch eine Herausforderung, vor allem für die Presse.

Wann haben wir eigentlich aufgehört, Probleme als Probleme zu bezeichnen und das direkte Ansprechen von Sachverhalten als "Stammtisch" oder Duktus ex­tre­mer Parteien?

Die Vokabelliste des neoliberalen Zeitalters ließe sich leicht fortsetzen. Und ja, ich denke, dass diese Sprachverhunzung zur Misere beigetragen hat. Ich sage nur "Ent­frem­dung", was auch kein unschuldiger Terminus ist.

______________________________
Foto: C.E.

Mittwoch, 3. Mai 2017

World Café

Welcome, guten Tag, bonjour ... auf den Blogseiten, die in der Dol­­met­­scher­ka­bi­ne und am Übersetzerschreibtisch entstehen. Ich arbeite in den Bereichen Politik, Kultur, Wirt­schaft und Soziales. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (meistens nur Aus­gangs­spra­che).

Foto: Winnie Ya Otto
Im Juli findet in Hamburg das Gip­fel­tref­fen G20 statt. Zu dessen Vorbereitung gibt es letzte Woche in Berlin einen W20, einen Frau­en­gip­fel sowie ein Treffen mit Men­schen aus Af­ri­ka. Diese Vorbereitung er­fuhr ihre ei­ge­ne Vor­be­rei­tung: Eine Pro­gramm­wo­che mit jun­gen Menschen aus Entwicklungs- und Schwel­len­län­dern mit der Schwer­punkt­fra­ge, wie den Themen Nah­rungs­mit­tel­si­cher­heit, Klimawandel und Be­völ­ke­rungs­zu­wachs gleichzeitig entsprochen kann. Das #RuralFuture Lab, die Werkstatt zur Erkundung der Zukunft des ländlichen Raums, wandte sich an jun­ge Menschen vom Land, viele von ihnen sind Bauern, andere waren zum Studium z.B. der IT in die Städte gegangen.

Auch deutsche Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren dabei und wir als großes Team. Zunächst haben die internationalen Gäste ihre Zukunftsvisionen präsentiert, dann ging's an die Arbeit. Einen Nachmittag lang wurden im Rahmen des Formats "World Café" Probleme besprochen und Lösungen entwickelt. Damit sich nicht alle in ausufernde Debatten verzetteln, gibt es zeitlich begrenzte "Stationen" mit un­ter­schied­li­chen Moderatoren und klaren Frage- bzw. Aufgabenstellungen.

Gruppe im Kreis, zwei im Gespräch
Aufwärmübung und Debatte
Für uns Dolmetscher ist hier schwierig, dass wir bei den Programmpunkten der ers­ten Tage, Vorträge und Besichtigungen, die jungen Leute nicht viel haben spre­chen hören. Die Mutigsten hatten unterwegs schon Fragen gestellt, aber eben nicht alle. Und so kam es, dass die berichtende Dolmetscherin im Kongressraum in der Nähe eines Lautsprechers steht und plötzlich nur Schallwellen empfängt. Langsam kris­tal­li­sie­ren sich einzelne Wörter aus den Wellen heraus, dann wer­den es ganze Sätze. Am Ende kann ich sogar Teile des Anfangs noch irgendwie rekonstruieren. Sehr spannend, wie sich das Gehirn rasch auf neue Akzente einstellt ... sobald es die Regeln der Verschiebung begriffen hat.

Diskutanten und -onkel ;-)
Zusammenfassungen
Das Treffen war ebenso spannend wie höchst ertragreich. Es kamen Vorschläge in einer solchen Überfülle, dass leider immer nur einer weiterbearbeitet werden konnte. Und ich denke, dass die jungen Fachleute ihrer eigenen Existenz und ihrer Länder, mit enorm viel Kompetenz und hoher kommunikativer Fähigkeit gesegnet, gerne auch mal eine Woche auf ein ländliches Tagungszentrum eingeladen werden sollten, ergänzt durch Dolmetscher und Moderatoren, die auf Nachfrage zur Ver­fü­gung stehen. Das Format nennt sich "Barcamp", eine von den Teilnehmern ad hoc selbst strukturierte Konferenz. Das sind die jungen Leute, über deren Zukunft gesprochen wird. Wir trauen dem Nachwuchs fast immer zu wenig zu. (Auch weil wir ihn in Mitteleuropa zu oft in Watte packen und verblöden (lassen), aber das ist ein anderes Thema.)

Arbeitssituationen
Konzentriertes Arbeiten. Foto links: Winnie Ya Otto
______________________________  
Fotos: C.E. (soweit nichts anderes vermerkt)

Dienstag, 2. Mai 2017

Museum der Wörter 18

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heute im Wörtermuseum: Jemand, der Zeit hat.
          
                                B
um·me·lạnt, der

    
Bummeligkeit und große Rumbummelei sind das Privileg der Satten, Versorgten, Sorg- oder Ahnungslosen. Sonst wird auch ein langsamer und träger Mensch als Bummelant bezeichnet. 

Alle anderen rennen der Zeit hinterher. Ich bin weiterhin gerne schnell, jedoch seit einiger Zeit mit anderem Puffer, gerne eine Viertelstunde zu früh am Ab­fahrts­ort oder Treffpunkt. Zu Dolmetscheinsätzen kommen wir ohnehin gerne eine halbe Stunde "zu früh", um die Technik zu überprüfen.

Die Zeitreserve macht mich gelassener. Der Bummelant ist nicht immer gelassen, denn er weiß ja, dass er weniger leistet, als er könnte; er (oder sie) ist oft ein so­ge­nann­ter underachiever. Das kann zu noch größerer Langsamkeit führen — aus Grün­den der Lähmung. Das weiß ich, weil ich in manchen (privaten) Bereichen durch­aus zu großem Bummelantentum fähig bin, vermutlich auch als Ausgleich zu der sonsti­gen Schnelligkeit.

Als Dolmetscher sind wir, um den berühmten Kollegen Jürgen Stähle zu zitieren, ger­ne mal einen Halbsatz schneller als die Redner selbst. Da wir uns intensiv ein­le­sen und das deutsche Verb, welches satzbautechnisch ein großer Bummelant ist, nicht selten durch den Kontext erschließen, ist das durchaus logisch.

______________________________ 
Idee: H.F.

Montag, 1. Mai 2017

Tag der Arbeit

Wie Dolmetscher und Übersetzer arbeiten, können Sie hier mitlesen. Ich schreibe im Dolmetschblog in loser Folge über die sich verändernde Arbeit. Meine Sprachen sind Französisch und Englisch.

Marius Liefold, verdolmetscht von der Kollegin
Neulich meinte wieder mal jemand in einem leicht gön­ner­haf­ten Tonfall, dass ich mich doch glücklich schätzen solle, so viel zu tun zu haben. Das mache ich auch, be­son­ders am Tag der Arbeit.

Er meinte indes, dass wir Dol­met­scher und Übersetzer in fünf bis zehn Jahren nichts mehr zu tun haben würden. Gar nichts mehr.

Mal unter uns: Das wüsste ich. Ich habe hier Bücher aus den 50er, 60er und 70er Jahren, in denen genau das akkurat von Wissenschaftlern angekündigt worden ist. Nämlicher Gesprächspartner von neulich meinte auch, es werde bald keine Ärzte mehr geben.

In der Tat haben wir neulich Gespräche zu einem Diagnosekoffer verdolmetscht, der die medizinische Lage in entlegenen Regionen verbessern soll. Das Ergebnis der An­am­ne­se­fra­gen und grundlegenden Testverfahren war dann: a) alles gut, b) kom­men Sie in einer Woche wieder, wir beobachten das, c) gehen Sie sofort zum Arzt.

Sagen wir's mal so: Die verbesserten Analyseverfahren und sogar OP-Roboterarme hel­fen sehr. Indes sind sie wieder "nur" ein Quantensprung in Diagnostik und Be­hand­lung. Ich muss an das hölzerne Stethoskop meines Großvaters denken, das dessen Nachfolger nicht über­nom­men hat, sonst wäre es in meinen Kin­der­ta­gen nicht in meinem selbst­ge­mach­ten Spielzeugarztkoffer gelandet.

Die Bits und Bytes sind einfach nicht kreativ genug. Sie können nur erfassen, was Ihnen mal irgendwie beigebracht wurde, sie sind nicht kreativ genug, ihnen fehlt die Lebenserfahrung und die Sicherheit in der Einschätzung ergänzender In­for­ma­tio­nen (die Vorgeschichte, ein aufgeschnappter Satz beim Mittagessen, die Kör­per­spra­che). Für jeden Einzelfall, jeden Dialekt, jeden Sprachfehler, un­voll­stän­di­gen Satz, Soziolekt oder eingeschlichenen fehlerhaften Ausdruck, den die Teilnehmer für die Dauer einer Konferenz so verwenden, müsste die große Maschine trainiert werden. Das lohnt nicht.

Das menschliche Hirn bleibt noch sehr lange flexibler, schneller, anpassungs- und situativ lernfähiger als die Maschine. Andere Berufe sehe ich da eher bedroht. Und wie war das mit den Bankern und den Goldjungen an der Wall Street? Seit die Com­pu­ter ihre (optimierten Millisekunden)Geschäfte über­nom­men haben, sind die auch nicht alle arbeitslos geworden. Wären sie mal bloß, die produzieren ja nichts.

Irritierend und diese Woche gesehen: Die ölverschmierte Jeanshose, aus denen der Dreck nicht mehr rausgeht. Hersteller ist eine berühmte Marke, das Beinkleid kos­tet um die 400 Euro. Sie symbolisiert eine Welt der Reichen, die nicht mehr mit­be­kom­men, dass der Basis die Arbeit ausgeht.

Zum Schluss noch etwas ganz Schönes: Die Utopien der Vergangenheit, das liebe Home office des Mannes betreffend (der dem Weibe beim Putzen zusieht). In­te­res­sant ist, dass sich Com­pu­ter­beige gut durchgesetzt hat. Und die Di­gi­tal­schrif­ten finde ich auch ziemlich überzeugend.



______________________________
Illustration: Walter Cronkite in the
Home Office of 2001 (1967) sowie
Medizininformatik an der TH Brandenburg

Sonntag, 30. April 2017

Schreibregeln

Bonjour, hello und guten Tag. Hier bloggt im 11. Jahr eine Dolmetscherin und Übersetzerin. Heute: Mein Sonntagsbild in Worten. 

Am Wochenende: Kurztrip nach Hamburg, Buchpräsentation und Erinnerung an ei­nen zu Jah­res­an­fang Verstorbenen. Neu ist hier, dass sich mit dem Freundeskreis vor allem eine digitale Community trifft, von denen viele wirken, als kennten sie einander sehr gut, die oft miteinander plaudern oder arbeiten, und trotzdem ste­hen viele den anderen Samstagabend zum allerersten Mal persönlich gegenüber.

1. Vermeide die 1. Person Singular ... 5. Eine Filmkritik ist mehr als die Filmzusammenfassung ... plus viele Schrottwörter
Schreibhinweise, vermutlich aus den 1990ern
Auch der Betrauerte hat sehr zu­rück­ge­zo­gen ge­lebt. Wenn seine letzte Ge­lieb­te mit einer jun­gen Frau dis­ku­tiert, die ihn exzellent zu kennen scheint, die ihm aber nie persönlich begegnet ist, und wenn beide sehr oft einer Meinung sind und sich ausgiebig unterhalten und In­te­res­san­tes zu sagen ha­ben, denkt die be­richt­er­stat­ten­de Dol­met­sche­rin über ge­schrie­be­ne Sprache nach.

Die Betref­fen­den hat­ten bis­lang oft nur über den Kurz­nach­rich­ten­dienst ei­ner In­ter­net­com­mu­nity mit­ein­an­der zu tun. Ja, es gibt Aus­nah­men. (Es geht um face­book, wa­rum nicht den Na­men nen­nen.)

Der elektronische Kontakt in Realzeit ist so bedeutend und präsent, dass sich die Sinneskanäle verschieben: aus 'gelesen' wird oft 'gehört' in Wahrnehmung und Be­richt.

"Das (...) ist typisch für ihn, sowas hat er oft gesagt", meint die andere über die Hauptperson des Abends. Die eine nickt.

Eine solche Verschiebung habe ich schon mal erlebt. Ich denke an den welt­bes­ten Patensohn, der nach Ansicht des Films "Der neue Krieg der Knöpfe" (La nouvelle Guerre des boutons, Regie: C. Barratier) ganze Szenen mit verteilten Rollen nach­ge­spielt hat, lange bevor wir das Buch gelesen haben. Wir waren vor fünf Jahren in der Pressevorführung und haben die untertitelte Version gesehen (hier unsere Film­kri­tik). Damals hatte der Mini, der damals in der 3. Klasse war, tagelang die Figur des Petit Gibus nachgespielt. Auf meine Frage hin, woher er denn die Dia­loge ken­nen würde, kam prompt die Antwort: "Aber die hab ich doch gehört!"

Und dann fällt mir die Goethezeit ein mit ihren verbrieften Lieben oder Kafka und Milena, die sich wenigstens persönlich kannten und die mehrmals täglich Briefe ge­schrie­ben haben, der Postbote wurde damals zwei- bis dreimal am Tag vorstellig, Ver­zö­ge­run­gen wurden immer wieder kommentiert. Oft blieb den Menschen frü­he­rer Jahr­hun­der­ten das verwehrt, was wir heute kühn "entvirtualsieren" nennen. Die Menschen wussten trotz­dem viel vom fernen Gegenüber. So singulär, wie mir das Phänomen zunächst vor­kam, ist es also gar nicht. Und offenbar ist es um die Schreib­kul­tur heute doch nicht so schlecht bestellt, wie manche meinen.

Beim Verstorbenen handelt es sich den Journalisten Uwe Kopf, u.a. frü­he­rer Text­chef von "Tempo", dessen Buch "Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe" gerade bei Hoffmann und Campe erschienen ist. Seine Verbotsliste für Autoren von Film­kri­ti­ken ist unvergessen und leider bis heute hochaktuell. (Punkt Nr. 5, autsch!)

"Eigentlich" werde ich künftig streichen. Blogs hatte Uwe Kopf nicht im Blick. Und die bloggende Spracharbeiterin, die von sich immer in der 3. Person Singular spre­chen muss, "Die Dolmetscherin braucht eine Pause zum Bat­te­rien­wech­sel", darf in Aus­nah­me­si­tuatio­nen, und eine solche stellt so ein Arbeitstagebuch dar, in der 1. Person schreiben, erst recht dann, wenn es sich wie hier um Autiobiofiktion han­delt, oder? So ein Blog ist auch keine Musikkritik.

______________________________  
Illustration: U.K. (in ein zweites Fenster
geladen, lässt sich der Text vergrößern)

Freitag, 28. April 2017

Something fishy

Ob geplant oder zufällig: Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Marseille, Heidelberg und dort, wo man mich braucht. 

"Fischprediger"
Diese Woche: Wir sind zum Thema Land­wirt­schaft un­ter­wegs. Die Gruppen sind groß, zwischen 20 und 30 junge Land­wirte aus der ganzen Welt. Einer der Redner springt spontan auf eine Leiter und er­klärt, wie der Fisch zum Basilikum kam.

Später gehen wir in ein Kellergeschoss für einen anderen Vortrag. Die Endgeräte der Dolmetschtechnik brummen. Die Mik­ro­fon­bat­te­rie ist eher nicht schon wieder leer, wir haben sie (gefühlt) eben erst aus­ge­tauscht. Trotzdem testen wir zunächst die­se Möglichkeit.

Es brummt weiter. Wir haben nicht viel Zeit zum Nachdenken.

Zehn französischsprachige Menschen sind unser Zielpublikum bei dieser Bil­dungs­reise zum Thema Landwirtschaft, gesunde Böden und Nachhaltigkeit, die anderen verstehen Englisch.

Lautes "Flüsterdolmetschen"
Wenig später steht Kollegin Vir­gi­nie in der Mitte einer klei­nen Gruppe von Zuhörern am Rand des Saals. Sonst flüstern wir maximal für drei Personen. Wir wech­seln uns wie immer ab. Als ich dran bin, habe ich das Gefühl, dass ich viel zu laut spreche, dass die an­de­ren im Raum sicher Mü­hen haben, zu folgen. Per trial and error finde ich die rich­ti­ge Lautstärke.

Als wir das Kellergeschoss (mit seiner an die Wand gebeamten Po­wer­Point­Prä­sen­ta­tion) verlassen, läuft die Technik wieder. Es wird irgendein hochfrequenter Strom­kreis­lauf gewesen sein, der unseren kleinen Sender gestört hat, vielleicht auch nur die Lichtdecke.

Rednerin mit Sprechblase
Neben dem Gewächshaus, wo in mehreren Bassins Buntbarsche wachsen, funktioniert die Flüs­ter­tech­nik wieder. Es geht um Aquaponik und ist sehr spannend.

Verschiedene Redner bringen den Gästen des Mi­nis­te­riums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) diverse Themen nach­hal­ti­ger Landwirtschaft nahe, Permakultur und Bo­den­ge­sund­heit inklusive.

Hochgradig spannende Einsatztage waren das. Aber fishy war da nichts, siehe Titel, das ist nur ein wit­zel­süch­ti­ges Wortspiel.


(Ein 2. Teil folgt am |Dienstag| Mittwoch: hier entlang.)
______________________________
Fotos: C.E.  
Tags: #RuralFuture Lab, #1nt

Donnerstag, 27. April 2017

Familienbande

Herzlich willkommen auf den Sei­ten des ersten deut­schen Web­logs aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bi­ne. Hier schreibt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­metscherin über ihre diversen Einsätze und über Sprache. Die Liebe zum klaren, indes nicht im­mer iro­nie­frei­en Ausdruck habe ich ganz eindeutig geerbt.

Vater und Tochter
Eines meiner Lieblingszitate: "Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit!" Es ist von Karl Kraus, den ich schon als Kind verehrt habe. (In mein­em Besitz war ein Büchlein im Pup­pen­buch­for­mat mit seinen Apho­ris­men. Guter Trick übrigens!)
Und die Familienbande, die ich ken­nen­ler­nen durfte, ist eine ganz wun­der­ba­re, was sehr stark an einer Person liegt.

Herzlichen Glückwunsch zum eckigen Geburtstag, liebster OHE!

______________________________  
Illustration: privat

Mittwoch, 26. April 2017

Schriftdolmetschen, die Erste

Türschild (alt) Bürotechnik und Organisation
Grundlagen
Bonjour, hello & guten Tag! Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin für die fran­zö­si­sche Sprache über den Arbeitsalltag. Neulich wur­de mir eine komplizierte Frage gestellt. Dass ich Fach­fra­gen bekomme, ist gar nicht selten. Unser Beruf ändert sich in manchen Aspekten, in­des sehr langsam. Heute da­her wieder: Blick auf den Schreibtisch.

Liebe Caroline,

ich habe eine Fachfrage an Dich: Gibt es die Möglichkeit, dass si­mul­ta­nes Dolmetschen auch schriftlich ge
­hen kann?

Heißt: Es gibt eine Diskussions-Situation und jmd. tippt die Übersetzung di
­rekt aus dem Deutschen ins Englische und das wird dann an die Wand ge­wor­fen?

Über eine Rückmeldung und vor allem eine Kalkulationsgrundlage würde ich mich sehr freuen.

Herzliche Grüße,

Wibke

Liebe Wibke,

etwas in der Art gibt es bereits: "TV-Schriftdolmetschen" für Hörgeschädigte, al­ler­dings ohne Wechsel der Sprachen (hier wird getippt, diktiert oder mittels Technik ste­no­gra­fiert. Eine Übersicht bei textGedanKen/Gudrun Kellermann).

Vor einiger Zeit gab es bei einem Staatsakt das mal mit Übersetzung als "Live Sub­titling", computerbasiert, höchst rudimentär, fehlerbehaftet und peinlich (daher hier keine Details). Ich mache etwas ähnliches bei Bedarf, z.b. bei internen Be­spre­chun­gen, in der Sprachrichtung FR<>DE und korrigiere dann anschließend. Hier beschreibe ich eine PowerPointPräsentation live, der Beamer wirft es an die Wand. Aber es wird immer ein starkes Maß der Verkürzung bleiben wie bei Un­ter­ti­teln sonst auch.

Was meines Wissens noch nicht ausprobiert wurde: Simultandolmetschen in eine Diktiersoftware hinein, eine zweite Person korrigiert dann sofort. Hierfür brauchst Du aber nicht zwei Dolmetscher, die sich abwechseln, sondern 2 x 2 Leute. (Derlei Hirnhochleistung geht nur 20 oder 30 Minuten am Stück.) Dann hätteste mehr Text.

Technisch sicher irgendwie machbar (Erfassung durch Rechner eins und sofortiges Überspiel auf den zweiten Rechner, der in Echtzeit Zugriff bekommt, kriege ich ge­dank­lich nicht gelöst, das ist was für Fachleute) ... Der größere Hinderungsgrund ist hier sicher der Kostenfaktor.

So richtig hilfreich war das leider wohl nicht.
Herzlich
Caroline

P.S.: Ich nenne den heutigen Blogpost "die Erste" (Folge), weil ich mir das tat­säch­lich mal ge­nau­er ansehen gehen möchte.

______________________________
Foto: C.E.

Dienstag, 25. April 2017

Dreckig

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heute denke ich über zwei Wörter nach.

In der Bäckerei unten im Nachbarhaus, die ich manchmal in meinem Ar­beits­zim­mer leise höre, kann auch Kaffee getrunken und Kuchen gegessen werden. Hier steht in der Nähe des Tresens dieses Schild:

Schild mit der Aufschrift "Dreckiges Geschirr".
Gesehen in Neukölln
In der Backstube wird tra­di­tio­nell pro­du­ziert, nachts und mit Vorteig. Vor­mit­tags kann ich das Mahl­ge­räusch der Stein­­müh­­le erahnen (in der Laut­stär­ke, wie wenn die Nach­barn oben Ba­de­was­ser ein­las­sen). Der Laden wird von einem Dänen geführt. Hier ver­kau­fen und backen etliche Skan­di­na­vier, ein Eng­län­der, zwei Deutsche und zwei Nord­ame­ri­ka­ner.

Zwei Franzosen sind auch dabei, was eine gute Gelegenheit ist für ein: Merci beau­coup pour les crois­sants ! Kurz: der Laden sym­bo­li­siert den sich ra­pi­de ändernden Stadtteil. Hier wird immer öfter Englisch und DAF ge­spro­chen, Deutsch als Fremd­spra­che.

Das Schild, das zur Rückgabe gebrauchten Geschirrs anregen soll, steht erst seit kurzem da. Es stört mein Sprachempfinden. Erstens ist es zu direkt. Mut­ter­sprach­ler hätten wohl eher "Geschirrrückgabe" geschrieben, ein komisches Wort mit drei R. Zweitens will das Adjektiv nicht passen. Hätte mich "schmutziges Geschirr" ge­nau­so gestört?

Bei "dreckig" denke ich an dreckige Witze, das "dreckige Dutzend" (the dirty do­zen), die zwölf häufigsten Giftstoffe in Pflan­zen­"schutz"mitteln und In­dus­trie­che­mi­ka­lien, die eigentlich verboten sind, aber in importierten Produkten im­mer wie­der auf­zu­fin­den sind, die Menschheit leidet bis heute an derlei Im­mis­sio­nen. Au­ßer­dem fällt mir die "Dreckschleuder" ein, ein altes Auto mit hohen Emis­sio­nen [Edit: oder neue mit skandalösen Messschummeleien]. Und M. mit ihrer "dreckigen Lache". Wäsche und Geschirr sind nach meinem Sprach­ge­fühl eher schmutzig, die Schmutz­wä­sche liegt auf dem Haufen und wandert gleich in die Maschine, der klei­ne Schmutz­fink, der sie bis eben trug, in die Badewanne.

Ich mache den Häufigkeitstest bei Dr. Gargoyle, dem digitalen Wasserspeier. Und es ist keine Überraschung, dass die Kombination "dreckiges Geschirr" nur ungefähr 38.600 Fundstellen liefert, die Kombination "schmutziges Geschirr" dafür an die 86.700 Nachweise. Es überrascht mich trotzdem, dass es beim "dreckigen Geschirr" doch so viele sind.

The Bread Station in Neukölln
Dann überlege ich, ob mein Sprach­pie­tis­mus aus dem Französischen kom­mt. Dort ist es in gewissen Kreisen, die ich in mei­nem Studium durchaus intensiver ken­nen­ge­lernt habe, nicht üblich zu sagen: "Der Käse stinkt", le fromage pue. Vor­zu­zie­hen sei le fromage sent mauvais, "der Käse riecht schlecht", so einer meiner Lehrer aus dem Alltag im Westen der Stadt Paris.

Beim Bezahlen frage ich im Café nach. Und ja, das Schild hat keine Mut­ter­sprach­le­rin geschrieben. Und jemand wagt sich an einen kühnen Vergleich: Schmutz sei schnell abwaschbar, Dreck nicht. Dreck sei von grundsätzlicher Natur, als Beleg wurde eine "dreckige Phantasie" genannt.

Schmutz sei das Gegenteil von Sauberkeit, so jedenfalls Wikipedia; Dreck werde eher als ekelerregend, ökologisch fragwürdig oder abstoßend empfunden.

Im Schwabenland gibt es nochmal eine andere Definition, denn das klei­ne Wört­chen "Dreck" wird häufig als Synonym des Wörtchens "Erde" verwendet. Wer gärt­nert, hat dort die Hände im Dreck. Die "Drecksau" wühlt sich durch Staub und Er­de. Und wenn an einer schwäbischen Karre nach einem Regentag viel Dreck an den Kotflügeln hängt, sind diese schmutzig.

Kurz: Die Sprachverwendung hängt nicht nur vom ei­ge­nen Sauberkeitsempfinden ab oder vom Land, sondern von der Region.

______________________________
Foto: C.E.

Montag, 24. April 2017

Weichenstellung

Hallo aus Berlin! Sie sind bei einem Weblog aus der Welt der Sprachen gelandet. Hier schreibe ich über Dolmetschen und Übersetzen für Medien, Politik, Wirt­schaft, Kunst, Gesellschaft und Soziales. Ich arbeite in Berlin, Paris, München und dort, wo ich gebraucht werde. Meine Arbeitssprachen sind Französisch (2. Spra­che) und Englisch (Ausgangssprache).

Rad im Sprung mit Tricolore
Der Sprung ins Ungewisse
Der nächste französische Prä­si­dent heißt Emmanuel Ma­cron. Dieses Mal werde ich rich­tig lie­gen (anders als ges­tern). Auf die Fran­zo­sen ist im Zwei­fel Verlass.
Macron wirkt manch­mal et­was bleich um die Nase und kurz­atmig, was Ar­gu­men­te angeht. Ein politischer Vi­sio­när ist er nicht, vor allem ver­­fügt er über wenig po­li­ti­sche Erfahrung.

Aus dieser Schwäche hatte er im Vorfeld der Wahl eine Stärke machen wollen: Er lud Wähler ein, über die Inhalte zu diskutieren, diese besprachen die Lage, ana­ly­sier­ten und gaben Empfehlungen ab. Manche dieser Vorschläge schafften es bis ins Wahlprogramm. Ich war bei drei solcher Sitzungen dabei und fand nicht einen Aspekt im Wahlprogramm wieder.

Einen derart jungen Präsidenten hatte Frankreich (wenn ich das richtig überblicke) noch nicht. Er ist unter 40 und fungiert als gewählter Monarch als eine Art "Lan­des­va­ter", der über allem thront und der hoffentlich als erstes an diesem Thron rüt­teln wird. Er versprach eine transparente Politik und Reformen. Das Prä­si­dial­sys­tem mit dem am Ende binären Wahlmodell scheint angesichts dessen, was wir in den letzten Monaten erlebt haben, nicht mehr recht zu Frankreich zu passen. Die Zeichen stehen also gut für eine VI. Republik.

Kritiker befürchten indes, dass er sich als genauso diskret erweisen wird wie der derzeitige "Mieter des Elysée-Palasts" (le locataire de l'Elysée). Sollten sich die­se Befürchtungen bewahrheiten, wird es in fünf Jahren eng. Wer die her­kömm­li­chen politischen Strukturen weiter schwächt, liefert Wasser auf die Mühlen von Marine Le Pen. Darüber und über die Selbstschwächung der Parteien mit dem S davor hat Di­dier Eri­bon letzte Woche in der Süddeutschen Zeitung geschrieben.

Der Schicksalswahlen erster Teil also, auch wegen dieses Aspekts: Keiner der Kan­di­da­ten der etablierten Parteien, der Konservativen und der Sozialisten, kam in die Endrunde. Beide Ver­tre­ter wirkten eher far­blos, der Kon­ser­va­ti­ve hat sich zu­dem selbst durch wahr­schein­lich un­recht­mä­ßi­ge Bezüge von Familienmitgliedern (zu­sam­men­ge­rech­net ca. eine Mio. Euro) selbst geschwächt. Die Wahl war vor al­lem eine Abwahl des bestehenden Parteiensystems. Alles andere ist noch offen.

______________________________  
Foto: C.E.

Sonntag, 23. April 2017

Schicksalswahl

Was Dol­met­scher und Über­setzer be­schäf­tigt und wie wir ar­bei­ten, da­rü­ber be­rich­te ich hier im elften Jahr, außerdem schreibe ich über die französische und deutsche Sprache, Englisch kommt am Rand auch vor. Schwerpunkt sind be­deu­tungs­vol­le Kom­mu­ni­ka­tions­si­tua­tio­nen und "meine" Sprachländer.

Späte Mail
So, nachdem Macron neulich kurz vor dem Moment meinte, an dem der Wahlkampf zu­en­de ging, nämlich Frei­tag­nacht zu Samstag, dass ich die Karre aus dem Dreck ziehen solle, was ich nicht tun kann, gebe ich jetzt doch noch eine Prog­no­se ab — und zwar nach diesem Datum, aber eben in Deutschland.

Und da ich jetzt so oft gefragt worden bin: Ich glaube, es wird ein Rennen Fillon gegen Mélenchon geben.

Etliche Protestwähler, die früher Marine Le Pen gewählt hätten, wenden sich dem linkeren Querdenker zu, der auch europakritisch ist; viele Aspekte seiner Euro­pa­kri­tik lassen sich auch von Europaliebhabern nicht leugnen. Die Kon­ser­va­ti­ven bleiben konservativ und hier wurde Fillon aufgestellt, den heute sogar manche Kirchenleute am Rand der Gottesdienste empfohlen haben. Das bürgerliche, ka­tho­li­sche Frankreich ist nicht zu unterschätzen. Das betrügerische Verhalten Fillons kam letztendlich seiner Familie zugute, sowas wird in gewissen Kreisen leichter verziehen.

Aber es kann auch alles ganz anders kommen. "Wenn Du weißt, was die Zukunft bringt, hast Du schlechte Berater", fällt mir in solchen Momenten ein. Eine Schick­sals­wahl ist es auf jeden Fall.

______________________________
Foto: Mailpostfach

Freitag, 21. April 2017

Toll(erratum)

Welcome, bienvenue, gu­ten Tag! Was Dol­met­scher und Über­setzer machen, kön­nen Sie hier lesen. Meine Sprachen sind Französisch (als Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (Ausgangssprache). Ich arbeite in Paris, Rennes, München, Berlin und dort, wo Sie mich brauchen.

Dieser Tage lese ich wieder viel über Bodengesundheit und Permakultur. Ansonsten stehe ich zwischen Konferenzeinsätzen, langweilig wird es indes nicht: Eh­ren­amt­li­ches Dolmetschen in der Flüchtlingshilfe, Gespräch mit einer Psychologin genau dazu, ebenso ehrenamtliches wie -volles Übersetzen von politischen Texten für eine Pub­li­ka­tion zu Afrika, Termin- und Reiseplanung für den späten Frühling und zwi­schen­durch wirke ich noch als "Trüffelschwein" für einen De­sig­ner und denke aktiv über das eigene Wohnumfeld nach.

Grafik: "Wasserliebende, fluttollerante Pflanzen"
Wenn mich sowas irritiert, ist Zeit für eine Pause
Und perfekt passend zu allen Karmatheorien, die ich hier mal als first give, than take zusammenfasse, fragt mich eine Kollegin, ob ich uns denn bei diesenundjenem Kun­den beworben hätte für seine tur­nus­mä­ßi­ge Herbst­ver­an­stal­tung. Na­tür­lich. Da flat­tert auch schon dessen Zu­sa­ge ins Mailpostfach.

Ein toller Kunde, der uns stets mit viel Respekt begegnet, der sogar unsere re­gel­mä­ßi­gen Nachfragen in Sachen Vorbereitungsmaterial nicht nur toleriert, sondern weiterleitet und sich zu eigen macht.

Weniger schön: An Bürotagen gehören mindestens zwei Stunden derzeit nur der Ver­wal­tung, den explosionsartig zunehmenden Ausschreibungen, den langen, fach­spe­zi­fi­schen Nach­wei­sen über erfolgte Einsätze. Leider wird es immer mehr.

Dann geht es nach einer Ausschreibung zum Thema Bodengesundheit ans Wei­ter­ler­nen, denn zu genau diesem Thema steht der nächste Einsatz bevor: Per­ma­kul­tur, Bodengesundheit, Humus und Mikroorganismen in drei Sprachen. Aber rasch werden die Augen ausgebremst. Das Wort "Fluttollerant" habe ich erst auf Englisch "gelesen", auch wenn sich the tolerance auch nur mit einem L schreibt (aber aus­spricht, als wären es zwei ...). Schon toll.

______________________________  
Illustration: Netzfund, Vorbereitungsmaterial (sollte ich hier
Urheberrechte verletzt haben, bitte ich um einen Hinweis).

Mittwoch, 19. April 2017

Kontraste

Was Dol­met­scher und Über­setzer be­schäf­tigt und wie wir ar­bei­ten, da­rü­ber be­rich­te ich hier im elften Jahr, außerdem schreibe ich über die französische und deutsche Sprache, Englisch kommt am Rand auch vor. Schwerpunkt sind be­deu­tungs­vol­le Kom­mu­ni­ka­tions­si­tua­tio­nen.

Hochhausarchitektur kracht auf französisches Schlossintérieur
Hochhausarchitektur kracht auf französisches Schlossintérieur
Berlin. Sitzen ein fran­zö­si­scher Imam, ein in Polen ge­bo­re­ner jüdischer Pub­li­zist, ein fran­zö­si­scher Po­li­zist, von be­rufs­we­gen laizistisch, ein syrischer Ge­schäfts­mann, ver­mut­lich Moslem, und eine deut­sche Dolmetscherin, un­ge­tauft, in einer Limousine mit Chauffeur.

Der Terminplan ist eng, die Aufgabe wichtig.

Die Dolmetscherin: "Ich weiß, Gott, Staat und Welt­ge­schich­te reisen mit, trotzdem möchte ich Ihnen empfehlen, den Si­cher­heits­gurt anzulegen."

Wir haben Termine bei diversen Religonsgemeinschaften und einer Zeitung, früh­stücken in luftiger Höhe mit Blick auf die Rudi-Dutschke-Straße, sie stößt an die Axel-Sprin­ger-Straße, sind zu Mittag neben der Synagoge in der Oranienburger Stra­­ße, nehmen den Tee am Potsdamer Platz, zwei Schritte von der ehemaligen Mauer entfernt, mit einem Ölprinzen ein. Ein bunter Tag von der Sorte, die mir schon am Abend unwirklich vorkommen.

Die Kontraste der Orte kann nicht nur die Kamera nicht gut erfassen. Und ja, ich bin Dolmetscherin aus Abenteuerlust. Fortsetzung folgt. Es handelt sich um die Anbahnung eines öffentlichen Events.

______________________________  
Foto: C.E.

Dienstag, 18. April 2017

Wir sind in ...

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­scher (und Dolmetscherinnen) sowie um Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­arbeiterin für Französisch (und aus dem Englischen) ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Marseille, Hei­del­berg und dort, wo man mich braucht. Heute ein POV, ein subjektives Foto plus schneller Erklärung.

Zettel mit Aufschrift: "Wir sind in Paris"
Spickzettel zwischen Ersatzmikro und digitalem Wörterbuch
Die letzten Tage sind sehr be­wegt gewesen. Das hatte ich im März schon mal: Jede zwei­te Nacht in einem an­de­ren Bett.

Es ist Konferenzhauptsaison, noch dazu reisen wir mit Fachleuten zu Themen der Bildung, Chan­cen­ge­rech­tig­keit, duales Be­rufs­aus­bil­dungs­sys­tem und Integration in die Ar­beits­welt.

Immer wieder fangen die Redner Sätze an wie: "Hier in Berlin ..." oder "... hier in Brandenburg ..." oder eben Paris oder Bonn. Wir dolmetschen stets auf die Inhalte konzentriert. Ortsangaben sind zu vernachlässigende Größen, inhaltlich stellen sie im Grunde keine wesentlichen Informationen dar. Der Kopf neigt dazu, hier rasch das auszuwerfen, was noch aktuell scheint. Bei derart schnellen Ortswechseln em­pfiehlt sich eine entsprechende Notiz auf dem Boden. Gedacht, getan.

Die Sache hilft.

______________________________
Foto: C.E.

Sonntag, 16. April 2017

Eierlauf

Willkommen und bienvenue auf den Seiten des ersten deutschen Blogs aus dem Inneren der Dol­met­scher­ka­bine. In Deutsch­land kommt das Früh­jahr heuer recht zö­ger­lich. Aufgrund der Kälte kommen auch meine Ostergrüße zögerlich. Wenn ich das Bild richtig interpretiere, das sich mir am Wegesrand recht aufdringlich ins Bild ge­scho­ben hat, dürfen wir künftig von Dezember bis März/April Winterschlaf halten.

Wir Dolmetscher sind Hoch­leis­tungs­sport­ler. Nur die Sportart ist nicht klar, so ähn­lich, wie gerade die Jahreszeit (Schnee an Ostern ...).

Weihnachtsbaum mit Osterschmuck
Zwei-Jahreszeiten-Schmuck
Wir rennen ständig Sprints, wenn wir un­se­ren Rednern hinterhereilen. (Wenn wir nicht, was viel besser ist, neben ihnen herjoggen.) Diese Sprints laufen wir al­ler­dings im Marathonmodus. Und weil das auf Dauer nicht gutgehen kann, übergeben wir das Mikro regelmäßig, was unseren Sport zum Stafettenlauf macht.

Und dann, wenn die Rednerin nach et­li­chen verbalen Extrarunden noch immer nicht auf den Punkt kommt oder wenn der Redner uns nicht rechtzeitig einiges In­for­ma­tions­ma­te­rial hat zukommen lassen oder Ver­an­stal­ter uns wieder mal zu kurz­fris­tig gebucht haben, mutiert das Ganze auch noch zu einem Eierlauf.

Frohe Ostachten!

______________________________
Foto: C.E. und herzlichen Glückwunsch
an einen, der heute 40 wird!

Donnerstag, 13. April 2017

Platzprobleme

Herzlich willkommen auf den Sei­ten des ersten deut­schen Web­logs aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bi­ne. Hier schreibt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­metscherin über ihre Einsätze in Ber­lin, Paris, Cannes, Köln, Hamburg und anderswo. Heute: Blick auf den Tisch. 

Es ist eng! Sehr eng! Und dunkel. Als wir in den Kabinen ankommen, schauen wir ins Schwarze. Wir sitzen am hinteren Ende einer Theaterbühne und denken: Das bleibt so.

Monitor, Papier, Dolmetschpult, Info- und Notizzettel: Alles geht nicht auf den Winztisch
Viel Technik für wenig Raum
Zur Eröffnung gibt es Tanz. Wir sehen die Künstler auf dem Monitor vor uns, je Ka­bi­ne gibt es ein Rie­sen­trumm, und spüren die Schrit­te und Sprünge auf den Brettern, die die Welt be­deu­ten, denn sie sind auch unser Boden. Es ist wie in manchen Surround-Kinos: Wir haben das Bild, den Sound und die Er­schüt­te­run­gen werden auch mit übertragen.

Das ist ein äußerst surrealer Eindruck in einer Dolmetscherkabine! Plötzlich zieht jemand den riesengroßen, schwarzen Moltonstoff hoch, der vor unseren Nasen gehangen ist. Und wir schauen direkt ins Publikum hinein. Die Redner sitzen mit dem Rücken zu uns, das Kamerateam am Bühnenrand sorgt für den richtigen Blick auf das Panel. Etwas irritierend ist das Ganze, denn Dolmetscher sind von Natur aus eher scheue Persönlichkeiten.

Das Hauptproblem aber ist der fehlende Platz. Der Veranstalter hat wohl einen Son­­der­­preis für die Anmietung der Technik bekommen, die eher älter ist. Die Pulte sind größer als die neuen Versionen. Die Lampe hat einen Kugelfuß, den ich auf das Kabel zum Dolmetschpult stelle, nachdem ich es ein bisschen aus der Mitte weg hin zur Kol­le­gin ge­scho­ben habe, denn meine Seite ist ja durch den raumreifenden Monitor ver­klei­nert.

Wenn ich meinen Laptop aufklappe, hier sind Redebeiträge mit Anmerkungen und die Vokabelliste, sehe ich den Monitor kaum noch und das Pult, auf dem wir selbst schalten, ist auch verdeckt. Die Lampe an dieser Stelle hilft, von den Reglern und Knöpfen we­nigstens noch etwas zu sehen, wenn ich den Bildschirm etwas run­ter­klap­pe.

Monitore in Serie mit Blick durch die Nachbarkabinen hindurch
Kabinen und Monitore in Serie
Dolmetscht die Kollegin, habe ich den Klapprechner auf dem Schoß. Er heißt ja nicht umsonst Laptop. Das Programm des Kongresses ist auf Doppelseiten gedruckt, zwischen uns liegt noch Schmierpapier für Eigen- und Ortsnamen, Jahreszahlen und Mengenangaben. Auch hier gibt es Über­lap­pun­gen. Rechts vom Monitor liegt mei­ne eigene Liste für Vokabeln und An­mer­kun­gen. Tippe ich in den Rechner, wür­de es möglicherweise klappern. Und ganz rechts, im Dunkeln, der schwarze Was­ser­be­cher.

Wunsch an die Kabinenhersteller: Wäre der Tisch etwas tiefer, wäre schon viel ge­won­nen.

Und die Lampen könnten doch bitte schön auch zum Aufhängen sein, oder? Und Kleiderhaken für die Mäntel wären auch toll. (Ich glaube, dass ohne die Tanz­dar­bie­tung die Monitore vermutlich außerhalb der Kabine gestanden hätten.)

______________________________  
Foto: C.E.

Mittwoch, 12. April 2017

Schangsen

Hallo! Hier lesen Sie regelmäßig Neues aus der Dolmetscherkabine, vom Über­set­zer­schreib­tisch und aus der Welt der Idiome ... völlig subjektiv gefiltert von mir, einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache.

Wandcollage mit Köpfen und Wohnhäusern
Gesehen in Berlin
Neulich bin ich auf eine Dis­kus­sions­ver­an­stal­tung gegangen, auf der es um die 3. Generation der in der DDR Geborenen ging. Interessant war, dass ich etlichen Leu­ten die Herkunft sofort "abgehört" ha­be. Es gibt Redewendungen, die typisch sind und die es noch heute gibt.
Als Ost-West-Kind habe ich einst fe­rien­hal­ber die DDR gut studieren können. Daher hat es mir geradezu in die Ohren ge­klin­gelt.

Hier einige Begriffe:
  • nach vorne diskutieren [von "nach vorne verteidigen", milit.]
  • operatives Entscheiden [mitten im Vorgang entscheiden, milit.]

  • "Schangsen" (Chancen) und andere bizarr ausgesprochene französische Wör­ter
  • die Intelligenz [meint eine soziale Schicht]
  • Praxen [anstelle von "Praktiken"]
  • in Größenordnung [ohne Artikel und weitere Ergänzung]
    Verwendungsbeispiele: "Region Grimma / Gewerbegebiete: Droht Rückzahlung von Fördergeld in Größenordnung?" (Ost) versus "Die Renovierungskosten in der Größenordnung von mehreren Millionen Euro trägt der Staat." "Die Bearbeitung eines Auftrags dieser Größenordnung dauert etwas länger." (West)

    Von meiner Großmutter weiß ich, dass der Begriff "Fakt" in der Nazizeit als Vokabel der Kommunisten galt, den es in öffentlicher Rede zu vermeiden galt. Fakt ist, dass es heute ein TV-Nachrichtenmagazin aus Leipzig gibt, das so heißt.

    Manche einst Staatsnahe (der DDR) erkenne ich bis heute an der Prosodie. Was es genau ist, kann ich nicht erklären. Mich schüttelt es auch kurz und ich renne zum Radio. Ausknopf.

    ______________________________
    Foto:
    C.E.
  • Sonntag, 9. April 2017

    Elphi mit Sophie

    Welcome, guten Tag, bonjour ... auf den Blogseiten, die in der Dol­­met­­scher­ka­bi­ne und am Übersetzerschreibtisch entstehen. Ich arbeite in den Bereichen Politik, Kultur, Wirt­schaft und Soziales. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heute: Sonn­tags­fo­to.

    Am Ende eines Konferenztages für die Dauer eines Wochenendes in Hamburg hän­gen­blei­ben und mit der Hochbahnfahrkarte durch den Hafen schippern. Um uns herum viele Sprachen und Menschen, darunter eine syrische Familie (was ich im Gedränge dem Randgespräch mit einer Hel­fe­rin entnehme). Beim letzten Mal ha­ben wir noch traurig aus­se­hen­de Jugendliche gesehen, die vorausgeschickt wor­den sind. Aber der Nachzug bleibt eine Ausnahme mit den geänderten Gesetzen.


    ______________________________
    Foto: C.E.

    Donnerstag, 6. April 2017

    PFA die Erste

    Ob ge­plant oder zu­fäl­lig, Sie lesen hier auf den Sei­ten einer Sprach­ar­bei­ter­in. Was Dol­met­scher für Fran­zö­sisch (und Über­setzer) so machen, darüber schreibe ich hier seit mehr als zehn Jahren, derzeit wieder aus Berlin. Weiter geht's mit der Reihe POV, Point of view. Kurzer Kommentar zu subjektiven Erfahrungen bei der Spracharbeit und dem, was damit zusammenhängt.

    Tschechisches und kamerunisches Deutsch > FR (simultan)

    Heute wieder ein POV-Bei­trag, der rasche Text zum Bild. Wir besuchen dieser Ta­ge mit einer aus­län­di­schen Delegation sehr un­ter­schied­li­che Konferenzräume. Dabei benutzen wir eine mobile An­la­ge. Die Redner fragen vorab (drei Redner, un­ter­schied­li­che Or­te):
    — Soll ich durchreden?
    — Darf ich reinquatschen?
    — Geh ich über Sie drüber?

    Die Technik ist ein Koffer mit Mikrofon und Kopfhörern und nennt sich Per­so­nen­füh­rungs­an­la­ge (PFA). Wenn wir in der Kabine sitzen, werden solche Fragen nicht ge­stellt, weil wir nicht "sichtbar" sind.

    ______________________________  
    Foto: C.E.

    Mittwoch, 5. April 2017

    Übersicht 2016

    Ob geplant oder zufällig, Sie sind mitten in den Weblog einer Spracharbeiterin reingeraten. Ich dolmetsche bilateral Französisch/Deutsch (Ausgangs- und Zielsprache) und aus dem Englischen zu manchen Themen. Außerdem übersetze ich mit Schwerpunkt Konferenz, Drehbuch, Kulturprojekt.

    Heute ein weiterer Blick auf den Schreibtisch. Wie immer irgendwann den ersten Monaten des Jahres liste ich die Dos­siers auf­, zu denen ich im abgelaufenen Jahr tätig war. Die Vielfalt der Projekte ist groß, fast alles beschäftigen mich 2017 weiter.

    Vokabellernschreibtisch
    — Allgemeine Politik, Populismus, Umwelt, Wirtschafts- und Finanzkrise, Bildungs- und Steuergerechtigkeit, Strategieplanung
    — Internetwirtschaft, Urheberrecht
    — Französisches Kino (Drehbücher) und Filmwirtschaft, Koproduktion in Theorie und Praxis, Rolle der Fernsehsender
    Commons und Lebens- und Arbeits­wirk­lich­keit der Kreativwirtschaft
    — Architektur/Energie: Wärmedämmung, Energiewende, neue Energiequellen
    — Altbausanierung: Farben (Nuancen und Material), Fragen der Dämmung und der Wandgestaltung, Bodenbeläge, feste Ein­bau­ten, Bauökologie
    — Architektur: Krankenhaus- und Schul­neu­bau

    — Urbanismus: sozialer Wohnungsbau, Baugruppen, Genossenschaftsbau
    — Papiergroßhandel (Umstellung auf Nachhaltigkeit)
    — Afrika: "Entwicklungshilfe" vs. Hilfe zur Autonomie, Literatur, Kino, Krisenherde, demokratische Bewegungen, Bildungsförderung, Wissens- und Bildungstransfer
    — Musikalisches Leben im 3. Reich und im Ostblock
    — Migration, Integration, zwischen den Kölner Ereignissen und Integrationserfolgen
    — Kundenberatung: Verkäuferschulung
    — Startups, Inkubatoren, Gründerszenen
    — Bergbau und Energiewirtschaft
    Großstadtkrimi
    — Pressemeldungen zu TV-Ausstrahlungen, Filmstarts sowie Pressehefte
    Tierschutz
    Ehefähigkeitsverfahrensdauer
    Michel Houellebecq
    — Ehrenamt: Als Bildungspatin teile ich mein Wissen über Lernmethoden

    ... und vieles mehr. Diese Themen beschäftig(t)en mich im Hinblick auf Kon­fe­ren­zen und Seminare, Dreharbeiten, Drehbuchübersetzungen, interne Beratungen der Politik, diverse Bildungsangebote sowie im Rahmen unternehmerischer Tätigkeit Dritter.

    ______________________________
    Foto: C.E. (Archiv)

    Dienstag, 4. April 2017

    Preisgefüge

    Hallo aus Berlin! Sie sind bei einem Weblog aus der Welt der Sprachen gelandet. Hier schreibe ich über Dolmetschen und Übersetzen für Medien, Politik, Wirt­schaft, Kunst, Gesellschaft und Soziales. Ich arbeite in Berlin, Paris, München und dort, wo ich gebraucht werde. Meine Arbeitssprachen sind Französisch (2. Spra­che) und Englisch (Ausgangssprache).  

    Bunte Aquarellfarben
    Arbeitsmaterial
    Grafiker haben einen Tagessatz von 760,- Euro, machen dem Vernehmen nach eine bis zwei Wochen Urlaub im Jahr, und be­kom­men anteilmäßig von den an Kollegen weitergeleiteten Projekten noch etwas ab. Die Sätze von Grafikagenturen liegen weit oberhalb dessen — oft um ein Viel­fa­ches. Grafikagenturen müs­sen sich in der Materie auskennen und genau wissen, wen sie ansprechen. Qua­li­tät erkennen sie im besten Falle alle.
    Im Bereich der Spracharbeit sind in­zwi­schen die meisten Angestellten der öf­fent­lich sicht­bars­ten Agenturen fachfremd oder waren, sorry, dass ich das so direkt sage, genau jene, die im Studium ... ach, das sage ich doch besser lieber nicht.

    Kurz: Agenturen leben davon, dass sie möglichst teuer verkaufen, was sie mög­lichst billig einkaufen. Qualitätsprüfung entfällt aufgrund des hohen An­for­de­rungs­pro­fils in der Regel beim Dolmetschen (beim Übersetzen mag das anders sein). Der Tagessatz für Dolmetschen des Auswärtigen Amtes liegt derzeit bei 775 Euro. Wenn eine Agentur dazwischensteckt, kann es sein, dass wir Sprach­ar­bei­ter von einem Telefondienst 450 Euro angeboten bekommen. Also nichts von "Agenturpreise um ein Vielfaches" wie in der Grafik. Da wird's mir dann echt zu bunt, ich halte mich von solchen Angeboten fern. Andere gestandene Kolleginnen und Kollegen ebenso.

    Der Premiumbereich in unserem Gewerbe sind ganz klar die eigenständigen, er­fah­re­nen Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die auch beratend tätig sind. Wir neh­men einander gegenseitig zu Einsätzen mit, das ist die Honorierung der Akquise.

    Und was sind diese Sätze im Vergleich zu dem, was selbständige SAP-Be­ra­ter auf­ru­fen, das können durchaus Tagessätze jenseits der 800 Euro sein bei geringerer Vorbereitung als in unserem Berufsfeld, wo schon mal ein Tag beim Kunden mit zwei Vorbereitungstagen zu Buche schlägt? Das klingt mir jetzt schon wieder zu defensiv.

    Andererseits müssen wir uns immer wieder in Erinnerung rufen, dass wir als Fest­an­ge­stellte im Bereich 60-90k Jahresbrutto plus Sekretärin und Dienstwagen liegen würden. (Sicherlich weniger Stress, aber auch weniger Vielfalt.)

    ______________________________  
    Foto: C.E.