Mittwoch, 26. April 2017

Schriftdolmetschen, die Erste

Türschild (alt) Bürotechnik und Organisation
Grundlagen
Bonjour, hello & guten Tag! Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin für die fran­zö­si­sche Sprache über den Arbeitsalltag. Neulich wur­de mir eine komplizierte Frage gestellt. Dass ich Fach­fra­gen bekomme, ist gar nicht selten. Unser Beruf ändert sich in manchen Aspekten, in­des sehr langsam. Heute da­her wieder: Blick auf den Schreibtisch.

Liebe Caroline,

ich habe eine Fachfrage an Dich: Gibt es die Möglichkeit, dass si­mul­ta­nes Dolmetschen auch schriftlich ge
­hen kann?

Heißt: Es gibt eine Diskussions-Situation und jmd. tippt die Übersetzung di
­rekt aus dem Deutschen ins Englische und das wird dann an die Wand ge­wor­fen?

Über eine Rückmeldung und vor allem eine Kalkulationsgrundlage würde ich mich sehr freuen.

Herzliche Grüße,

Wibke

Liebe Wibke,

etwas in der Art gibt es bereits: "TV-Schriftdolmetschen" für Hörgeschädigte, al­ler­dings ohne Wechsel der Sprachen (hier wird getippt, diktiert oder mittels Technik ste­no­gra­fiert. Eine Übersicht bei textGedanKen/Gudrun Kellermann).

Vor einiger Zeit gab es bei einem Staatsakt das mal mit Übersetzung als "Live Sub­titling", computerbasiert, höchst rudimentär, fehlerbehaftet und peinlich (daher hier keine Details). Ich mache etwas ähnliches bei Bedarf, z.b. bei internen Be­spre­chun­gen, in der Sprachrichtung FR<>DE und korrigiere dann anschließend. Hier beschreibe ich eine PowerPointPräsentation live, der Beamer wirft es an die Wand. Aber es wird immer ein starkes Maß der Verkürzung bleiben wie bei Un­ter­ti­teln sonst auch.

Was meines Wissens noch nicht ausprobiert wurde: Simultandolmetschen in eine Diktiersoftware hinein, eine zweite Person korrigiert dann sofort. Hierfür brauchst Du aber nicht zwei Dolmetscher, die sich abwechseln, sondern 2 x 2 Leute. (Derlei Hirnhochleistung geht nur 20 oder 30 Minuten am Stück.) Dann hätteste mehr Text.

Technisch sicher irgendwie machbar (Erfassung durch Rechner eins und sofortiges Überspiel auf den zweiten Rechner, der in Echtzeit Zugriff bekommt, kriege ich ge­dank­lich nicht gelöst, das ist was für Fachleute) ... Der größere Hinderungsgrund ist hier sicher der Kostenfaktor.

So richtig hilfreich war das leider wohl nicht.
Herzlich
Caroline

P.S.: Ich nenne den heutigen Blogpost "die Erste" (Folge), weil ich mir das tat­säch­lich mal ge­nau­er ansehen gehen möchte.

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Foto: C.E.

Dienstag, 25. April 2017

Dreckig

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heute denke ich über zwei Wörter nach.

In der Bäckerei unten im Nachbarhaus, die ich manchmal in meinem Ar­beits­zim­mer leise höre, kann auch Kaffee getrunken und Kuchen gegessen werden. Hier steht in der Nähe des Tresens dieses Schild:

Schild mit der Aufschrift "Dreckiges Geschirr".
Gesehen in Neukölln
In der Backstube wird tra­di­tio­nell pro­du­ziert, nachts und mit Vorteig. Vor­mit­tags erahne ich das Mahl­ge­räusch der Stein­müh­le (in der Laut­stär­ke, wie wenn die Nach­barn oben Ba­de­was­ser ein­las­sen). Der Laden wird von einem Dänen geführt. Hier ver­kau­fen und backen etliche Skan­di­na­vier, ein Engländer, zwei Deutsche und zwei Nord­ame­ri­ka­ner.

Zwei Franzosen sind auch dabei, was eine gute Gelegenheit ist für ein: Merci beau­coup pour les crois­sants ! Kurz: der Laden sym­bo­li­siert den sich ra­pi­de ändernden Stadtteil. Hier wird immer öfter Englisch und DAF ge­spro­chen, Deutsch als Fremd­spra­che.

Das Schild, das zur Rückgabe gebrauchten Geschirrs anregen soll, steht erst seit kurzem da. Es stört mein Sprachempfinden. Erstens ist es zu direkt. Mut­ter­sprach­ler hätten wohl eher "Geschirrrückgabe" geschrieben, ein komisches Wort mit drei R. Zweitens will das Adjektiv nicht passen. Hätte mich "schmutziges Geschirr" ge­nau­so gestört?

Bei "dreckig" denke ich an dreckige Witze, das "dreckige Dutzend" (the dirty do­zen), die zwölf häufigsten Giftstoffe in Pflan­zen­"schutz"mitteln und In­dus­trie­che­mi­ka­lien, die eigentlich verboten sind, aber in importierten Produkten im­mer wie­der aufzufinden sind, die Menschheit leidet bis heute an derlei Im­mis­sio­nen. Au­ßer­dem fällt mir die "Dreckschleuder", ein altes Auto mit hohen Emis­sio­nen. Und M. mit ihrer "dreckigen Lache". Wäsche und Geschirr sind nach meinem Sprach­ge­fühl eher schmutzig, die Schmutz­wä­sche liegt auf dem Haufen und wandert gleich in die Maschine, der klei­ne Schmutz­fink, der sie bis eben trug, in die Badewanne.

Ich mache den Häufigkeitstest bei Dr. Gargoyle, dem digitalen Wasserspeier. Und es ist keine Überraschung, dass die Kombination "dreckiges Geschirr" nur ungefähr 38.600 Fundstellen liefert, die Kombination "schmutziges Geschirr" dafür an die 86.700 Nachweise. Es überrascht mich trotzdem, dass es beim "dreckigen Geschirr" doch so viele sind.

The Bread Station in Neukölln
Dann überlege ich, ob mein Sprach­pie­tis­mus aus dem Französischen kom­mt. Dort ist es in gewissen Kreisen, die ich in mei­nem Studium durchaus intensiver ken­nen­ge­lernt habe, nicht üblich zu sagen: "Der Käse stinkt", le fromage pue. Vor­zu­zie­hen sei le fromage sent mauvais, "der Käse riecht schlecht", so einer meiner Lehrer aus dem Alltag im Westen der Stadt Paris.

Beim Bezahlen frage ich im Café nach. Und ja, das Schild hat keine Mut­ter­sprach­le­rin geschrieben. Und jemand wagt sich an einen kühnen Vergleich: Schmutz sei schnell abwaschbar, Dreck nicht. Dreck sei von grundsätzlicher Natur, als Beleg wurde eine "dreckige Phantasie" genannt.

Schmutz sei das Gegenteil von Sauberkeit, so jedenfalls Wikipedia; Dreck werde eher als ekelerregend, ökologisch fragwürdig oder abstoßend empfunden.

Im Schwabenland gibt es nochmal eine andere Definition, denn das klei­ne Wört­chen "Dreck" wird häufig als Synonym des Wörtchens "Erde" verwendet. Wer gärt­nert, hat dort die Hände im Dreck. Die "Drecksau" wühlt sich durch Staub und Er­de. Und wenn an einer schwäbischen Karre nach einem Regentag viel Dreck an den Kotflügeln hängt, sind diese schmutzig.

Kurz: Die Sprachverwendung hängt nicht nur vom ei­ge­nen Sauberkeitsempfinden ab oder vom Land, sondern von der Region.

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Foto: C.E.

Montag, 24. April 2017

Weichenstellung

Hallo aus Berlin! Sie sind bei einem Weblog aus der Welt der Sprachen gelandet. Hier schreibe ich über Dolmetschen und Übersetzen für Medien, Politik, Wirt­schaft, Kunst, Gesellschaft und Soziales. Ich arbeite in Berlin, Paris, München und dort, wo ich gebraucht werde. Meine Arbeitssprachen sind Französisch (2. Spra­che) und Englisch (Ausgangssprache).

Rad im Sprung mit Tricolore
Der Sprung ins Ungewisse
Der nächste französische Prä­si­dent heißt Emmanuel Ma­cron. Dieses Mal werde ich rich­tig lie­gen (anders als ges­tern). Auf die Fran­zo­sen ist im Zwei­fel Verlass.
Macron wirkt manch­mal et­was bleich um die Nase und kurz­atmig, was Ar­gu­men­te angeht. Ein politischer Vi­sio­när ist er nicht, vor allem ver­­fügt er über wenig po­li­ti­sche Erfahrung.

Aus dieser Schwäche hatte er im Vorfeld der Wahl eine Stärke machen wollen: Er lud Wähler ein, über die Inhalte zu diskutieren, diese besprachen die Lage, ana­ly­sier­ten und gaben Empfehlungen ab. Manche dieser Vorschläge schafften es bis ins Wahlprogramm. Ich war bei drei solcher Sitzungen dabei und fand nicht einen Aspekt im Wahlprogramm wieder.

Einen derart jungen Präsidenten hatte Frankreich (wenn ich das richtig überblicke) noch nicht. Er ist unter 40 und fungiert als gewählter Monarch als eine Art "Lan­des­va­ter", der über allem thront und der hoffentlich als erstes an diesem Thron rüt­teln wird. Er versprach eine transparente Politik und Reformen. Das Prä­si­dial­sys­tem mit dem am Ende binären Wahlmodell scheint angesichts dessen, was wir in den letzten Monaten erlebt haben, nicht mehr recht zu Frankreich zu passen. Die Zeichen stehen also gut für eine VI. Republik.

Kritiker befürchten indes, dass er sich als genauso diskret erweisen wird wie der derzeitige "Mieter des Elysée-Palasts" (le locataire de l'Elysée). Sollten sich die­se Befürchtungen bewahrheiten, wird es in fünf Jahren eng. Wer die her­kömm­li­chen politischen Strukturen weiter schwächt, liefert Wasser auf die Mühlen von Marine Le Pen. Darüber und über die Selbstschwächung der Parteien mit dem S davor hat Di­dier Eri­bon letzte Woche in der Süddeutschen Zeitung geschrieben.

Der Schicksalswahlen erster Teil also, auch wegen dieses Aspekts: Keiner der Kan­di­da­ten der etablierten Parteien, der Konservativen und der Sozialisten, kam in die Endrunde. Beide Ver­tre­ter wirkten eher far­blos, der Kon­ser­va­ti­ve hat sich zu­dem selbst durch wahr­schein­lich un­recht­mä­ßi­ge Bezüge von Familienmitgliedern (zu­sam­men­ge­rech­net ca. eine Mio. Euro) selbst geschwächt. Die Wahl war vor al­lem eine Abwahl des bestehenden Parteiensystems. Alles andere ist noch offen.

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Foto: C.E.

Sonntag, 23. April 2017

Schicksalswahl

Was Dol­met­scher und Über­setzer be­schäf­tigt und wie wir ar­bei­ten, da­rü­ber be­rich­te ich hier im elften Jahr, außerdem schreibe ich über die französische und deutsche Sprache, Englisch kommt am Rand auch vor. Schwerpunkt sind be­deu­tungs­vol­le Kom­mu­ni­ka­tions­si­tua­tio­nen und "meine" Sprachländer.

Späte Mail
So, nachdem Macron neulich kurz vor dem Moment meinte, an dem der Wahlkampf zu­en­de ging, nämlich Frei­tag­nacht zu Samstag, dass ich die Karre aus dem Dreck ziehen solle, was ich nicht tun kann, gebe ich jetzt doch noch eine Prog­no­se ab — und zwar nach diesem Datum, aber eben in Deutschland.

Und da ich jetzt so oft gefragt worden bin: Ich glaube, es wird ein Rennen Fillon gegen Mélenchon geben.

Etliche Protestwähler, die früher Marine Le Pen gewählt hätten, wenden sich dem linkeren Querdenker zu, der auch europakritisch ist; viele Aspekte seiner Euro­pa­kri­tik lassen sich auch von Europaliebhabern nicht leugnen. Die Kon­ser­va­ti­ven bleiben konservativ und hier wurde Fillon aufgestellt, den heute sogar manche Kirchenleute am Rand der Gottesdienste empfohlen haben. Das bürgerliche, ka­tho­li­sche Frankreich ist nicht zu unterschätzen. Das betrügerische Verhalten Fillons kam letztendlich seiner Familie zugute, sowas wird in gewissen Kreisen leichter verziehen.

Aber es kann auch alles ganz anders kommen. "Wenn Du weißt, was die Zukunft bringt, hast Du schlechte Berater", fällt mir in solchen Momenten ein. Eine Schick­sals­wahl ist es auf jeden Fall.

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Foto: Mailpostfach

Freitag, 21. April 2017

Toll(erratum)

Welcome, bienvenue, gu­ten Tag! Was Dol­met­scher und Über­setzer machen, kön­nen Sie hier lesen. Meine Sprachen sind Französisch (als Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (Ausgangssprache). Ich arbeite in Paris, Rennes, München, Berlin und dort, wo Sie mich brauchen.

Dieser Tage lese ich wieder viel über Bodengesundheit und Permakultur. Ansonsten stehe ich zwischen Konferenzeinsätzen, langweilig wird es indes nicht: Eh­ren­amt­li­ches Dolmetschen in der Flüchtlingshilfe, Gespräch mit einer Psychologin genau dazu, ebenso ehrenamtliches wie -volles Übersetzen von politischen Texten für eine Pub­li­ka­tion zu Afrika, Termin- und Reiseplanung für den späten Frühling und zwi­schen­durch wirke ich noch als "Trüffelschwein" für einen De­sig­ner und denke aktiv über das eigene Wohnumfeld nach.

Grafik: "Wasserliebende, fluttollerante Pflanzen"
Wenn mich sowas irritiert, ist Zeit für eine Pause
Und perfekt passend zu allen Karmatheorien, die ich hier mal als first give, than take zusammenfasse, fragt mich eine Kollegin, ob ich uns denn bei diesenundjenem Kun­den beworben hätte für seine tur­nus­mä­ßi­ge Herbst­ver­an­stal­tung. Na­tür­lich. Da flat­tert auch schon dessen Zu­sa­ge ins Mailpostfach.

Ein toller Kunde, der uns stets mit viel Respekt begegnet, der sogar unsere re­gel­mä­ßi­gen Nachfragen in Sachen Vorbereitungsmaterial nicht nur toleriert, sondern weiterleitet und sich zu eigen macht.

Weniger schön: An Bürotagen gehören mindestens zwei Stunden derzeit nur der Ver­wal­tung, den explosionsartig zunehmenden Ausschreibungen, den langen, fach­spe­zi­fi­schen Nach­wei­sen über erfolgte Einsätze. Leider wird es immer mehr.

Dann geht es nach einer Ausschreibung zum Thema Bodengesundheit ans Wei­ter­ler­nen, denn zu genau diesem Thema steht der nächste Einsatz bevor: Per­ma­kul­tur, Bodengesundheit, Humus und Mikroorganismen in drei Sprachen. Aber rasch werden die Augen ausgebremst. Das Wort "Fluttollerant" habe ich erst auf Englisch "gelesen", auch wenn sich the tolerance auch nur mit einem L schreibt (aber aus­spricht, als wären es zwei ...). Schon toll.

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Illustration: Netzfund, Vorbereitungsmaterial (sollte ich hier
Urheberrechte verletzt haben, bitte ich um einen Hinweis).

Mittwoch, 19. April 2017

Kontraste

Was Dol­met­scher und Über­setzer be­schäf­tigt und wie wir ar­bei­ten, da­rü­ber be­rich­te ich hier im elften Jahr, außerdem schreibe ich über die französische und deutsche Sprache, Englisch kommt am Rand auch vor. Schwerpunkt sind be­deu­tungs­vol­le Kom­mu­ni­ka­tions­si­tua­tio­nen.

Hochhausarchitektur kracht auf französisches Schlossintérieur
Hochhausarchitektur kracht auf französisches Schlossintérieur
Berlin. Sitzen ein fran­zö­si­scher Imam, ein in Polen ge­bo­re­ner jüdischer Pub­li­zist, ein fran­zö­si­scher Po­li­zist, von be­rufs­we­gen laizistisch, ein syrischer Ge­schäfts­mann, ver­mut­lich Moslem, und eine deut­sche Dolmetscherin, un­ge­tauft, in einer Limousine mit Chauffeur.

Der Terminplan ist eng, die Aufgabe wichtig.

Die Dolmetscherin: "Ich weiß, Gott, Staat und Welt­ge­schich­te reisen mit, trotzdem möchte ich Ihnen empfehlen, den Si­cher­heits­gurt anzulegen."

Wir haben Termine bei diversen Religonsgemeinschaften und einer Zeitung, früh­stücken in luftiger Höhe mit Blick auf die Rudi-Dutschke-Straße, sie stößt an die Axel-Sprin­ger-Straße, sind zu Mittag neben der Synagoge in der Oranienburger Stra­­ße, nehmen den Tee am Potsdamer Platz, zwei Schritte von der ehemaligen Mauer entfernt, mit einem Ölprinzen ein. Ein bunter Tag von der Sorte, die mir schon am Abend unwirklich vorkommen.

Die Kontraste der Orte kann nicht nur die Kamera nicht gut erfassen. Und ja, ich bin Dolmetscherin aus Abenteuerlust. Fortsetzung folgt. Es handelt sich um die Anbahnung eines öffentlichen Events.

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Foto: C.E.

Dienstag, 18. April 2017

Wir sind in ...

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­scher (und Dolmetscherinnen) sowie um Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­arbeiterin für Französisch (und aus dem Englischen) ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Marseille, Hei­del­berg und dort, wo man mich braucht. Heute ein POV, ein subjektives Foto plus schneller Erklärung.

Zettel mit Aufschrift: "Wir sind in Paris"
Spickzettel zwischen Ersatzmikro und digitalem Wörterbuch
Die letzten Tage sind sehr be­wegt gewesen. Das hatte ich im März schon mal: Jede zwei­te Nacht in einem an­de­ren Bett.

Es ist Konferenzhauptsaison, noch dazu reisen wir mit Fachleuten zu Themen der Bildung, Chan­cen­ge­rech­tig­keit, duales Be­rufs­aus­bil­dungs­sys­tem und Integration in die Ar­beits­welt.

Immer wieder fangen die Redner Sätze an wie: "Hier in Berlin ..." oder "... hier in Brandenburg ..." oder eben Paris oder Bonn. Wir dolmetschen stets auf die Inhalte konzentriert. Ortsangaben sind zu vernachlässigende Größen, inhaltlich stellen sie im Grunde keine wesentlichen Informationen dar. Der Kopf neigt dazu, hier rasch das auszuwerfen, was noch aktuell scheint. Bei derart schnellen Ortswechseln em­pfiehlt sich eine entsprechende Notiz auf dem Boden. Gedacht, getan.

Die Sache hilft.

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Foto: C.E.

Sonntag, 16. April 2017

Eierlauf

Willkommen und bienvenue auf den Seiten des ersten deutschen Blogs aus dem Inneren der Dol­met­scher­ka­bine. In Deutsch­land kommt das Früh­jahr heuer recht zö­ger­lich. Aufgrund der Kälte kommen auch meine Ostergrüße zögerlich. Wenn ich das Bild richtig interpretiere, das sich mir am Wegesrand recht aufdringlich ins Bild ge­scho­ben hat, dürfen wir künftig von Dezember bis März/April Winterschlaf halten.

Wir Dolmetscher sind Hoch­leis­tungs­sport­ler. Nur die Sportart ist nicht klar, so ähn­lich, wie gerade die Jahreszeit (Schnee an Ostern ...).

Weihnachtsbaum mit Osterschmuck
Zwei-Jahreszeiten-Schmuck
Wir rennen ständig Sprints, wenn wir un­se­ren Rednern hinterhereilen. (Wenn wir nicht, was viel besser ist, neben ihnen herjoggen.) Diese Sprints laufen wir al­ler­dings im Marathonmodus. Und weil das auf Dauer nicht gutgehen kann, übergeben wir das Mikro regelmäßig, was unseren Sport zum Stafettenlauf macht.

Und dann, wenn die Rednerin nach et­li­chen verbalen Extrarunden noch immer nicht auf den Punkt kommt oder wenn der Redner uns nicht rechtzeitig einiges In­for­ma­tions­ma­te­rial hat zukommen lassen oder Ver­an­stal­ter uns wieder mal zu kurz­fris­tig gebucht haben, mutiert das Ganze auch noch zu einem Eierlauf.

Frohe Ostachten!

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Foto: C.E. und herzlichen Glückwunsch
an einen, der heute 40 wird!

Donnerstag, 13. April 2017

Platzprobleme

Herzlich willkommen auf den Sei­ten des ersten deut­schen Web­logs aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bi­ne. Hier schreibt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­metscherin über ihre Einsätze in Ber­lin, Paris, Cannes, Köln, Hamburg und anderswo. Heute: Blick auf den Tisch. 

Es ist eng! Sehr eng! Und dunkel. Als wir in den Kabinen ankommen, schauen wir ins Schwarze. Wir sitzen am hinteren Ende einer Theaterbühne und denken: Das bleibt so.

Monitor, Papier, Dolmetschpult, Info- und Notizzettel: Alles geht nicht auf den Winztisch
Viel Technik für wenig Raum
Zur Eröffnung gibt es Tanz. Wir sehen die Künstler auf dem Monitor vor uns, je Ka­bi­ne gibt es ein Rie­sen­trumm, und spüren die Schrit­te und Sprünge auf den Brettern, die die Welt be­deu­ten, denn sie sind auch unser Boden. Es ist wie in manchen Surround-Kinos: Wir haben das Bild, den Sound und die Er­schüt­te­run­gen werden auch mit übertragen.

Das ist ein äußerst surrealer Eindruck in einer Dolmetscherkabine! Plötzlich zieht jemand den riesengroßen, schwarzen Moltonstoff hoch, der vor unseren Nasen gehangen ist. Und wir schauen direkt ins Publikum hinein. Die Redner sitzen mit dem Rücken zu uns, das Kamerateam am Bühnenrand sorgt für den richtigen Blick auf das Panel. Etwas irritierend ist das Ganze, denn Dolmetscher sind von Natur aus eher scheue Persönlichkeiten.

Das Hauptproblem aber ist der fehlende Platz. Der Veranstalter hat wohl einen Son­­der­­preis für die Anmietung der Technik bekommen, die eher älter ist. Die Pulte sind größer als die neuen Versionen. Die Lampe hat einen Kugelfuß, den ich auf das Kabel zum Dolmetschpult stelle, nachdem ich es ein bisschen aus der Mitte weg hin zur Kol­le­gin ge­scho­ben habe, denn meine Seite ist ja durch den raumreifenden Monitor ver­klei­nert.

Wenn ich meinen Laptop aufklappe, hier sind Redebeiträge mit Anmerkungen und die Vokabelliste, sehe ich den Monitor kaum noch und das Pult, auf dem wir selbst schalten, ist auch verdeckt. Die Lampe an dieser Stelle hilft, von den Reglern und Knöpfen we­nigstens noch etwas zu sehen, wenn ich den Bildschirm etwas run­ter­klap­pe.

Monitore in Serie mit Blick durch die Nachbarkabinen hindurch
Kabinen und Monitore in Serie
Dolmetscht die Kollegin, habe ich den Klapprechner auf dem Schoß. Er heißt ja nicht umsonst Laptop. Das Programm des Kongresses ist auf Doppelseiten gedruckt, zwischen uns liegt noch Schmierpapier für Eigen- und Ortsnamen, Jahreszahlen und Mengenangaben. Auch hier gibt es Über­lap­pun­gen. Rechts vom Monitor liegt mei­ne eigene Liste für Vokabeln und An­mer­kun­gen. Tippe ich in den Rechner, wür­de es möglicherweise klappern. Und ganz rechts, im Dunkeln, der schwarze Was­ser­be­cher.

Wunsch an die Kabinenhersteller: Wäre der Tisch etwas tiefer, wäre schon viel ge­won­nen.

Und die Lampen könnten doch bitte schön auch zum Aufhängen sein, oder? Und Kleiderhaken für die Mäntel wären auch toll. (Ich glaube, dass ohne die Tanz­dar­bie­tung die Monitore vermutlich außerhalb der Kabine gestanden hätten.)

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Foto: C.E.

Mittwoch, 12. April 2017

Schangsen

Hallo! Hier lesen Sie regelmäßig Neues aus der Dolmetscherkabine, vom Über­set­zer­schreib­tisch und aus der Welt der Idiome ... völlig subjektiv gefiltert von mir, einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache.

Wandcollage mit Köpfen und Wohnhäusern
Gesehen in Berlin
Neulich bin ich auf eine Dis­kus­sions­ver­an­stal­tung gegangen, auf der es um die 3. Generation der in der DDR Geborenen ging. Interessant war, dass ich etlichen Leu­ten die Herkunft sofort "abgehört" ha­be. Es gibt Redewendungen, die typisch sind und die es noch heute gibt.
Als Ost-West-Kind habe ich einst fe­rien­hal­ber die DDR gut studieren können. Daher hat es mir geradezu in die Ohren ge­klin­gelt.

Hier einige Begriffe:
  • nach vorne diskutieren [von "nach vorne verteidigen", milit.]
  • operatives Entscheiden [mitten im Vorgang entscheiden, milit.]

  • "Schangsen" (Chancen) und andere bizarr ausgesprochene französische Wör­ter
  • die Intelligenz [meint eine soziale Schicht]
  • Praxen [anstelle von "Praktiken"]
  • in Größenordnung [ohne Artikel und weitere Ergänzung]
    Verwendungsbeispiele: "Region Grimma / Gewerbegebiete: Droht Rückzahlung von Fördergeld in Größenordnung?" (Ost) versus "Die Renovierungskosten in der Größenordnung von mehreren Millionen Euro trägt der Staat." "Die Bearbeitung eines Auftrags dieser Größenordnung dauert etwas länger." (West)

    Von meiner Großmutter weiß ich, dass der Begriff "Fakt" in der Nazizeit als Vokabel der Kommunisten galt, den es in öffentlicher Rede zu vermeiden galt. Fakt ist, dass es heute ein TV-Nachrichtenmagazin aus Leipzig gibt, das so heißt.

    Manche einst Staatsnahe (der DDR) erkenne ich bis heute an der Prosodie. Was es genau ist, kann ich nicht erklären. Mich schüttelt es auch kurz und ich renne zum Radio. Ausknopf.

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    Foto:
    C.E.
  • Sonntag, 9. April 2017

    Elphi mit Sophie

    Welcome, guten Tag, bonjour ... auf den Blogseiten, die in der Dol­­met­­scher­ka­bi­ne und am Übersetzerschreibtisch entstehen. Ich arbeite in den Bereichen Politik, Kultur, Wirt­schaft und Soziales. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heute: Sonn­tags­fo­to.

    Am Ende eines Konferenztages für die Dauer eines Wochenendes in Hamburg hän­gen­blei­ben und mit der Hochbahnfahrkarte durch den Hafen schippern. Um uns herum viele Sprachen und Menschen, darunter eine syrische Familie (was ich im Gedränge dem Randgespräch mit einer Hel­fe­rin entnehme). Beim letzten Mal ha­ben wir noch traurig aus­se­hen­de Jugendliche gesehen, die vorausgeschickt wor­den sind. Aber der Nachzug bleibt eine Ausnahme mit den geänderten Gesetzen.


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    Foto: C.E.

    Donnerstag, 6. April 2017

    PFA die Erste

    Ob ge­plant oder zu­fäl­lig, Sie lesen hier auf den Sei­ten einer Sprach­ar­bei­ter­in. Was Dol­met­scher für Fran­zö­sisch (und Über­setzer) so machen, darüber schreibe ich hier seit mehr als zehn Jahren, derzeit wieder aus Berlin. Weiter geht's mit der Reihe POV, Point of view. Kurzer Kommentar zu subjektiven Erfahrungen bei der Spracharbeit und dem, was damit zusammenhängt.

    Tschechisches und kamerunisches Deutsch > FR (simultan)

    Heute wieder ein POV-Bei­trag, der rasche Text zum Bild. Wir besuchen dieser Ta­ge mit einer aus­län­di­schen Delegation sehr un­ter­schied­li­che Konferenzräume. Dabei benutzen wir eine mobile An­la­ge. Die Redner fragen vorab (drei Redner, un­ter­schied­li­che Or­te):
    — Soll ich durchreden?
    — Darf ich reinquatschen?
    — Geh ich über Sie drüber?

    Die Technik ist ein Koffer mit Mikrofon und Kopfhörern und nennt sich Per­so­nen­füh­rungs­an­la­ge (PFA). Wenn wir in der Kabine sitzen, werden solche Fragen nicht ge­stellt, weil wir nicht "sichtbar" sind.

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    Foto: C.E.

    Mittwoch, 5. April 2017

    Übersicht 2016

    Ob geplant oder zufällig, Sie sind mitten in den Weblog einer Spracharbeiterin reingeraten. Ich dolmetsche bilateral Französisch/Deutsch (Ausgangs- und Zielsprache) und aus dem Englischen zu manchen Themen. Außerdem übersetze ich mit Schwerpunkt Konferenz, Drehbuch, Kulturprojekt.

    Heute ein weiterer Blick auf den Schreibtisch. Wie immer irgendwann den ersten Monaten des Jahres liste ich die Dos­siers auf­, zu denen ich im abgelaufenen Jahr tätig war. Die Vielfalt der Projekte ist groß, fast alles beschäftigen mich 2017 weiter.

    Vokabellernschreibtisch
    — Allgemeine Politik, Populismus, Umwelt, Wirtschafts- und Finanzkrise, Bildungs- und Steuergerechtigkeit, Strategieplanung
    — Internetwirtschaft, Urheberrecht
    — Französisches Kino (Drehbücher) und Filmwirtschaft, Koproduktion in Theorie und Praxis, Rolle der Fernsehsender
    Commons und Lebens- und Arbeits­wirk­lich­keit der Kreativwirtschaft
    — Architektur/Energie: Wärmedämmung, Energiewende, neue Energiequellen
    — Altbausanierung: Farben (Nuancen und Material), Fragen der Dämmung und der Wandgestaltung, Bodenbeläge, feste Ein­bau­ten, Bauökologie
    — Architektur: Krankenhaus- und Schul­neu­bau

    — Urbanismus: sozialer Wohnungsbau, Baugruppen, Genossenschaftsbau
    — Papiergroßhandel (Umstellung auf Nachhaltigkeit)
    — Afrika: "Entwicklungshilfe" vs. Hilfe zur Autonomie, Literatur, Kino, Krisenherde, demokratische Bewegungen, Bildungsförderung, Wissens- und Bildungstransfer
    — Musikalisches Leben im 3. Reich und im Ostblock
    — Migration, Integration, zwischen den Kölner Ereignissen und Integrationserfolgen
    — Kundenberatung: Verkäuferschulung
    — Startups, Inkubatoren, Gründerszenen
    — Bergbau und Energiewirtschaft
    Großstadtkrimi
    — Pressemeldungen zu TV-Ausstrahlungen, Filmstarts sowie Pressehefte
    Tierschutz
    Ehefähigkeitsverfahrensdauer
    Michel Houellebecq
    — Ehrenamt: Als Bildungspatin teile ich mein Wissen über Lernmethoden

    ... und vieles mehr. Diese Themen beschäftig(t)en mich im Hinblick auf Kon­fe­ren­zen und Seminare, Dreharbeiten, Drehbuchübersetzungen, interne Beratungen der Politik, diverse Bildungsangebote sowie im Rahmen unternehmerischer Tätigkeit Dritter.

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    Foto: C.E. (Archiv)

    Dienstag, 4. April 2017

    Preisgefüge

    Hallo aus Berlin! Sie sind bei einem Weblog aus der Welt der Sprachen gelandet. Hier schreibe ich über Dolmetschen und Übersetzen für Medien, Politik, Wirt­schaft, Kunst, Gesellschaft und Soziales. Ich arbeite in Berlin, Paris, München und dort, wo ich gebraucht werde. Meine Arbeitssprachen sind Französisch (2. Spra­che) und Englisch (Ausgangssprache).  

    Bunte Aquarellfarben
    Arbeitsmaterial
    Grafiker haben einen Tagessatz von 760,- Euro, machen dem Vernehmen nach eine bis zwei Wochen Urlaub im Jahr, und be­kom­men anteilmäßig von den an Kollegen weitergeleiteten Projekten noch etwas ab. Die Sätze von Grafikagenturen liegen weit oberhalb dessen — oft um ein Viel­fa­ches. Grafikagenturen müs­sen sich in der Materie auskennen und genau wissen, wen sie ansprechen. Qua­li­tät erkennen sie im besten Falle alle.
    Im Bereich der Spracharbeit sind in­zwi­schen die meisten Angestellten der öf­fent­lich sicht­bars­ten Agenturen fachfremd oder waren, sorry, dass ich das so direkt sage, genau jene, die im Studium ... ach, das sage ich doch besser lieber nicht.

    Kurz: Agenturen leben davon, dass sie möglichst teuer verkaufen, was sie mög­lichst billig einkaufen. Qualitätsprüfung entfällt aufgrund des hohen An­for­de­rungs­pro­fils in der Regel beim Dolmetschen (beim Übersetzen mag das anders sein). Der Tagessatz für Dolmetschen des Auswärtigen Amtes liegt derzeit bei 775 Euro. Wenn eine Agentur dazwischensteckt, kann es sein, dass wir Sprach­ar­bei­ter von einem Telefondienst 450 Euro angeboten bekommen. Also nichts von "Agenturpreise um ein Vielfaches" wie in der Grafik. Da wird's mir dann echt zu bunt, ich halte mich von solchen Angeboten fern. Andere gestandene Kolleginnen und Kollegen ebenso.

    Der Premiumbereich in unserem Gewerbe sind ganz klar die eigenständigen, er­fah­re­nen Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die auch beratend tätig sind. Wir neh­men einander gegenseitig zu Einsätzen mit, das ist die Honorierung der Akquise.

    Und was sind diese Sätze im Vergleich zu dem, was selbständige SAP-Be­ra­ter auf­ru­fen, das können durchaus Tagessätze jenseits der 800 Euro sein bei geringerer Vorbereitung als in unserem Berufsfeld, wo schon mal ein Tag beim Kunden mit zwei Vorbereitungstagen zu Buche schlägt? Das klingt mir jetzt schon wieder zu defensiv.

    Andererseits müssen wir uns immer wieder in Erinnerung rufen, dass wir als Fest­an­ge­stellte im Bereich 60-90k Jahresbrutto plus Sekretärin und Dienstwagen liegen würden. (Sicherlich weniger Stress, aber auch weniger Vielfalt.)

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    Foto: C.E.

    Montag, 3. April 2017

    Aubergine

    Welcome, guten Tag, bonjour ... auf den Blogseiten, die in der Dol­­met­­scher­ka­bi­ne und am Übersetzerschreibtisch entstehen. Ich arbeite in den Bereichen Politik, Kultur, Wirt­schaft und Soziales. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). 

    Altbau in Mitte
    Die Fronten bitte in hochglänzender Aubergine, das Wort ist auf Französisch und Deutsch gleich. Spritzschutz, auf Fran­zö­sisch für deutsche Ohren leicht ir­re­füh­rend la crédence, und die Ar­beits­flä­chen werden aus Marmor sein. Der Kochherd, der vornehm mit la cui­si­nière ge­nau­so heißt wie die Köchin, natürlich als Gasherd, sechs Flammen, ein Pro­fi­ge­rät.
    Angesichts der Küche nimmt sich der Rest der Wohnung mit ihren 80 Qua­drat­me­tern recht bescheiden aus. Aber es ist ja nur die Drittwohnung. Wie oft ist die Familie derzeit in Berlin? Ich lau­sche, rechne, frage nach. Vier bis acht Wochen, lautet die Antwort. Im Jahr.

    Ich möchte wissen, was mit der Wohnung in den restlichen Monaten passiert. Als Antwort werde ich gefragt, ob ich einen empfehlenswerten Objektschutz kennen würde. Da muss ich leider passen.

     Der Bevollmächtigte ist im Innenverhältnis insofern beschränkt, dass ohne Zustimmung des Erwerbers eine mögliche Änderung der wirtschaftlichen Betrachtung Inhalt und Umfang seines Sondereigentums oder derjenigen Teile des Gemeinschaftseigentums, die ihm zur alleinigen Nutzung zugewiesen sind, nicht beeinträchtigt und Verkehrs- und Gemeinschaftsflächen, sofern sie für die Nutzung durch den Erwerber von Interesse, nicht verlegt oder wesentlich verkleinert oder verlegt werden dürfen, wobei die Vertragsparteien darin übereinstimmen, dass ...
    Bandwurmsatz (Kaufvertrag)
    Das junge Paar, sie sind Schweizer, stammt aus vermögenden Fa­mi­lien, er ist Ban­ker, sie Anwältin. "Oder sollten wir nicht vielleicht doch lieber die Wand zwischen Tür und Kinderzimmer durchbrechen und das Wohnzimmer nach vorne raus haben? Wir könnten ja auch vom Schlafzimmer aus auf die Terrasse. Wenn wir nur mehr Zeit gehabt hätten für die Suche!"

    Die Farbwahl ist manchmal kompliziert
    Die Familie gehört zu jenen Menschen, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld und die derzeit die Wohnungspreise in Berlin in die Höhe treiben. Sie zahlt 7000 Euro je Qua­drat­me­ter in Toplage, edel­sa­nier­ter Altbau. Und sie gehört zu jenen, die meines Erachtens nur mit empfindlichen Zweit­woh­nungs­steu­ern zur Raison gebracht werden könnten. Oder was gäbe es noch für Möglichkeiten? Wohnungskauf nur dort, wo man lebt und Steuern zahlt?

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    Illustrationen: C.E. (verändert) plus Netzfund

    Freitag, 31. März 2017

    Farben

    Hallo! Hier lesen Sie regelmäßig Neues aus der Dolmetscherkabine, vom Über­set­zer­schreib­tisch und aus der Welt der Idiome ... völlig subjektiv gefiltert von mir, einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache (und aus dem Englischen). Zwischen anstrengenden Einsätzen liegen Phasen der Erholung und der Kreativität.

    Aus einer 'pharmacie berbère': Pigmente
    Seit etlichen Monaten aqua­rel­lie­re ich wieder (nach 25 Jahren Pause). Der Aqua­rell­kas­ten war allerdings neulich nicht mit in Marokko. Auch der Si­mul­tan­dol­metsch­kof­fer nicht. Ich habe dort meistens konsekutiv ge­ar­bei­tet, bei Lebensberichten ka­pi­tel- bis abschnittweise, wenn es ju­ris­tisch oder kom­plex his­to­risch wurde, eher satz- bis absatzweise.

    Mann mit blauem Turban
    Faltenwurfstudie: Tuareg
    Zeit fürs Pinseln hätte ich ohnehin nicht gehabt. Dafür war der Fotoapparat na­tür­lich im Dauereinsatz. Ich habe im Hinblick auf mein Aquarellierenlernen einige Farb­ver­lauf­bil­der, Landschaften und Portraits mehr geschossen. Dazu hatte ich glück­li­cher­wei­se zwischendurch Zeit (wenn ich nicht gedolmetscht oder geschlafen ha­be).

    Dabei liegen noch schöne Wie­der­ent­deckun­gen vor mir. Der weltbeste Pa­ten­sohn hat sich in seiner Grundschulzeit einst­mals mit der Tunesienreise von Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet vor über 100 Jahren beschäftigt.

    Eselskarren
    Gute Bildaufteilung: in einer Oase
    April 1914 traten die Herren eine zwei­wö­chi­ge Reise nach Tunesien an, der wir vie­le für die Kunsthistorie relevante Bilder verdanken. Bunte Farben, die Formen des Südens, die Aromen ihrer Gewürze und die Umrisse der Menschen sind in ihren Bildern bis heute lebendig.

    Ich werde mir diese Bilder mit dem Pinsel in der Hand genauer anschauen, um Tech­nik und Tricks zu lernen. Auch in vielen Teppichmustern Marokkos habe ich ei­ni­ge der Werke gesehen! Leider habe ich den großen fliegenden Teppich auf kei­nem der Märkte gefunden der es mir erlaubt hätte, mit einem Großeinkauf direkt wieder nach Hause zu kommen.

    Berg, Wüste, Farben
    Interessanter Farbverlauf
    Zwei Deutsche, ein Schwei­zer, viel Kunst, ein exo­ti­sches Land ... und auf dem Hei­mat­kon­ti­nent liegt Krieg in der Luft: Das wäre auch ein span­nen­der Rah­men für einen Ki­no­film. Moilliet ist nach dem Tod seiner Frau und dem Welt­krieg wie­der­holt in die Ma­ghreb­staa­ten zu­rück­ge­kehrt, es entstanden weitere Aqua­rel­le. Mal sehen, was meine vierte Karriere wird?

    Aber in der Osterpause erstmal die Pigmente aus Afrika ausprobieren zusammen mit den Aqua­rell­far­ben und nach einem natürlichen Fixativ suchen.


    Vokabelnotiz
    le parfum des épices — das Aroma von Gewürzen
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    Fotos: C.E.

    Donnerstag, 30. März 2017

    Kreuzbergschnack

    Mitten in ei­nen Blog aus der Ar­beits­welt sind Sie rein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Hier stehen kurze (anonymisierte) Episoden aus meinem mit­un­ter sehr vielseitigen Alltag, Gedanken zu Kultur und Sprache sowie Hinweise zu meinen Arbeitsfeldern.
     
    Donerstag (steht auf dem Kassendatum)
    Gesehen in der Rudi-Dutschke-Straße
    Recherchepause im Café bei der Wohnungsuche mit Dol­metsch­kunden (es ist der Kindsvater von gestern). Mir schlägt die Wohnungslage Ber­lins ziemlich auf die Laune.
    Wir trinken einen Kaffee in einem Bis­trot mit Wlan.

    Die Stimmung ist auf dem Tief­punkt. Ich muss irgend­wel­che Wit­ze rei­ßen, sonst geht es nicht weiter.

    An der Kasse sehe ich einen schönen Programmierfehler. Ich knipse, der Barmann will den Grund wissen. Ich erkläre ihn. Und ergänze bierernst, dass ich in der Schu­le immer die Klassenbeste gewesen sei, dass niemand mit mir hätte spielen wol­len, weil ich im­mer alle und alles korrigiert habe.

    Der Mann sieht mich entgeistert an. Ich schaue entgeistert zurück. Nach knapp 20 Se­kun­den lachen wir schallend los. Dann muss ich meinem (arabisch- und fran­zö­sisch­spra­chi­gen) Kunden die Lage erklären. Hauptsache, die Stimmung stimmt. Ich reiße schon mal Witze auf eigene Kosten. Dann übersetze ich ihm in Grundzügen einen Taz-Artikel meines früheren Nachbarn, der mir gefällt und der vis-à-vis ver­öf­fent­licht wurde. Hier geht es darum, dass das Nichtverstehen manch­mal auch ganz angenehm sein kann: "Zärtliche Zischlaute | Dem Men­schen­bild kann es nur zuträglich sein, wenn man die Landessprache nicht beherrscht".

    Dass hier Rudi-Dutschke-Straße an Axel-Springer-Straße stößt und was das be­deu­tet, erkläre ich ihm nicht. Etwas froher gestimmt widmen wir uns weiter dem Trau­er­spiel Berliner Wohnungsmarkt. (Wobei plötzliches Lachen nach einem Satz in Gegenwart von Fremden immer erklärt werden muss, damit der Betreffende nicht das Gefühl hat, dass möglicherweise über ihn oder sie gelacht wird.)

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    Foto: C.E.

    Mittwoch, 29. März 2017

    Babyflüstern

    Als Dolmetscherin kannste was erleben! Autoschieber und Knackis, Regierende und Grabredner, Hochschulprofessoren und Bäuerinnen aus Oasen der Sahara, ich habe alle schon vertont.

    Im Taxi
    Kostbare Fracht
    Schon wieder geht es um ein Kind! Dieses hier ist noch keinen Monat alt. Sein Vater, ein Architekt aus dem Maghreb, der in Ber­lin (auf Englisch) für eine in­ter­na­tio­na­le Firma arbeitet, möchte es auf der Aus­län­der­be­hör­de auf seine Blue Card (eu­ro­päi­sche Entsprechung der US-ame­ri­ka­ni­schen Green Card) eintragen lassen.

    Die Mutter des kleinen Wesens ist bei den älteren Geschwistern zuhause geblieben. Als ich ankomme, hat das Mini Schluck­auf, der Vater hatte dem im Wagen liegenden Baby gerade das Fläsch­chen gegeben. Er wirkt etwas unbeholfen im Umgang mit dem Säugling, auch wenn es bereits sein drittes Kind ist.

    Ich übernehme, erkläre einige Griffe. Bäuerchen machen lassen inmitten einer langen Schlange von etwa 50 Menschen, der Flur ist kaum belüftet, wir werden eine Stunde lang anstehen, ja, das können wir. Das Maus hat weiter Hunger. Die Dolmetscherin gibt im Stehen das Fläschchen.

    Am Schalter dann Scherze mit dem Beamten. "Wo ist die Kindsmutter?" Ich erkläre die Umstände. "Ach, dann sind Sie wohl sowas wie die Leihmutter?" Mir fällt die "Ämtergehmutter" ein. Wie schön, dass ich als Teenager den Umgang mit Minis ge­lernt habe. Unser "Fall" wird alsdann besonders hurtig bearbeitet! Danke an Un­be­kannt!

    Draufsicht: Schlafendes Babyköpfchen
    Schlafschatz
    Wenig später geht es einige Straßenecken weiter via Taxi heim zur Kindsmutter. Das Mäuschen schläft auf meinem Arm, da soll es bleiben. Zwischendurch mustert es den Plafond. Ich summe erst: "Schlaf, Kind­chen, schlaf ...", dann sin­ge ich das Lied. Mir fehlt rasch die zweite Strophe. Ich im­pro­vi­sie­re: "Schlaf, Kindchen, schlaf! Dein Vater ist kein Graf. Deine Mutter ist im Alpverein ... und jetzt fällt mir kein Reim mehr ein, schlaf, Kindchen, schlaf!"

    Der Taxifahrer fragt zutraulich: "Ist das Euer erstes Baby?"

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    Fotos: privat

    Dienstag, 28. März 2017

    Emotional

    Was Dol­met­scher und Über­setzer be­schäf­tigt und wie wir ar­bei­ten, da­rü­ber be­rich­te ich hier im elften Jahr, außerdem schreibe ich über die französische und deutsche Sprache, Englisch kommt am Rand auch vor. Schwerpunkt sind be­deu­tungs­vol­le Kom­mu­ni­ka­tions­si­tua­tio­nen.

    Nach dem Termin
    Dolmetschen in der Rechtsanwaltskanzlei. So oft liegen Leid und Freude nah bei­ei­nan­der. Neben mir sitzt eine junge Frau aus einem westafrikanischen Staat. Sie lebt schon länger in Deutschland und hat neulich mit dem Pass einer Freundin und deren Tochter ihr eigenes Töchterchen illegal nach Deutschland nachgeholt. Das ist aufgeflogen, denn die Stem­pel im Pass haben nicht zu den an­ge­ge­ben­en Routen gepasst.
    Die junge Klientin, die bald vor dem Rich­ter stehen wird, spricht sehr leise und die Tür steht offen. Im Vorraum brummt das Fotokopiergerät. Am Tisch zwei Anwälte, einer, der sie verteidigt, ein zweiter, der demnächst einen Termin wahrnimmt.

    Die Tür steht deshalb offen, weil die Tochter der Frau, fünf Jahre alt, im War­te­raum mit Holzspielzeug beschäftigt ist.

    Ich kann die junge Frau fast nicht verstehen. Ich schaffe es trotzdem irgendwie, mich in Windeseile auf ihre Art des Sprechens einzuhören und sogar si­mul­tan zu dolmetschen. Das menschliche Gehör ist überraschend anpassungsfähig. Ich "ver­tone" die Klientin mit deutlich festerer Stimme, als sie selbst spricht. Der "Rück­ka­nal" ins Französische erfolgt in einfachen Worten. Ich beobachte sie, ob sie mich versteht. Sie reagiert passend, ja, das läuft. Und bei allem bemühe ich mich um eine bewusst emotionsfreie Stimme.

    Der Sozius des vertretenden Anwalts, jener, der den Termin wahrnehmen wird, strahlt mich an dabei. Es ist schön, dass wir hier so eine professionelle Arbeit machen, der beratende Anwalt und ich. Das Strahlen des Sozius wird immer hef­ti­ger. Sollte das ein Flirt sein? Leicht irritierend ist das schon ... dabei spre­chen wir von der Liebe einer Mutter zu ihrem in der Heimat zu­rück­ge­las­se­nen Kind und der Taktik, wie sie das Töchterchen, das einige Jahre bei der Tante aufgewachsen war und unter der Abwesenheit gelitten hatte, zu sich geholt hat.

    Bei der Verabschiedung lange Blicke. Die Mutter, die eine Geldstrafe erwartet, räumt die Spielsachen weg, dann verlässt sie mit der Kleinen die Kanzlei. Ich fol­ge den beiden in kurzem Abstand. Die Maus hüpft neben ihrer Mutter her und bemüht sich, nicht auf die Ritzen der großen Granitplatten zu treten, die oft auf Berliner Gehwegen liegen. Ihre Zöpfe wippen dabei fröhlich.

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    Foto: C.E.

    Montag, 27. März 2017

    La trumperie

    Willkommen auf den Seiten des ersten deutschen Blogs aus dem Inneren der Dol­met­scher­ka­bine. In Berlin ist das Frühjahr langsam zu spüren. Aufbruchsstimmung auch bei Konferenzen ...

    Heute ein Wortspiel. La tromperie ist die Täuschung, die Fälschung, der Betrug. Sorry, es ist eher billig und muss erklärt werden, ist also kein Witz. Montag halt.

    Samstag war ich wieder mal in einer meiner Diasporen unterwegs. Die fran­zö­si­schen expatriés (analog zum englischen expats) haben mich ja längst als Teil der ihren vereinnahmt, so sehr bin ich in der französischen Kultur und Sprache un­ter­wegs und von ihnen geprägt. Mit der anderen community ist es nicht so ein­fach. Es handelt sich um die afrikanische Diaspora in Berlin, und auch wenn ich ja der Mei­nung bin, dass wir alle Einwanderer vom afrikanischen Mutterland sind, be­zo­gen auf die Weltgeschichte, wir Wassertropfen, die wir uns so über die Maßen ernst nehmen, so ist das doch im Allgemeinen ... naja, sagen wir mal weniger au­gen­fäl­lig.

    Tagung
    Arbeitsplatz ganz hinten im Raum
    Gefühlt habe ich mich trotz­dem sehr wohl. Und hoch­span­nend war das: Dis­kus­sio­nen darüber, was die Diaspora von hier aus machen kann, um die demokratischen Ent­wicklungen in ihren di­rek­ten Ursprungsländern und -re­gio­nen zu fördern. Es gab einige Denkanstöße und das starke Gefühl, dass wir hier wei­ter­su­chen müssen.
    Ge­mein­sam.

    Alle Beteiligten "auf Augenhöhe", auch wenn ich diesen Ausdruck eigentlich nicht mag, es fiel dort einige Male, es gibt also einen Grund für seine zunehmende Ver­brei­tung.

    Menschen aus Demokratien, die einigermaßen gut laufen, Menschen aus De­mo­kra­tien, die gerade an die Grenzen ihrer Funktionsweisen stoßen (USA, Frankreich, Polen, Ungarn, Türkei) und Menschen aus afrikanischen Ländern zum Beispiel — wir können nur gemeinsam weiterlernen. Wir leben auf ein- und derselben Erde, und wir sind ein- und dieselbe Gruppe Lebewesen. Wer das nicht versteht, der oder die täuscht sich selbst.

    Trump ist nicht die Ursache, sondern das Symptom der aktuellen Probleme. Brumm­krei­seln­de Selbstbezogenheit ist ein Zeitphänomen, das es zu überwinden gilt.

    Das war jetzt keine Fälschung, sondern mein Wort zum Montag. So, schnell weiter, es gibt viel zu tun.

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    Foto: C.E. (Archiv)

    Sonntag, 26. März 2017

    Frauen in Marokko

    Bonjour, hello, guten Tag! Wie Dolmetscher für Französisch und Englisch leben und arbeiten, können Sie hier mitlesen. Ich arbeite für Menschen aus Po­li­tik, Wirt­schaft und Kultur. Noch zwei weitere Tage bin ich Teil eines Großprojekts und daher leider nur per Mail erreichbar.

    Teil zwei meiner kleinen Sonntagsbildreihe mit Frauen (und Mädchen) aus Ma­rok­ko. Unlängst war ich mit einer politischen Delegation in diesem in weiten Teilen (auch) fran­zö­sisch­spra­chigen Land.

    Stewardess
    Stewardess der Royal Air Maroc
    Zwei Freundinnen
    In der Oase Tata (Sahara)


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    Fotos: C.E.

    Samstag, 25. März 2017

    Nichtstun

    Hallo! Hier lesen Sie regelmäßig Neues aus der Dolmetscherkabine, vom Über­set­zer­schreib­tisch und aus der Welt der Idiome ... völlig subjektiv gefiltert von mir, einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache. Hier mein sams­täg­li­cher "Lieblink".

    Frauen sitzen am Wasser
    Am Landwehrkanal
    Samstag habe ich nichts gemacht. Nicht einmal gebloggt. Hier mein Nachtrag vom Sonntagabend: Link der Woche. "Wieso Nichtstun so wichtig für deine Ge­sund­heit ist", ein Artikel von Silke Weinig.

    Stichworte: Das Gehirn braucht Pausen, um zu regenerieren und um später wieder kreativ und produktiv zu sein. Wenn der weltbeste Patensohn sagt: "Mir ist lang­weilig!", bekommt er ein: "Genieß es, das gehört zur Kindheit dazu!" als Antwort.

    Aber auch Erwachsene müssen manchmal Hans-guck-in-die-Lufts sein. Einfach ent­span­nen und vor sich hinbummeln ist einfach!

    Neurowissenschaftler und Psychologen befanden so­gar, dass das Gehirn Zeiten absoluter Ruhe zum Überleben braucht. Wir Dol­met­scher und Übersetzer wissen das schon lange ...

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    Foto: C.E.

    Freitag, 24. März 2017

    Heiratsschwindler und so

    Hallo, bonjour, hello auf meinen Blog­seiten aus dem Le­ben einer Pro­fi­dol­met­scher­in (Französisch, Englisch). Hier schreibe ich seit zehn Jahren über die Ar­beitswelt der Sprachen. Ich arbeite in Berlin, Leipzig, Hamburg, Lyon, Pa­ris und dort, wo Sie mich brauchen.

    Brautstrauß
    Brautkleid bleibt Brautkleid und Brautstrauß ...
    Aus der Treatmentübersetzung ei­nes Film­stoffs, nämliche Arbeit hat eine Produktionsfirma durch eine Prak­ti­kan­tin erledigen lassen. Da wurde flugs aus traiteur de mariage ein "Hei­rats­schwind­ler", klingt wie ein false friend, ein fal­scher Freund aus dem Englischen, denn der ... naja, fast lautgleiche the traitor ist der Verräter, auf Französisch heißt der Heiratsschwindler escroc au mariage.

    Als wäre das nicht genug, heißt Hei­rats­schwind­ler auf Englisch con artist. Das geht ja nun mal gar nicht, diese Wörter gibt es beide  auch auf Französisch, nur würde sie jeder grund­sätz­lich an­ders­he­rum verwenden.

    Un artiste con ist ein Künstler, der doof, stulle, blöd, idiotisch ist. Kann vor­kom­men, dumme Hackfressen gibt es in allen Bevölkerungsschichten und Grup­pen. Der zweite englische Begriff ist dann wieder für Deutsch-Muttersprachler gut zu mer­ken, heißt er doch the marriage swindler.

    Nachtrag: Der traiteur de mariage liefert das Buffet, völlig un­kri­mi­nell und ohne je­den Schwin­del. Und ich mer­ke mir jetzt noch das: le mariage (ein R) — the mar­riage (zwei R).

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    Foto: C.E.

    Donnerstag, 23. März 2017

    Anders gemeint

    Konfuzius
    Ob ge­plant oder zu­fäl­lig, Sie lesen hier auf den Sei­ten einer Sprach­ar­bei­ter­in. Was Dol­met­scher für Fran­zö­sisch (und Über­setzer) so machen, darüber berichte ich hier seit mehr als zehn Jahren. Und ab und zu fällt mir ein Zitat in die Hand.

     "Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte."

    Konfuzius (551–479 v. Chr.),
    chinesischer Philosoph
    (Abbildung aus der Tang-Zeit)



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    Illustration: Wikikommons

    Mittwoch, 22. März 2017

    Klinkenputzen

    Hallo! Hier lesen Sie regelmäßig Neues aus der Dolmetscherkabine, vom Über­set­zer­schreib­tisch und aus der Welt der Idiome ... völlig subjektiv gefiltert von mir, einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache (und aus dem Englischen). Aufgrund eines Groß­pro­jekts bin ich der­zeit nur per Mail er­reich­bar.

    Bunte Lederschuhe aus Marokko
    Schuhauswahl in Marrakesh
    Shoe-leather approach fand ich in einem Text. Erst muss ich stutzen, das He­ran­nä­hern über das Schuh­leder? Centimeweise fällt der Gro­schen, es geht um den Weg der Kunden- und Mes­se­be­su­che, Teilnahme an Kongressen und Events als Teil des Pub­li­kums, um den Auftraggebern nä­her­zu­kom­men, kurz: Es geht schlicht und ein­fach darum "sich die Hacken ab­zu­lau­fen"!

    Aber auch "Klinkenputzen" klingt nicht schön. In manchen Krisen gerne ge­nom­men wird das schicke substantivierte Verb "die Verkaufe", Beispielsatz: "Er hat eine gute Verkaufe!" ... auf solchen Unsinn möch­te ich eigentlich immer nur mit ei­ner dreckigen "La­che" antworten.

    Hm, der Shoe-leather-Dingsbums soll ganz neutral wirken, habe ich mir sagen las­sen. "Marketinganstrengungen unternehmen" und derlei klingt immer nach Schweiß und der Pseudo-Wissenschaft, bei der mein kleiner großer Bruder immer Zustände be­kommt. Für mich ging es in meiner Zeit als "Marketing Manager" des mit­glie­der­stärks­ten deutschen Filmverbands, der AG DOK, in den Jahren 2000 bis 2008 immer um Kontakte, Informationen und um Im-Gespräch-Bleiben.

    Berberische Adiletten (vorne spitz)
    Wie ich das Ding auch nenne, davon muss ich demnächst mal wieder eine Runde ma­chen. Das berühmte Ak­quise­vor­feld ist schließlich wie das Wortfeld nur ein Acker, den es jedes Frühjahr zu be­ar­bei­ten gilt.

    OK, der Vergleich hinkt, die Wort­fel­der sind irgendwie IM­MER dran, nicht nur im Früh­jahr.
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    Foto: C.E. (les Adidas berbères etc.)

    Dienstag, 21. März 2017

    Kreuz und quer

    Guten Tag oder guten Abend! Hier bloggt eine Berliner Spracharbeiterin. Ich ar­bei­te europaweit mit Arbeitsort Berlin. Derzeit bin ich aufgrund eines großen Pro­jekts am bes­ten per Mail er­reich­bar.

    Dieser Tage, irgendwo in Europa. Es werden die Folgen trumpscher Politik be­spro­chen, die Lage in Europa und der Türkei, diverse anstehende Wahlen und was sol­che Entwicklungen für die Meinungsfreiheit aller sowie die Grundrechte von "Frau­en, Behinderten und anderen Minderheiten" bedeutet, wie der Schnack ge­mein­hin geht, ich meine also die Mehrheit der Bevölkerung plus die Zu­ge­zo­gen­en, sexuell divers Orientierten und andere potentiell diskriminierte Gruppen.

    Es haben sich zusammengefunden: Sozialarbeiter, Vertreter karitativer Verbände, Gewerkschaftsjugend, NGO-Mitglieder aller Altersgruppen, Helfer, die mit Ge­flüch­te­ten arbeiten, Leute etlicher Vereine, die mit sexuellen Minderheiten arbeiten.

    Vier Kabinen, die im Kongresszentrum dauerhaft installiert worden sind, bespielen hier nur sechs statt üblicherweise acht Dolmetscher, weil nicht ständig alle Spra­chen zu dolmetschen sind, viele im Publikum sind mehrsprachig, manche allerdings eindeutig einsprachig. Dieses Sprachjonglieren geht nur, weil einige Dolmetscher mehrere B-Sprachen haben, also aktive Sprachen, in die sie arbeiten.

    Luxuskabinen
    Das Dolmetschteam dieser Tage ist wun­der­bar ge­mischt, Nachwuchs mit einigen Be­rufs­jah­ren, Menschen, die gerade an einer wei­te­ren B-Sprache arbeiten (ich an der eng­li­schen Sprache, die bei mir der­zeit nur Ausgangssprache ist), drei Men­schen kurz vor Renteneintritt. So komme ich bei zwei Veranstaltungsteilen als Viert­äl­tes­te im Team auf ca. 60 % der ge­sam­ten Dol­metsch­zeit, was in Ordnung geht, dol­met­sche bilateral DE<>FR und immer dann, wenn Spanisch kommt, neh­me ich vom Englischen ab, weil die Französin, die Spanisch gerade noch hinzulernt, noch nicht so gut ist, und für die beteiligten Englisch­kol­le­gen spanisches Englisch ... naja, Spanisch ist.

    Sorry, vermutlich habe ich Sie jetzt abgehängt. Für uns war das glasklar: Viele von uns haben mehrere Arbeitssprachen, können nach Bedarf also flexibler arbeiten. Für die Aufteilung haben wir im Vorfeld aber viel Hirnschmalz investiert, und un­se­re Koordinatorin noch viel mehr. Nach dem Nachdenken haben wir zusammen mit dem Techniker an manchen Dolmetschpulten die Einstellungen geändert. Wir ar­bei­ten mit Handzeichen quer durch durch Raum, wenn Spre­cher­wech­sel angezeigt ist; im Zweifelsfall fliegen SMS hin und her. Einsatzübergabe mit Text­nach­rich­ten hatte ich noch nicht.

    Was in den Teilzeit-Solo-Kabinen allerdings fehlt ist die Zuarbeit der Kollegin/des Kollegen, denn wir schreiben füreinander ja immer Zahlen, Eigennamen und ggf. fehlende Begriffe auf. Aber ich schreibe selbst und bin online zur Recherche in den Pausen. Geht zur Not auch. Ohne mehrjährige Erfahrung wäre das allerdings nicht machbar.

    Mein Stolz: Die Dame, die uns den Kabinen zugeteilt hat, in der DDR-Industrie wäre das jetzt die "Dispatcherin" gewesen, hat mich mit Muttersprache Französisch ein­ge­teilt. Sie ist selbst Französin. Macht mich natürlich stolz. Andere im Team sind mit zwei Muttersprachen aufgewachsen. Trotzdem muss ich an meinem Image ar­bei­ten, denn derzeit kommen nur Übersetzungen ins Französische rein, was na­tür­lich die Kolleginnen freut. Dolmetschend arbeiten wir Bi- und Multilateralen gerne mal kreuz und quer, siehe oben; schriftlich arbeiten wir in der Regel in unsere Mut­ter­spra­che, und die ist bei mir eindeutig Deutsch. In Brüssel, wo ich dieser Tage auch war, gilt diese Regel übrigens auch für Dolmetscher: Jede(r) nur in sei­ne/ihre Muttersprache.


    Aktueller Lesehinweis zum Thema Computerlin­gu­is­tik, Mut­ter­spra­che und Ge­flüch­te­te: "Software, die an der Realität scheitern muss" (Autorin: Anna Biselli), DIE ZEIT vom 17.3.201.
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    Foto: C.E.

    Montag, 20. März 2017

    Dauerunschärfe

    Welcome, guten Tag, bonjour ... auf den Blogseiten, die in der Dol­­met­­scher­ka­bi­ne und am Übersetzerschreibtisch entstehen. Ich arbeite in den Bereichen Politik, Kultur, Wirt­schaft und Soziales. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Nachtrag: Link der Woche.

    Dolmetscher und Interviewerin
    Im Morgenmagazin
    Alexander Drechsel, ein Kol­le­ge, der in Brüssel arbeitet, wurde vom ZDF in­ter­viewt. Das Gespräch ist kurz und bündig und hier zu finden: klick!

    Leider ist hier ständig von Übersetzern die Rede, dabei sind Dolmetscher ge­meint.

    Es gebe ja in Brüssel viele Medienvertreter, meint darauf ein anderer Kollege, die auch nach jah­re­lan­ger Tätigkeit Institutionen wie Europarat, Europäischen Rat, Kommission, Par­la­ment etc. nicht auseinander halten könnten. Solche Menschen hätten es durch­aus schwer, gewisse Details und Unterschiede zwischen Berufen wie Dol­met­scher, Übersetzer, Fremdenführer und Synchronsprecher zu erfassen. Ich ergänze: Auch der Synchronübersetzer birgt seine Abgründe.

    Andere Menschen mögen nach Optik entscheiden. Der Bäcker im Kiez des Zieh­soh­nes hielt mich lange für eine Flugbegleiterin (wegen der Klamotten und der Mehr­spra­chig­keit, so seine Erklärung). Indes, auch mancher "Arbeitsvermittler" in dieser Branche ist nicht wirklich qualifiziert bis verächtlich, unsereinem gegenüber. Eine Pariser Agenturfrau sprach immer von "Messemädels" (und behandelte uns auch wie kleine Mädchen). Aber neben Messehostessen und Stewardessen gibt es noch wei­te­re Zungenfertige, die in diesem Zusammenhang ins Bild rücken müssen.

    Eine Berliner ArGENToUR wollte mich mal in ein südliches Land mit Fran­zö­sisch­do­mi­nanz entsenden als Dolmetscherin im Rahmen eines irgendwie gearteten Deals. Dann kam eine Pause. Dortselbst sei im Widerspruch zur im Land herrschenden Prü­de­rie üblich, derlei Erfolge durch menschliche Annäherungen zu feiern. Ob ich denn ... naja, prüde sei. Das ist zehn Jahre her, den Namen der "argen Tour" weiß ich noch immer. Kein von Dolmetschern oder Übersetzern geführtes Büro, sondern ein Makler, der eben auch Gebrauchtwagen hätte verticken können. Da war ihm die Handelsspanne wohl aber zu gering.

    Und um es nochmal genau zu sagen: Wir brauchen keine branchenfremden Agen­tu­ren. Das Agenturprinzip ist ein Maklergeschäft. Frei­be­ruf­li­che Sprach­ar­bei­ter kön­nen sich als beratende Dolmetscher durchaus selbst um die Planung größerer Projekte kümmern.

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    Foto: ZDF

    Sonntag, 19. März 2017

    Frauen in Rabat

    Guten Tag oder guten Abend! Wie Dolmetscher für Französisch und Englisch leben und arbeiten, können Sie hier mitverfolgen. Ich arbeite für Menschen aus der Po­li­tik, Wirt­schaft und Kultur. Ge­ra­de bin ich zwei Wochen in Klausur, die zweite fängt gerade an, und nur per Mail erreichbar.

    Neulich war ich mit einer politischen Delegation in Rabat. In Marokko ist Fran­zö­sisch weit verbreitet, vor allem in der Hauptstadt. Die Töchter und Mütter des Lan­des sind ein wunderschönes Fotothema. (Teil zwei der kleinen Reihe hier: klick!)

     
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    Fotos: C.E.

    Freitag, 17. März 2017

    Museum der Wörter 17

    Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heute im Wörtermuseum: Gepäck oder Zoo?
                
                                    A
    ffe

       
    "Affe" ist eine Art soldatisches Marschgepäck, das sonst "Tornister" hieß. Das Wort "Tornister" haben meine Großmütter, die beide zu Anfang des 20. Jahrhunderts geboren worden sind, auch verwendet, um den Schulranzen, die Schulmappe zu bezeichnen. Der "Affe" hat diese Ausweitung auf einen zivilen Lebensbereich nicht erfahren.

    Manches Kind der Nachkriegszeit hat trotzdem einen Affen gehabt, der aber als un­be­quem gegolten hat und der zum Beispiel das Reiseutensil von Wandertagen war. Das Tragmöbel namens Affe sei fellbesetzt gewesen, erzählt mir ein älterer Kol­le­ge, vielleicht kommt daher der tierische Name?

    Andere Kinder mussten sich beim CVJM in ihrer Funktion als Nachwuchs, Status "Pimpf" (!), mit einem Affen rumquälen. Der Affe wurde später durch den Rucksack ersetzt, der Schulranzen durch den Caddy.

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    Idee: H.F. / Foto: C.E.


    Donnerstag, 16. März 2017

    Aufhübschen? Na klar!

    Was Dol­met­scher und Über­setzer be­schäf­tigt und wie wir ar­bei­ten, da­rü­ber be­rich­te ich hier im elften Jahr, außerdem schreibe ich über die französische und deutsche Sprache, Englisch kommt am Rand auch vor. Schwerpunkt sind seltsame oder bedeutungsvolle Kom­mu­ni­ka­tions­si­tua­tio­nen.

    Dolmetschpult
    Grün: Stand by, rot: "auf Sendung"
    Der Moderator kündigt einen irritierten Professor an. Die Veranstaltung hat gerade die Arbeit wiederaufgenommen. Am Vormittag war der fran­zö­si­sche Gast noch nicht da, es kann sich sogar um einen Running gag der Ver­an­stal­tung handeln. Ich denke, dass das ein Ver­spre­cher ist und mache in der Ver­dol­met­schung einen "emeritierten" Professor draus.

    Ein anderer Redner vermurkst ein Sprichwort, "Das schlägt dem Fass die Krone ab", wir übertragen die anderssprachige Entsprechung ohne Vermurksung oder wil­lent­li­cher Verballhornung.

    Ein Redner setzt fünfmal an, führt dann einen Satzanfang weiter, nach dem ersten Stocken greifen wir zumindest die Gedanken in einer Art substantivierten Reihung auf, damit die fremdsprachigen Gäste den gleichen Wissensstand haben, wie die­je­nigen, die mit dem Redner die Sprache teilen.

    Alltag in der Kabine. Keine Pointe.

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    Foto: C.E.

    Mittwoch, 15. März 2017

    Wortkutscher

    Hallo aus Berlin! Sie sind bei einem Weblog aus der Welt der Sprachen gelandet. Hier schreibe ich über Dolmetschen und Übersetzen für Medien, Politik, Wirt­schaft, Kunst, Gesellschaft und Soziales. Ich arbeite in Berlin, Paris, München und dort, wo ich gebraucht werde. Meine Arbeitssprachen sind Französisch (2. Spra­che) und Englisch (Ausgangssprache).

    Eine Stunde sind 25 Euro auf dem Taxameter. Das haben wir erst neulich erprobt, als eine kanadische Regisseurin Berlinfahrten gedreht hat. Sonntagmorgen, frischer Schnee lag auf der Straße, das Taxi war eine Zeitmaschine und dafür spottbillig. Berliner Taxi im Winter halt, granteliger Konduktor inklusive.

    Pariser Taxi im Sommer
    Ein Berliner Amt bittet mich, bei Befragungen zu dol­met­schen, mitten in der Woche, an mehreren Terminen je­weils mitten am Tag, so dass es andere Termine ver­un­mög­licht, die damit perfekt kol­li­die­ren.

    Das Berliner Jugendamt bietet mir 12,50 Euro die Stunde an. Mit welcher Be­grün­dung soll ein mehrsprachiger, studierter Mensch für den halben Preis ar­bei­ten, den ein Berliner Dieseldroschkenkutscher ganz selbstverständlich verlangen darf?

    Hier geht es um geflüchtete Jugendliche, die hochgradig traumatisiert sind. In mei­ner Freizeit, als Hobby, kann ich mir das leisten und leiste es mir auch manch­mal. Aber bitte keine regelmäßigen Werktagsaufträge dieser Art. Mit Dolmetschen verdiene ich meinen Lebensunterhalt.

    Und womit verdienen Sie so Ihr Geld, werter Sozialamtsmitarbeiter? Sie sind hier doch sicher auch für ein Trinkgeld tätig? Ist Ihre Frau Staatsanwältin, Chefärztin, Abgeordnete ... oder haben Sie etwa geerbt?

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    Illustration: Historisches Schulbuch

    Dienstag, 14. März 2017

    Gesundheit!

    Bonjour! Sie haben ein digitales Logbuch aus der Welt der Sprachen angesteuert. Hier schreibe ich über meinen Berufsalltag als Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache ... und über Sprache und gesellschaftliche Ver­än­de­run­gen.

    Grand Place
    Dieser Tage geht's ums Wie­der­an­kom­men, die Seele reist noch hinterher. Es stellt keinen wirklichen Mehrwert dar, sich beim Blick auf diese Plakatwerbung oder jener Durch­sa­ge in der U-Bahn zu fragen, ob ich dieses vorletzte Woche in Hamburg ge­se­hen habe oder ob mir jenes in Zu­sam­men­hang mit Fa­schings­de­ko­über­res­ten neu­lich in Köln auf­ge­fal­len ist.

    Oder beim Blick auf Münchens bunt il­lu­mi­nier­ten U-Bahn-Wagen spontan zu denken: "Sieht ja aus wie der Marktplatz von Brüs­sel kurz vor Weihnachten!" War doch Brüs­sel? Oder Heidelberg, Paris, Basel, Han­no­ver?
    Nee, schon richtig, war Brüssel.

    Die "Türkantenbeleuchtung" der Münchener Untergrundbahn illuminiert den Zug seit Dezember jeweils passend zu seinem Halte- oder Wegfahrstatuts. Das hat der Marktplatz von Brüssel nicht, dort war es nur eine spontan wechselnde "Fest­be­zün­dung". Schick ist ja irgendwie beides, auch wenn in den dazu heller be­leuch­te­ten Wagen in Bayern jetzt die Augenringe besser auffallen, heißt es.

    A propos Augenringe: Gezeichnet sind wir dieser Tage wohl alle vom Stress des Jahresanfangs. Und dann kommen diese zähen Viren ins Spiel. Um wenig Ein­falls­to­re für derlei zu bieten, bemühe ich mich seit Jahren um einen ent­spann­ten Le­bens­stil: So oft es geht gesunde Lebensmittel aus der Region, selbst genussvoll zu­be­rei­tet, positiven Stress bewusst erleben, ebenso bewusst für Ausgleich sorgen, Selbstbefragung ob das, was ich mache, sinnvoll ist oder nicht, bei entgangenen Jobs den Blick auf das Stattdessen richten.

    Und dann schlägt es doch zu. Denn zwischendurch kann ich, vor allem in Zeiten ge­häuft auftretender Dienstreisen, ja nicht immer kontrollieren, ob das, was ich zu mir nehme, gesund ist. Dann sind die Tagesrhythmen im freien Wechsel, dann stecke ich schon mal länger in gefilterter Luft fest, die ich als feindlich erlebe.

    Die Klimaanlagen habe ich immer wieder schnell vergessen, wenn ich zuhause an­kom­me. Einige Tage später: Meine Sprechstimme hat ihren eigenen Bas­so Con­ti­nuo, und statt hoher Orgelpfeifen tönt zwischendurch das reduzierte Volumen der Nebenhöhlen mit. Kopfkonzert, ich kann mit mir selbst im Chor singen. Die Phil­har­mo­nie­kar­ten verschenke ich.

    Auch deshalb überlege ich gerade, das Wörtchen "Gesundheit!" als Reaktion auf öffentliches Niesen wieder einzuführen. Ich hatte es nie völlig abgelegt, nur an eindeutig "ruhigen" Orten, in der Ruhezone der Bahn zum Beispiel, beim Ho­tel­früh­stück inmitten lauter Morgenmuffel mich den neuen Manieren angepasst, die von einem wollen, dass man derlei schlicht ignoriert.

    Ein Sprachguru, ich hab leider vergessen, wer es war, hat mal gesagt, dass das "Gesundheit"-Sagen von einst wie ein Schutzschild gewirkt habe, um die eigenen Abwehrkräfte zu mobilisieren. Sprache ist und bleibt ein Mysterium.

    Und hier noch für alle, die sie nicht kennen, die Geschichte über den Indianer in Nordamerika und die Eisenbahn. Als er dieses riesige Strahlross zum ersten Mals in seinem Leben nutzt, setzt er sich am Zielort an den Schienenstrang und wartet. Einer der andere Passagiere fragt nach den Gründen. Der Indianer darauf: "Ich sitze hier und warte, dass meine Seele nachkommt." Vielleicht ist der Infekt nur eine Art Übersetzung dieser Wartezeit. Ich nehme das an. Im doppelten Wortsinn.

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    Foto: C.E. (Brüssel)